Jazzpianist Michael Wollny : Finger, Hämmer, Blut, Kamille

Der wildromantische Jazzpianist Michael Wollny spielt Schubert, Mahler und Kraftwerk
Jeden Vampirfilm würde er schmücken: Michael Wollny © Jörg Grosse Geldermann/ACT

Kein stiller Genießer, kein cooler Tastendrücker, sondern ein Zappler, ein Hibbel, ein Mähneschwenker, die Stirn im Landeanflug auf die Klaviatur, ideenreich, sprühend, präzise. Die Woge des Beifalls trägt ihn dem nächsten Saal zu, er bübisch lächelnd, das Publikum um Worte ringend, also, dieser Michael Wollny, unglaublich, nicht zu fassen, toll! Weltklasse. Und er stammt ja aus Schweinfurt .

Aber halten wir uns nicht mit biografischen Details auf. Er liebt alte Hotels, die langen Flure, das Unheimliche, Shining, auf manchen Fotos ist er kalkweiß geschminkt mit Blutdurst im Blick, ein Hobby von ihm. So treffen wir ihn nach Star-Sitte im Foyer des Hamburger Reichshofes, da hat er schon ein halbes Dutzend Interviews hinter sich. Macht ihm gar nichts, keine Allüre.

Für einen Mittdreißiger sieht er sehr jung aus und für einen Jazzmusiker im Dauerbetrieb fast unnatürlich gesund. Wo sind die Nächte, der Alkohol, all die Klischees? Geradezu rosig seine Blässe. Jeden Vampirfilm würde er schmücken.

Zur Begrüßung strecke ich ihm die Rechte mit bandagiertem Zeigefinger entgegen, ein spitzer Bleistift piekte vor Tagen in die Kuppe, die nun entzündet ist, Arbeitsunfall: »So etwas darf einem Pianisten nicht passieren!« Umstandslos widersprechend zeigt er seine schmalen Hände vor, da, am kleinen Finger stellt sich der Nagel hoch, weil er sich wieder mal vergessen habe beim Griff in die Saiten, zu beherzt im Moment, ohne Gedanken an das Danach, und da, am Daumen, schmerzt seit Tagen die Hornhaut. Mitnichten seien die Hände des Pianisten gefeit durch tägliche Praxis, nein, nein, schon wegen der plötzlichen Einfälle.

Beim Espresso verarzten wir die Tonarten, die sich bis in die Fingerspitzen ziehen: »H-moll«, sagt er, »fühlt sich anders an als d-moll. Schwer zu beschreiben, das ist ein anderes Abdruckmuster.«

Das Erspüren des Klanges. Zu Hause, sein Steinway B, der habe einen Resonanzraum unter der Klaviatur, um die Schwingungen aus dem Korpus an die Finger zurückzuübertragen. Wann immer er vor einem fremden Instrument sitzt, also nahezu täglich, sind es die Finger, die den Kontakt aufnehmen. Es ist ein Sich-in-die-Tasten-Versenken, ganz langsam, ganz tief, ein Ergründen, was die Hämmer da machen, unten im Maschinenraum.

Musikmaschine Klavier! Zehn Jahre Geige liegen hinter ihm, kein Vergleich. Die Hebel, der Filz, die Schrauben, unglaublich komplex! Große Begeisterung auch für Cembalos: »Wie die knarzen, diese Ecken und Kanten!«

Die Fingersätze der Geige spuken ihm beim Notenlesen bis heute im Kopf herum, die Lagenwechsel. »Das ist so zwanghaft, wie die Quersumme mehrstelliger Zahlen auszurechnen.«

Er rechnet Quersummen aus? »Ja.«

Ist das zu etwas gut? »Nee.«

Das Glück des reisenden Pianisten, am Ort der Aufführung Überraschungen zu erleben. »Auf vertrautem Terrain kann sich die Improvisation leicht manieriert anfühlen.« In der Fremde muss man auf alles gefasst sein. Der Abend und die Geheimnisse des vorgefundenen Instrumentes, die sich spielend enthüllen.

Anzeige

Kultur-Newsletter

Was die Musik-, Kunst- und Literaturszene bewegt. Jede Woche kostenlos per E-Mail.

Hier anmelden

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren