Den Sinn von Quoten habe ich nie verstanden. Vor Jahren sprach ich mich beispielsweise gegen Quoten für Migranten aus, vielleicht auch, weil ich in dieser Frage einen blinden Fleck habe. Doch waren auch rationale Argumente gegen die Quote schnell zur Hand: die Angst, dass sie ebenfalls als eine Form von Diskriminierung angesehen werden könnte, wenngleich als eine positive. Die Überzeugung, dass die Einführung des Individualrechts anstelle des Gruppenrechts (sprich: des ständischen) eine zivilisatorische Errungenschaft ist. Die Verlegenheit, zu begründen, warum man der einen Gruppe die Quote gewährt, der anderen aber nicht. Die Erfahrung, dass Begabung immer noch das beste Qualifikationsmerkmal ist. Und dabei wurde seinerzeit noch gar nicht erörtert, welch bürokratisches Monster eine gesetzlich sanktionierte Quote schaffen könnte.

Merkwürdig, wie homogen und hermetisch Redaktionen oft noch sind

Nun haben mehr als 300 Journalistinnen auf Initiative einiger meist junger Kolleginnen – von denen einige bislang dachten, sie würden Kämpfe dieser Art eher der Welt von gestern zuordnen – einen spektakulären Aufruf unterzeichnet . Darunter sind auch zwanzig Mitarbeiterinnen von ZEIT und ZEIT ONLINE. Sachte im Ton, aber bestimmt in der Sache, fordern sie Chefredakteure, Intendanten und Herausgeber deutscher Medien auf, innerhalb von fünf Jahren "mindestens 30 Prozent der Führungspositionen" mit Frauen zu besetzen , auf allen Ebenen der Hierarchie. Namens der Chefredaktion der ZEIT erkläre ich: Wir nehmen den Ball auf und werden alles in unserer Macht Stehende tun, dieser Forderung auch gerecht zu werden.

Wie das? Die Argumente von einst sind ja nicht obsolet geworden. Warum also jetzt diese Wende? Es ist die Konfrontation mit einer Realität, der wir glaubwürdig nichts entgegenhalten können: 360 Tages- und Wochenzeitungen haben die Initiatorinnen in Deutschland gezählt, nur klägliche zwei Prozent dieser Blätter werden von Frauen geführt. In den meisten Redaktionen steigt der Frauenanteil rapide, an den Journalistenschulen sind Frauen oft schon in der Mehrheit. Aber ein Frauenanteil von 30 Prozent unter den Führungskräften in den Redaktionen binnen fünf Jahren wird schon als Fortschritt angesehen. Die Diskrepanz zwischen ihrer Präsenz und ihrer Beteiligung an der Macht in Redaktionen ist nicht zu rechtfertigen – selbst wenn man berücksichtigt, dass geeignete junge Frauen noch ein paar Jahre brauchen, um in leitende Positionen zu gelangen, und es hin und wieder auch Frauen gibt, die sich eine hierarchische Aufgabe nicht antun wollen. Was also, wenn guter Wille und gute Frauen allein keine guten Ergebnisse erzielen? Dann ist eben doch die Zeit für eine Quote gekommen. Sie ist kein Ziel an sich, aber sie ist ein Instrument, das Chefs und Frauen halb ermutigen, halb zwingen soll, sich anzustrengen, über ihren Schatten zu springen.

Wenn man Ressortleiter und ihre Stellvertreter sowie die Seitenverantwortlichen in unserer Redaktion zusammenzählt, dann ist die Quote von 30 Prozent bei der ZEIT fast schon erfüllt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Die Leitung so wichtiger Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Feuilleton oder Wissen ist fest in Männerhand, ganz zu schweigen von der Chefredaktion oder der Herausgeberschaft (wobei Chefredakteure und Herausgeber von unseren beiden Verlegern und unserer Verlegerin berufen werden). Der Zeitverlag ist da mit einem Frauenanteil von mehr als 60 Prozent unter den Führungskräften schon wesentlich weiter. Und auch Neugründungen haben es naturgemäß leichter, Vorgaben zu erfüllen. Das in Berlin seit 2007 hergestellte ZEITmagazin hat eine Frauenführungs-Quote von 40 Prozent, sie wäre noch höher, hätte die stellvertretende Chefredakteurin vor Kurzem nicht aus familiären Gründen beschlossen, in die Leitung eines Ressorts in unserer Hamburger Zentrale zu wechseln. Aber unsere Defizite wollen wir beseitigen, und wir sind zuversichtlich, dass wir das bis 2017 schaffen. Und wenn wir die Quote verfehlen? Das wäre dann so peinlich für uns oder die Frauen oder beide, dass es nicht geschehen wird.

Es wäre übrigens ganz falsch, mehr Frauen in der Führung nur als eine Frage der Gerechtigkeit anzusehen. Bestimmt ist es gerechter, doch das rechtfertigt vielleicht eine Frauenquote in der Politik, nicht hingegen eine in einer Zeitung. Die ist nämlich in erster Linie nicht dazu da, gerecht zu sein, sondern gut. Wir müssen den besten Journalismus machen, der uns möglich ist – und verkaufen muss er sich auch noch. Mit Sicherheit fördert eine Quote die Qualität von Zeitungen. Zudem: Zeitungen sind Seismografen der Gesellschaft, wie können sie das sein, wenn sie Frauen aus wichtigen Bereichen heraushalten? Hat sich bei Männern noch nicht herumgesprochen, dass das Leseverhalten in Familie und Gesellschaft in der Hauptsache von Frauen bestimmt wird?

Frauen sind nicht die besseren Journalisten, sie führen auch nicht besser. Nur eben anders, meistens uneitler als Männer. Und Verschiedenheit, das ist etwas, woran es gerade in Zeitungen mangelt. Merkwürdig, wie homogen und hermetisch Redaktionen oft noch sind, und das in einer Branche, die von der Neugier und der Verschiedenheit lebt. Es fehlt ja nicht nur an Frauen, es fehlt auch an Migranten, es fehlt an Ostdeutschen. Es hat keinen Sinn, für alles und alle eine Quote einzuführen. Doch nach jahrelanger Debatte um den Anteil von Frauen in der Führung ist es mit dem Lavieren nun einfach genug.

Die Antwort des Chefredakteurs von ZEIT ONLINE, Wolfgang Blau, auf die Forderung der Journalistinnen nach einer Frauenquote finden Sie hier.

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