Draußen auf den Straßen demonstrierten Tausende, verbrannten US-Flaggen und schrien »Tod für Obama «; drinnen, im Kontrollzentrum des afghanischen Innenministeriums , starben zwei hochrangige amerikanische Militärberater durch die Kugeln eines afghanischen Polizeioffiziers. Beides geschah dieser Tage in Kabul , im Herzen jener Stadt, welche die US-Armee vor mehr als zehn Jahren vom Joch der Taliban befreit hat. Ihr Sieg war den Menschen damals durchaus willkommen, die Sieger erwarteten sie mit einer Mischung aus Argwohn und Hoffnung. Nun aber schlägt den Amerikanern Hass entgegen – selbst hinter den dicken, schwer bewachten Mauern des Innenministerium.

In den vergangenen Jahren gab es in Afghanistan immer wieder antiamerikanische Demonstrationen und Attentate. Doch diesmal ist etwas irritierend neu: Es ist die Gleichzeitigkeit von draußen und drinnen – draußen wüteten in den vergangenen Tagen Zivilisten, deren Sympathien die Nato gewinnen wollte, drinnen schlug einer der sogenannten Partner der einheimischen Sicherheitskräfte zu, die man ausbilden wollte, damit sie für die Zeit nach dem Abzug der Nato-Truppen das Land stabil halten können. »Herzen und Köpfe« des Volkes zu erreichen, vertrauensvoll mit den afghanischen Behörden, mit der Armee, der Polizei, den Ministerialbeamten im »Partnering« zusammenzuarbeiten – weder das eine noch das andere scheint gelungen zu sein.

Gewiss, es hätte alles schlimmer kommen können. Der Anlass der Proteste und des Attentates war die Verbrennung von Koranschriften , die nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums versehentlich geschehen war. Den Koran zu verbrennen ist nicht nur in den Augen von Muslimen skandalös. Dieser Vorfall fügt sich in eine ganzen Kette von »Versehen« und Skandalen ein, welche die Geduld der Afghanen mit der Nato auf eine harte Probe gestellt hat.

Amerikanische Soldaten, um ein Beispiel aus jüngster Zeit zu nennen, filmten sich gegenseitig dabei, wie sie auf getötete Afghanen urinierten . Die Videos gelangten ins Internet. Das Pentagon entschuldigte sich umgehend, so wie es in diesen Tagen wegen der Verbrennung von Koranen das afghanische Volk um Verzeihung bat. Doch es half wenig, auf den Straßen Kabuls und anderer Städte brachen gewalttätige Proteste aus. Präsident Hamid Karsai versuchte zwar zu beruhigen. Doch eine Entschuldigung der US-Regierung allein reicht nicht mehr, nicht einmal als sie Barack Obama selbst ausspricht. Aber was hilft dann? Ist dieser Riss, der sich zwischen dem Westen und den Afghanen aufgetan hat, noch einmal zu kitten? Oder klafft hier bereits ein Abgrund, der alle Anstrengungen der vergangenen zehn Jahre zunichtemachen könnte?

Die dramatischen Ereignisse dieser Tage wiegen noch aus einem anderen Grund schwerer als ähnliche Vorfälle in jüngerer Zeit: Der Westen ist kriegsmüde. Die Regierungen der Nato-Länder – auch die deutsche – betonen zwar immer wieder, dass sie ihre Aufgaben in Afghanistan bis zum Ende erfüllen wollen, doch so richtig glauben will das keiner, auch nicht in Afghanistan. Die Mahnung westlicher Regierungen, afghanische Sicherheitskräfte müssten schneller und mehr zur Stabilisierung des Landes beitragen, klingt in den Ohren vieler Einheimischer mehr wie der Wunsch, dem Land so schnell wie möglich den Rücken zu kehren.

Die Kriegsmüdigkeit ist ein Zug westlicher Afghanistanpolitik, die Ungeduld mit den Afghanen ist ein zweiter. Es macht sich eine Art aggressive Resignation im Westen breit: Man habe alles versucht, habe Geld und Soldaten geschickt, aber es habe nichts geholfen. Afghanistan sei nun einmal rückständig, gewalttätig, unbelehrbar. So lautet der Tenor westlicher Klagen. Die Bilder der vergangenen Tage dienen als grelle Untermalung dieser Thesen.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass der Zorn der Afghanen sehr konkrete Gründe hat. Er ist nicht das Produkt eines afghanischen Wesens oder Andersseins, sondern das Ergebnis allzu vieler Fehler der Nato und allzu hoher Erwartungen auf beiden Seiten. Diese wesentlichen Präzisierungen drohen unterzugehen, dabei sind sie gerade jetzt notwendig. Denn die Nutznießer von Vereinfachung und Stereotypisierung sind die Taliban. Sie propagieren genau das, was jetzt zu geschehen scheint: Zwischen Afghanen und Ausländern, zwischen den »Gottesfürchtigen« und den »Ungläubigen«, tut sich ein immer tieferer Graben auf. Nach dieser Logik gibt es zwischen beiden keine Gemeinsamkeiten und keine gemeinsamen Ziele mehr. Die Feinde des Islams müssen demnach aus dem Land gejagt werden.