Die Engländer, heißt es gelegentlich, seien ein zutiefst masochistischer Menschenschlag. Nichts gehe ihnen über ein ordentliches Gemeckere, weshalb Gott ihnen ihr scheußliches Wetter beschert habe. Meteorologisch gesehen haben die Engländer in der Tat jeden Tag einen neuen Grund zum Maulen. Politikern wie Winston Churchill , der sie während des Zweiten Weltkriegs davor warnte, außer Blut, Schweiß und Tränen hätten sie nichts zu erwarten, begegnen sie mit Ehrfurcht, während sie jeden, der ihnen schöntun will, mit tiefem Misstrauen betrachten. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet der chronisch optimistische Amerikaner wahrscheinlich so etwas wie "ziemlich gut". Der Engländer brummelt eher "kann nicht meckern", was aber ja gar nicht stimmt. Nur ein Volltreffer durch einen Meteoriten könnte ihn davon abhalten.

Diese englische Freude am Leiden wurde mit dem Erscheinen Margaret Thatchers um einen Anflug von Erotik bereichert. Die Eiserne Lady , wie der Titel des neuen Films über ihre Laufbahn lautet, klingt ein wenig nach spitzen High Heels und schwarzen Lederkorsetts. Thatcher behandelte die Minister ihres Kabinetts, wie eine Schulmatrone ungezogene kleine Jungs behandelt, denen einmal ordentlich der Hintern versohlt gehört. In einer Szene des Films etwa demütigt sie ein Kabinettsmitglied so grausam, dass man versucht ist, den Blick abzuwenden. Das von wirtschaftlicher Stagnation, kampfeslustigen Gewerkschaften und einer Profitkrise gebeutelte Großbritannien , dessen Regierung sie 1979 übernahm, war reif für eine Dosis Qual und bezog eine gewisse perverse Lust daraus, seine Strafe aus den Händen einer herrschsüchtigen Frau zu empfangen.

Nicht dass die Thatcher der Eisernen Lady – großartig gespielt von einer ihr unheimlich ähnlich sehenden Meryl Streep , die für die Rolle völlig verdient den Oscar erhielt – auch nur annähernd herrisch genug ist. Amerikanische Feministinnen haben ein Faible für "starke Frauen", wie sie sie nennen, und Streep meint es viel zu gut mit dieser bornierten, tyrannischen Premierministerin. Sie ahmt ihren Tonfall mit erstaunlicher Genauigkeit nach, scheint sich aber als Amerikanerin nicht im Klaren darüber zu sein, wie snobistisch, affektiert und ekelhaft herablassend er in englischen Ohren klang. Zu oft stellt der Film die Starrköpfigkeit als bewundernswerte Willensstärke und geistige Unabhängigkeit dar. Er vergisst, dass solche Eigenschaften, wie zum Beispiel auch Offenheit, danach bewertet werden müssen, welche Form sie annehmen, nicht als Tugenden an sich. Willensstark war auch Attila, der Hunnenkönig.


Bekanntlich bezeichnete Napoleon die Engländer als eine Nation von Krämern, ohne im Traum daran zu denken, dass sie einmal von der Tochter eines Kolonialwarenhändlers mit der Mentalität eines Krämers regiert werden könnten. Thatcher gab sich als kleinbürgerliche Hausfrau, die weiß, wie viel ein Pfund Butter kostet, und Die Eiserne Lady bewundert diesen Aspekt an ihr, ohne zu erwähnen, dass sie mit einem Millionär verheiratet war und ihren unsäglichen Sohn auf das elitäre Eton College schickte. Es ist höchst aufschlussreich, dass der haarsträubende Mark Thatcher in diesem Film nicht in Erscheinung tritt – zu sehr spräche er gegen seine in ihn vernarrte Mutter.

Auch die irischen Strafgefangenen, deren tödlichen Hungerstreik im Kampf um ihre Anerkennung als politische Häftlinge sie zuließ, bekommen wir nicht zu sehen. Gelegentlich lässt der Film sogar durchblicken, diese schrille Antifeministin sei eine Vorkämpferin der Frauen gewesen. Dass ihr Machthunger sie dazu verleitet haben könnte, ihre Kinder zu vernachlässigen, lässt sich leicht übersehen, so außerordentlich diplomatisch wird es hier angedeutet. Ihr Mann Dennis, glänzend verkörpert von Jim Broadbent, taucht zwar häufig auf, aber als eine Art herzensguter Clown, nicht als der spießbürgerliche Clubmensch mit extrem rechten politischen Ansichten, der er in Wirklichkeit war.

Dass Regisseurin Phyllida Lloyd pure Schönfärberei betriebe, wird man allerdings nicht behaupten können. Sie ist sich sehr wohl bewusst, dass diese Frau mithalf, die britische Industrie zu zerstören, dass sie eine Kultur der Gier förderte, Millionen Briten, die sie kaum bezahlen konnten, eine erdrückende Kopfsteuer auferlegte und ein argentinisches Kriegsschiff versenken ließ, obwohl es für die britischen Streitkräfte mit größter Wahrscheinlichkeit keine Gefahr darstellte – Hunderte von Toten waren die Folge. Es gibt reichlich Bilder von randalierenden Arbeitern und wütenden Demonstranten. Doch obwohl sich der Film um eine gewisse Ausgewogenheit bemüht, nimmt man ihm nicht wirklich ab, dass er sich für Politik interessiert. Vielmehr zeichnet er das überwiegend sympathische Porträt einer dementen alten Frau, die ihren verstorbenen Mann liebte und zufällig auch einmal Premierministerin war. Wann immer der Film Politiker zeigt, tut er dies auf gewollt unrealistische, burleske Weise, was ihrer Kritik an dieser selbst verblendeten, engstirnigen Führerin jeglichen Ernst nimmt. Die meiste Zeit über ist die Politik bloß Kulisse.

Ob die Engländer nun Masochisten sind oder nicht, unleugbar lieben sie das, was sie einen "Charakter" nennen. Damit meinen sie einen skurrilen, griesgrämigen Typen, der darauf besteht, seinen eigenen Weg zu gehen, und folglich für seinen Freiheitssinn bewundert werden muss, wenn auch widerwillig. Heroismus heißt für die Engländer nicht, ein Maschinengewehr auf eine Horde feindlicher Soldaten zu richten, sondern sich zu weigern, den eigenen Hinterhof aufzugeben, wenn die Regierung dort einen Flughafen bauen will. Solche Charaktere machen sich gut im Kino, wie Thatcher es hier tut. Am Ende jedoch fällt der Film auf Thatchers eigene Illusionen über die Bedeutung des Individuums herein. Sie war es schließlich, die verkündet hatte: "So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht."