BhutanEin Königreich für eine Ampel

Von einem, der auszog, mehr Ordnung auf Bhutans Straßen zu bringen – und sich in Thrombosestrümpfen auf einer Hochzeit wiederfand von Tex Rubinowitz

In Thimphu, der Hauptstadt Bhutans, wird der Verkehr per Hand geregelt.

In Thimphu, der Hauptstadt Bhutans, wird der Verkehr per Hand geregelt.  |  © Ed Jones/AFP/Getty Images

Der Zoo von Thimphu, der Hauptstadt Bhutans, ist erfrischend monothematisch. Er beschränkt sich darauf, ein einziges Tier auszustellen – wenn man so sagen darf und Tiere damit nicht herabwürdigt –, Bhutans Nationaltier nämlich, den Takin. Man könnte dahinter Mitleid vermuten, Mitleid mit einem Tier, das unter ästhetischen Gesichtspunkten neben keinem anderen Tier, nun ja, attraktiv aussieht, außer vielleicht dem Warzenschwein oder dem Pillhuhn. Andererseits: Wer bestimmt, was Attraktivität und Schönheit ausmacht? Die Tiere selbst mit Sicherheit nicht.

Der Takin sieht aus wie eine Resteverwertung des Schöpfers, halb Elch, halb Wombat, mit abschüssigem Rücken, dicken Füßen und einem gefährlich schlingernden Gang, so als könne er jeden Augenblick umkippen. Es bricht einem das Herz, man kann seinen Blick kaum abwenden – wie bei einem Verkehrsunfall. Und man fragt sich, ob man den Takin (auch Rindergämse oder Gnuziege genannt) wenigstens essen kann, genauer gesagt: ob er in Bhutan gegessen wird. Die Franzosen und Australier essen ihre Nationaltiere ja auch. Aber die Bhutaner sind Buddhisten und töten demnach keine Tiere. Auf dem Teller zu landen ist ohnehin nicht die Form von Aufmerksamkeit, die sich Takins vorstellen. Und wenn man schon so unvorteilhaft aussieht, soll man wenigstens in Ruhe gelassen werden.

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Nach Bhutan als normaler Tourist einzureisen ist so einfach nicht. Zunächst einmal braucht man ein Visum. Der Aufenthalt im Land kostet Individualreisende 240 US-Dollar pro Tag. König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck hält so die nassauernden Rucksacktouristen fern, als Beitrag zum Bruttonationalglück. Diesen Ausdruck hat sein Vater Jigme Singye Wangchuck 1979 geprägt: ein Versuch, den Lebensstandard in ganzheitlicher, humanistischer Weise zu definieren und dem herkömmlichen Bruttoinlandsprodukt, einem ausschließlich durch Geldflüsse bestimmten Maß, eine holistischere Bezugsgröße gegenüberzustellen. So sickern wohldosiert hauptsächlich begüterte Gruppen von Deutschen, Schweizern, Japanern und Amerikanern ins Land, alle auf der Suche nach dem sagenhaften Shangri-La, dem Land der Leidenschaftslosigkeit, das hier irgendwo sein muss.

Ich selbst war als sogenannter Consultant nach Bhutan gereist, als Gast der Regierung also. Mein Auftrag lautete, eine Ampel nach Thimphu zu bringen. Die Stadt ist ja bekanntlich die einzige Hauptstadt der Welt ohne Ampel (beliebte Quizfrage). Das heißt: Es gab sogar mal eine an der Kreuzung Nordzin Lam und Chhoten Lam, da, wo der schicke bunte Holzpavillon in der Mitte steht, in dem ein Verkehrspolizist mit weißen Handschuhen und Gamaschen den Verkehr regelt. Vor einiger Zeit wurde er durch eine Ampel ersetzt, aber das fanden die Bewohner nicht so gut, zu unpersönlich, also wurde das Häuschen wieder errichtet.

Jetzt steht da wieder einer und regelt mit weichen, wischenden, eher uneindeutigen Gesten den Verkehr. Manchmal kommt er auch raus und macht eine Art Moonwalk. Vielleicht kann man es nicht direkt als Regeln bezeichnen. Der Verkehr fließt ja ohnedies organisch um das Häuschen und um die auf dem Platz liegenden Hunde herum. Immer sehen ein paar Leute dem Verkehrspolizisten beim Regeln zu, wobei er auch mit zwei Handpuppen ein kleines Stück aufführen könnte – am Verkehr würde das sowieso nichts ändern.

Für mich und meine Ampel ist diese Kreuzung natürlich tabu. Ich muss mir eine andere Stelle suchen, und so wie jetzt in Thimphu gebaut wird, findet sich da sicher ein Ort. Thimphu boomt. Die Stadt hat einen enormen Zuzug an Bevölkerung, mit der auch die Autos kommen und Wohnraum gebraucht wird. Das hat zur Folge, dass in kürzester Zeit all die kleinen, eingeschossigen Häuser mit ihren höhlenartigen Geschäften abgerissen und durch mehrgeschossige ersetzt werden. Das Ortsbild ändert sich rasant und komplett, auch das königliche Dekret ändert nichts daran: Jedes neue Haus muss demnach traditionelle Elemente aufweisen, Erker, Fenster und Dächer nach einem bestimmten Muster. Vor die dann allerdings schauerliche verspiegelte Glasfassaden geklatscht werden.

Bevor ich meine Ampelmission finalisiere, fahre ich erst mal nach Punakha. Da muss man hin, weil da ein bemerkenswerter Dzong (eine Klosterfestung) steht. Er gilt als herausragendes Beispiel der Klosterarchitektur Bhutans. Man fährt einige Stunden über löchrige Serpentinen, überall staubt es. Auf einem Autorückfenster hat jemand "Good morning, plez uncle wash me" in den Staub geschrieben. Dauernd kommen einem Lkw der Marke Eicher (ehemalige bayerische Traktor- und Lastautofabrik) entgegen, die Straßen werden da und dort von tamilischen Straßenarbeitern geflickt. Bhutaner machen das nicht. Die Tamilen kochen an uralten, wie Insekten aussehenden Teerkanonen Asphalt, alte Plastikflaschen, zu Granulat zermahlen, werden untergehoben, das macht den Belag angeblich geschmeidiger. An den wenigen Tankstellen wird man nicht darauf hingewiesen, dass man nicht rauchen darf, weil Rauchen ja sowieso überall verboten ist (man braucht eine Art Rauchlizenz, wildes Rauchen wird mit bis zu drei Jahren Haft geahndet). In den Flüssen stehen Autos. Offenbar ist Autowaschen im Fluss ein beliebter Sonntagszeitvertreib. Am Straßenrand warten überall Spargelverkäufer. Spargel ist hier neben Chilis und jungem Farn das beliebteste Gemüse.

Im Dzong ist es fantastisch. Eine Gruppe älterer amerikanischer Lesben lässt sich erschöpft durch die von Butterkerzen beleuchteten Hallen schleusen, überall hängt schwer der Geruch von Butter, und die Spenden für die Kerzen werden ausgerechnet in einer Keksdose der Marke Danish Butter Cookies gesammelt. Das sind Witze, die kann man ganz einfach nicht erfinden. Wenn man abends wieder in Thimphu ankommt, hat man Muskelkater vom stundenlangen Sitzen während der Rückfahrt.

Leserkommentare
  1. Ich habe zum ersten Mal einen Beitrag aus dem Ressort Reisen gelesen und muss wirklich sagen: Klasse!
    Sehr interessant und einerseits auch spannend verfasst.

    Vielen Dank.

  2. 2. Fazit

    Nicht in jedes Land, in das man reist, hätte man auch reisen sollen. Ich verstehe schon, dass ein Reisebericht nicht blumig sein muss, sondern auch Sachlich sein kann. In diesem höre ich aber eine Art Respektlisigkeit bzw. Schnotterigkeit. Zumindest habe ich den Eindruck. dass es überhaupt nicht schade gewesen wäre, wenn der Autor nicht dort hin geflogen wäre.

  3. Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Kritik. Danke, die Redaktion/se

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  4. Antwort auf "So ein ..."

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