CommerzbankWie man’s gerade braucht

Gewinn oder Verlust? Der Fall Commerzbank befeuert die Kritik an den international gültigen Bilanzierungsmethoden. von 

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass man mit Bilanzen so ziemlich alles machen kann, die Commerzbank hat ihn nun geliefert . Sie meldet für 2011 sowohl einen Gewinn von 638 Millionen Euro als auch einen Verlust von 3,6 Milliarden Euro – was stimmt denn nun?

Beides. Alles eine Frage der Methode. Der Gewinn steht unter dem Strich jener Bilanz, die die Bank nach den internationalen Bilanzierungsvorschriften IFRS aufstellt hat. Der Multimilliardenverlust ergibt sich in einer zweiten Bilanz nach den Regeln des deutschen Handelsgesetzbuchs (HGB) .

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Die Commerzbank ist wie alle großen Kapitalgesellschaften gesetzlich dazu verpflichtet, beide Bilanzen zu veröffentlichen. In der Regel sind die Unterschiede nicht so großm und meist werden sie auch nicht sonderlich beachtet. Diesmal ist es anders: Seit der Finanzkrise ist der Staat an der Commerzbank beteiligt, mit Aktien und einer stillen Einlage von 1,9 Milliarden Euro. Für die muss die Bank Zinsen zahlen – aber nur, wenn sie Gewinn macht. Maßgeblich dafür ist die HGB-Bilanz. Und so geht der Steuerzahler leer aus.

Commerzbank-Chef Martin Blessing war andererseits sehr daran gelegen, seine Bank als profitabel zu präsentieren. Er plant eine Kapitalerhöhung. Und wer investiert schon in eine Bank, die Verluste produziert?

Durch kreative Bilanzierung ließ sich ein Gewinn nach IFRS herbeizaubern. Das ging so: Eine Milliarde Euro, die die Commerzbank 2011 als Entschädigung an den Bankenfonds Soffin gezahlt hat, verbuchte sie nicht unter den Kosten, sondern als vermindertes Eigenkapital. Gut zwei Milliarden Abschreibung auf die Problemtochter Eurohypo ließ sie ebenfalls außerhalb der Gewinn-und-Verlust-Rechnung laufen. Und dass die Bank beim Rückkauf eigener Schuldpapiere mehr als eine Milliarde Buchgewinn machte, half auch sehr dabei, das IFRS-Ergebnis aufzuhübschen.

Der Fall Commerzbank ist ein Paradebeispiel für die wachsende Gruppe von Kritikern der internationalen Bilanzierungsstandards. »Schöner kann man es gar nicht zeigen, wie man mit den IFRS Bilanzpolitik machen kann«, sagt der Saarbrücker Wirtschaftsprofessor Karlheinz Küting . »Das passt den Jongleuren gut in den Kram.« Illegal ist diese Praxis nicht, im Gegenteil. Spätestens seit 2007 müssen alle deutschen Konzerne, die sich Geld auf dem Kapitalmarkt beschaffen, nach IFRS bilanzieren. Diese Standards werden von einem in London sitzenden Expertengremium herausgegeben, und sie stehen auch in einer angelsächsischen Wirtschaftstradition.

In der Welt der Zahlenmenschen gaben in den vergangenen beiden Jahrzehnten Amerikaner und Briten den Ton an. Ihre Unternehmen sind von jeher stärker auf die Rechte und Bedürfnisse von Aktionären ausgerichtet. Den großen deutschen Konzernen blieb nichts anderes übrig, als auf diese Linie einzuschwenken, wollten sie an den internationalen Börsen nicht benachteiligt werden.

Das IFRS-System hat Vorzüge. Es trägt dazu bei, dass Unternehmen über die Landesgrenzen hinweg verglichen werden können. Für deutsche Anleger wird es dadurch prinzipiell einfacher, sich an ausländischen Firmen zu beteiligen, und für ausländische Investoren sind deutsche Konzerne transparenter.

Aber das Regelwerk hat auch schwerwiegende Nachteile. In einem Buch mit dem prosaischen Titel IFRS oder HGB? rechnen nun drei Bilanzierungsveteranen mit den angelsächsischen Methoden ab. Die Autoren sind neben Küting der Ex-Chef von Arthur Andersen in Deutschland, Claus-Peter Weber, und Norbert Pfitzer, Vorstand bei der Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young. Nach ihrer Einschätzung ist das deutsche Bilanzrecht dem internationalen Regelwerk »in vielen Punkten eindeutig überlegen«.

Leserkommentare
  1. Doch wo waren alle die Experten, als in den frühen 90ern die Entscheidungen fielen für den internationalen Standard? Und statts kontinentalen Bilanzphilosophien Wall Street und London dominieren durften?

    Die Erkenntnisse sind nicht neu. Schon die viele Bilanzskandale in den USA zeigten die Probleme des US- und UK-GAAP auf.

    Allerdings zeigt ihr Artikel auch eine Schwäche: die Commerzbank kommuniziert einfach unfair. In den Bestandskonten müssen die genannten Unterschiede analysierbar sein.

    Im übrigen werden in den Wirtschaftsteilen gerne Meldungen von Gewinnen und Verlusten unhinterfragt weitergegeben. Obwohl die Prinzipien des US-GAAP und des IFRS sich sehr ähneln und damit die Aussage im Artikel nicht nur für das IFRS gelten dürfte.

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    Doch wo waren alle die Experten, als in den frühen 90ern die Entscheidungen fielen für den internationalen Standard? Und statts kontinentalen Bilanzphilosophien Wall Street und London dominieren durften?
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    Also in unserem Hörsaal standen die Experten vorne und fanden das alles total groovy - so toll neu und so. Kritik war nicht erwünscht.

    • joG
    • 04. März 2012 22:14 Uhr

    ...und werden besprochen. Sie waren auch bekannt, als sie für deutsche Konzerne verpflichtend gemacht wurden. Warum, könnte man fragen, hat man das denn dann gemacht? Der Grund ist zwar klar, geht aber aus dem Artikel nur schwach angedeutet hervor. Die Bilanz nach HGB hat mindestens so große Probleme wie die "angelsächsische" Methode. Man kann sogar den Firmenwert noch besser manipulieren.

    Im Grunde ist ja niemand gezwungen, sich am internationalen Bilanzierungssystem zu beteiligen, zumal Deutschland faktisch sowieso nur eine marginale Rolle spielt, denn unter den 50 weltgrößten Firmen ist keine einzige deutsche; auch unter Nr.51 bis 100 befinden sich nur zwei deutsche.

    Im Inland spielt es natürlich keine Rolle, welches System wir benutzen. Internationale Investoren allerdings dürften sich nur für Firmen interessieren, deren Bilanzen sie miteinander vergleichen können.

    • Juli4n
    • 04. März 2012 19:02 Uhr

    Ein interessanter Überblickartikel der meiner Meinung nach ein wenig vorschnell urteilt. So wird fair value lediglich auf Finanzprodukte angewandt. Dass Firmen Finanzprodukte kaufen ist eine Realität der sich HGB gegenwärtig nicht stellt. Und Ihr abschließender Kommentar bei der Commerzbank sei nichts zu holen ist unverständlich. Trotzdem finde ich es wichtig dass das Thema IFRS/HGB stärker in die Öffentlichkeit rückt und begrüße den Beitrag.

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  2. Echt ein guter Trick der Bankenretterparteien (SPD, CDU, Grüne, FDP und CSU), dem Wähler zu erzählen, dass die Commerzbank, wenn sie Gewinn macht, Zinsen auf die Staatsgelder zu zahlen hätte und im Hinterkopf zu haben, dass ein Gewinn nur dann vorliegt, wenn dieser nach HGB bilanziert werden kann.
    Eins muss man den Bankenretter-Parteien lassen, doof sind sie wirklich nicht, wenn es darum geht den Wähler im Dunklem zu lassen und den Banken, dass hart erarbeitete Steuergeld in den gierigen Schlund zu werfen.
    Ich hoffe viele Leserinnen und Leser folgen meinem Beispiel und interviewen bei der nächsten Wahl die Kugelschreiber-Verteiler dieser Parteien ganz genau zu diesem Skandal.

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    mein Eindruck ist, und das ist noch viel schlimmer, dass die Poltiker jeglicher Coleur fachlich überhaupt nicht in der Lage sind solche Themen zu durchschauen. Wobei schon die Frage erlaubt sein muss, wozu es in den fachlichen Ministerein hochkarätig bezahlte Mitarbeiter gibt, die, wenn schon nicht die Poltiker, die aber die einfachsten Unterschiede zwischen HBG und IFRS kennen sollten.

    Also ich bin auch kein Bilanzbuchhalter, aber dass das HGB vom Vorsichtsprinzip ausgeht und daher tendenziell eher Minus als Plus annimmt, sollte doch jeder wissen, dass da keiner mal gefragt hat:
    "He, ist da Gewinn nach HGB oder IFRS gemeint?"
    Bedenkt man weiter, dass jeder Abgeordnete den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages in Anspruch nehmen kann, so ist diese Sache mit den Zinsen als grob fahrlässig zu erachten.
    Da aber die Parteien: SPD CDU CSU Grüne und FDP großzügige Spender aus der Finanzbranche haben
    http://www.faz.net/aktuel...
    gehe ich von einer vorsätzlichen Wählertäuschung aus.

    • talwer
    • 04. März 2012 23:51 Uhr

    Die Trickserei bei der Commerzbank ist nichts neues. Auf der eine Seite rechnen sie sich arm um kein Geld an den Steuerzahler zurückzuzahlen. Mit der zweite Methode errechnet man ein Gewinn um die Boni der Bänkster zu rechtfertigen.
    Nichts neues. Das gleiche wurde auch voriges Jahr getan.
    Es gab zwar eine "Welle der Empörung" und die Zocker der Commerzbank wurden "legal" und fürstlich belohnt.
    Die Hunde bellen ... die Bänkster kassieren.

  3. Wo ist das Problem? Die unterschiedlichen Bilanzregeln sind seit vielen Jahren bekannt und auch aktzeptiert. Wenn eine nachweisbare, saubere Überleitung pro Bilanzpsostion hergestellt wird, werden anhand der einelnen Postionen die Unterschiede sichtbar. Wobei dieses bei den Banken sicherlich komplexer ist als bei normalen Wirtschaftsunternehmen, da sich die Unterschiede dort nur auf wenige Bilanzpsitionen ( u.a. Rückstellungen, Bewertung des Vorratsvermögens, Teile es Anlagevermögens) beschränken. Was unabhängig davon viel gravierender ist, ist die Tatsache, speziell bei den Banken, dass man das Thema der Zweckgesellschaften nicht endlich radikal angeht, da diese zu einem nicht unerheblichen Anteil zu der heutigen Fiannzkrise beigetragen haben. Anstatt sich also über vermemeintliche Unterschiede zwischen HGB vs. IFRS zu echauvieren, sollte man im politischen Raum lieber dieses hochbrisante Thema endlich angehen, denn dort lauern auch in Zukunft die echten Gefahren.

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  4. mein Eindruck ist, und das ist noch viel schlimmer, dass die Poltiker jeglicher Coleur fachlich überhaupt nicht in der Lage sind solche Themen zu durchschauen. Wobei schon die Frage erlaubt sein muss, wozu es in den fachlichen Ministerein hochkarätig bezahlte Mitarbeiter gibt, die, wenn schon nicht die Poltiker, die aber die einfachsten Unterschiede zwischen HBG und IFRS kennen sollten.

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  5. Also ich bin auch kein Bilanzbuchhalter, aber dass das HGB vom Vorsichtsprinzip ausgeht und daher tendenziell eher Minus als Plus annimmt, sollte doch jeder wissen, dass da keiner mal gefragt hat:
    "He, ist da Gewinn nach HGB oder IFRS gemeint?"
    Bedenkt man weiter, dass jeder Abgeordnete den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages in Anspruch nehmen kann, so ist diese Sache mit den Zinsen als grob fahrlässig zu erachten.
    Da aber die Parteien: SPD CDU CSU Grüne und FDP großzügige Spender aus der Finanzbranche haben
    http://www.faz.net/aktuel...
    gehe ich von einer vorsätzlichen Wählertäuschung aus.

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  6. >>
    Doch wo waren alle die Experten, als in den frühen 90ern die Entscheidungen fielen für den internationalen Standard? Und statts kontinentalen Bilanzphilosophien Wall Street und London dominieren durften?
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    Also in unserem Hörsaal standen die Experten vorne und fanden das alles total groovy - so toll neu und so. Kritik war nicht erwünscht.

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  7. ...schon grotesk diese Kritik des großkapitalistischen Spekulanten.

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