Viel Platz hat Mercedes Cravero nicht, trotzdem kommt die ganze Welt zu ihr. Das Büro in der Fakultät für Philosophie und Literatur der Universidad de Buenos Aires ist kaum groß genug für ihren Schreibtisch. Kommt Besuch, muss sie Papierstapel verschieben und den kleinen Ventilator auf dem Boden wegräumen, praktisch ist das nicht, aber Mercedes ist daran gewöhnt – denn Besuch kommt oft.

Seit mehr als zehn Jahren leitet sie den internationalen Austausch an ihrer Fakultät, sie hilft Argentiniern, die im Ausland studieren wollen, vor allem aber hilft sie Studenten, die aus der ganzen Welt nach Buenos Aires kommen. Und: »Jedes Jahr«, sagt sie, »werden das mehr.«

Viel hat sich verändert, seit Mercedes Cravero ihren Job begonnen hat. Damals, Ende der neunziger, schlitterte Argentinien gerade in eine Rezession, 2001 brachen die Wirtschaft und die Währung zusammen , Tausende verloren Jobs und Ersparnisse. Die Zahl der ausländischen Studenten ging damals gegen null, heute erholt sich das Land langsam – und hat sich zu einem beliebten Ziel für Studenten entwickelt. »Die Zahl der Deutschen, die in Argentinien studieren wollen, steigt«, sagt Christine Rath vom Deutschen Akademischen Austauschdienst . Allein 2010 förderte der DAAD den Aufenthalt von mehr als 300 Studenten und Graduierten in Argentinien ; nicht eingerechnet sind da all jene, die über ein Austauschprogramm oder auf eigene Faust kommen.

Fragt man Mercedes Cravero, woran das liegt, sagt sie: die Krise. Lange war Argentinien eines der teuersten Länder Lateinamerikas , erst der Wirtschaftscrash machte es für Studenten erschwinglich. Zudem sind Argentiniens staatliche Unis kostenlos, ausländische Studenten müssen nur eine Verwaltungsgebühr bezahlen, je nach Fakultät zwischen 200 und 500 Dollar.

Man merkt die Krise noch an den Unis, viele Gebäude sind marode, und es fehlen Lehrmittel und Geräte. Das ändert aber nichts an der Qualität der Lehre: »Das Bildungsniveau in Argentinien ist traditionell hoch«, sagt Kathrin Megerle, die Wissenschaftsreferentin der Deutschen Botschaft in Buenos Aires . Argentinische Hochschulen haben weltweit einen guten Ruf, die Uni in Buenos Aires gilt als eine der besten in Lateinamerika . Gute Bildung für wenig Geld also. Davon abgesehen hat Argentinien für Austauschstudenten aber noch mehr zu bieten.

Christina Schmittner sitzt im Socrates, einem kleinen Restaurant, gegenüber liegt die Fakultät für Philosophie und Literatur. Christina ist eine der knapp 50 Deutschen, die Cravero dieses Semester betreut. Die 24-Jährige studiert in München Interkulturelle Kommunikation , nach dem Abi war sie bereits mehrere Monate in Argentinien, schon damals war klar, dass sie zurückwill, also organisierte sie sich ein Auslandssemester. »Mein erster Eindruck von der Uni? Sieht aus wie ein Gefängnis«, sagt sie.

Die Fakultät ist ein khakigrüner Betonklotz mit Gittern an den Fenstern. Hinter dem Eingangstor aber beginnt eine Zeitreise: Von der Decke hängen Transparente mit politischen Parolen, Studenten haben die Gänge mit Plakaten tapeziert. Argentiniens Hochschulen sind politisiert, die meisten Gebäude sehen aus, als seien sie die Kulisse für einen Film über die 68er-Studentenproteste in Europa .