AuslandsstudiumErasmus, Orgasmus!

Studenten, lasst euch bloß nicht stressen im Auslandsstudienjahr, fordert Nora Gantenbrink von Nora Gantenbrink

Der Uni-Austausch Erasmus feiert dieses Jahr seinen 25. Geburtstag . Unter Studenten ist das Programm so beliebt wie noch nie. Kein Wunder, denn es ist der größte Sauf- und Sex-Exzess Europas . Und das ist gut so.

Erasmus ist das Austauschprogramm der Europäischen Union. Spanische Studenten kommen nach Deutschland, deutsche Studenten gehen für ein Semester nach Spanien . Oder in die Türkei . Das Programm wird immer beliebter. Besonders gefragt sind Städte mit guten Hochschulen und viel Sonnenschein: Granada , Valencia , Istanbul . Und damit beginnt das Problem.

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Siegbert Wuttig sagt, Erasmus fördere vor allem die Mobilität innerhalb der EU. Wenn Wuttig "Mobilität" sagt, klingt es, als sei Erasmus ein neuartiges Fortbewegungsmittel der Deutschen Bahn. Wuttig ist der Chef von Erasmus Deutschland , offiziell: "Leiter der nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit im Deutschen Akademischen Austauschdienst ( DAAD )". Wuttig kümmert sich darum, dass Europa weiter zusammenwächst.

Das Problem ist, Siegbert Wuttig und die europäischen Studenten haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was das bedeutet: Europa zusammenführen. Wuttig denkt vor allem an Auslandskompetenz, Bildung und internationale Erfahrung. Die Studenten denken an unendlichen Spaß, an Urlaub und daran, den Ernst des Lebens noch eine Weile aufzuschieben.

Siegbert Wuttig möchte länderübergreifende Jobperspektiven. Die Studenten möchten länderübergreifend knutschen. Und sie tun es. Sie flirten sich durch Valencia, nehmen eine Auszeit oder Drogen oder beides in Amsterdam , huren sich durch die Malmö-Betten von Europa und wachen morgens ohne Schuhe am Strand auf. "Nach den ersten drei Monaten Erasmus in Bilbao waren alle Fernbeziehungen nach Deutschland beendet", erinnert sich die deutsche Studentin Leni. In einem Erasmus-Erfahrungsbericht im Internet heißt es: "Erasmus ist vor allem eins: Party, Party, Party!"

Es wird also Zeit, Erasmus als das zu begreifen, was es eben auch ist: ein Undercover-Sambazug durch den Kontinent. Vielen Studenten geht es nicht primär ums Kennenlernen fremder Wissenschaftssysteme, sondern um den Typen, der im Club neben einem tanzt.

Das Erasmus-Programm schickt Studenten quer durch den neuen Wirtschaftsraum und seit Kurzem auch nach Kroatien und in die Schweiz . Seit 2007 werden nicht nur Auslandssemester gefördert, sondern auch Praktika in inzwischen 33 Teilnehmerländern. Und nie zuvor gingen mehr Studenten mit Erasmus weg als im vergangenen Jahr: über 30.000 allein aus Deutschland.

Leserkommentare
  1. [...] im Job ist der Hinweis auf die Teilnahme an "Erasmus" eher hinderlich weil "vergammelte" Zeit!!

    Teil entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/lv

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    Damals nicht die Möglichkeit gehabt und nun neidisch? ;-) (und nein, nicht auf vermeidliche Saufexzesse, sondern die Erfahrungen)

    • Dirac
    • 03. März 2012 15:02 Uhr

    Wie sieht Ihr Verhältnis zwischen Leben und Beruf/Karriere aus?

    Leben Sie, um zu arbeiten? Oder arbeiten Sie, um zu leben?

    Ich denke, dass es so etwas wie "vergammelte Zeit" nicht gibt, wenn man es nicht bereut.
    Oder um es mit den Worten John Lennons zu sagen: "Time you enjoy wasting was not wasted."

    Dabei sollte man jedoch die Logik des Artikels nochmal untersuchen: Man kann die hier angepriesenen "Erasmus-Erfahrungen" auch ohne Probleme an seiner Heimat-Uni machen, schließlich kommen ja genügend Erasmus-Studenten auch hier her. (Zumindest wenn man in Berlin oder München wohnt)

    ...
    hat mir mein Erasmussemester hinterlassen.Ich bin frisch wieder zurück in Deutschland, war von August 2011 bis Februar 2012 in Andalusien an einer Uni, dessen Ansprüche sehr hoch waren.
    Ich habe eine dritte Sprache gelernt und ein bestehendes und durch e-mails und Skype aufrecht erhaltenes Netzwerk mit Muttersprachlern aufgebaut.

    Es stimmt, dass man abends auch mal ausser dem Unileben natürlich auch die Bars und das Leben in dem fremden Land kennenlernen will, aber im Ganzen war die Förderung durch meine Heimatuniversität eine einzigartige Chance mich interkulturell weiter zu bilden.

    Mich kränken diese Aussagen, da man mich beschimpft, ein unreifer Teenie zu sein und das Leben nicht ernst zu nehmen, an Stellen, an denen man es besser sollte.

    Diese Aussagen sind sicherlich aus Nichtwissen entstanden und der fehlenden Motivation, sich mit dem Thema Erasmus eindringlicher zu beschäftigen.

    Elena Cordes

    Ich denke der Artikel ist völlig einseitig formuliert und bedient eher sämtliche Vorurteile gegenüber Erasmus, als dass es der Realität nahe kommt. Ich selbst habe vergangenes Semester ein Auslandssemester in Stockholm gemacht. Wenn man es geschickt anstellt gewinnt man durch ein Auslandssemester nicht nur an jeder Menge Erfahrung sondern gewinnt auch noch Zeit. Ich habe z.B. Klausuren während der Vorlesungszeit in Deutschland geschrieben. Außerdem lernt man eine neue Kultur, viele Eigenheiten und Gewohnheiten einer Nation kennen und sieht mal eine andere Art des Lehrens mit all seinen Vor- und Nachteilen. Natürlich gehört es dazu Abends feiern zu gehen und neue Leute kennen zu lernen, aber dies ist mit Sicherheit nicht das einzige was man während eines Auslandsaufenthalts lernt (wie es im Artikel dargestellt wird)!
    Auch hat man vielleicht etwas mehr Zeit um das Land zu bereisen als zu Hause, aber dafür geht man ja auch ins Ausland.

  2. Nicht alle Hochschulen haben die gleichen Anforderungen an Studenten respektive an die Erasmusstudenten.

  3. .. wer das alles bezahlt? Bestimmt nicht das eigene Konto. Sondern Auslands-Bafög & Co. Da wirkt das etwas anti-sozial.

    Schade im Übrigen, dass Spaß nur durch Alkohol und Sex wahrgenommen wird.

  4. 4. Danke

    Treffer. Versenkt. Die dort verbrachte Zeit brennt sich einem komplett ins Gehirn. Fies war nur, dass ich mir keine Punkte für die Sprachkurse anrechnen lassen konnte! Dafür allerdings bekam man Vorträge über Verhandlungsprobleme mit anderen Nationen (=Vorurteile gegenüber anderen Nationen).
    I love(d) Erasmus

  5. zum Kommentar von Herrn Heini Huckeduster: Ich denke kaum, dass ich intellektuell beschränkt bzw. limitiert bin und habe dennoch an einem Erasmus-Austausch teilgenommen. Aus Ihrem sehr starrsinnigen Beitrag kann ich wohl ableiten, dass Sie als intellektuelle Person kein Erasmus-Semester wahrgenommen haben. Wie können Sie sich dann eine allen gerecht werdende Meinung bilden? Aus diesem Artikel? Richtig ist, dass sicherlich 90% der Studenten die Zeit absitzt und sich täglich mit Alkohol und Drogen zudröhnt, dennoch gibt es auch Studenten die auch sehr gut Party und Lernen kombinieren könnne. Für mich war der Austausch auch einiges entspannter als ein Semester in Deutschland, dennoch rate ich jedem der die Möglichkeit hat, ein Auslandsaufenthalt zu absolvieren. Im Grunde ist es einem selbst überlassen ob man lernt und wie viel Zeit man investiert. Muss ich mich jetzt etwa für die erhaltenen Fördermittel schämen? Ich selbst bin der Meinung, dass ich durch meinen Aufenthalt in vielerlei Punkten Erfahrung sammeln konnte, sei es im zwischenmenschlichen oder im wirtschaftlichen Bereich.

    Wenn jemand der Meinung ist, dass nur intellektuell beschränkte Menschen an Erasmus Förderprogrammen teilnehmen, so ist das für die Personen, auf die das nicht zutrifft, eine gewisse Art von Beleidigung!

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    • Maxico
    • 01. März 2012 14:24 Uhr

    Schön, dass wir unabhängig voneinander auf die selbe Prozentzahl kommen. ;)

    ich besuchte meinen enkel in Uppsala wo er fleissig sein drittes Studienjahr (Licence in Frankreich )verbringt und habe viele Studenten beobachtet, die genau so fleissig englisch und andere Fächer studieren:ich finde ihren Titel skandalös und auch beleidigend!Nur zwei Studenten erhielten in Marseille den Erasmus für Uppsala und wenn ihre Zensuren ungenügend sind,müssen sie das Jahr in Frankreich wiederholen;das Stipendium ist sehr klein und die Familie muss mithelfen;natürlich gibt es auch partys usw aber ...sie beurteilen
    ganz falsch

  6. @Kommentar 5: Lassen Sie sich nicht von solchen Kommentaren ärgern. Einfach fünf Minuten an Ihren Aufenthalt denken :)

  7. Ich war zwei Semester mit dem Erasmusprogramm in Ausland und betreue seit mehreren Jahren ausländische Studenten an meiner Heimatuniversität.

    Die Darstellung in Bezug auf häufige Partnerwechsel ist total übertrieben. Der "normale" Erasmusstudent hat nicht weniger und nicht häufiger Sex als in seinem Heimatland. Wobei die Anonymität und das schnelle flüchtige Kennenlernen von vielen Leuten innerhalb kurzer Zeit ein bisschen helfen. Sexuelle "Ausschweifungen" sind während des Auslandssemesters vor allem bei denjenigen zu beobachten, die auch in ihrem Heimatland bereits echte "Player" waren. Dieses "Erasmus = Orgasmus" Phänomen existiert flächendeckend so nicht, wie es in den Medien dargestellt wird.

    Viel Party, Laissez-faire und wenig Uni? Das stimmt und das ist auch gut so! Zusammen mit Freunden aus der ganzen Welt nächtelang feiern, einen Roadtrip machen oder auch die große kurze Liebe fernab der eigenen Nationalgrenze finden, das alles hilft der Völkerverständigung, Akzeptanz und einer interkulturellen Mentalität weitaus mehr als tagelang in den Bibliotheken pauken. Jeder Euro im Erasmusprogramm bringt Europa 100 Mal weiter als das gleiche Geld für die europäische Wirtschaft.

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    • Vöbeo
    • 01. März 2012 19:35 Uhr

    Als ob wir hier die 50er Jahre, einen traumatisierten Kontinent und völlig fremde Kulturen hier vor uns haben.

    Warum kann man nicht einfach nur neue Leute kennenlernen?

    Und was heißt interkulturelle Kompetenz fördern? Als würde der deutsche Auslandsstudent noch deutsch denken.

    Eine "interkulturelle Mentalität" ist vor allem eins: unloyal und immer zwischen den Stühlen.

  8. Erasmus ist eine tolle Sache und sollte weiter, auch durch Steuergelder, gefördet und ausgebaut werden.

    Allerdings ist es unfair, wenn nur Studenten so einfach ein halbes Jahr im Ausland verbringen können. Zudem stehen Akademikern auch später bei der Berufswahl viele internationale Möglichkeiten offen.

    Auch Azubis sollten diese Möglichkeit haben. Vielleicht wäre es für Europa sogar noch wichtiger, gerade unter nicht-Akademikern für regen internationalen Austausch zu sorgen. Alsbald würde dann sogar die Bildzeitung zur internationalen Solidarität aufrufen. Das wär doch was!

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    Es gibt auch fuer Azubis die Moeglichkeit in Europa Berufserfahrung zu sammeln. Hierfuer gibt es das LEONARDO DA VINCI Programm der EU, an dem ich gerade selbst teilnehme.

    Sehr richtig! Es ist schon unfair, das gerade nur die Studenten, also diejeningen, die es ohnehin schon besser haben als die meiste andere (jung und akademisch), diese extra Möglichkeit bekommen. Dies sollte jede/r zukommen können, also auc arbeitenden und arbeistlose, und dazu auch Leute die nicht mehr ganz so "jung" sind, und für wem es die Möglichkeit auch mal ein anderes Land kennen zu lernen ausserhalb der zwei-wochen-Touristenzone in ihren jungen Jahre nie gegeben hat.

    Aus meiner Perspektive, der eines Nicht-Erasmus-Studenten, stellt sich das Programm nicht so eindimensional dar, wie es im Artikel und einigen Kommentaren angedeutet wird.
    Ich habe einige Freunde und Studienkollegen, die gerade ein Erasmusprogramm absolvieren und da scheinen die Erfahrungen stark auseinander zu gehen. Manche feiern wohl tatsächlich nur wilde Partys, andere dagegen scheinen von ihren Unis doch recht hart gefordert zu werden.
    Die einzigen Erasmus-Studenten, die ich wirklich beurteilen kann, sind die, die das Programm als ausländische Studierende in Deutschland absolvieren. Und da muss ich sagen, dass von den Studenten einiges gefordert wird. Zumindest in meinem Studiengang und an meiner Uni gibt es keine tollen Extrawürste für Erasmus-Studierende - und dementsprechend auch "deutsche" Durchfallquoten. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter wieder ganz anders aussieht.
    Ich finde das Programm im Ansatz super - die Meinung der Autorin, es sei gut, wenn Erasmus der "größte Sauf- und Sex-Exzess Europas" ist, halte ich aber für fragwürdig. Natürlich ist der kulturelle Austausch und auch gemeinsames Feiern sehr wertvoll, ein einjähriger Ballermann gibt aber kein gutes Bild für Europa ab. Ich kann nur hoffen, dass Erasmus nicht allein so ist, wie die Autorin es sieht. Meine Erfahrungen mit ausländischen Erasmusstudenten sehen glücklicherweise anders aus.

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