Kaum fünf Jahre alt, ist die Mobile-Branche schon da, wo die Reichen und Schönen verkehren: Berlin , Französische Straße, zentraler geht es nicht. Neben Nobelboutiquen liegt hier auch das Borchardt, Berlins Promi-Restaurant, wo hinter den verhängten Scheiben berühmte Schauspieler und Politiker speisen. Im Haus gegenüber befindet sich der Firmensitz der Smart Mobile Factory GmbH. Das Gebäude hat eine Kamera über der Klingel und eine imposante Eingangshalle. In den Geschäftsräumen in zweiten Stock dämpft Teppich die Schritte – als wäre das nötig, wenn fast alle Turnschuhe tragen. Nur der Chef ist hier über dreißig: Torsten Oelke und sein Team gehören zu einer aufstrebenden Branche, in der Apps für Smartphones und Tabloid-PCs entwickelt werden.

Wer verstehen will, was diese jungen Menschen hergebracht hat, muss nicht weit zurückblicken. Im Jahr 2007 präsentierte Steve Jobs – auch er in Turnschuhen – in San Francisco das iPhone. Im folgenden Jahr startete das Onlinegeschäft von Apple mit 500 Programmen, die man herunterladen und auf dem Gerät installieren konnte. Die "App", wie das englische Wort für "Anwendung" abgekürzt wird, macht es möglich, den Inhalt bestimmter Internetseiten auch auf den Bildschirmen kleiner Geräte sinnvoll anzuzeigen. Außerdem knüpften Apps an das an, was in alten Handys der eingebaute Taschenrechner war, und lieferte einen Service, der das Leben erleichtern soll. 2012, vier Jahre später, gibt es im App-Store von Apple nicht mehr nur 500, sondern mehr als 550.000 verschiedene Apps, und Apple erwartet den 25-milliardsten Download. Der Konzern verkaufte auch 2011 noch die meisten Smartphones, doch Samsung , Nokia , Research in Motion oder HTC bieten ebenfalls Smartphones an. Weltweit war 2011 fast jedes dritte verkaufte Handy ein Smartphone, meldet das Marktforschungsinstitut Gartner. Apps laufen inzwischen nicht nur auf Smartphones, sondern auch auf den handlichen Tablet-PCs. Nach Angaben des Interessenverbands der Informationswirtschaft, Bitkom, gab es 2011 in Deutschland 962 Millionen App-Downloads – ein riesiger Markt.

Mit Apps wollen Firmen ihren Kunden näherkommen: Direkt in die Tasche

Mit der Zahl der Geräte und Programme wächst auch das Arbeitsfeld für Informatiker. Torsten Oelke hat 2009 mit gerade einmal drei Mitarbeitern begonnen, inzwischen beschäftigt er dreißig. Und bis Ende des Jahres will er die Zahl noch einmal verdoppeln. Für die Nutzer sind viele Apps kostenfrei oder selten teurer als drei Euro, Unternehmen, die eine App in Auftrag geben, bezahlen für die Entwicklung bei Torsten Oelke zwischen 50.000 und 150.000 Euro. "Seit es das Internet gibt, brauchen Unternehmen eine Website. Seit es mobile Geräte gibt, brauchen sie eine App", sagt Oelke. Ihre Hoffnung: Dem Kunden näher zu kommen als ohne App, genau genommen: direkt in seine Tasche.

In der Beschäftigungsstatistik der Agentur für Arbeit sind aktuell rund 554.300 Datenverarbeitungsfachleute gemeldet, ihre Zahl ist kontinuierlich gewachsen, aber Nachwuchs-Bedarf gibt es trotzdem noch. "Wir suchen permanent nach Mitarbeitern", sagt Torsten Oelke, aber gute Leute seien eine "kritische Ressource" in einer jungen Branche.

Den Studiengang "App-Entwickler" gibt es in Deutschland bislang nicht, Informatikstudenten können allerdings mit Vertiefungen oder Wahlfächern darauf hinarbeiten. Das Interesse an der Programmierung für mobile Geräte nimmt zu, heißt es von der Gesellschaft für Informatik. An der Hochschule Osnabrück etwa wird der Master "Verteilte und Mobile Anwendungen" inzwischen zweimal jährlich angeboten, die Plätze sind gefragt.

Philipp Richter, 29, App-Entwickler bei der Smart Mobile Factory GmbH, hat Informatik und Mathematik studiert. "Alles, was ich im Studium gelernt habe, kann ich jetzt brauchen, weil so viele Teilbereiche der Informatik vorkommen", sagt er, "Datenverwaltungssysteme zum Beispiel oder Benutzerschnittstellen." Zwischen einem und drei Monaten dauere es, eine App zu entwickeln. Daran beteiligt ist ein Team aus zwei bis sechs Mitarbeitern. Wöchentlich wird mit dem Kunden Rücksprache gehalten. Das Klischee des schweigsamen Programmierers passe nicht zu App-Entwicklern, meint Philipp Richter: "Man muss gut kommunizieren können, untereinander und mit dem Kunden."

755 Millionen oder 386 Millionen Downloads? Auf jeden Fall viele

Für eine erfolgreiche App gibt es nicht nur ein Rezept, sondern viele. Apps können zu populären Internetseiten gehören, wie die Facebook-App. Sie können einen praktischen Nutzen haben, wie die myTaxi-App, die dem Nutzer dabei hilft, ein Taxi zu finden, und ihm anzeigt, wie sich das Fahrzeug nähert. Sie können aber auch eine reine Spielerei sein, wie die Angry-Birds-App, bei der ein Spieler mit Vögeln auf Schweine schießt.