Katastrophe in Japan : Mein Leben nach Fukushima

Ein Jahr nach dem Erdbeben und der Atomkatastrophe in Japan beschreibt die Schriftstellerin Banana Yoshimoto, wie sie das Unglück erlebte und wie es ihren Alltag verändert hat.
Ein Mädchen hält im Februar in Tokio Plakate auf einer Anti-Atomkraftdemonstration hoch. © Toshifumi Kitamura/AFP/Getty Images

Manche Leserinnen und Leser werden meine Sicht der Dinge vielleicht zu einfach oder auch zu extrem finden, zumindest stellenweise.

Was ich hier schreibe, ist aber die ganz persönliche Ansicht einer etwas eigenwilligen Schriftstellerin und Mutter, die in der Hippiezeit aufgewachsen ist, sich gerne mit Okkultismus beschäftigt, ein kleines Kind hat und seit ihrer Geburt in Tokio lebt.

Nichts liegt mir ferner, als eine bestimmte Weltanschauung verbreiten, jemanden in irgendeiner Weise belehren oder aufklären zu wollen. Es ist durchaus möglich, dass ich mich täusche, denn mir fehlen objektive, verlässliche Informationen, wie man sie in Japan leider nicht bekommt. Es ist mir auch ein großes Anliegen, den vom Unglück betroffenen Menschen in der Tōhoku-Region mein tiefstes Mitgefühl auszusprechen. Ich hoffe von Herzen, dass der Wiederaufbau schnell vorankommt und die Menschen neuen Lebensmut gewinnen. Weil ich das Katastrophengebiet nicht besucht habe, kann ich dazu nicht mehr sagen. Täte ich es dennoch, wäre es anmaßend.

So bitte ich darum, diesen Text als Bericht einer einzelnen Person zu lesen, wie sie das Erdbeben und die Zeit danach in Tokio erlebt hat.

Am 11. März 2011, dem Tag des Unglücks, wollte ich eigentlich nach Okinawa im Süden Japans fliegen. Ich hatte vor, das Konzert eines bekannten Ukulele-Spielers zu besuchen – eine dreitägige Reise zusammen mit meinem acht Jahre alten Sohn und einer meiner Freundinnen. Das Hotel war reserviert, meine Freunde in Okinawa erwarteten mich, alles war vorbereitet.

Ich wollte das Kind von der Schule abholen, nach Hause fahren, unsere fertig gepackten Sachen ins Auto laden und dann zum Flughafen aufbrechen. In einem Restaurant, das wir oft besuchen, aßen mein Mann und ich zu Mittag, tranken einen Tee und stiegen ins Auto.

Alles selbstverständliche, alltägliche Dinge.

Was für ein Glück dieses Selbstverständliche und Alltägliche im Leben ist, wie dankbar ich dafür bin, kann ich mit Worten nicht beschreiben.

Es mag eine banale Feststellung sein, aber Alltag ist etwas Wunderbares und ganz und gar Unersetzliches. Ein buntes, unübersichtliches, sinnloses Gewusel, das kein Ende nimmt. Wer weiß, ob es nicht der eigentliche Sinn unseres Daseins ist, diesen Reichtum schätzen zu lernen und auszukosten?

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ein sehr nahegehender Bericht

Sehr persönlich, vielen Dank dafür.

Ich für meinen Teil würde mit dem Wissen um und der Angst vor der Radioaktivität nicht umgehen können und wäre sofort aus dem Land geflohen, Kosten und Aufgabe von Eigentum wären mir egal gewesen.

Diese uneinschätzbare Gefahr, die Abart sie nicht wahrnehmen zu können, das Dahinsiechen durch Krebs, die Schädigung meines Erbgutes, ich könnt es nicht ertragen.
Mit jeder Meldung über das Versagen der Regierung und des Betreibers würde zudem meine Wut steigen, hätte ich nichts zu verlieren, und das hatten nicht wenige Japaner nach der Katastrophe, wäre ich wohl potentieller Amokläufer.

Nochmals danke für diesen Bericht, auch wenn man sich den wahren Horror, das selbst erleben nur schwer vorstellen und nachfühlen kann.

Eine (allgemein interessierende) Frage (auch) an die Redaktion:

Dürfen wir im Laufe der "Feierlichkeiten" (ein anderes Wort fällt mir nicht ein, pardon) zum Jahrestag des Erdbebens/Tsunamis (und der sich allen daraus ergebenden Sekundärfolgen) damit rechnen, auch Beiträge lesen zu dürfen von Menschen, die sich nicht notwendig "gerne mit Okkultismus beschäftigt" und sich einen rationalen Blick auf die Kernkraft bewahrt haben?

Herzlichst Crest

Von einem rationalen Blick

auf die Kernkraft dürften wir eigentlich erst sprechen, wenn in mehreren Jahrzehnten auch die Langzeitfolgen von Fukushima bekannt sein werden. Auch die Menschen in Tschernobyl sind nicht gleich alle tot umgefallen - aber nach Jahren ist z.B. Schilddrüsenkrebs bei Kindern wesentlich gestiegen und es würde mich nicht wundern, wenn das in einigen Jahren auch in Japan der Fall wäre.

wir dürften es schon heute, verehrte Dame.

(hin und wieder fragte ich mich, was wohl aus Ihnen geworden ist, schön, dass es Sie noch gibt. :-))

Zur Sache:

Im Gegensatz zu Tschernobyl hat es in Fuksuhima eine rechtzeitige Jodprophylaxe gegeben, bzw. einen Verzicht auf den Genuss jodhaltiger Lebensmittel insbes. von Milchprodukten.

Die Belastung der Bevölkerung kann mit hinreichenden Fehlertoleranzen hochgerechnet werden, so dass man schon heute feststellen kann, dass epedimiologisch auch in Zukunft keine Zunahme an Krebserkrankungen festzustellen sein wird.

Zu apodiktisch formuliert?

Nun, dann legen Sie es für sich in 5 Jahren auf Wiedervorlage. (Das ist die typische Latenzzeit für Schilddrüsenkrebs.)

ad Messier51: Meine Kommentare des letzten Jahres hatten - da empfinden Sie korrekt - einen Schwerpunkt im "Kulturkampf" (ein Begriff aus unserer Tageszeitung) um die friedliche Nutzung der Kernenergie. Warum ich das tue? Es gehört zu meiner beruflichen Rolle, die Welt ein wenig zu verbessern (und in dieser Rolle fühle ich mich überdies wohl.)

Eine nähere Betrachtung zeigt aber, dass ich mich auch in anderen "Kulturkämpfen" des letzten Jahres intensiv beteiligt habe, insbesondere wenn es um Fragen des religiösen Glaubens (im engeren Sinne) geht.

Diesen Kampf hier mag ich (in Deutschland) verlieren. Das spielt aber keine Rolle, denn der Standpunkt wird - das bin ich ihm als rationalem Standpunkt schuldig - verteidigt. (Und manchmal heißt es dabei "Don't take (intellectual) prisoners".)

Herzlichst Crest

Medizinische Vorbeugung gegen Inkorporation

"Im Gegensatz zu Tschernobyl hat es in Fuksuhima eine rechtzeitige Jodprophylaxe gegeben, bzw. einen Verzicht auf den Genuss jodhaltiger Lebensmittel insbes. von Milchprodukten."

Nach den von mir gesichteten Unterlagen waren zwar die Vorbereitungen für eine Jodprophylaxe angelaufen, jedoch kam diese nicht zur Anwendung, da die Masse der Bewohner noch vor den Freisetzungen aus der unmittelbaren Gefahrenzone evakuiert worden war.

Cäsium sammelt sich entgegen den routinemäßig verbreiteten Gerüchten nicht dauerhaft im Körper an, sondern wird nach einiger Zeit wieder ausgeschieden. Diese Ausscheidung kann massiv beschleunigt werden, wenn man dem Patienten "Giese-Salz" verabreicht: Ammoniumeisenhexacyanoferrat (AEHCF). Diese billig herzustellende Substanz passiert den Darm, ohne vom Körper aufgenommen zu werden, und bindet dabei chemisch alles vorhandene Cäsium, so daß dieses nicht vom Darm aufgenommen wird. Zuvor bereits aufgenommenes Cäsium wird vom Körper in verschiedene Verdauungssekrete (insbesondere Gallenflüssigkeit) eingebaut und in den Darm geleitet, später aber wieder resorbiert. Giese-Salz unterbricht diese Kette und führt das Cäsium aus dem Körper ab. Die Dissertation der Tierärztin Katja Meinel untersucht dieser Thema.

Es ist wirklich erstaunlich

Manchmal frage ich mich wirklich wie wenig Demut bezahlte Forenguerilla besitzt und wie sie selbst bei den größten Katastrophen immer noch fröhlich ins Horn der Lobbyverbände blasen kann.

Dies wirft auch die Frage auf, wie die Zeit hier zensiert. Bei manchem offensichtlich vor Dummheit und Beleidigungen strotzenden Kommentar ist dies ja offensichtlich, dass es sich bei den bezahlten Inhalten oftmals ebenfalls um das Verbreiten von Dummheiten handelt("Jodprophylaxe" bei Super Gau), die zudem auch noch schwer beleidigend den Opfern gegenüber sind(der Krebs kommt wohl eher vom ungesunden Lebensstil als vom in der Nachbarschaft havarierten Kernkraftwerk), bzw die Fliehenden als feige Hinterwälder abstempelt, sollte hier darüber nachgedacht werden, in Zukunft härter gegen solche Kommentare vorzugehen.

Tja,.

wie sehen Sie das denn, Herr/Frau Redaktion, or to whom it may concern.

Da stecken ja doch einige harte Vorwürfe drin. Und wenn die zuträfen, dann müsste man ohne Zweifel etwas dagegen unternehmen.

Was aber, wenn sie nicht zutreffen, etwa die Behauptung eines "des ungesunden Lebensstils" oder die Behauptung es gäbe hier "feige Hinterwäldlers"?

Irgendeine Idee in diesem Fall? :-)

Herzlichst Crest

Vorwürfe bringen nichts

sondern Aufklärung ist gefragt. Sie werden mir zustimmen.

... und da ist natürlich verwunderlich, dass Sie diesmal nicht den Artikel selbst aufklärerisch berichtigen:

Z.B. zum Zitat:
"Aber wer weiß, ob sich alles nicht doch schneller erholen wird, als wir geglaubt haben."

könnten Sie doch mal erläutern, dass die Erholung durch Halbwertszeiten fesgelegt ist und nicht durch das Prinzip Hoffnung beschleunigt werden kann.