Manche Leserinnen und Leser werden meine Sicht der Dinge vielleicht zu einfach oder auch zu extrem finden, zumindest stellenweise.

Was ich hier schreibe, ist aber die ganz persönliche Ansicht einer etwas eigenwilligen Schriftstellerin und Mutter, die in der Hippiezeit aufgewachsen ist, sich gerne mit Okkultismus beschäftigt, ein kleines Kind hat und seit ihrer Geburt in Tokio lebt.

Nichts liegt mir ferner, als eine bestimmte Weltanschauung verbreiten, jemanden in irgendeiner Weise belehren oder aufklären zu wollen. Es ist durchaus möglich, dass ich mich täusche, denn mir fehlen objektive, verlässliche Informationen, wie man sie in Japan leider nicht bekommt. Es ist mir auch ein großes Anliegen, den vom Unglück betroffenen Menschen in der Tōhoku-Region mein tiefstes Mitgefühl auszusprechen. Ich hoffe von Herzen, dass der Wiederaufbau schnell vorankommt und die Menschen neuen Lebensmut gewinnen. Weil ich das Katastrophengebiet nicht besucht habe, kann ich dazu nicht mehr sagen. Täte ich es dennoch, wäre es anmaßend.

So bitte ich darum, diesen Text als Bericht einer einzelnen Person zu lesen, wie sie das Erdbeben und die Zeit danach in Tokio erlebt hat.

Am 11. März 2011, dem Tag des Unglücks, wollte ich eigentlich nach Okinawa im Süden Japans fliegen. Ich hatte vor, das Konzert eines bekannten Ukulele-Spielers zu besuchen – eine dreitägige Reise zusammen mit meinem acht Jahre alten Sohn und einer meiner Freundinnen. Das Hotel war reserviert, meine Freunde in Okinawa erwarteten mich, alles war vorbereitet.

Ich wollte das Kind von der Schule abholen, nach Hause fahren, unsere fertig gepackten Sachen ins Auto laden und dann zum Flughafen aufbrechen. In einem Restaurant, das wir oft besuchen, aßen mein Mann und ich zu Mittag, tranken einen Tee und stiegen ins Auto.

Alles selbstverständliche, alltägliche Dinge.

Was für ein Glück dieses Selbstverständliche und Alltägliche im Leben ist, wie dankbar ich dafür bin, kann ich mit Worten nicht beschreiben.

Es mag eine banale Feststellung sein, aber Alltag ist etwas Wunderbares und ganz und gar Unersetzliches. Ein buntes, unübersichtliches, sinnloses Gewusel, das kein Ende nimmt. Wer weiß, ob es nicht der eigentliche Sinn unseres Daseins ist, diesen Reichtum schätzen zu lernen und auszukosten?

Ich war wie benommen

Jetzt fühle ich mich als ein Mensch, der dem Tod einmal nahe war und ihm knapp entkommen ist. Was auch immer ich tue – irgendwo ist da eine gewisse Traurigkeit, Unsicherheit. Manchmal fühle ich mich wahnsinnig stark, doch dann denke ich: Wozu das alles? Manchmal bin ich überzeugt, eine lange Zukunft vor mir zu haben, doch dann denke ich: Ach was, wir Menschen sind wie ein Regenbogen – eben noch da und im nächsten Augenblick verschwunden.

Bei einem Erdbeben der Stärke 3 beginnt das Glockenspiel bei uns im Wohnungseingang sich bemerkbar zu machen. Nach dem ersten Schreck merkte ich plötzlich, wie das Klingklang immer lauter wurde.

Was, wenn Tokio während meiner Okinawa-Reise von einem großen Erdbeben heimgesucht wird? Das Kind und ich wären in Sicherheit, aber mein Mann? Wie könnte ich zu ihm kommen? Gäbe es im Notfall auch eine Schiffsverbindung? Allerlei Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, aber mir war klar, dass ich im Ernstfall sofort nach Tokio zurückkehren würde.

Hier ist meine Heimat, hier wurde ich geboren und aufgezogen. Meine betagten Eltern wohnen hier, ebenso meine Arbeitsgefährten. Es ist weder ein Ort, wohin mich das Leben zufälligerweise verschlagen hat, noch ein Ort, von dem ich eines Tages wegziehen möchte. Auch kein Ort, an dem ich mich nur aufhalte, um eine Weile viel Geld zu verdienen. Ich liebe Tokio.

Dieses Gefühl, das mich in dem Moment erfüllte, trägt mich auch jetzt, gibt mir Kraft.

Es geschah, als mein Mann und ich mit dem Auto unterwegs waren.

Das Auto fing auf einmal an zu rutschen. Was ist los, fragten wir uns, und da merkten wir: Es war ein Erdbeben. Im ersten Moment dachte ich: Gut, dass mein Mann bei mir ist. Aber das Kind! – Der Gedanke lähmte mich. Das Auto rutschte wie von Geisterhand bewegt seitlich weg, sogar das Steuerrad entglitt meinem Mann, der den Wagen irgendwie an den Straßenrand lenkte. Auch danach, auf dem Weg zur Schule unseres Kindes, mussten wir immer wieder anhalten.

Ein Ereignis von diesem Ausmaß in meiner Lebenszeit – unfassbar!

Selbst aus großer Entfernung war zu sehen, wie die Antennen auf den Häusern schwankten. Da muss ziemlich was los sein, dachten mein Mann und ich.

Ich dachte auch an Okinawa. Ob es mit der Reise noch klappen würde? Im Innersten ahnte ich, dass ich meine Pläne wohl begraben konnte.

Nicht nur Okinawa – alles würde nicht mehr so sein wie vorher. Ein Ereignis von diesem Ausmaß in meiner Lebenszeit – unfassbar! Das Leben würde von jetzt an ein anderes sein, im Guten wie im Schlechten. Das empfand ich ganz stark und deutlich.

Die Telefonverbindung funktionierte nicht, so versuchte ich per E-Mail und Twitter, mit den mir Nahestehenden Kontakt aufzunehmen. Doch auch E-Mails kamen nicht mehr durch. Ich hatte keine Ahnung, wie es den Leuten in meinem Büro und der Haushaltshilfe bei mir zu Hause ging; ich konnte nur hoffen, dass ihnen nichts passiert war. Ich stellte mir auch vor, was alles in die Brüche gegangen sein könnte, und schauderte.

Die Nachrichten im Radio bestätigten meine Befürchtung. Mit jeder Minute wurde deutlicher, dass es ein sehr starkes Erdbeben gewesen war.

Scharenweise strömten die Menschen aus den Häusern, bildeten Grüppchen und redeten aufgeregt durcheinander. Drinnen musste es beängstigend gewesen sein, sonst wären sie nicht herausgekommen. Mein Kopf fühlte sich eigenartig leer an, ich war wie benommen.

Endlich rannte uns unser Kind entgegen

In solchen Momenten möchte man dieses und jenes viel deutlicher wahrnehmen können, doch es funktioniert nicht. Wahrscheinlich eine Art Selbstschutz, um den Schmerz nicht zu spüren.

Endlich hatten wir es geschafft und waren bei der Schule angekommen. Ich kann meine Erleichterung gar nicht beschreiben, als ich unser Kind sah, wie es uns entgegenrannte. Das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Lehrpersonal, das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber Gott – es war so überwältigend, dass mir fast die Tränen kamen.

Von mir aus konnte zu Hause alles in Scherben liegen. Was war das im Vergleich zum Glücksgefühl, dass wir alle beisammen und wohlauf waren?

Da es andauernd Nachbeben gab, fuhren wir im Schneckentempo nach Hause. Unserer Haushaltshilfe war zum Glück nichts passiert. Gleich nach dem Erdbeben sei unser Freund aus der Nachbarschaft zu ihr geeilt, erzählte sie. Wie froh ich um ihn bin, dachte ich. Er hatte nach dem Beben nicht nur bei uns zu Hause, sondern auch in der Kneipe, wo er jobbte, und in meinem Büro vorbeigeschaut.

Japans Katastrophe - Zeitenwende nach Tsunami und Fukushima Japans Jahrtausendbeben vernichtete hunderttausende Existenzen und führte zum GAU. ZEIT ONLINE-Redakteur S. Stockrahm erzählt im Video von seiner Reise in die Region.

Zu meiner Verwunderung waren lediglich der Teller für den Ofen, ein Porträt meines verstorbenen Großvaters sowie diverse Bilderrahmen mit Fotos unseres geliebten, erst vor Kurzem verstorbenen Hundes in die Brüche gegangen. Bücher waren heruntergefallen und lagen überall herum, aber Scherben gab es sonst keine.

"Dass die nicht runtergefallen sind!", staunte unser Hausmädchen und zeigte auf die Sammlung von Teetöpfen auf dem Fenstersims. Die meisten Töpfe waren umgekippt und lagen teilweise sogar aufeinander. Eine Berührung nur, so sah es aus, und sie würden klirrend zu Boden fallen. "Jetzt gehen die uns noch einfach so kaputt!", sagte ich, und wir lachten. Es war ein herzhaftes, befreites Lachen.

Mein Mann hatte sich mit dem Auto aufgemacht, um aus seinem Büro ein paar Sachen zu holen. Es war unmöglich, ihn telefonisch oder per SMS zu erreichen. Erst nach zehn Uhr abends kam er wieder nach Hause. Er hatte ewig lange im Stau gestanden.

In den Stunden, während ich vergeblich auf ein Lebenszeichen wartete und auch selber versuchte, ihn zu erreichen, wurde mir immer stärker bewusst, wie wahnsinnig wichtig mir meine Familie war. Mag der Mensch sich vornehmen, was er will – sobald die Situation sich ändert, ist es damit nicht mehr weit her. Dennoch dachte ich: Wir sollten noch viel, viel mehr Zeit zusammen verbringen, zusammen mit dem Kind, solange es noch klein ist. Ja, ich möchte mit meinen Lieben kochen und essen, sooft es nur geht!

Alle Leute waren, wie mein Mann erzählte, zu Fuß auf dem weiten Weg nach Hause. Es herrschte eine eigenartig lebhafte, zuweilen sogar ausgelassene Stimmung. Die Menschen wollten heim, egal wie. Ein natürlicher Instinkt. Die Kneipen blieben bis spät in die Nacht hinein geöffnet.

Für das Hausmädchen sowie einen meiner Mitarbeiter aus dem Büro sah es schwierig aus, nach Hause zu kommen. So aßen wir, zusammen mit unserem Freund aus der Nachbarschaft, zu Abend. Die Gegenwart dieser mir so wichtigen Menschen beruhigte mich.

Bei einem Bier versuchte ich wieder und wieder, meine Freunde in Okinawa zu erreichen. Endlich kam die Verbindung zustande. Am anderen Ende der Leitung war die Welt in Ordnung. Ein ruhiger, friedlicher Tag wie immer. Ich beneidete sie, und zugleich kam es mir unwirklich vor. Beim großen Kansai-Erdbeben vor sieben Jahren müssen die Menschen in Kōbe mit dem gleichen Gefühl auf das unversehrte Tokio geschaut haben.

Als die Züge nach und nach wieder fuhren, machten sich meine Freunde auf den Heimweg. Es war ein schönes Beisammensein gewesen, das uns allen viel Kraft gegeben hatte.

"Flieh aus Japan, komm zu uns!"

Doch die Bilder vom Tsunami und von den Atommeilern, die das Fernsehen an jenem Abend zeigte, wurden immer erschreckender. Es war ungeheuerlich. Allein der Gedanke, wie viele Menschen dem Tsunami zum Opfer gefallen sein mochten, ließ mich erstarren. Und mir war auch sofort bewusst, dass ein havariertes Atomkraftwerk je nach Windrichtung furchtbare Konsequenzen haben würde.

Ob es gut war, sich in den Fernsehnachrichten diese Bilder des Schreckens wieder und wieder anzusehen, weiß ich heute nicht.

Was, wenn wir evakuiert werden müssen? Das wird ein Chaos geben. Am besten ist es wohl, nur im Notfall nach draußen zu gehen, dachte ich und holte vorsichtshalber schon mal die Schutzmasken hervor, die wir seit der Grippeepidemie noch reichlich auf Vorrat hatten.

Aus Hawaii, Oregon, Europa trafen erste E-Mails ein: "Flieh aus Japan, komm zu uns!" Auch warnte man mich davor, dass grüner Tee, Meeresalgen und Misosuppe besonders anfällig für radioaktive Verstrahlung sind.

Megabeben in Japan - Satellitenbilder zeigen Tsunami-Verwüstungen

Die Telefonleitung zu meinen Eltern und meiner Schwester blieb die ganze Nacht stumm. Bei Tagesanbruch gelang es uns, mit dem allein lebenden Vater meines Mannes Kontakt aufzunehmen. Da er näher zur Tōhoku-Region hin wohnte, hatten wir uns Sorgen gemacht. Doch am Telefon sagte er: "Nein, bei mir ist alles in Ordnung. Ich bin gerade am Aufräumen..."

Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind anders. Mein Schwiegervater war am Leben, es ging ihm gut. Ich war sprachlos und zugleich so erleichtert, dass mir die Tränen kamen. Wir wissen ja nie, wenn es plötzlich zu spät ist und wir jemanden nicht mehr sehen können. Wie sehr ich meinen Schwiegervater mochte, wie viel er mir bedeutete, wurde mir in diesem Moment einmal mehr bewusst.

Die Freundin, mit der ich nach Okinawa fahren wollte, hatte nicht heimkehren können, weil sie zu weit entfernt wohnte. So übernachtete sie in ihrer Firma. Ich holte sie am Morgen dort ab und brachte sie zu mir nach Hause. Ich bot ihr an, am Abend bei uns zu schlafen. Dann gingen wir zusammen mittagessen, bei einem Italiener in meinem Quartier. Wieder zu Hause, machte ich für sie das Bad bereit. Sie genoss es ausgiebig.

Neben meiner Freundin waren auch unsere altvertraute Kinderbetreuerin und das Hausmädchen da. Wie es in Notsituationen üblich ist, herrschte reger Betrieb bei uns. Es war eine eigenartige Stimmung. So verbrachten wir den restlichen Tag vor dem Fernseher, gebannt die Nachrichten verfolgend, machten zwischendurch Stretchübungen oder mal ein Nickerchen. Obwohl es, von außen betrachtet, ein gewöhnlicher Samstag war, der 12. März 2011, war doch alles ganz anders und würde nie mehr so werden wie früher – dieses Gefühl hatte sich nicht geändert.

Nachdem ich am Sonntagmorgen die Freundin verabschiedet hatte, besuchte ich meine Eltern. Sie schliefen tief und fest, und meine Schwester hatte die Fenster geöffnet – als wäre nichts passiert. Mir wurde mulmig bei dem Anblick, aber zugleich kamen mir meine Schutzmaske und das rigorose Verschließen der Fenster ein wenig albern vor. Auch mein Kind trug eine Maske. Obwohl es sicher lästig war, bestand ich darauf. Ich wollte zu jenem Zeitpunkt nichts riskieren.

Es gab Leute, die hysterisch reagierten und Streit anfingen

Meine Informationsquellen waren im Wesentlichen ein Blog namens Isehakusandō1 sowie die Website Takedanet2. Twittermeldungen, die sich explosionsartig vermehrten, mied ich, um nicht selber konfus zu werden. Die Anfragen meiner Leserinnen und Leser – darunter auch welche aus der Region Tōhoku, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren hatten – beantwortete ich allesamt. Mehr als das konnte ich im Moment nicht für sie tun.

Die Bedienungen in den Geschäften, Restaurants und Cafés waren auf einmal etwas freundlicher als sonst, und auch auf der Straße machte alles einen lebendigeren Eindruck. Als freuten sich die Menschen, dass sie noch am Leben waren. Als sei ihnen auf einmal bewusst geworden, wie wichtig Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für das Zusammenleben sind. Es gab auch Leute, die hysterisch reagierten oder einen Streit anzettelten, aber in meiner Umgebung blieben alle vergleichsweise ruhig und gelassen.

Die Menschen in Tokio schauten einander mit warmen Blicken an, stellte ich fest. Es fühlte sich an, als wolle jeder Einzelne zum Ausdruck bringen: "Wie schön, dass wir noch einmal davongekommen sind, dass wir uns hier sehen können!" Doch viele Restaurants waren gespenstisch leer. Wohl auch ein Grund, warum die Wirte ihren Gästen so dankbar waren und sie mit großer Herzlichkeit empfingen. Ich aß sogar extra im Restaurant eines Bekannten, zu dem fast keine Gäste mehr kamen, um ihm ein bisschen Mut zu machen. War es früher nicht ähnlich gewesen, dachte ich.

Jedes Mal, wenn wir nach Hause kamen, zogen wir uns sofort um, rieben mit einem Lappen exponierte Körperstellen ab und wuschen die Kleider. Die Schutzmasken deponierten wir am Eingang. Mehrmals am Tag wischten wir den Boden feucht.

Dass jener Freund aus der Nachbarschaft, der nach dem Erdbeben sofort bei uns vorbeigeschaut hatte, ein richtiger Überlebenskünstler war, hatte ich früher schon geahnt, aber als plötzlich gewisse Dinge wie Reis, Eier oder Benzin nicht mehr zu kaufen waren, bestätigte sich mein Eindruck von Neuem.

Aus Angst, eine Zeit lang das Haus nicht mehr verlassen zu können, hatten sich alle mit Vorräten eingedeckt, und viele Lebensmittel und Hilfsgüter waren in die Tōhoku-Region geschickt worden, wo sie dringend benötigt wurden.

Ein wiederkehrender, merkwürdiger Traum

Obwohl die Menschen in Tokio glimpflich davongekommen waren, gab es in den Supermärkten ein Gerangel um heiß begehrte Waren. Panik brach zwar keine aus, aber dennoch waren es unschöne, befremdliche Szenen, die sich mir boten. Ich versuchte, einen Bogen um die Hamsterer zu machen, und kaufte in der Regel nur Wein, Käse und Rosinen.

Der Freund hatte angeboten, uns zu helfen, solange wir mit dem Auto fahren könnten. Das allmählich zur Neige gehende Benzin und die Frage, wann und wo es möglich sein würde, an neuen Sprit zu kommen, schien ihn nicht groß zu kümmern. Als wir nach einer unserer Einkaufsfahrten auf dem Heimweg waren, sagte er plötzlich: "Da fuhr gerade ein Kleinlaster mit ’ner Ladung zur Tanke!" Kurz entschlossen wendete er den Wagen und fuhr zu jener Tankstelle. Tatsächlich war ein Tankwart bereits mit den Vorbereitungen zum Nachfüllen beschäftigt. Wir kamen als Erste dran, und als wir fertig waren, hatte sich hinter uns eine lange Warteschlange gebildet. Nur wenige Stunden später soll das Benzin ausverkauft gewesen sein. Hätte unser Freund damals nicht sofort reagiert, wären wir einige Tage lang nicht mehr mobil gewesen.

Er sagte: "Wenn evakuiert wird, dann gehen zuerst die Leute, die ursprünglich nicht aus Tokio sind oder für ihre Arbeit nicht unbedingt in Tokio sein müssen. Und natürlich diejenigen, die aus irgendeinem Grund sowieso nicht in Tokio bleiben wollten."

Er ist nicht der Typ, der wie verrückt arbeiten und Geld verdienen will. Er liebt es vielmehr, in der Stadt herumzustreifen und die Leute zu beobachten, ein sympathischer Eigenbrötler, der gesellschaftlich gesehen zu den "Schwachen" gehört; aber überall in der Welt hat er Freunde, er weiß, wie man an verlässliche Informationen kommt, und sein Gespür und sein Urteilsvermögen in kritischen Situationen sind erstaunlich. So wusste er, als das Mobilfunknetz zusammenbrach, wo gerade eine öffentliche Telefonzelle frei war, stets blieb er entspannt und wusste genau, was zu tun und was zu lassen war. Beeindruckt war ich auch, als ein Freund aus Indien ihn anrief und er in fließendem Englisch die aktuelle Lage schilderte. Er erschien mir wie ein Fels in der Brandung.

Durch den Ausfall verschiedener Atomkraftwerke musste der Strom rationiert werden. Vom 15. März an wurde in Tokio der Strom je nach Bezirk nach einem festgelegten Zeitplan für mehrere Stunden abgestellt, sodass die Menschen oft in dunklen, kalten Häusern saßen.

Wenn es Strom gab, heizten wir nicht mit der Klimaanlage – weil sonst Außenluft in die Zimmer geblasen worden wäre –, sondern benutzten nur einen kleinen Ofen und öffneten nach wie vor die Fenster nicht. Im Nachhinein gesehen, wäre so viel Vorsicht vielleicht nicht nötig gewesen.

Ein Freund hortete zu Hause einen ganzen Berg Butter

Doch die Ungewissheit der Situation und die fortwährende nervliche Anspannung waren nicht leicht zu ertragen. Eines Abends, als uns alles zu viel wurde, trommelten wir ein paar Leute aus der Nachbarschaft zusammen und brieten im Schein von Kerzenlicht Fleischhäppchen und aßen Brot dazu. Jemand erzählte, dass unser Freund, der Überlebenskünstler, aus irgendeinem Grund nur Butter horte, einen ganzen Berg davon! Worauf wir in schallendes Gelächter ausbrachen.

Darüber habe ich später einen Essay geschrieben und ihn anlässlich der Verleihung des italienischen Literaturpreises Capri Award im Juli 2011 vorgetragen. Es war ein seltsames Gefühl, an einem zauberhaften sonnigen Spätnachmittag auf der Insel Capri jenen kalten, düsteren Abend in Tokio wiederauferstehen zu lassen. Seltsam schön, so wie das Leben eben ist.

Seither habe ich immer wieder einen merkwürdigen Traum.

Da stehen mehrere schwarze Kästen nebeneinander, wobei vor allem der zweite Kasten in schwarzen Nebel gehüllt ist. Auf diese Szenerie schaue ich jedes Mal von weit oben herab.

Zuerst dachte ich: Ein Friedhof? Aber dann wurde mir klar: Es ist ein Atomkraftwerk. In meinem Traum sehe ich sozusagen, wie Fukushima mit dem Tod ringt. Ich kann nur hoffen, also hoffe ich, inständig.

Bezüglich der Atomkraft kann ich jetzt nicht groß den Mund aufmachen, denn der Strom aus Fukushima war für uns in Tokio ja ein Segen gewesen. Doch selbst wenn die Kernkraft von der Technik her zu hundert Prozent beherrschbar wäre – der Betrieb einer solchen Anlage ist es jedenfalls nicht. Die Risiken sind unkalkulierbar, einerseits weil vor Ort offenbar willkürliche Entscheidungen getroffen werden, andererseits weil Interessen verschiedener mächtiger Parteien im Spiel sind. Das heißt, im heutigen Japan ist die Sicherheit von Atomkraftwerken nicht gewährleistet. Das ist mir erst durch die Katastrophe wirklich bewusst geworden. Deshalb sollten, wie schwierig es auch sein möge, alternative Energien die Atomenergie ersetzen und die noch in Betrieb befindlichen AKWs erst sicherer gemacht und dann nach und nach stillgelegt werden.

Eine Situation wie im Film

Meine Schriftstellerkollegin Randy Taguchi hat mir erzählt, wie sehr die in Tschernobyl zurückgebliebenen Menschen, vor allem alte, an ihrer Heimat hängen und dass das Ackerland sich in ihrer Obhut – weil keinerlei Pestizide versprüht werden – ironischerweise zu einem der saubersten Flecken der Erde zurückverwandeln wird. Sie hat diesen Ort mehrmals besucht und sich dessen vergewissert. Ich hoffe sehr, dass auch in Japan die verseuchten Gebiete eines Tages wieder gesunden. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich glaube, dass wir Menschen die Fähigkeit der Natur unterschätzen, sich zu regenerieren; man denke zum Beispiel nur an Schadstoffe, die gefiltert beziehungsweise umgewandelt werden, oder an die ungeheure Zersetzungskraft von Bakterien.

Sicher, eine Zeit lang müssen wir mit vielem leben, was stark radioaktiv verseucht ist: mit Fischen, Muscheln, Meeresalgen, Gemüse, dem Erdreich an der Oberfläche, gefallenen Blättern, den Vordächern und Außenwänden der Häuser, Trümmern. Aber wer weiß, ob sich alles nicht doch schneller erholen wird, als wir geglaubt haben.

Als Mutter mache ich mir natürlich besondere Sorgen um mein Kind. Wir haben zu Hause einen Wasserfilter installiert, außerdem achte ich darauf, nur Gemüse und Eier zu kaufen, die nicht radioaktiv belastet sind. Das ist mir wichtig, viel mehr kann ich aber nicht tun. Wir versuchen einfach, ein möglichst normales Leben zu führen.

Ich bin ein Fan guter Horrorfilme. Mein Lieblingsstreifen ist der in den siebziger Jahren von Romero und Argento produzierte Film Dawn of the Dead 3.

Durch mysteriöse Strahlung aus dem All werden Tote wieder lebendig und fallen über die Menschen her. Sobald diese von einem Zombie gebissen werden, verwandeln sie sich ebenfalls in Zombies. Um sie endgültig zu töten, gibt es nur ein Mittel: ihr Gehirn zu zerstören. Zunächst gelingt es mithilfe von Armeegewalt und Bürgerwehren, die Menschheit vor der Ausrottung zu retten, doch die Zombies werden immer mehr.

Hauptpersonen des Films sind ein Schwarzer und sein weißer Freund, beide ehemalige Polizisten einer Spezialeinheit, sowie ein Reporter und dessen schwangere Freundin, die beim selben Fernsehsender arbeiten und auch einen Hubschrauber fliegen können.

Auf ihrer Flucht vor den Zombies verbarrikadieren sie sich in einem riesigen Einkaufszentrum und beginnen dort ein abgeschottetes Leben in Saus und Braus. Der Film ist in einer Zeit wirtschaftlichen Wachstums entstanden. Zwar hat der Vietnamkrieg die amerikanische Gesellschaft tief verunsichert, aber es herrscht materieller Überfluss, und die Menschen kümmern sich vor allem um ihr eigenes Wohlergehen.

In der Welt draußen haben sich die Zombies rasant vermehrt, es ist unmöglich, das Gebäude zu verlassen. Obwohl das Gefühl des Eingesperrtseins immer unerträglicher wird, versuchen die Protagonisten mit der Situation klarzukommen – bis eines Tages eine marodierende Rockerbande in ihr Revier eindringt.

Am Ende leben nur noch der Schwarze – damals waren Schwarze noch viel häufiger Opfer von Diskriminierung als heute – und die Schwangere. Mit anderen Worten: schwache, verletzliche Menschen.

Der Schwarze, der seinen Freund verloren hat, sieht keine Zukunft mehr und will sich umbringen. Von Zombies umzingelt, hält er sich den Lauf seiner Pistole an den Kopf. Aber plötzlich packt ihn wieder der Überlebenswille, und er schießt nicht sich, sondern einem Zombie in den Kopf. Er schüttelt alle anderen Zombies ab, steigt aufs Dach und rennt zum Helikopter, den die Schwangere bereits gestartet hat. Der Helikopter hebt ab und fliegt davon. Auf die Frage, wie viel Treibstoff denn noch im Tank sei, antwortet sie: "Nicht viel." Darauf er: "Na gut." Das klingt weder resigniert noch besonders optimistisch, aber mit diesen Worten gibt er uns zu verstehen: Solange wir leben, ist noch nicht alles verloren.

Als ich diesen Film zum ersten Mal sah, besuchte ich noch die Grundschule und war so beeindruckt, dass sich meine Sicht auf die Welt veränderte. Ein geliebter Verstorbener wird wieder lebendig, ohne ein Mensch zu sein. Mit gefühllosem Blick – wie ein Hai – kommt er auf dich zu und will dich fressen. Um das eigene Leben zu retten, bleibt dir nichts anderes übrig, als diesem einst geliebten Menschen mitten in den Kopf zu schießen.

Ist in einer solchen extremen Welt gegenseitige Achtung und Menschenwürde überhaupt noch möglich? Diese Frage ist, denke ich, das eigentliche Thema des Films, und er gibt darauf eine klare Antwort: Ja, es ist möglich, dass der Mensch bis zum bitteren Ende nicht zum Monster wird und seine Würde bewahrt.

Im Film wiederholen sich die Nachrichten von der Welt draußen ununterbrochen. Die Fernsehmoderatoren, die ihr Studio nicht mehr verlassen, berichten über die immergleichen furchtbaren Ereignisse und führen sinnlose Diskussionen.

Schon kurz nach der Erdbebenkatastrophe wurden im japanischen Fernsehen genau wie im Film ununterbrochen sich ähnelnde Bilder gezeigt und kommentiert, immer wieder der furchtbare Tsunami, immer wieder das havarierte Atomkraftwerk. Ich erschrak. Ich dachte: Genau so eine Situation wie im Film erlebe ich jetzt.

In diesem einen Jahr seit dem Erdbeben bin ich vielen Menschen begegnet, die jeglichen Glauben an die Zukunft verloren und resigniert haben. Wenn Menschen sich entscheiden, an einem neuen Ort ein neues Leben anzufangen, haben sie wenigstens noch Hoffnung. Ich treffe auf Menschen, die sich mit ausdrucksloser Miene durch den Alltag bewegen; Menschen, die plötzlich ausrasten und mit wildfremden Leuten zu streiten anfangen; die nicht mehr aus dem Haus gehen; die nur noch an radioaktive Strahlung und ihre Folgen denken können – solche Menschen gibt es viele.

Mütter mit Geigerzählern in der Sandkiste

Wenn ich im Park spazieren gehe, sehe ich Mütter, wie sie mit geliehenen Geigerzählern die Radioaktivität in der Sandkiste und im Boden messen. "Hier ist es okay. Diese Gegend scheint ziemlich sicher zu sein, nicht wahr?" So reden die Mütter miteinander, als ginge es ums Wetter. Und ich denke: Das Leben nicht aufgeben, weiterkämpfen! Wie die Helden im Film.

Es gibt auch viele wunderbare Menschen. Menschen, die helfen, wo sie nur können; Menschen, denen man vertrauen kann; Menschen, die trotz des Verlusts ihrer Familie ihren Lebensmut nicht verloren haben.

Meinem Gefühl nach gibt es zwei deutlich unterscheidbare Verhaltensweisen in Tokio: Für die einen war die Katastrophe ein Anlass, das eigene Leben zu überdenken; sie sind netter, offener, zugänglicher geworden. Anderen sitzt der Schreck noch immer in den Knochen: Sie haben sich eingeigelt, wirken abweisend und wie erstarrt.

Ich aber will in dieser Stadt leben und schreiben. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Tokio sich wieder normalisiert, dass Japan ein schönes, friedliches, Natur und Umwelt schützendes Land wird, dass die Menschen wieder lernen, etwas bescheidener zu leben. Und so wie man mir Mut macht, will auch ich den Mitmenschen Mut machen und meiner geliebten Heimat treu bleiben.

Auch wenn jeder anders damit umgeht, besteht kein Zweifel, dass die meisten Japaner sich wegen der radioaktiven Verseuchung Sorgen machen. Sie haben allen Grund dazu. Da die Zahlenwerte je nach Ort der Messung immer noch sehr hoch sind, ist es wichtig, zum Beispiel das Gemüse gut zu waschen, unbelastetes Wasser zu trinken und die veröffentlichten Messdaten im Auge zu behalten.

Ich trage immer ein Gerät bei mir, das meine Strahlenbelastung kumulativ über ein ganzes Jahr anzeigt. Und wenn ich im Internet sehe, dass die Strahlenbelastung besonders hoch ist, gehe ich nur mit Schutzmaske aus dem Haus.

Übervorsichtig, ja verängstigt jeden Tag mit einer Maske herumzulaufen erscheint mir allerdings genauso fragwürdig, wie leichtsinnig in den Tag hinein zu leben und zu sagen: "Ist doch alles Quatsch!" Man muss sich zwar der Gefahren bewusst sein und gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen, zugleich aber versuchen, mit den Gedanken und Gefühlen nicht daran hängen zu bleiben, den Kopf frei zu machen.

Atomkraft ist sicher nicht wünschenswert, und ich finde es wichtig, dass andere Energien genutzt werden, doch das Problem ist: Die Regierung zaudert und zögert und ist außerdem heillos mit der Industrie verbandelt. Andererseits ist mir auch ein Teil der Anti-AKW-Bewegung suspekt, da er zu aggressiv und rüpelhaft auftritt. Mir kommt es so vor, als seien durch die AKW-Debatte alle negativen, fragwürdigen Seiten von Japan auf einen Schlag sichtbar geworden, für alle. Ich empfinde die Situation derzeit als verfahren und fast hoffnungslos.

Die einzige Hoffnung sind für mich jene Menschen in Fukushima, die ihre Heimat nicht aufgeben wollen und der Regierung klipp und klar sagen, was sie denken; außerdem die Wissenschaftler, die sich um die Erforschung alternativer Energien bemühen und alles versuchen, um die radioaktive Strahlung einzudämmen.

Unser neuer Hund wurde nach dem März 2011 geboren. Er kommt aus Saitama und hat sicher eine große Dosis Radioaktivität abgekriegt. Die Muttermilch, das Futter, der Boden – alles wird viel stärker radioaktiv belastet gewesen sein als vor der Katastrophe. So mische ich dem Hund Seetang, Pilze und Bierhefe ins Futter, weil das den Abbau schädlicher Stoffe fördern soll. Das ist die Aufgabe einer Mutter. Bei meinem Kind mache ich es genauso. Ich will, dass sie beide gesund aufwachsen und stark werden.

Nach der Katastrophe gab ich mir alle Mühe, nach vorne zu schauen, jeden Tag mit frischem Elan anzugehen. Es gelang mir nicht schlecht, doch gegen den kleinen Hund, gerade mal ein paar Monate auf der Welt, hatte ich keine Chance.

Endlich waren die Impfungen überstanden, und ich durfte mit ihm rausgehen. Es war Herbst, der Himmel hoch und blau, ein kühles Lüftchen wehte – das ideale Wetter für stundenlange Spaziergänge.

Der Hund sprang so ungestüm herum, dass er sich dauernd in seiner Leine verfing, und bellte lauthals. Ein flatternder Schmetterling, Blätter im Wind, Autos, andere Hunde, alte Männer, Kinderwagen – alles erregte seine Aufmerksamkeit, und wenn er zu mir aufblickte, funkelten seine Augen. Hey, ein Riesenspaß! Warum ist die Welt nur so aufregend und schön? Nie hätte ich geglaubt, dass es so was Tolles gibt. Was für ein Glück, geboren zu sein! Aus seinen Augen sprach unbändige, überschwängliche Lebensfreude. Und auf einmal spürte ich, dass ich großen Respekt für dieses kleine Lebewesen empfand.

Die Schönheit dieser Welt ist nicht dahingegangen. Sich vor den Gefahren schützen oder aber die Schönheit der Welt preisen – das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Liebe Welt, es tut mir leid. Sieh nur, ich freue mich auch, da zu sein, so viel Schönes erleben und den heutigen Tag genießen zu dürfen, wirklich!

Wir beide, der Hund und ich, schauten zum Himmel. Meine Augen leuchteten. Irgendwo weit oben, stellte ich mir vor, wird schon jemand sein, der meine unhörbaren Worte erhört.

Aus dem Japanischen von THOMAS EGGENBERG