Doch die Bilder vom Tsunami und von den Atommeilern, die das Fernsehen an jenem Abend zeigte, wurden immer erschreckender. Es war ungeheuerlich. Allein der Gedanke, wie viele Menschen dem Tsunami zum Opfer gefallen sein mochten, ließ mich erstarren. Und mir war auch sofort bewusst, dass ein havariertes Atomkraftwerk je nach Windrichtung furchtbare Konsequenzen haben würde.

Ob es gut war, sich in den Fernsehnachrichten diese Bilder des Schreckens wieder und wieder anzusehen, weiß ich heute nicht.

Was, wenn wir evakuiert werden müssen? Das wird ein Chaos geben. Am besten ist es wohl, nur im Notfall nach draußen zu gehen, dachte ich und holte vorsichtshalber schon mal die Schutzmasken hervor, die wir seit der Grippeepidemie noch reichlich auf Vorrat hatten.

Aus Hawaii, Oregon, Europa trafen erste E-Mails ein: "Flieh aus Japan, komm zu uns!" Auch warnte man mich davor, dass grüner Tee, Meeresalgen und Misosuppe besonders anfällig für radioaktive Verstrahlung sind.

Megabeben in Japan - Satellitenbilder zeigen Tsunami-Verwüstungen

Die Telefonleitung zu meinen Eltern und meiner Schwester blieb die ganze Nacht stumm. Bei Tagesanbruch gelang es uns, mit dem allein lebenden Vater meines Mannes Kontakt aufzunehmen. Da er näher zur Tōhoku-Region hin wohnte, hatten wir uns Sorgen gemacht. Doch am Telefon sagte er: "Nein, bei mir ist alles in Ordnung. Ich bin gerade am Aufräumen..."

Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind anders. Mein Schwiegervater war am Leben, es ging ihm gut. Ich war sprachlos und zugleich so erleichtert, dass mir die Tränen kamen. Wir wissen ja nie, wenn es plötzlich zu spät ist und wir jemanden nicht mehr sehen können. Wie sehr ich meinen Schwiegervater mochte, wie viel er mir bedeutete, wurde mir in diesem Moment einmal mehr bewusst.

Die Freundin, mit der ich nach Okinawa fahren wollte, hatte nicht heimkehren können, weil sie zu weit entfernt wohnte. So übernachtete sie in ihrer Firma. Ich holte sie am Morgen dort ab und brachte sie zu mir nach Hause. Ich bot ihr an, am Abend bei uns zu schlafen. Dann gingen wir zusammen mittagessen, bei einem Italiener in meinem Quartier. Wieder zu Hause, machte ich für sie das Bad bereit. Sie genoss es ausgiebig.

Neben meiner Freundin waren auch unsere altvertraute Kinderbetreuerin und das Hausmädchen da. Wie es in Notsituationen üblich ist, herrschte reger Betrieb bei uns. Es war eine eigenartige Stimmung. So verbrachten wir den restlichen Tag vor dem Fernseher, gebannt die Nachrichten verfolgend, machten zwischendurch Stretchübungen oder mal ein Nickerchen. Obwohl es, von außen betrachtet, ein gewöhnlicher Samstag war, der 12. März 2011, war doch alles ganz anders und würde nie mehr so werden wie früher – dieses Gefühl hatte sich nicht geändert.

Nachdem ich am Sonntagmorgen die Freundin verabschiedet hatte, besuchte ich meine Eltern. Sie schliefen tief und fest, und meine Schwester hatte die Fenster geöffnet – als wäre nichts passiert. Mir wurde mulmig bei dem Anblick, aber zugleich kamen mir meine Schutzmaske und das rigorose Verschließen der Fenster ein wenig albern vor. Auch mein Kind trug eine Maske. Obwohl es sicher lästig war, bestand ich darauf. Ich wollte zu jenem Zeitpunkt nichts riskieren.

Es gab Leute, die hysterisch reagierten und Streit anfingen

Meine Informationsquellen waren im Wesentlichen ein Blog namens Isehakusandō1 sowie die Website Takedanet2. Twittermeldungen, die sich explosionsartig vermehrten, mied ich, um nicht selber konfus zu werden. Die Anfragen meiner Leserinnen und Leser – darunter auch welche aus der Region Tōhoku, die durch die Katastrophe ihr Hab und Gut verloren hatten – beantwortete ich allesamt. Mehr als das konnte ich im Moment nicht für sie tun.

Die Bedienungen in den Geschäften, Restaurants und Cafés waren auf einmal etwas freundlicher als sonst, und auch auf der Straße machte alles einen lebendigeren Eindruck. Als freuten sich die Menschen, dass sie noch am Leben waren. Als sei ihnen auf einmal bewusst geworden, wie wichtig Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für das Zusammenleben sind. Es gab auch Leute, die hysterisch reagierten oder einen Streit anzettelten, aber in meiner Umgebung blieben alle vergleichsweise ruhig und gelassen.

Die Menschen in Tokio schauten einander mit warmen Blicken an, stellte ich fest. Es fühlte sich an, als wolle jeder Einzelne zum Ausdruck bringen: "Wie schön, dass wir noch einmal davongekommen sind, dass wir uns hier sehen können!" Doch viele Restaurants waren gespenstisch leer. Wohl auch ein Grund, warum die Wirte ihren Gästen so dankbar waren und sie mit großer Herzlichkeit empfingen. Ich aß sogar extra im Restaurant eines Bekannten, zu dem fast keine Gäste mehr kamen, um ihm ein bisschen Mut zu machen. War es früher nicht ähnlich gewesen, dachte ich.

Jedes Mal, wenn wir nach Hause kamen, zogen wir uns sofort um, rieben mit einem Lappen exponierte Körperstellen ab und wuschen die Kleider. Die Schutzmasken deponierten wir am Eingang. Mehrmals am Tag wischten wir den Boden feucht.

Dass jener Freund aus der Nachbarschaft, der nach dem Erdbeben sofort bei uns vorbeigeschaut hatte, ein richtiger Überlebenskünstler war, hatte ich früher schon geahnt, aber als plötzlich gewisse Dinge wie Reis, Eier oder Benzin nicht mehr zu kaufen waren, bestätigte sich mein Eindruck von Neuem.

Aus Angst, eine Zeit lang das Haus nicht mehr verlassen zu können, hatten sich alle mit Vorräten eingedeckt, und viele Lebensmittel und Hilfsgüter waren in die Tōhoku-Region geschickt worden, wo sie dringend benötigt wurden.