Katastrophe in Japan : Mein Leben nach Fukushima
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Eine Situation wie im Film

Meine Schriftstellerkollegin Randy Taguchi hat mir erzählt, wie sehr die in Tschernobyl zurückgebliebenen Menschen, vor allem alte, an ihrer Heimat hängen und dass das Ackerland sich in ihrer Obhut – weil keinerlei Pestizide versprüht werden – ironischerweise zu einem der saubersten Flecken der Erde zurückverwandeln wird. Sie hat diesen Ort mehrmals besucht und sich dessen vergewissert. Ich hoffe sehr, dass auch in Japan die verseuchten Gebiete eines Tages wieder gesunden. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich glaube, dass wir Menschen die Fähigkeit der Natur unterschätzen, sich zu regenerieren; man denke zum Beispiel nur an Schadstoffe, die gefiltert beziehungsweise umgewandelt werden, oder an die ungeheure Zersetzungskraft von Bakterien.

Sicher, eine Zeit lang müssen wir mit vielem leben, was stark radioaktiv verseucht ist: mit Fischen, Muscheln, Meeresalgen, Gemüse, dem Erdreich an der Oberfläche, gefallenen Blättern, den Vordächern und Außenwänden der Häuser, Trümmern. Aber wer weiß, ob sich alles nicht doch schneller erholen wird, als wir geglaubt haben.

Als Mutter mache ich mir natürlich besondere Sorgen um mein Kind. Wir haben zu Hause einen Wasserfilter installiert, außerdem achte ich darauf, nur Gemüse und Eier zu kaufen, die nicht radioaktiv belastet sind. Das ist mir wichtig, viel mehr kann ich aber nicht tun. Wir versuchen einfach, ein möglichst normales Leben zu führen.

Ich bin ein Fan guter Horrorfilme. Mein Lieblingsstreifen ist der in den siebziger Jahren von Romero und Argento produzierte Film Dawn of the Dead 3.

Durch mysteriöse Strahlung aus dem All werden Tote wieder lebendig und fallen über die Menschen her. Sobald diese von einem Zombie gebissen werden, verwandeln sie sich ebenfalls in Zombies. Um sie endgültig zu töten, gibt es nur ein Mittel: ihr Gehirn zu zerstören. Zunächst gelingt es mithilfe von Armeegewalt und Bürgerwehren, die Menschheit vor der Ausrottung zu retten, doch die Zombies werden immer mehr.

Hauptpersonen des Films sind ein Schwarzer und sein weißer Freund, beide ehemalige Polizisten einer Spezialeinheit, sowie ein Reporter und dessen schwangere Freundin, die beim selben Fernsehsender arbeiten und auch einen Hubschrauber fliegen können.

Auf ihrer Flucht vor den Zombies verbarrikadieren sie sich in einem riesigen Einkaufszentrum und beginnen dort ein abgeschottetes Leben in Saus und Braus. Der Film ist in einer Zeit wirtschaftlichen Wachstums entstanden. Zwar hat der Vietnamkrieg die amerikanische Gesellschaft tief verunsichert, aber es herrscht materieller Überfluss, und die Menschen kümmern sich vor allem um ihr eigenes Wohlergehen.

In der Welt draußen haben sich die Zombies rasant vermehrt, es ist unmöglich, das Gebäude zu verlassen. Obwohl das Gefühl des Eingesperrtseins immer unerträglicher wird, versuchen die Protagonisten mit der Situation klarzukommen – bis eines Tages eine marodierende Rockerbande in ihr Revier eindringt.

Am Ende leben nur noch der Schwarze – damals waren Schwarze noch viel häufiger Opfer von Diskriminierung als heute – und die Schwangere. Mit anderen Worten: schwache, verletzliche Menschen.

Der Schwarze, der seinen Freund verloren hat, sieht keine Zukunft mehr und will sich umbringen. Von Zombies umzingelt, hält er sich den Lauf seiner Pistole an den Kopf. Aber plötzlich packt ihn wieder der Überlebenswille, und er schießt nicht sich, sondern einem Zombie in den Kopf. Er schüttelt alle anderen Zombies ab, steigt aufs Dach und rennt zum Helikopter, den die Schwangere bereits gestartet hat. Der Helikopter hebt ab und fliegt davon. Auf die Frage, wie viel Treibstoff denn noch im Tank sei, antwortet sie: "Nicht viel." Darauf er: "Na gut." Das klingt weder resigniert noch besonders optimistisch, aber mit diesen Worten gibt er uns zu verstehen: Solange wir leben, ist noch nicht alles verloren.

Als ich diesen Film zum ersten Mal sah, besuchte ich noch die Grundschule und war so beeindruckt, dass sich meine Sicht auf die Welt veränderte. Ein geliebter Verstorbener wird wieder lebendig, ohne ein Mensch zu sein. Mit gefühllosem Blick – wie ein Hai – kommt er auf dich zu und will dich fressen. Um das eigene Leben zu retten, bleibt dir nichts anderes übrig, als diesem einst geliebten Menschen mitten in den Kopf zu schießen.

Ist in einer solchen extremen Welt gegenseitige Achtung und Menschenwürde überhaupt noch möglich? Diese Frage ist, denke ich, das eigentliche Thema des Films, und er gibt darauf eine klare Antwort: Ja, es ist möglich, dass der Mensch bis zum bitteren Ende nicht zum Monster wird und seine Würde bewahrt.

Im Film wiederholen sich die Nachrichten von der Welt draußen ununterbrochen. Die Fernsehmoderatoren, die ihr Studio nicht mehr verlassen, berichten über die immergleichen furchtbaren Ereignisse und führen sinnlose Diskussionen.

Schon kurz nach der Erdbebenkatastrophe wurden im japanischen Fernsehen genau wie im Film ununterbrochen sich ähnelnde Bilder gezeigt und kommentiert, immer wieder der furchtbare Tsunami, immer wieder das havarierte Atomkraftwerk. Ich erschrak. Ich dachte: Genau so eine Situation wie im Film erlebe ich jetzt.

In diesem einen Jahr seit dem Erdbeben bin ich vielen Menschen begegnet, die jeglichen Glauben an die Zukunft verloren und resigniert haben. Wenn Menschen sich entscheiden, an einem neuen Ort ein neues Leben anzufangen, haben sie wenigstens noch Hoffnung. Ich treffe auf Menschen, die sich mit ausdrucksloser Miene durch den Alltag bewegen; Menschen, die plötzlich ausrasten und mit wildfremden Leuten zu streiten anfangen; die nicht mehr aus dem Haus gehen; die nur noch an radioaktive Strahlung und ihre Folgen denken können – solche Menschen gibt es viele.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ein sehr nahegehender Bericht

Sehr persönlich, vielen Dank dafür.

Ich für meinen Teil würde mit dem Wissen um und der Angst vor der Radioaktivität nicht umgehen können und wäre sofort aus dem Land geflohen, Kosten und Aufgabe von Eigentum wären mir egal gewesen.

Diese uneinschätzbare Gefahr, die Abart sie nicht wahrnehmen zu können, das Dahinsiechen durch Krebs, die Schädigung meines Erbgutes, ich könnt es nicht ertragen.
Mit jeder Meldung über das Versagen der Regierung und des Betreibers würde zudem meine Wut steigen, hätte ich nichts zu verlieren, und das hatten nicht wenige Japaner nach der Katastrophe, wäre ich wohl potentieller Amokläufer.

Nochmals danke für diesen Bericht, auch wenn man sich den wahren Horror, das selbst erleben nur schwer vorstellen und nachfühlen kann.

Eine (allgemein interessierende) Frage (auch) an die Redaktion:

Dürfen wir im Laufe der "Feierlichkeiten" (ein anderes Wort fällt mir nicht ein, pardon) zum Jahrestag des Erdbebens/Tsunamis (und der sich allen daraus ergebenden Sekundärfolgen) damit rechnen, auch Beiträge lesen zu dürfen von Menschen, die sich nicht notwendig "gerne mit Okkultismus beschäftigt" und sich einen rationalen Blick auf die Kernkraft bewahrt haben?

Herzlichst Crest

Von einem rationalen Blick

auf die Kernkraft dürften wir eigentlich erst sprechen, wenn in mehreren Jahrzehnten auch die Langzeitfolgen von Fukushima bekannt sein werden. Auch die Menschen in Tschernobyl sind nicht gleich alle tot umgefallen - aber nach Jahren ist z.B. Schilddrüsenkrebs bei Kindern wesentlich gestiegen und es würde mich nicht wundern, wenn das in einigen Jahren auch in Japan der Fall wäre.

wir dürften es schon heute, verehrte Dame.

(hin und wieder fragte ich mich, was wohl aus Ihnen geworden ist, schön, dass es Sie noch gibt. :-))

Zur Sache:

Im Gegensatz zu Tschernobyl hat es in Fuksuhima eine rechtzeitige Jodprophylaxe gegeben, bzw. einen Verzicht auf den Genuss jodhaltiger Lebensmittel insbes. von Milchprodukten.

Die Belastung der Bevölkerung kann mit hinreichenden Fehlertoleranzen hochgerechnet werden, so dass man schon heute feststellen kann, dass epedimiologisch auch in Zukunft keine Zunahme an Krebserkrankungen festzustellen sein wird.

Zu apodiktisch formuliert?

Nun, dann legen Sie es für sich in 5 Jahren auf Wiedervorlage. (Das ist die typische Latenzzeit für Schilddrüsenkrebs.)

ad Messier51: Meine Kommentare des letzten Jahres hatten - da empfinden Sie korrekt - einen Schwerpunkt im "Kulturkampf" (ein Begriff aus unserer Tageszeitung) um die friedliche Nutzung der Kernenergie. Warum ich das tue? Es gehört zu meiner beruflichen Rolle, die Welt ein wenig zu verbessern (und in dieser Rolle fühle ich mich überdies wohl.)

Eine nähere Betrachtung zeigt aber, dass ich mich auch in anderen "Kulturkämpfen" des letzten Jahres intensiv beteiligt habe, insbesondere wenn es um Fragen des religiösen Glaubens (im engeren Sinne) geht.

Diesen Kampf hier mag ich (in Deutschland) verlieren. Das spielt aber keine Rolle, denn der Standpunkt wird - das bin ich ihm als rationalem Standpunkt schuldig - verteidigt. (Und manchmal heißt es dabei "Don't take (intellectual) prisoners".)

Herzlichst Crest

Medizinische Vorbeugung gegen Inkorporation

"Im Gegensatz zu Tschernobyl hat es in Fuksuhima eine rechtzeitige Jodprophylaxe gegeben, bzw. einen Verzicht auf den Genuss jodhaltiger Lebensmittel insbes. von Milchprodukten."

Nach den von mir gesichteten Unterlagen waren zwar die Vorbereitungen für eine Jodprophylaxe angelaufen, jedoch kam diese nicht zur Anwendung, da die Masse der Bewohner noch vor den Freisetzungen aus der unmittelbaren Gefahrenzone evakuiert worden war.

Cäsium sammelt sich entgegen den routinemäßig verbreiteten Gerüchten nicht dauerhaft im Körper an, sondern wird nach einiger Zeit wieder ausgeschieden. Diese Ausscheidung kann massiv beschleunigt werden, wenn man dem Patienten "Giese-Salz" verabreicht: Ammoniumeisenhexacyanoferrat (AEHCF). Diese billig herzustellende Substanz passiert den Darm, ohne vom Körper aufgenommen zu werden, und bindet dabei chemisch alles vorhandene Cäsium, so daß dieses nicht vom Darm aufgenommen wird. Zuvor bereits aufgenommenes Cäsium wird vom Körper in verschiedene Verdauungssekrete (insbesondere Gallenflüssigkeit) eingebaut und in den Darm geleitet, später aber wieder resorbiert. Giese-Salz unterbricht diese Kette und führt das Cäsium aus dem Körper ab. Die Dissertation der Tierärztin Katja Meinel untersucht dieser Thema.

Es ist wirklich erstaunlich

Manchmal frage ich mich wirklich wie wenig Demut bezahlte Forenguerilla besitzt und wie sie selbst bei den größten Katastrophen immer noch fröhlich ins Horn der Lobbyverbände blasen kann.

Dies wirft auch die Frage auf, wie die Zeit hier zensiert. Bei manchem offensichtlich vor Dummheit und Beleidigungen strotzenden Kommentar ist dies ja offensichtlich, dass es sich bei den bezahlten Inhalten oftmals ebenfalls um das Verbreiten von Dummheiten handelt("Jodprophylaxe" bei Super Gau), die zudem auch noch schwer beleidigend den Opfern gegenüber sind(der Krebs kommt wohl eher vom ungesunden Lebensstil als vom in der Nachbarschaft havarierten Kernkraftwerk), bzw die Fliehenden als feige Hinterwälder abstempelt, sollte hier darüber nachgedacht werden, in Zukunft härter gegen solche Kommentare vorzugehen.

Tja,.

wie sehen Sie das denn, Herr/Frau Redaktion, or to whom it may concern.

Da stecken ja doch einige harte Vorwürfe drin. Und wenn die zuträfen, dann müsste man ohne Zweifel etwas dagegen unternehmen.

Was aber, wenn sie nicht zutreffen, etwa die Behauptung eines "des ungesunden Lebensstils" oder die Behauptung es gäbe hier "feige Hinterwäldlers"?

Irgendeine Idee in diesem Fall? :-)

Herzlichst Crest

Vorwürfe bringen nichts

sondern Aufklärung ist gefragt. Sie werden mir zustimmen.

... und da ist natürlich verwunderlich, dass Sie diesmal nicht den Artikel selbst aufklärerisch berichtigen:

Z.B. zum Zitat:
"Aber wer weiß, ob sich alles nicht doch schneller erholen wird, als wir geglaubt haben."

könnten Sie doch mal erläutern, dass die Erholung durch Halbwertszeiten fesgelegt ist und nicht durch das Prinzip Hoffnung beschleunigt werden kann.