Wenn ich im Park spazieren gehe, sehe ich Mütter, wie sie mit geliehenen Geigerzählern die Radioaktivität in der Sandkiste und im Boden messen. "Hier ist es okay. Diese Gegend scheint ziemlich sicher zu sein, nicht wahr?" So reden die Mütter miteinander, als ginge es ums Wetter. Und ich denke: Das Leben nicht aufgeben, weiterkämpfen! Wie die Helden im Film.

Es gibt auch viele wunderbare Menschen. Menschen, die helfen, wo sie nur können; Menschen, denen man vertrauen kann; Menschen, die trotz des Verlusts ihrer Familie ihren Lebensmut nicht verloren haben.

Meinem Gefühl nach gibt es zwei deutlich unterscheidbare Verhaltensweisen in Tokio: Für die einen war die Katastrophe ein Anlass, das eigene Leben zu überdenken; sie sind netter, offener, zugänglicher geworden. Anderen sitzt der Schreck noch immer in den Knochen: Sie haben sich eingeigelt, wirken abweisend und wie erstarrt.

Ich aber will in dieser Stadt leben und schreiben. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Tokio sich wieder normalisiert, dass Japan ein schönes, friedliches, Natur und Umwelt schützendes Land wird, dass die Menschen wieder lernen, etwas bescheidener zu leben. Und so wie man mir Mut macht, will auch ich den Mitmenschen Mut machen und meiner geliebten Heimat treu bleiben.

Auch wenn jeder anders damit umgeht, besteht kein Zweifel, dass die meisten Japaner sich wegen der radioaktiven Verseuchung Sorgen machen. Sie haben allen Grund dazu. Da die Zahlenwerte je nach Ort der Messung immer noch sehr hoch sind, ist es wichtig, zum Beispiel das Gemüse gut zu waschen, unbelastetes Wasser zu trinken und die veröffentlichten Messdaten im Auge zu behalten.

Ich trage immer ein Gerät bei mir, das meine Strahlenbelastung kumulativ über ein ganzes Jahr anzeigt. Und wenn ich im Internet sehe, dass die Strahlenbelastung besonders hoch ist, gehe ich nur mit Schutzmaske aus dem Haus.

Übervorsichtig, ja verängstigt jeden Tag mit einer Maske herumzulaufen erscheint mir allerdings genauso fragwürdig, wie leichtsinnig in den Tag hinein zu leben und zu sagen: "Ist doch alles Quatsch!" Man muss sich zwar der Gefahren bewusst sein und gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen, zugleich aber versuchen, mit den Gedanken und Gefühlen nicht daran hängen zu bleiben, den Kopf frei zu machen.

Atomkraft ist sicher nicht wünschenswert, und ich finde es wichtig, dass andere Energien genutzt werden, doch das Problem ist: Die Regierung zaudert und zögert und ist außerdem heillos mit der Industrie verbandelt. Andererseits ist mir auch ein Teil der Anti-AKW-Bewegung suspekt, da er zu aggressiv und rüpelhaft auftritt. Mir kommt es so vor, als seien durch die AKW-Debatte alle negativen, fragwürdigen Seiten von Japan auf einen Schlag sichtbar geworden, für alle. Ich empfinde die Situation derzeit als verfahren und fast hoffnungslos.

Die einzige Hoffnung sind für mich jene Menschen in Fukushima, die ihre Heimat nicht aufgeben wollen und der Regierung klipp und klar sagen, was sie denken; außerdem die Wissenschaftler, die sich um die Erforschung alternativer Energien bemühen und alles versuchen, um die radioaktive Strahlung einzudämmen.

Unser neuer Hund wurde nach dem März 2011 geboren. Er kommt aus Saitama und hat sicher eine große Dosis Radioaktivität abgekriegt. Die Muttermilch, das Futter, der Boden – alles wird viel stärker radioaktiv belastet gewesen sein als vor der Katastrophe. So mische ich dem Hund Seetang, Pilze und Bierhefe ins Futter, weil das den Abbau schädlicher Stoffe fördern soll. Das ist die Aufgabe einer Mutter. Bei meinem Kind mache ich es genauso. Ich will, dass sie beide gesund aufwachsen und stark werden.

Nach der Katastrophe gab ich mir alle Mühe, nach vorne zu schauen, jeden Tag mit frischem Elan anzugehen. Es gelang mir nicht schlecht, doch gegen den kleinen Hund, gerade mal ein paar Monate auf der Welt, hatte ich keine Chance.

Endlich waren die Impfungen überstanden, und ich durfte mit ihm rausgehen. Es war Herbst, der Himmel hoch und blau, ein kühles Lüftchen wehte – das ideale Wetter für stundenlange Spaziergänge.

Der Hund sprang so ungestüm herum, dass er sich dauernd in seiner Leine verfing, und bellte lauthals. Ein flatternder Schmetterling, Blätter im Wind, Autos, andere Hunde, alte Männer, Kinderwagen – alles erregte seine Aufmerksamkeit, und wenn er zu mir aufblickte, funkelten seine Augen. Hey, ein Riesenspaß! Warum ist die Welt nur so aufregend und schön? Nie hätte ich geglaubt, dass es so was Tolles gibt. Was für ein Glück, geboren zu sein! Aus seinen Augen sprach unbändige, überschwängliche Lebensfreude. Und auf einmal spürte ich, dass ich großen Respekt für dieses kleine Lebewesen empfand.

Die Schönheit dieser Welt ist nicht dahingegangen. Sich vor den Gefahren schützen oder aber die Schönheit der Welt preisen – das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Liebe Welt, es tut mir leid. Sieh nur, ich freue mich auch, da zu sein, so viel Schönes erleben und den heutigen Tag genießen zu dürfen, wirklich!

Wir beide, der Hund und ich, schauten zum Himmel. Meine Augen leuchteten. Irgendwo weit oben, stellte ich mir vor, wird schon jemand sein, der meine unhörbaren Worte erhört.

Aus dem Japanischen von THOMAS EGGENBERG