Katastrophe in JapanMein Leben nach Fukushima

Ein Jahr nach dem Erdbeben und der Atomkatastrophe in Japan beschreibt die Schriftstellerin Banana Yoshimoto, wie sie das Unglück erlebte und wie es ihren Alltag verändert hat. von Banana Yoshimoto

Ein Mädchen hält im Februar in Tokio Plakate auf einer Anti-Atomkraftdemonstration hoch.

Ein Mädchen hält im Februar in Tokio Plakate auf einer Anti-Atomkraftdemonstration hoch.  |  © Toshifumi Kitamura/AFP/Getty Images

Manche Leserinnen und Leser werden meine Sicht der Dinge vielleicht zu einfach oder auch zu extrem finden, zumindest stellenweise.

Was ich hier schreibe, ist aber die ganz persönliche Ansicht einer etwas eigenwilligen Schriftstellerin und Mutter, die in der Hippiezeit aufgewachsen ist, sich gerne mit Okkultismus beschäftigt, ein kleines Kind hat und seit ihrer Geburt in Tokio lebt.

Anzeige

Nichts liegt mir ferner, als eine bestimmte Weltanschauung verbreiten, jemanden in irgendeiner Weise belehren oder aufklären zu wollen. Es ist durchaus möglich, dass ich mich täusche, denn mir fehlen objektive, verlässliche Informationen, wie man sie in Japan leider nicht bekommt. Es ist mir auch ein großes Anliegen, den vom Unglück betroffenen Menschen in der Tōhoku-Region mein tiefstes Mitgefühl auszusprechen. Ich hoffe von Herzen, dass der Wiederaufbau schnell vorankommt und die Menschen neuen Lebensmut gewinnen. Weil ich das Katastrophengebiet nicht besucht habe, kann ich dazu nicht mehr sagen. Täte ich es dennoch, wäre es anmaßend.

Banana Yoshimoto

Die Schriftstellerin Banana Yoshimoto, 1964 geboren unter dem Namen Mahoko Yoshimoto, gehört zu den populärsten Autoren Japans. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Erzählung Kitchen von 1988. Soeben ist bei Diogenes ihr Roman Ihre Nacht erschienen, übersetzt von Thomas Eggenberg, der auch dieses Dossier ins Deutsche übertragen hat.

Anders als Literaturnobelpreisträger Kenzaburō Ōe engagiert sich Yoshimoto nicht in der japanischen Anti-Atomkraft-Bewegung. Sie vertritt in Kernkraftfragen eine eher pragmatische Haltung – eine Position, die in der Bevölkerung weit verbreitet ist. Aktive Atomkraftgegner sind in Japan auch nach der Reaktorkatastrophe eine Minderheit. An einer Großdemonstration, zu der Ōe aufgerufen hatte, nahmen am 11. Februar laut Polizei gerade mal 7.000 Menschen teil.

Proteste

Die Proteste gegen die Energiepolitik der Regierung sind inzwischen abgeflaut, obwohl sich zum Beispiel im Oktober 66 Prozent der Japaner für eine Abschaffung oder Einschränkung der Atomkraft aussprachen – vor dem Unglück in Fukushima waren es nur 19 Prozent. Offensichtlich haben die Bürger nicht das Gefühl, etwas erreichen zu können, indem sie auf die Straße gehen. Eine Bürgerinitiative, die den Antrag an die Regierung stellen wollte, alle Atomkraftwerke abzuschalten, ist gerade gescheitert. Gleichzeitig gibt es immer mehr Strahlenschutz-Initiativen, die sich von den Atomkraftgegnern distanzieren und sich darum bemühen, eine Versorgung mit unverseuchten Lebensmitteln zu gewährleisten und die Strahlenbelastung öffentlicher Plätze und Gebäude zu prüfen.

Die japanische Regierung will nach wie vor keinen Atomausstieg. Trotzdem sind zurzeit 52 der 54 japanischen Atomreaktoren außer Betrieb, da sie überprüft werden sollen. Ob sie wieder ans Netz gehen, ist unklar.

So bitte ich darum, diesen Text als Bericht einer einzelnen Person zu lesen, wie sie das Erdbeben und die Zeit danach in Tokio erlebt hat.

Am 11. März 2011, dem Tag des Unglücks, wollte ich eigentlich nach Okinawa im Süden Japans fliegen. Ich hatte vor, das Konzert eines bekannten Ukulele-Spielers zu besuchen – eine dreitägige Reise zusammen mit meinem acht Jahre alten Sohn und einer meiner Freundinnen. Das Hotel war reserviert, meine Freunde in Okinawa erwarteten mich, alles war vorbereitet.

Japans Katastrophe
Tage am Abgrund nach Beben, Tsunami und GAU
11. März 2011, 14.46 Uhr
Satellitenbild von Japan

Satellitenbild von Japan  |  © Nasa/Goddard/SeaWiFS/ORBIMAGE

Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans erschüttert rund sechs Minuten das Land mit einer Stärke von 9,0. Das Epizentrum liegt rund 130 Kilometer vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu. Die Auswirkungen sind dramatisch: Auf dem Meeresgrund reißt die Erdkruste auf 400 Kilometern Länge, Teile der Küste verlagern sich ruckartig um bis zu 50 Meter nach Osten. Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein hebt sich um einige Meter an.

11. März 2011, ca. 15.40 Uhr
Zerstörung in der Stadt Natori

Zerstörung in der Stadt Natori  |  © STR/AFP/Getty Images

Ein Tsunami rast mit 800 Kilometern pro Stunde auf die Küste zu. Über zehn Meter sind die Flutwellen mancherorts hoch, an einzelnen Stellen erreichen sie fast 40 Meter. Kilometerweit dringen die Wassermassen landeinwärts. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Ganze Städte werden ausgelöscht. Im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt der Strom aus. Das Beben hat die Leitungen gekappt, der Tsunami Dieselgeneratoren überspült.

11. März 2011, 16.30 bis 20.30 Uhr
Das AKW Fukushima am 12. März 2011

Das AKW Fukushima am 12. März 2011  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Wasserkühlung zweier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima-Daiichi ist ausgefallen. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sagt, die Lage in den 54 Reaktoren des Landes sei stabil, weil sie sofort nach dem Beben automatisch heruntergefahren wurden. Um 20.30 Uhr muss die Regierung dann für Fukushima-Daiichi den atomaren Notfall verkünden. Etwa 2.000 Bewohner in der Umgebung werden aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen.

12. März 2011, morgens
Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.

Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.  |  © STR/AFP/Getty Images.jpg

Nach Strahlenmessungen am Kernkraftwerk wird die Evakuierungszone vergrößert. Mindestens 60.000 Personen sind auf der Flucht. Ministerpräsident Kan fliegt im Hubschrauber nach Fukushima, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im AKW lassen Ingenieure Dampf durch die Notventile ab, um den Druck in den Reaktorbehältern zu senken. Inzwischen kocht das Wasser in den Notkühlbecken.

12. März 2011, 15.36 Uhr
Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.

Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.  |  © Park Ji-Hwan/AFP/Getty Images

In Fukushima-Daiichi entzündet sich Wasserstoff und zerfetzt die Außenhülle von Reaktor 1. Ohne Strom für die Pumpen, die den Kühlkreislauf antreiben, waren Temperatur und Druck zu stark angestiegen. Trotz Abschaltung des Blocks begannen so die Brennstäbe zu glühen, Wasser verdampfte und Wasserstoffgas bildete sich, während der Reaktorkern schmolz. Japan und die Welt fürchten die atomare Apokalypse.

13. März 2011
Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.

Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.  |  © JIJI PRESS/AFP/Getty Images

In der Nähe des von Reaktor 1 in Fukushima-Daiichi wird eine vierhundertfach erhöhte Radioaktivität gemessen. Ministerpräsident Kan räumt erstmals ein, dass eine Kernschmelze möglich sei. Simulationen und Messdaten von außen bestätigen die Schmelze in den Wochen nach der Havarie. Heute ist die Ruine, die von Block 1 übrig ist, luftdicht in Plastik eingehüllt.

14. März 2011
Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.

Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

Allein in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans werden 2.000 Tote gefunden. 390.000 Menschen sind auf der Flucht aus dem Tsunami-Katastrophengebiet, mehr als 1.400 Notlager werden eingerichtet. Inzwischen gibt es an vielen Orten kein Heizöl mehr, die Menschen frieren. Rund 400.000 Häuser sind zerstört weitere Huntertausende Gebäude beschädigt, Straßen, Zugstrecken und ganze Landstriche unpassierbar.

14. März 2011
Fallout nahe der Küste

Fallout nahe der Küste  |  © ZEIT-Grafik

Obwohl die AKW-Arbeiter die Reaktoren verzweifelt mit Meerwasser kühlen, gibt es eine weitere Wasserstoffexplosion, im Reaktor 3 von Fukushima-Daiichi. Radioaktives Material dringt nach draußen, der Großteil wird in den kommenden Tagen auf den Pazifik geweht. Doch ein Teil verbreitet sich auch über dem Festland. Die Abbildung zeigt, wo sich langlebiges Cäsium konzentriert hat (rot steht für die höchsten Strahlenwerte).

15. März 2011
Strahlenuntersuchung

Strahlenuntersuchung  |  © Issei Kato/AFP/Getty Images

Eine dritte und vierte Explosion ereignen sich in Fukushima. Das Gebäude von Reaktor 2 bleibt intakt, Wasserstoff aus Block 3 sprengt das Dach von Reaktor 4. Von vorher 800 Arbeitern bleiben etwa 40 im stockfinsteren Kraftwerk. Vergeblich hatten sie versucht, weitere Detonationen zu verhindern. Das Unglück wird als nukleares Ereignis der Stufe 6 bewertet. Einen Monat später erhält es wie Tschernobyl die Höchststufe 7: GAU.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie

Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

In einem der sechs Reaktorblöcke ereignete sich offenbar eine komplette Kernschmelze, in zwei weiteren verflüssigten sich die Brennstäbe wohl mindestens zur Hälfte. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Eine Stadt in Trümmern

Eine Stadt in Trümmern  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Die Strahlenbelastung der Menschen war weit geringer als für die Bewohner von Tschernobyl. Das Strahlenschutz-Komitee der UN schätzt, dass die Zunahme der Krebsfälle nicht messbar sein wird. Das liegt vor allem daran, dass kaum radioaktives Jod von Menschen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen worden ist. Der Tsunami hingegen tötete mehr als 18.000 Menschen. Bis heute wohnen Überlebende in provisorischen Wohnungscontainern.

Ich wollte das Kind von der Schule abholen, nach Hause fahren, unsere fertig gepackten Sachen ins Auto laden und dann zum Flughafen aufbrechen. In einem Restaurant, das wir oft besuchen, aßen mein Mann und ich zu Mittag, tranken einen Tee und stiegen ins Auto.

Alles selbstverständliche, alltägliche Dinge.

Was für ein Glück dieses Selbstverständliche und Alltägliche im Leben ist, wie dankbar ich dafür bin, kann ich mit Worten nicht beschreiben.

Es mag eine banale Feststellung sein, aber Alltag ist etwas Wunderbares und ganz und gar Unersetzliches. Ein buntes, unübersichtliches, sinnloses Gewusel, das kein Ende nimmt. Wer weiß, ob es nicht der eigentliche Sinn unseres Daseins ist, diesen Reichtum schätzen zu lernen und auszukosten?

Leserkommentare
  1. Jodprophylaxe. Was sonst? Man muss nicht von fiktiven Verschwörern bezahlt werden, man muss nur wissen, wovon man spricht, um Ihnen verdächtig vorzukommen. Das überrascht mich nicht, ehrlich gesagt.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und was machen die die keine schilddrüsenunterfunktion haben?

  2. kulturkampf = bismark
    und darf ich ihnen etwas verraten?
    er hatt ihn verloren
    denn es war keine lösungsorientierte strategie
    und ist es immer noch nicht
    aber wenn es ihnen freude macht
    nur
    rational
    ist daran gar nichts

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Crest
    • 07. März 2012 16:07 Uhr

    dann muss doch ein anderer ihn gewonnen haben. C.

  3. und was machen die die keine schilddrüsenunterfunktion haben?

    Antwort auf "Natürlich"
  4. sondern Aufklärung ist gefragt. Sie werden mir zustimmen.

    ... und da ist natürlich verwunderlich, dass Sie diesmal nicht den Artikel selbst aufklärerisch berichtigen:

    Z.B. zum Zitat:
    "Aber wer weiß, ob sich alles nicht doch schneller erholen wird, als wir geglaubt haben."

    könnten Sie doch mal erläutern, dass die Erholung durch Halbwertszeiten fesgelegt ist und nicht durch das Prinzip Hoffnung beschleunigt werden kann.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf " Tja,. "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Crest
    • 07. März 2012 16:19 Uhr

    dass Ihr Einwand berechtigt ist. (Ich hatte ihn beim ersten (zu) schnellen Lesen allgemeiner interpretiert: dass die Aufräum- und Dekontaminationsarbeiten ggf. schneller als gedacht ablaufen könnten.)

    Herzlichst Crest

    • Crest
    • 07. März 2012 16:07 Uhr

    dann muss doch ein anderer ihn gewonnen haben. C.

    Antwort auf "bismark!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    den anderen ging es ja um was ganz anderes
    es ist das ewige leiden des konservativismus, dieses nicht zu verstehen

  5. Halten Sie doch einfach mal die Füße still, bis die Situation in Fukushima unter Kontrolle ist. Unter Kontrolle bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Betreiber a) das vollständige Wissen darüber besitzt, wo der Kernbrennstoff sich befindet und diesen b) jederzeit kontrolliert und vollständig an einen anderen, von ihm bestimmten Ort verbringen kann. Das wären dann mindestens 40 Jahre himmlische Ruhe. Können wir uns darauf einigen?

    Ehrlich gesagt schwillt mir aufgrund der geschmacklosen, zynischen und beinahe schon menschenverachtenden Kommentare von Crest allmählich der Kamm. Jodprophylaxe ist ja nur einer von vielen Aspekten, was soll die denn beispielsweise bei inkorporiertem Cäsium ausrichten? Aber mit Pro-Atom-Argumenten lässt sich halt prächtig trollen, gelle?

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Crest
    • 07. März 2012 16:36 Uhr

    Wir bitten von der Austragung von Privatfehden abzusehen, und zu einer themenbezogenen Diskussion zurück zu kehren. Danke, die Redaktion/kvk

  6. abgesehen davon, dass die Geschichte sehr unjapanisch und sehr für den Deustchen Markt frisiert erscheint, ich frage mich, wie representativ für Japan sie ist.
    Ich hatte die Möglichkeit während der Tagen der Katastrophe mit engen japanischen Freunden und Nichtjapaner, die dort waren, in Verbindung zu stehen, allerdings alle Leute mit fundierten wissenschaftlichen Ausbildung. Ich erinnere mich sehr genau an deren "fremdschämen" für unsere europäischen Hysterie. Nicht einer von jenen hat berichtet von irgendwelche Geigerzählerträgern.

    ich würde sagen: wenn Die Deutsche Presse einen liturgischen Antiatomkatastrophentag einführen will (vielleicht später als schulfreier nationaler Feiertag), sollte man lieber an Tschernobil denken und die Japanaer in Ruhe lassen (trotz bessere Ikonographie)

    Eine Leserempfehlung
  7. den anderen ging es ja um was ganz anderes
    es ist das ewige leiden des konservativismus, dieses nicht zu verstehen

    Antwort auf ""er hatt ihn verloren""

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Film | Japan | Atomkraftwerk | Auto | Erdbeben | Nachbarschaft
Service