"Erspart uns das!" So beginnt ein vierzehnseitiges Pamphlet, dessen Autor tiefe Frustration bewegt. "Frustration über die ineffiziente Arbeitsweise der Bundesregierung ", sagt der Mann. Er gehört zu den glühenden Anhängern der neuen Energiepolitik. Aber auch zu jenen, die das Gefühl haben, Merkel und Co. seien gerade dabei, das Projekt, diesen Aufbruch in ein neues Zeitalter, in den Sand zu setzen – die "Revolution", wie Bundesumweltminister Norbert Röttgen ( CDU ) die Herausforderung nennt, mehr Klimaschutz ohne Atomkraft zu schaffen, mit immer weniger Kohle und mehr grünem Kraftstoff.

Der Mann, ein Grüner, gut vernetzt im Berliner Regierungsbetrieb, kämpft gegen eine inzwischen populäre Idee: die Forderung nach einem Energieministerium. Der SPD-Chef Sigmar Gabriel hat sich schon dafür starkgemacht, genauso wie die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt und Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Sie alle wollen ein neues Ministerium. Das Revolutionsministerium.

Der Mann, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, hält die Idee für falsch. "Wir brauchen kein Energieministerium – sondern eine Reform der Bundesregierung ", hat er geschrieben. Der Ruf nach dem neuen Ressort sei nur "politische Symbolik", sagt er.

Ein Jahr ist seit der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vergangen. Das Unglück war der Anlass, acht Atomkraftwerke sofort stillzulegen und den letzten im Jahr 2022 das Aus zu verordnen. Inzwischen dreht sich die Debatte weniger um Fragen des Klimaschutzes oder der sicheren Energieversorgung. Gestritten wird heute über die Organisation der Regierungsbürokratie. Über Zuschnitt und Zuständigkeiten von Ministerien. Dröger geht es kaum. Doch weil die Operation daran zu scheitern droht, ist die institutionelle Frage zur Seinsfrage geworden. Kein Regierungsumbau, keine Energiewende: Diese Erkenntnis reift in Berlin.

Wie konnte es so weit kommen? Schließlich sieht es ein Jahr nach dem Atom-Moratorium gar nicht schlecht aus: Weder sind die von Gegnern prophezeiten Blackouts eingetreten, noch ist der Strompreis gestiegen, und Deutschland importiert auch nicht massenhaft Nuklearstrom aus Frankreich. Dennoch kommt die angekündigte Wende inzwischen nur noch saft- und kraftlos daher. Angela Merkel liefert nicht, was sie versprach.

Nach Fukushima machte die Bundeskanzlerin zwar blitzschnell die kurz zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke rückgängig; sie verordnete den Meilern sogar ein schnelleres Ende, als es zehn Jahre zuvor die damalige rot-grüne Regierung tat. Allerdings versäumte Merkel es, die Voraussetzungen für das Gelingen der Operation zu schaffen. Sie wollte die Revolution und kümmerte sich nicht um die Organisation.

Auch wenn es am Ende nur um Strom und Treibstoff geht, um wärmegedämmte Häuser, Windräder, neue Stromautobahnen und Minikraftwerke in Heizungskellern: Die Wende wird das Land umkrempeln. Sie kann deshalb nur gelingen, wenn sie auf ausreichend Unterstützung trifft: im Volk, bei den europäischen Nachbarn, in den Parteien, Verbänden und in der Regierung selbst. Dass Merkel dafür nicht sorgte, ausgerechnet bei diesem Jahrhundertprojekt, "komplizierter als die Mondfahrt", wie ein Ministerialer sagt, das rächt sich nun. Es herrscht Tohuwabohu.

Mindestens sechs Minister werkeln an dem Vorhaben, nach eigenem Gusto: die Ressorts für Wirtschaft, Umwelt und Finanzen, für Landwirtschaft, Verkehr und Wissenschaft. Nicht einmal über das Ziel sind sie sich einig. Geht es primär um den Klimaschutz oder vor allem um eine sichere und bezahlbare Energieversorgung? Und überhaupt: Wie harmoniert die deutsche Wende mit dem europäischen Binnenmarkt für Energie? Wie lässt sich dafür sorgen, dass in Deutschland endlich der Stromverbrauch zurückgeht? Welche Gesetze müssen wann auf den Weg gebracht werden, damit vor allem in Süddeutschland Gaskraftwerke gebaut werden, bevor die nächsten Atommeiler abgeschaltet werden? Wie lässt sich der Emissionshandel beleben , nachdem die Preise für die Zertifikate in den Keller gerauscht sind? Das sind nur einige Fragen, die einer Antwort harren.