Architekturbiennale VenedigMehr Mut, Kollegen!

Erstmals spricht der englische Baumeister David Chipperfield ausführlich über seine Pläne für die Architekturbiennale in Venedig, die er in diesem Jahr leitet – und darüber, warum so viele Menschen unter moderner Architektur leiden und wie sich das ändern lässt. von 

Die Turner Contemporary Gallery in Margate, gestaltet vom britischen Star-Architekten David Chipperfield

Die Turner Contemporary Gallery in Margate, gestaltet vom britischen Star-Architekten David Chipperfield  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

DIE ZEIT: Als ich hörte, dass Sie in diesem Jahr die große Architektur-Biennale in Venedig leiten werden, war ich schon ziemlich überrascht.

David Chipperfield: Wirklich?

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ZEIT: Ja, ich hatte immer gedacht, dass Sie sich von jeder Art von Architekten-Showbiz fernhalten. Und die Biennale ist ja meistens ein großer Rummel, oder?

Chipperfield: Das stimmt schon. Viele meinen, die Biennale sollte immer das Allerneueste und Allerheißeste präsentieren und der Gegenwart den Puls fühlen. Für diese Art von Biennale hätten sie wirklich keinen Schlechteren als mich finden können, das gebe ich zu. Ich habe keine Ahnung, was man heute so macht.

ZEIT: Sie meinen, Sie interessieren sich nicht für die junge, fortschrittliche Architektur?

Chipperfield: Oh doch, und wie. Allerdings glaube ich nicht daran, dass eine Architektur, nur weil sie fremd und andersartig aussieht, unbedingt fortschrittlich wäre. Das sind so Oberflächenphänomene, und wenn man daran kratzt, zeigt sich rasch, dass nicht viel dahinter ist. Architektur verändert sich ja nicht so besonders schnell, nicht wie die Computer- oder die Chemiebranche.

ZEIT: Gibt es denn überhaupt etwas, das Sie als fortschrittliche Architektur bezeichnen würden?

Chipperfield: Aber natürlich! Meinen Sie etwa, die Architektur hätte irgendwann im Laufe der Geschichte ihren Idealzustand erreicht, und seitdem würde sich nichts mehr verbessern? So wie sich unsere Gesellschaft verändert, verändert sich auch die Architektur.

ZEIT: Fragt sich, ob zum Guten oder Schlechten.

Chipperfield: Na ja, wenn man tatsächlich meint, dass unsere Gesellschaft nicht mehr zu retten ist, dann sind natürlich auch wir als Architekten ziemlich verloren. Aber das sehe ich nicht so. Unglaublich viel hat sich doch gewandelt, denken Sie an die Menschenrechte, an den Frieden in Europa , an die arabische Revolte...

ZEIT: Die Lage der Architektur hat sich dadurch aber nicht unbedingt verbessert, oder? Das meiste, was gebaut wird, ist zum Davonlaufen.

Chipperfield: Vermutlich haben Sie recht, und 90 Prozent sind, nun ja, vielleicht nicht gerade Müll, aber jedenfalls nichts, an dem man sich erfreuen könnte. Doch so ist unsere Gesellschaft, alles soll möglichst zweckmäßig sein. Und das ist ja auch nicht das Schlechteste.

Leserkommentare
    • oooo
    • 02. März 2012 19:11 Uhr

    Da hat er Recht.

  1. Die auch hier wieder erhobene Forderung, sich auf das "Einfache und Reduzierte (...), auf das Wesentliche" zu konzentrieren, die ist es doch gerade, die die Moderne so unausstehlich gemacht hat: die Verneinung von Schönheit als Selbstzweck.

    Die Reduktion auf das Wesentliche ist genau das, was die Diskonter mit ihren immer gleichen Läden aus dem Bausatz machen, oder was die Plattenbaukultur ausgemacht hat: ein globaler Einheitsbrei.

    Der früher im Interview verkündete Ansatz des Herrn Chipperfield, die Gefühle der Menschen gegenüber der Architektur wieder mehr zu berücksichtigen, klingt hingegen vielversprechender.

    Problem dabei ist zweierlei:

    Ähnlich wie in der Kunst gibt es so wenig wie nie einen gesellschaftlichen ästhetischen Konsens. Was für studierte Architekten gröblicher Kitsch ist, trifft vielleicht genau die Gefühle der Menschen, die nachher mit der Architektur leben müssen.

    Sehen wir z.B. das Bild von Chipperfields Museum am Beginn des Artikels, werden die einen den schlichten Glaskasten toll finden, die anderen ihn hingegen für grausamen Frevel angesichts des schmucken historischen Gebäudes daneben. Das kann man nicht unter einen Hut bringen, und man kann auch nicht sagen, welche Gefühle berechtigter sind.

    Zweitens: Die von Herrn Chipperfield bereits angesprochenen "Märkte", die ja unser ganzes Leben beherrschen dürfen, kümmern sich einen Dreck um irgendetwas außer ihrem Profit, und schon gar nicht um das architektonische Wohlbefinden von irgendjemandem.

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    • FranL.
    • 02. März 2012 21:53 Uhr

    Als häßlich empfundene Architektur ist schlimmer als ein als häßlich empfundenes Kunstwerk. Ein Bild muß ich mir nicht ansehen wenn es mir nicht gefällt, aber mit den Bauwerken die in meinem unmittelbarem Umkreis errichtet werden werde ich konfrontiert, ob ich will oder nicht. Mit der modernen Architektur ist es wenig so wie mit modernen Inszenierungen. Eine Operninszenierung muß spektakulär sein, darf dem gemeinem Publikum nicht gefallen, viele Regisseure inszenieren nur für ihr Regiekollegen und das Feuilleton. Viele Architekten handeln nach der Devise: "Viel Feind, viel Ehr." Wenn der gewöhnliche Pöbel den häßlichen, funktionalen Glas-Beton-Bau in der Innenstadt ablehnt ist das natürlich nicht der Fehler des Architekten. Nur moderne Architekten und Architekturkritiker dürfen beurteilen was schön bzw. häßlich ist, allen anderen fehlt das ästhethische Empfinden. Wer die moderne Architektur nicht schön empfindet hat Geschmack, ist rückwärtsgewandt und spießig.

    Prinzipiell löst fast jeder sinnliche oder durch die Sinne vermittelte Eindruck ein Gefühl aus. Gebäude der Nazi-Architektur, des Stalinismus, und auch der Maya-Zivilisation, zB schüchtern ein, man fuehlt sich klein und leicht bedroht. Oft finden die Leute solche Gefühle "beeindruckend" und "toll". Auch Pollock-Bilder sind nicht schön oder sinnlich, sondern lösen einfach ein Gefühl im Betrachter aus, sie sind ja eher "message" als Abbild, und damit eigentlich komplett psychoanalytisch -- es scheint ja hauptsächlich um das zu gehen, was der Produzent solcher Werke dabei dachte. Eigentlich interessiert mich diese Form der Selbstdarstellung recht wenig.
    Ich habe den Eindruck, dasz die moderne Architektur ähnlich vorgeht. Es geht letztlich nur um den Markt, also kontemporäres. Solche Arbeit ist ja korrumpiertes Schaffen. Diese Architektur stellt nicht den Menschen an sich in den Mittelpunkt, sondern einen bestimmten Menschen und dessen Ideenwelt in den Mittelpunkt, nämlich den Architekten – reiner Personenkult. Wenn jemand es wagt, so zu bauen, dasz im Betrachter ein angenehmes Gefuehl entsteht, welches man auch dann entwickelt, wenn man zB einen Baum betrachtet, so wird dies von der Martkjunta verworfen als Kitsch; verständlich, denn die Regeln, wie ästhetisch ansprechend zu bauen ist, wie man also den Menschen und seine Wahrnehmung zum Masstab nimmt, sind ja seit der Antike bekannt: dazu braucht man dann keinen Stararchitekten mehr, der letztlich nur provozieren kann.

  2. Moin,

    wer ein bißchen weiter zum Denken angeregt werde möchte kann sich:
    http://topdocumentaryfilm...
    ansehen.

    CU

  3. Dear Mr. Chipperfield,

    I can identify with many of your ideas on architecture, thank you. Even non-experts have that intuitive perception of looking at a pleasing or non-pleasing building or of finding themselves inside one that says "yes".

    Here in St. Louis we are looking forward to the completion of the expansion building to the classic Cass Gilbert designed art museum. You designed it and our community will be fortunate to enjoy it for generations to come.

    However, your disapproval of the restoration of the Berliner Schloss saddens me immensely because it represents so much more than architecture. It is history, tragedy and lost identity in stone. Prussia, whose many noble values should not be forgotten, cannot be brought back, but by restoring this fine city palace it will not fade away completely.

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    Hallo vvmetro,

    Das Berliner Stadtschloss war seit Baubeginn 1443 und der Fertigstellung 1716 ausserordentlich einflussreich auf die bauliche Entwicklung und das Bild der Stadt. Es representiert mit anderen bekannten Berliner Bauwerken das klassische Berlin und seine lange stolze, aber auch tragik-, schuld- und schamträchtige Geschichte.

    Das Innere wird natürlich königlich-kaiserlichen Glanz nie wiedererleben, sondern zeitgemäss der modernen Gesellschaft auf vielen Ebenen von Politik, Wissenschaft und Kultur dienen.

    Ich stelle mir diesen kühlen gradlinigen Bau in seinem neuen Gewand als einen zum Nachdenken inspirierenden Ruhepunkt vor und als bedeutungsvolle Brücke zwischen gestern, heute und morgen.

    • FranL.
    • 02. März 2012 21:53 Uhr

    Als häßlich empfundene Architektur ist schlimmer als ein als häßlich empfundenes Kunstwerk. Ein Bild muß ich mir nicht ansehen wenn es mir nicht gefällt, aber mit den Bauwerken die in meinem unmittelbarem Umkreis errichtet werden werde ich konfrontiert, ob ich will oder nicht. Mit der modernen Architektur ist es wenig so wie mit modernen Inszenierungen. Eine Operninszenierung muß spektakulär sein, darf dem gemeinem Publikum nicht gefallen, viele Regisseure inszenieren nur für ihr Regiekollegen und das Feuilleton. Viele Architekten handeln nach der Devise: "Viel Feind, viel Ehr." Wenn der gewöhnliche Pöbel den häßlichen, funktionalen Glas-Beton-Bau in der Innenstadt ablehnt ist das natürlich nicht der Fehler des Architekten. Nur moderne Architekten und Architekturkritiker dürfen beurteilen was schön bzw. häßlich ist, allen anderen fehlt das ästhethische Empfinden. Wer die moderne Architektur nicht schön empfindet hat Geschmack, ist rückwärtsgewandt und spießig.

    Antwort auf "Reduktion und Gefühl"
  4. ... ist doch eine Reduktion auf Bildchen. In Heftchen, auf Blögchen.

    Das Spektukalärste siegt. Gegen die Kultur der Architektur-*Erfahrung*. X-land sucht das Super-Architektur-Model - das ist Architektur(-magazin) von heute. Die Kochkunst hat es besser - weil neben der Bildlichen ist die Sinnliche stark genug. Das ist bei Architektur inherent nicht.

  5. Prinzipiell löst fast jeder sinnliche oder durch die Sinne vermittelte Eindruck ein Gefühl aus. Gebäude der Nazi-Architektur, des Stalinismus, und auch der Maya-Zivilisation, zB schüchtern ein, man fuehlt sich klein und leicht bedroht. Oft finden die Leute solche Gefühle "beeindruckend" und "toll". Auch Pollock-Bilder sind nicht schön oder sinnlich, sondern lösen einfach ein Gefühl im Betrachter aus, sie sind ja eher "message" als Abbild, und damit eigentlich komplett psychoanalytisch -- es scheint ja hauptsächlich um das zu gehen, was der Produzent solcher Werke dabei dachte. Eigentlich interessiert mich diese Form der Selbstdarstellung recht wenig.
    Ich habe den Eindruck, dasz die moderne Architektur ähnlich vorgeht. Es geht letztlich nur um den Markt, also kontemporäres. Solche Arbeit ist ja korrumpiertes Schaffen. Diese Architektur stellt nicht den Menschen an sich in den Mittelpunkt, sondern einen bestimmten Menschen und dessen Ideenwelt in den Mittelpunkt, nämlich den Architekten – reiner Personenkult. Wenn jemand es wagt, so zu bauen, dasz im Betrachter ein angenehmes Gefuehl entsteht, welches man auch dann entwickelt, wenn man zB einen Baum betrachtet, so wird dies von der Martkjunta verworfen als Kitsch; verständlich, denn die Regeln, wie ästhetisch ansprechend zu bauen ist, wie man also den Menschen und seine Wahrnehmung zum Masstab nimmt, sind ja seit der Antike bekannt: dazu braucht man dann keinen Stararchitekten mehr, der letztlich nur provozieren kann.

    Antwort auf "Reduktion und Gefühl"
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    • stall
    • 03. März 2012 10:12 Uhr

    architektur als lebensraum wird mit empfindungen, bestimmten erfahrungen assoziiert. der baustil hat sich aber immer weiterentwickelt, zumindest verändert. architekten als egotäter hinzustellen ist einfach lächerlich, die welt dreht sich!

    Dieses Argument würde ja bedeuten, dass alle gesellschaftlichen oder kulturellen Veränderungen das Vorherige verbessern, also weil die Welt sich dreht. Diese Aussage ist aber nicht haltbar, denn dann wäre ja auch die Naziästhetik ein geschmacklicher Segen gewesen.
    Des weiteren scheinen Sie mich nicht verstanden zu haben oder ich habe mich unklar ausgedrückt. Mein Kommentar sollte sich nicht auf alle Architekten beziehen. Ich kenne ja auch nicht alle, sowas macht ja keinen Sinn. Meine Äuszerung bezog sich auf die Verlagerung der Ästhetik auf die Innenschau und das Sendebeduerfnis von Stars der Szene, ob das nun bildende Kunst oder Architektur ist. Die gesellschaftliche Weiterentwicklung steuert hier schon seit längerer Zeit auf die Idealisierung des Narzissmus hin. Sogar in der Wissenschaft wird diese Bewegung immer staerker. In tieferem Sinn führt dies zur Bedeutungslosigkeit des Produkts.

  6. Meist muss man das "früher war immer alles besser" zwar verneinen, aber bei Architrektur kann ich dem nur zustimmen. Wenn man so durch die Gegend läuft und sich alte Rathäuser, Universitäten oder auch nur Wohnhäuser ansieht, dann sehen die meist einfach, aber "schön" aus.
    Hier ein paar Schnörkel, da ein Türmchen oder dort eine Balustrade.

    Die meisten Baumerke moderner Architekten könnte man dagegen, meiner Meinung nach, durch einen DDR Plattenbau ersetzen, wenn man das Stadtbild etwas aufhübschen wollte.

    In Braunschweig wurde wurde vor einigen Jahren ein Einkaufszentrum gebaut, welches wohl einem Schloss nachempfunden wurde, welches vorher mal an selber Stelle gestanden hatte. Haben wohl nur die Fassade nachgebaut, aber es sieht trotzdem ziemlich gut aus.

    Das Gegenstück dazu wäre wohl das Bundeswehrmuseum in Dresden. Schönes altes Gebäude, kommt ein Architekt/Künster daher und kloppt da so einen Metallkeil rein. mission accomplished - Gebäude zerstört

    Ich frage mich, warum sich scheinbar niemand findet, der Gebäude im "so-hat-man-das-früher-gemacht" Stil bauen lässt.

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  • Schlagworte David Chipperfield | Zaha Hadid | Architekt | Biennale | Jean Nouvel | Prince
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