DVD "Der Karski-Bericht"Schauspieler des Schreckens

27 Jahre nach "Shoah": Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Der Karski-Bericht". von Kilian Trotier

Wäre es nach Jan Karski gegangen, dieses Interview hätte nie stattgefunden. Er mache bei diesem Film nicht mit, antwortete er Anfang der Achtziger barsch auf die Anfrage des französischen Regisseurs Claude Lanzmann. »Ich habe mit der Sache abgeschlossen, lassen Sie mich in Ruhe!« Er wollte nicht reden über das, was er als polnischer Widerstandskämpfer während des Zweiten Weltkriegs erlebt hatte. Nicht darüber, wie er als hoffnungsvoller Emporkömmling im diplomatischen Dienst von der Gestapo verhaftet und gefoltert wurde, wie er sich umbringen wollte und wie er dann doch fliehen konnte. Nicht darüber, wie er, der überzeugte Katholik, ins Warschauer Ghetto und ins Lager Izbica Lubelska geschleust wurde und das grausame Morden an den Juden mit eigenen Augen sah. Nicht darüber, wie er in die westliche Welt reiste und allen, die ihn hören wollten, von der Judenvernichtung berichtete; wie er von Franklin D. Roosevelt, dem Präsidenten der USA, gerufen wurde und ihm von Polen und den Juden erzählte.

Karski erzählt, als säße er wieder da, in Roosevelts Zimmer

Jan Karski wollte verdrängen und vergessen. Claude Lanzmann aber wollte seine Erinnerungen. Der Filmemacher versuchte es noch einmal: Er werde nach Washington kommen, ob er ihn treffen könne, schrieb er Karski, und dieser willigte widerstrebend ein. Als er die Tür öffnete, stand Lanzmann da, zusammen mit seiner Filmcrew. Karski wehrte sich, sie sollten verschwinden, rief er, bis Lanzmann sagte: »Professor Karski, schauen Sie in den Spiegel. Sie sind alt, Sie werden bald sterben – es ist ihre Pflicht mir zu helfen. Sie werden sehen, es wird der großartigste Film, der jemals über die Juden gedreht wurde.«

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Karski akzeptierte, und Claude Lanzmann behielt recht: Shoah, sein Neuneinhalb-Stunden-Epos, ist der schrecklichste und menschlichste Film, der jemals über die Juden und den Holocaust gedreht wurde – mit Karski als einer der zentralen Figuren. 40 Minuten lang redet Karski in Shoah . 40 Minuten, die nur der erste Teil eines Gesprächs sind, das Lanzmann mit ihm über zwei Tage führte. Den zweiten Teil konnte der Regisseur nicht in Shoah unterbringen. Jetzt, 27 Jahre nachdem der Film in die Kinos kam, ist dieses Material auf DVD erschienen, unter dem Titel Der Karski-Bericht (absolut medien).

Wieder sind es 40 Minuten, die Jan Karski redet. Wieder ist Claude Lanzmann nicht mehr als ein Stichwortgeber. Karski braucht keine Aufforderungen, er ist ganz da, weil er ganz weg ist – abgetaucht in die Zeiten, von denen er erzählt. Der alte Mann sitzt auf seinem Samtsofa, trägt einen grauen Anzug mit Einstecktuch, die Haare sind streng nach hinten gekämmt, die Gesichtszüge hager und stolz, der Rücken durchgedrückt. Zwei Begegnungen stehen im Mittelpunkt des Interviews: Karskis Treffen mit Präsident Franklin D. Roosevelt im Sommer 1943 und eine Unterredung mit dessen engem Vertrauten Felix Frankfurter, jüdischer Richter am Obersten Gericht. Karski erzählt, als säße er wieder da, in Roosevelts Zimmer. »Mr. Karski, ich bin mir sicher, dass Sie mich informieren wollen über die Lage in Polen, bitte«, imitiert er mit tiefer Stimme Roosevelt. Dann sagt Karski mit feierlicher Stimme: »All ihre Hoffnung, Mister President, legt die polnische Nation in die Hände von Franklin Delano Roosevelt.« Karski betont jede Silbe, zieht den Namen in die Länge, reckt den Kopf in die Höhe. Die Erinnerungen überrollen den Politikprofessor, werfen ihn zurück, lassen ihn zum Schauspieler seiner eigenen Erlebnisse werden.

Karski spricht davon, wie er Roosevelt von den schrecklichen Zuständen in Polen berichtete, wie er die Ghettos erwähnte, wie er sagte: Ohne Hilfe von außen werden die Juden umkommen. Und davon, wie Roosevelt reagierte. »Die alliierten Nationen werden diesen Krieg gewinnen!«, sagte er. Und: »Nooo mooore waaaars!« Roosevelt sprach aus der Vogelperspektive der Macht, sagte, er werde Polen nie im Stich lassen, fragte, wie die Deutschen an ihre vielen Pferde gekommen seien und ob sie sie von den Polen genommen hätten. Auf die Judenfrage aber kam er nicht zurück. Erst einige Tage später im Gespräch mit dem Richter Felix Frankfurter konnte Karski mehr berichten. Frankfurter, sagt Karski, sei in sich zusammengesunken, habe auf den Boden geblickt und kein Wort gesprochen als er von den jüdischen Führern, vom Ghetto und von den Lagern erzählte. Doch dann sei der Richter aufgestanden und Karski erhebt sich aus dem Sofa, geht in die Mitte des Zimmers, zitiert Frankfurter: »Ich richte über Menschen. Männer wie ich müssen zu einem Mann wie Ihnen absolut ehrlich sein. Und ich sage Ihnen: Ich glaube Ihnen nicht!« Karski spielt, wie Frankfurter nicht fassen konnte, was er da hörte. Er fuchtelt mit seinen Zeigefingern in der Luft, vergisst Lanzmann, vergisst die Kamera, zeigt, wie unvorbereitet die Welt auf das war, was die Nazis da anrichteten.

In »Shoah« versuchte Lanzmann, das Unfassbare fassbar zu machen

Es sind die eindrücklichsten Szenen eines faszinierend beklemmenden Films. Jan Karski wird erschlagen von der Unmöglichkeit dessen, was er an jüdischem Leid mit ansehen musste. Er, der Überbringer dieser Nachricht, wird erneut überwältigt von den Gefühlen der Hilflosigkeit und der Kategorienlosigkeit des Naziterrors, der damals nicht glaubbar war und der bis heute nicht fassbar ist.

Claude Lanzmann hat in seinem monumentalen Werk Shoah versucht, das Unfassbare fassbar zu machen, indem er es in Gesprächen, in Gesichtern und Körpern eingeschrieben zeigt. Die Zeugen mussten alles noch einmal erleben, den Schrecken, den Schmerz, die Furcht, damit wir, die Nachgeborenen, die unmittelbarer Wucht des Erlittenen im filmischen Gegenüber erahnen können. Jan Karski gehört zu den beeindruckendsten Protagonisten dieses Jahrhundertprojekts. Ein Glück, dass er sich hat überreden lassen.

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    • Schlagworte Claude Lanzmann | Franklin D. Roosevelt | Schauspieler | DVD | Film | Polen
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