WerbungBurn-out-Werbung

Ein neuer Slogan bringt die Stimmung im Land auf den Punkt

Saturn-Filiale in Düsseldorf

Saturn-Filiale in Düsseldorf

Die moderne Dramatik ist voll von Figuren, die nichts mehr zu sagen haben. Sie bringen nichts auf den Begriff, sie fallen einander nur noch ins Wort. Ihr Dialog lässt sich nicht als Diskurs verstehen, als ein Ringen um Erkenntnis, sondern, viel handgreiflicher, als ein Kampf um Aufmerksamkeit und Macht. Die Figuren wissen: Hauptsache, du bist am Zug, der Inhalt deiner Sätze ist egal; solange du sprichst, kommt wenigstens kein anderer zu Wort.

Vor diesem Hintergrund muss man den neuen Werbeslogan der Elektrowarenkette Saturn lesen. Der Slogan, von Werbemenschen auch Claim genannt, lautet »Soo! muss Technik«. Kein ganzer Satz, sondern eine Nullaussage: ein Luftloch der Kommunikation.

Anzeige

Der Spruch stammt aus der legendären, von kühler Ironie summenden Agentur Scholz & Friends, und er wird bezahlt von einem Konzern, welcher sich sein Erscheinungsbild einen Werbeetat von mehr als einer halben Milliarde Euro jährlich kosten lässt. Man kann also sicher sein, dass »Soo! muss Technik« keine Schnapsidee ist, sondern von der Branche als Großgeistesblitz gefeiert wird.

Der Vorgängerslogan lautete »Geiz ist geil«, und sein Zielpublikum war der gemeine Raffzahn, der sich schlau ein Augenlid runterzog, während er »Schnäppchen!« knurrte. Der prominente Gewährsmann und Bürge dieser Kampagne war der Boxmoderator Michael Buffer, der reich und berühmt geworden ist, indem er sich den Satz »Let’s get ready to rumble« urheberrechtlich schützen ließ: ein Mann des Angriffs, ein Beutemacher.

Der neue Slogan »Soo! muss Technik« ist nun der Spruch für den gesättigten Jäger, der, von Optionen überwältigt, nicht mehr in der Lage ist, mit dem Fortschritt Schritt zu halten: Brabbelnd versucht er sich an der Expertise einer Sache, deren Verständnis ihm entglitten ist. Er bedient nicht Technik, er wird bedient.

Man könnte natürlich auch behaupten, der Saturn-Slogan verwende eine alte Überlebenstechnik der Witzemacher und Hofnarren. Ganz ähnlich nämlich bildete der große Kabarettist Werner Finck seine Sätze: Er ließ sie unvollendet, man musste sich, was er meinte, selbst denken. Kabarettist und Publikum trafen sich, hinter dem Rücken der Zensur, im Ungesagten. Aber bei Finck hatte diese Technik der Auslassung einen guten Grund: Er machte Kabarett im »Dritten Reich«. Hinter dem Hohlspruch von Saturn indessen steckt keine Gefahr und kein Geheimnis. »Soo! muss Technik« ist ein Zeugnis der puren allseitigen Erschöpfung. Die Werbeleute denken: Man kann mit Werbung eh nichts mehr sagen, also lassen wir es doch. Die Kunden denken: Wir können uns sowieso nichts mehr merken, also lasst uns mit Fakten in Ruhe.

Würde diesen Claim ein Schauspieler vortragen, es müsste ein mürber, müder Kerl sein, der noch vor Vollendung des ersten Satzes in seinen Fernsehschaukelsessel zurücksinkt: »So muss Technik ... ach, egal.«

Der Saturn-Slogan ist der Millioneneinfall als Rohrkrepierer, ein triumphal ins Leere schießender Geistesblitz. Aber eben doch ein Geniestreich: Er wagt Kundenfang in Zeiten der Alzheimer-Angst. Und er ist die kürzeste Formel des allgemeinen Befindens: Burn-out-Werbung.

 
Leser-Kommentare
    • atrope
    • 03.03.2012 um 13:21 Uhr

    sehr nice, der artikel... aber wieso sind solche analyse heutzutage nur noch drei absätze lang?! die inhaltsleere darf sich nicht auf die zeit übertragen

    11 Leser-Empfehlungen
  1. Leider. Slogan und Artikel spiegeln nur die Realität. Aber nicht die Ganze. Zum Glück. Eher die der Mitte-Unten/Mitte-Rechts-Milieus gemäß Sinus-Grafik: http://www.sinus-institut...

    5 Leser-Empfehlungen
  2. sind Werbesprüche sowieso egal. Also was soll's. Ich kenne Leute, die extra mehr als 10 Kilometer fahren, nur um eine Klobürste um 9 Cent billiger zu bekommen. Das wird dann im Bekanntenkreis als Trophäe stolz herumgezeigt. Ekelig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ganz besondere Freude macht mir dann die Frage, wieviel der Mehraufwand (Zeit und Geld) gekostet hat.

    Das lässt solche Schnäppchenjäger schnell verstummen und nachdenklich werden. :)

    die Klobürstennummer hatten wir jetzt, als jemand mit erzählte, dass es beim Möbelschweden 50 km entfernt, die Klobürste einige Cent günstiger gäbe als in der Innenstadt vor Ort.... ich war erstaunt, dass man das einschließlich des angeblich super günstigen Verzehrs von ein paar Fleischklößchen als Schnäppchen zu verkaufen sucht bei den Spritpreisen.

    Ich war fassungslos...

    Ganz besondere Freude macht mir dann die Frage, wieviel der Mehraufwand (Zeit und Geld) gekostet hat.

    Das lässt solche Schnäppchenjäger schnell verstummen und nachdenklich werden. :)

    die Klobürstennummer hatten wir jetzt, als jemand mit erzählte, dass es beim Möbelschweden 50 km entfernt, die Klobürste einige Cent günstiger gäbe als in der Innenstadt vor Ort.... ich war erstaunt, dass man das einschließlich des angeblich super günstigen Verzehrs von ein paar Fleischklößchen als Schnäppchen zu verkaufen sucht bei den Spritpreisen.

    Ich war fassungslos...

  3. Nur schade, dass man mit so einem Artikel genau das Gegenteil von dem bewirkt, was dem Inhalt entspricht: Der Streisand-Effekt schlägt auch so einem Artikel gnadenlos zu und trägt damit den "Nicht-Inhalt" dieser Dumm-Werbung als Mem in die Gesellschaft.

    Wie im Artikel beschrieben ist es in der Aufmerksamkeitsökonomie tatsächlich egal, ob die Aussage zu einer Sache positiv oder negativ ist - durch die pure Erwähnung hebt man die Bekanntheit und macht damit auch für die beklagenswerte Realität Werbung.

    Insofern ist auch der Artikel in der DIE ZEIT, trotz seiner kritischen Haltung, Werbung für diese Elektro-Klitsche.

    4 Leser-Empfehlungen
  4. >> Ein neuer Slogan bringt die Stimmung im Land auf den Punkt <<

    Meine nicht.

    Wenn die Marketingleute bei Saturn meinen, dass ihr Etat damit gut angelegt ist, lasst sie doch. Mehr reindeuten als drin ist muss man trotzdem nicht.

    3 Leser-Empfehlungen
  5. Man kann sich kaum davor schützen, selbst wenn man kein Fernsehen sieht und nicht in den Media-Markt geht.

    Aggressive Angriffe in Ton und Bild auf die Nerven - und die Sprüche sinken permanent im Niveau und beleidigen die Intelligenz der Empfänger. 'Geiz ist geil' hat sich lange gehalten und krönt eine wenig sinnliche Eigenschaft zur Leitkultur.

    Nun gibt es kein Halten mehr in der Volksverdummung und Verhunzung der Sprache.

    'Geil ist geil' - oder 'so muss Technik' - kennt keine Scham mehr wegen Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Niedrige Instinkte sollen angesprochen und geweckt werden. Haben wollen ist immer das Wichtigste. Alles. Sofort. Die Ansprache ist eine, die sich offenbar an Affen richtet.

    Nachher können sich dann Politiker beschweren, dass die Jugend zu ungebildet und konsumfixiert sei.

    "Der penetrante Dauerbeschuss mit aggressiven Werbebotschaften hat einen Grund: Es wird immer schwieriger, den Konsumenten zu erreichen.

    Die "Geiz ist geil"-Kampagne sei jedoch in ihrer Darbietung so aggressiv, plump und laut, dass man die Aufmerksamkeit des Konsumenten danach nur mit noch aggressiveren, plumperen und lauteren Kampagnen erreichen kann."

    http://www.planet-wissen....

    7 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zack34
    • 03.03.2012 um 15:02 Uhr


    Je weniger Gewinn, odar gar mehr sinkende Umsätze... umso krasser und peinlicher die Sprüche. ("Liebes Internet, wenn ihr schon unsere Preise kopiert, ...")

    Wer in den Wirtschasftsteilen der überregionalen Zeitungen die Wirtschaftsdaten zum Unternehmen MM/Saturn verfolgt, wundert sich darüber nicht mehr: ihre beste Zeit haben die längst (!) hinter sich.

    Es bleibt die verstörende audio-visuelle Umweltverschmutzung. Aber eine D&G-Werbung empfinde ich nicht als minder peinlich, es gehört halt leider zu dieser debilen Konsumanbetung dazu.

    Intelligtente Werbung ist absolute Mangelware.

    • Zack34
    • 03.03.2012 um 15:02 Uhr


    Je weniger Gewinn, odar gar mehr sinkende Umsätze... umso krasser und peinlicher die Sprüche. ("Liebes Internet, wenn ihr schon unsere Preise kopiert, ...")

    Wer in den Wirtschasftsteilen der überregionalen Zeitungen die Wirtschaftsdaten zum Unternehmen MM/Saturn verfolgt, wundert sich darüber nicht mehr: ihre beste Zeit haben die längst (!) hinter sich.

    Es bleibt die verstörende audio-visuelle Umweltverschmutzung. Aber eine D&G-Werbung empfinde ich nicht als minder peinlich, es gehört halt leider zu dieser debilen Konsumanbetung dazu.

    Intelligtente Werbung ist absolute Mangelware.

  6. In der Werbung? Ich glaube nicht. In meiner Zeit als Konsument und auch in den Jahrzehnten der Werbung davor ging es immer vorrangig um Affekte und Emotionen. Fakten, so sie denn vermittlet werden, waren immer für den Hintergrund bestimmt. Jetzt, wo "Fakten" frei zugänglich und Preise mit wenigen Klicks verglichen werden können gerät besonders die Werbebranche der Elektrofachmärkte in die Kriese, weil ihnen langfristig die Existenzberechtigung fehlt. Denn welche Vorteile haben sie?
    Man kann hingehen und gucken, anfassen und gleich mitnehmen. Ja. Aber sie sind trotz Versandkosten immer teurer, die Auswahl ist immer geringer, Ware nicht immer da oder nicht lieferbar. Die Beratung ist nie besser als in den zahlosen Test und Meinungen die man online einsehen kann und man kann die Ware einfach zurück schicken ohne die Sorge zu haben, dass sie die Verkäufer vor Ort querstellen. Technik trägt am ehesten den Fluch und Segen der Industrialisierung in sich. Hier wie da ist der "ABC 123" Computer der Gleiche. Die einzige Emotion, die man noch verbraten ließe, ist die der schnellen Bedürfnisbefriedigung. So ist Technik... teurer für all die, die nicht ein zwei Tage auf ein Paket warten können.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >> Fakten? In der Werbung? <<

    ... Werbung gibt es, wenn überhaupt, nur im Business-to-Business-Bereich.

    Der Endverbraucher wird von überschätzten Werbeprofis mit ebenso überschätztem Dummdeutsch vollgemüllt, das Fakten eher verschleiern als offenlegen soll.

    Wenn der Markt überfüllt ist mit unausgereiftem Elektroschrott und die Qualitätskontrolle auf den zahlenden Kunden abgeschoben wird, schaden Fakten nur.

    >> Fakten? In der Werbung? <<

    ... Werbung gibt es, wenn überhaupt, nur im Business-to-Business-Bereich.

    Der Endverbraucher wird von überschätzten Werbeprofis mit ebenso überschätztem Dummdeutsch vollgemüllt, das Fakten eher verschleiern als offenlegen soll.

    Wenn der Markt überfüllt ist mit unausgereiftem Elektroschrott und die Qualitätskontrolle auf den zahlenden Kunden abgeschoben wird, schaden Fakten nur.

    • Zack34
    • 03.03.2012 um 15:02 Uhr


    Je weniger Gewinn, odar gar mehr sinkende Umsätze... umso krasser und peinlicher die Sprüche. ("Liebes Internet, wenn ihr schon unsere Preise kopiert, ...")

    Wer in den Wirtschasftsteilen der überregionalen Zeitungen die Wirtschaftsdaten zum Unternehmen MM/Saturn verfolgt, wundert sich darüber nicht mehr: ihre beste Zeit haben die längst (!) hinter sich.

    Es bleibt die verstörende audio-visuelle Umweltverschmutzung. Aber eine D&G-Werbung empfinde ich nicht als minder peinlich, es gehört halt leider zu dieser debilen Konsumanbetung dazu.

    Intelligtente Werbung ist absolute Mangelware.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Der wahre Shitstorm"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Klar. Versteht ja auch keiner.

    Der Köder muss dem Fisch schon schmecken, damit er anbeißt.

    Klar. Versteht ja auch keiner.

    Der Köder muss dem Fisch schon schmecken, damit er anbeißt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service