Film "Shame"Lust ohne Lust

Steve McQueens Film "Shame" über einen Sexsüchtigen. von 

Ein verbreitetes Klischee des Kinos beruht auf der Annahme, dass schöne und sympathische Menschen auch "schönen" Sex haben, während Fieslingen, trostlosen Nerds und hastigen Ehebrechern auf der Leinwand der "hässliche" Sex vorbehalten ist, also eine Tätigkeit, die eher an Teppichklopfen und Fahrradaufpumpen erinnert. Auch deshalb wirkt der Held von Steve McQueens Film Shame zunächst so irritierend. Brandon, ein junger, gut verdienender Werbeangestellter, gespielt von Michael Fassbender , lebt in New York , sieht gut aus und wandelt mit selbstgewissem Lächeln durch die gläsernen Büros über der Stadt. In den ersten Einstellungen des Films sieht man, wie Brandon bei der Arbeit auf dem Computer heimlich Pornos schaut und zum Masturbieren auf die Toilette geht. Die Kamera folgt ihm beim Anbaggern in der U-Bahn und beim geschäftsmäßigen Sex mit Prostituierten, beim Quickie nach dem Drink und zu Hause vor pornografischen Internetseiten, dann beim Masturbieren unter der Dusche.

Auf den ersten Blick scheint es Brandon an nichts zu fehlen: Er hat seinen Job, ein nettes Apartment und Erfolg bei Frauen. Doch schon die Ästhetik des Films erzählt von einer Art Vereisung. Wie ein Gast im eigenen Haus wirkt Brandon zwischen den weißen Möbeln und graublauen Bettlaken seiner Wohnung, in den fahlen Spiegelungen der Bürofenster. Von Anfang an liegt in McQueens Bildtableaus eine kalte Ruhe. Brandon, das wird bald klar, ist sexsüchtig, und Shame zeigt auf beunruhigende Weise, wie sich ein Mensch in seiner Sexualität verbarrikadieren kann. Es ist eine unheimliche Lebens- oder Überlebenskonstruktion, ein System aus Kontrolle, Introvertiertheit und manischer sexueller Aktivität.

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Als Brandon unerwartet Besuch von seiner auf andere Weise verlorenen Schwester (Carey Mulligan) bekommt, gerät sein System ins Wanken. Die Schwester, eine Sängerin, ist gewissermaßen das Gegenteil von Brandon: Instabil, wankelmütig, überschwänglich. In einer der berührendsten Szenen des Films singt sie in einer Cocktailbar Frank Sinatras New York, New York. Aber sie synkopiert und fragmentiert das Lied, sie dehnt, verlangsamt und zerlegt es, sodass die altbekannte Melodie völlig neu klingt. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu der Stadt, die niemals schläft, wird zur Sehnsucht nach Zugehörigkeit überhaupt. Brandon, aus dessen Auge sich eine Träne stiehlt, sitzt an einem Tischchen in der Bar, wissend, dass die Schwester ihn mit ihrem Lied zu dem Leidensgenossen macht, der er nicht sein will.


McQueen gibt keine psychologischen oder familiären Hinweise darauf, weshalb Brandon und seine Schwester auf so unterschiedliche Weise verloren und verzweifelt sind. "Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur von einem schlechten Ort", wird sie ihm irgendwann auf den Anrufbeantworter sprechen.

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Schon mit seinem Regiedebüt Hunger über einen IRA-Häftling, der sich zu Tode hungert , hatte sich der bildende Künstler und Turner-Preis-Träger McQueen als Regisseur der extremen Zustände und Stimmungen etabliert. Hunger verfolgte mit Bildern von quälender Körperlichkeit einen selbstmörderischen Kampf gegen das Gefängnis. In Shame flieht ein Mann vor sich selbst in das Gefängnis einer vollkommen beziehungslosen Sexualität.

"Es gibt keine sexuellen Beziehungen", hat Jacques Lacan geschrieben und meinte damit, dass der reine Sex den Menschen letztlich auf sich selbst und die eigenen Projektionen und Fantasmen zurückwerfe. Ebendiese Einsamkeit verströmt Brandon. Als er eine Arbeitskollegin kennenlernt und sich mit ihr verabredet, fragt sie ihn, wie lange seine längste Beziehung gedauert habe: "Vier Monate", antwortet Brandon. Als sie von Liebe spricht, lächelt er so hilflos, als habe sie eine seltene Insektenart erwähnt.

Shame ist auch die Unterseite von Sex and the City : ein Film über die Stadt New York als Kapitale des zwanghaften Datings und der After-Work-Fucks. Und die Studie eines durch Obsession überlagerten Schmerzes. Einmal, gegen Ende, sieht man Brandon beim Sex mit zwei Prostituierten. McQueens Kamera zerlegt die Körper, fragmentiert sie in Brüste, Münder, Hände, Schenkel. Die Szene endet mit einer langen Einstellung auf Brandons Gesicht, in dessen verzerrten Zügen sich endlich die Verzweiflung abzeichnet, die der Sex nicht mehr verdrängen kann.

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Leserkommentare
  1. Hoffe, das war nicht der Orgasmus, sonst steht die ganze Filminterpretation auf der Kippe.

  2. In der ersten Szene liegt er im Bett. Ich glaube es wird auch nicht gezeigt, dass er im Büro Pornos sieht. Schöner und hässlicher Sex, was soll denn das heißen? Brandon ist bei weitem nicht der Einzige mit Problemen in diesem Film. Alle versagen vollkommen und Lacans Worte treffen auf sämtliche vorgestellten Lebensentwürfe zu. Warum nennen dann die meisten Kritiken nur ihn krank?! In meinen Augen sieht der Film sehr anders aus: http://www.2501.eu/shame-...

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    • Matt72
    • 21. März 2014 18:31 Uhr

    merkwürdige Analyse in dem Link! Der Typ ist sexsüchtig 100% aber wie! Nichts aus Trotz und nicht aus Leid MACHT er etwas, sondern er KANN es nicht anders , weil er KRANK ist und die Krankheit hat in im Griff!
    Ein bisschen Sachkentniss ist ratsam, auch wenn es um Kunst geht!

    • Matt72
    • 21. März 2014 18:31 Uhr

    merkwürdige Analyse in dem Link! Der Typ ist sexsüchtig 100% aber wie! Nichts aus Trotz und nicht aus Leid MACHT er etwas, sondern er KANN es nicht anders , weil er KRANK ist und die Krankheit hat in im Griff!
    Ein bisschen Sachkentniss ist ratsam, auch wenn es um Kunst geht!

    Antwort auf "Erste Szene"

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  • Schlagworte Film | Steve Mcqueen | Arbeitskollege | Jacques Lacan | Sexualität | Einstellung
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