Bevor das Gespräch mit der syrischen Schriftstellerin und Journalistin Samar Yazbek beginnt, treffen wir sie mitten in Paris auf einer Demonstration gegen Assad. Ihre siebzehnjährige Tochter steht auf einer Lkw-Rampe am Kopf des Demonstrationszuges und gibt der skandierenden Menge die Parolen gegen Assad vor. Samar Yazbek schaut oft zu ihr hoch und lächelt. Noch vor gar nicht langer Zeit war es die Tochter, die um die Mutter bangte und sie anflehte, mit ihrer Tätigkeit gegen das syrische Regime aufzuhören.

Damals hatte Yazbek fast ein halbes Jahr lang die Revolution in ihrem Land dokumentiert: Sie reiste von einer Stadt zur anderen, sprach mit Soldaten, mit Hinterbliebenen von Getöteten, sie sah Freunde sterben. Der Geheimdienst verhaftete sie und versuchte, sie umzustimmen, denn Yazbek stammt aus einer angesehenen Familie, die zur alawitischen Minderheit gehört – so wie Assad selbst. Aber Yazbek, die 1970 geboren ist, lenkte nicht ein. Im Sommer schließlich verließ sie Syrien ; die Sicherheitsbehörden hatten damit gedroht, ihrer Tochter etwas anzutun.

Ihre Erfahrungen hat Samar Yazbek in dem soeben erschienenen Buch "Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution" dokumentiert."

DIE ZEIT: Frau Yazbek, Ihr Buch ist eine persönliche Dokumentation der ersten Revolutionsmonate in Syrien. Sie schreiben über die Demonstrationen, Ihre Verhaftungen und darüber, wie Sie in die Folterkeller der Geheimdienste geführt wurden. Es ist ein Buch über die Angst.

Samar Yazbek: Ich habe über die Angst geschrieben, weil ich selbst sehr viel Angst hatte. Ich habe gesehen, wie Menschen verstümmelt wurden. Ich sah sie in ihren Zellen liegen, in denen sie verhört und gefoltert wurden. Auf solche Brutalität war ich nicht vorbereitet.

ZEIT: Sie leben jetzt in Paris. Verfolgt die Angst Sie immer noch?

Yazbek: Ich bin hier in Sicherheit. Um mich habe ich keine Angst mehr. Aber um diejenigen, die ich zurückgelassen habe.

ZEIT: Werden Sie in Paris bedroht?

Yazbek: Es kamen Drohbriefe, aber das ist nichts Besonderes. Vielleicht haben irgendwelche regimetreue Alawiten die Briefe geschrieben. Das Regime selbst jedenfalls ist derzeit gar nicht in der Lage, sich mit mir zu befassen, weil es sich in den Kämpfen aufreibt.

ZEIT: Welche Bevölkerungsgruppen stehen auf der Seite des Regimes?

Yazbek: Nur wenige. Aber viele fürchten um ihre Interessen.

ZEIT: Wen meinen Sie?

Yazbek: Die syrische Diktatur hat als Schmarotzer der Alawiten gelebt, sie stützte sich auf ein Bündnis mit reichen alawitischen Familien; Alawiten machen jedoch nur zehn Prozent der syrischen Bevölkerung aus, die Mehrheit sind Sunniten.