Syrien"Unsere Helden sterben"Seite 4/4

ZEIT: Direkt nach der Wahl in Tunesien gab es verbale Attacken auf alleinerziehende Frauen. Sie selbst haben Ihre Tochter in Syrien allein großgezogen. Fürchten Sie, dass dies in Zukunft nicht mehr möglich sein könnte?

Yazbek: Ja, diese Angst habe ich. Außerdem wird nach dem Sturz Assads erst einmal Chaos ausbrechen.

ZEIT: Und trotzdem wollen Sie zurück?

Yazbek: Ich möchte Teil des gesellschaftlichen Wandels sein. Es kommt auf jeden Einzelnen an.

ZEIT: Sprechen Sie mit Ihrer Tochter über die Zukunft?

Yazbek: Immerzu.

ZEIT: Worüber sprechen Sie dann?

Yazbek: Über die Rückkehr. Wie wird es sein, wenn wir wieder da sind? Wird meine Tochter dann schon fertig studiert haben oder nicht?

ZEIT: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Bilder von den Folterkellern immer da sind, wenn Sie die Augen schließen. Sind Sie diese Bilder mittlerweile losgeworden?

Yazbek: Nein. Ich sehe sie stets vor mir. Aber dieses Morden, das Foltern und diese Brutalität, die ich gesehen habe, lassen mich noch mehr an die Leute glauben, die auf die Straße gehen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich Unbewaffnete auf die Straße stellen und erschossen werden . Und am nächsten Tag kommen die nächsten. Ich konnte mit dem Wort Heldentum nie etwas anfangen. Es war mir fremd. Aber diese Menschen dort auf der Straße, das sind für mich Helden.

ZEIT: In Ihrem Buch schreiben Sie: Die einzige Freiheit ist der Tod. 

Yazbek: Ich habe diesen Satz nicht aus Verzweiflung geschrieben. Ich denke nihilistisch. Der Tod war früher etwas Großes für mich, heute ist er für mich sehr gewöhnlich geworden: Auf den syrischen Straßen ist er zu sehen. Ich wusste immer, dass der Tod einfach kommt, aber jetzt erlebe ich, dass er einen tatsächlich jeden Tag holen kann.

ZEIT: Sie nehmen den eigenen Tod nicht wichtig?

Yazbek: Ich bin ohne meinen Willen geboren worden, ich lebe ohne meinen Willen, und ohne meinen Willen werde ich sterben.

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Leserkommentare
  1. ABER sie sind nicht so schlimm wie Gaddafi.

    Mensch, sehen Sie soch mal die Realität. Libyen hat keinen Staat mehr, keine Polizisten, kein Rechtssystem. Die komplette Bürokratie ist zusammengebrochen, die Infrastruktur in vielen Teilen des Landes zerstört...

    Stattdessen ziehen schwerbewaffnete Milizen durchs Land. Libyen steht kurz vor der Teilung, weil irgentwelche Stämme jetzt alle ihr eigenes Süppchen kochen wollen.

    Diktatur hin oder her. Wer nichts zu futtern hat und kein dach überm Kopf den interessiert doch keine Demokratie.

    Und was erzählen Sie mir da von Amnesty? Ich rede von den Gründen für den Einsatz der Flugverbotszone. Das angebliche Massaker an friedlichen Demonstranten hat bisher noch niemand bestätigt. Das während dem Krieg von beiden Seiten sowas passiert ist stelle ich doch garnicht in Frage.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@maggi58"
  2. Die alt. Medien sind tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Nach dem Motto: die halbe Wahrheit ist oft schlimmer als eine ganze Lüge. Ein guter Trick ist natürlich auch eine unvollständige Wahrheit. Alt. Media = Media list-ig.

    3 Leserempfehlungen
  3. In diesen zehn Jahren haben unsere Regierungen, die jetzt wohlfeil den Rücktritt fordern, das Assadregime hofiert.
    Es war ein zuverlässiger Partner in Verhörtechniken gegenüber mutmaßlichen Terroristen und darüber hinaus ein stabiler Staat und relativ ruhiger Nachbar Israels.
    Erst jetzt, im Zuge eines bevorstehenden Irankrieges gerät Syrien ins strategische Blickfeld und plötzlich stellt man fest, dass dort Menschen unterdrückt werden.

    "Er würde nur den Preis des Egoverlustes tragen,..."

    Sie hatten nie eine Machtposition oder? Macht macht süchtig. Man will immer mehr. Nur die wenigsten können von ihr freiwillig ablassen.

    MfG
    AoM

  4. Eine demokratische Regierung gibt keine Garantien gegen Folter, Verfolgung und Unrecht. Was der Orient benötigt sind Gesetze, möglichst im Sinne der Menschenrechte und der UNO und WHO. Geistige Denker im Sinne der Freimaurer und Eliten sowie eine gesunde Scholastik und religiöse Führung, die ihr Wissen und Denken reflektiert. Möglichst in Klosterähnlichen Islamschulen, mit einer Kirche die eben nicht die Vielehe erlaubt und Imane, die ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen. Die geistige und religiöse Elite und Führung sollte sich ihrer Wurzeln besinnen und überdenken, wo christliche und europäische philosophische Ansätze herstammen. Eben aus ihren eigenen Terratorien.

  5. Woran es noch liegt? Vielleicht an der Übermacht des Bösen? An der Übermacht der Unterlegenen und Ratlosen? An der falschen geistigen Führung? An einer Religion, die ihre Wurzeln vergessen hat und sich an weltlichen Erscheinungen orientiert? An einer religiösen Führung, die an Selbstdarstellung leidet, eigentlich nur sich selbst in Szene setzt? An der Verfolgung von geistiger Freiheit und Unterdrückung der schönen Künste?

    • JR65
    • 14. März 2012 11:51 Uhr

    kann internationale Haftbefehle gegen die Täter erwirken und die Syrische Regierung sowie deren Helfeshelfern aus Armee- und Geheimpolizeikreisen wegen >Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung< vor Gericht stellen. (s. die Nürnberger Prozesse)
    Sofern die Menschheit noch eine Existenzberechtigung hat und die Begeriffe von Moral, Menschenrechten, Ehre oder der Gottglaube - an welchen Gott auch immer, nicht zu leeren Worten verkommen sind.

    • dacapo
    • 02. April 2012 16:37 Uhr

    Wie kann denn eine Syrerin sich einbilden, etwas über den Zuständen in ihrer Heimat zu erzählen, da wird man dann doch von einer russischen Propaganda-Agentur die "Wahrheit" erfahren. Warum wohl wird aus Russia solche Meldungen für naive Westler geschickt? Dreimal darf man raten.

    Ansonsten erkennt man auch hier: An dem deutschen Wesen soll die Welt genesen. Die haben immer recht, so auch gegenüber Syrern. Man lese in diesem Zusammenhang die Kommentare über's Interview mit dem deutsch-syrischem Schriftsteller Rafik Schami, auch dort wird diesem Herrn der Vorwurf gemacht, dass er zu den Zuständen in Syrien nichts zu sagen habe. Das können seine Kritiker besser von Deutschland aus, dank russischer Medien. Na toll. Verkehrte Welt.

    • dacapo
    • 02. April 2012 16:49 Uhr

    Um die Jahre traten 3 junge Männer in die Fußstapfen ihrer Väter. Bachar Al-Assad in Syrien, Abdellah in Jordanien, Mohamed IV in Marokko. Sie nannte man damals die "Jungen Wilden". Man erhoffte sich in den drei Ländern Veränderungen in eine andere Zukunft, mit mehr Freiheiten. Derjenige, an dem man die meisten Hoffnungen hegte, war der Al-Assad-Sproß. Der aber enttäuschte am meisten. Er distanzierte sich noch nicht einmal von den großen Verbrechen seines Vaters. Er übernahm alles, änderte nichts an dem Unterdrücker-System mit der Al-Baath-Partei, den unzähligen Geheimdiensten. Im letzten Jahr, als ein bisschen verspätet auch in Syrien Demonstrationen begannen, zeigte er gleich vom ersten Tag Härte, trat mit oberflächlichen nichtssagenden Reden auf, als sei das syrische Volk eine Masse von Dummlingen. Die brutale Härte seines Vaters konnte er ohne Probleme überbieten.

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