Friedrich III., auf einem Gemälde Heinrich von Angelis

Am 9. März 1888 starb Kaiser Wilhelm I. , 91 Jahre alt. Im Kaiserreich schien eine neue Ära anzubrechen. Denn Kronprinz Friedrich Wilhelm , der als Kaiser Friedrich III. die Nachfolge antrat, galt als ein Gesinnungsfreund der Liberalen, ja ihm wurden sogar Sympathien für ein parlamentarisches System nach englischem Muster nachgesagt. Vor allem seine Ehe mit der resoluten Prinzessin Viktoria, der ältesten Tochter von Queen Victoria und Prinz Albert, hatte derlei Mutmaßungen beflügelt.

Doch der neue Kaiser war, noch keine 57 Jahre alt, ein vom Krebs gezeichneter, todkranker Mann. Er »regierte« bloß 99 Tage. Mit ihm, so sahen es nicht nur viele Zeitgenossen, sondern auch manche späteren Historiker, sei eine große Hoffnung auf eine freiheitliche Entwicklung in Deutschland zu Grabe getragen worden. Und je katastrophaler sich das »Persönliche Regiment« seines Sohnes Wilhelm II . entfaltete, desto mehr wurde der Vater zur Legende.

Aber war Friedrich III. überhaupt ein Liberaler? Und wollte er tatsächlich an den bestehenden Machtstrukturen etwas ändern? Wenn es eine Quelle gibt, die in dieser alten Streitfrage Aufschlüsse verspricht, dann sind es die Tagebücher, die der Kronprinz von seinem 16. Lebensjahr an, seit den revolutionären Märztagen 1848, bis zu seinem Tode am 15. Juni 1888 geführt hat.

Die Forschung hat diesem umfangreichen Tagebuchwerk, das heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem verwahrt wird, bislang wenig Beachtung geschenkt. Zwar besorgte Heinrich Otto Meisner 1929 eine Auswahl für die Jahre von 1848 bis zum Ende des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866, nachdem er bereits drei Jahre zuvor das Tagebuch des Kronprinzen aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 herausgegeben hatte. Doch eine Edition, die den entscheidenden Zeitraum zwischen 1866 und 1888 umspannt, stand bislang rätselhafterweise aus.

In diesen Tagen nun wird diese Lücke endlich geschlossen . Der Herausgeber, der Mainzer Historiker Winfried Baumgart, hat wie sein Vorgänger aus den insgesamt 23 Bänden des Originalmanuskripts eine Auswahl getroffen – belanglose Einträge, etwa über das Wetter oder Truppenbesichtigungen, wurden fortgelassen. Anders als Meisner aber hat Baumgart die manchmal recht eigenwillige Orthografie und Interpunktion des Kronprinzen beibehalten, was dem Leser ein Lektüreerlebnis ganz eigener Art beschert.

Nach dieser Veröffentlichung kann es keinen Zweifel mehr geben: Die Vorstellung, dass mit Friedrich III. an der Spitze ein neues, fortschrittliches Zeitalter in Preußen-Deutschland heraufgezogen wäre, gehört ins Reich der Legenden. Die Sympathien des Kronprinzen für die liberalen Ideen seiner Frau gingen keineswegs so weit, dass er etwa einen Systemwechsel hin zum Parlamentarismus angestrebt hätte. Obwohl er Kontakte zu freisinnigen Politikern pflegte, blieb er dem militärischen Milieu am preußischen Königshof stark verhaftet. Entscheidend aber ist, dass ihn die unerwartet lange Wartezeit auf die Thronnachfolge allmählich zermürbte und seinen politischen Gestaltungswillen lähmte.

Seit Ende der siebziger Jahre finden sich im Tagebuch immer wieder Äußerungen einer tiefen Resignation. »Fünfzig Jahre, also das Leben hinter mir...«, notiert er am 18. Oktober 1881, seinem 50. Geburtstag. »Müßiger Zuschauer, an tägliche Entsagung, Selbstüberwindung über ein Menschenalter gewöhnt, verurtheilt die besten Jahre unthätig zuzubringen [...]. Ich altere fühlbar, u. hätte ich nicht Frau u. Kinder als mein Alles – längst wünschte ich aus der Welt zu scheiden.«

Neues Licht fällt auf das schwierige Verhältnis zwischen dem Kronprinzen und seinem Vater, der trotz zunehmender Hinfälligkeit nichts tut, um seinen Sohn über repräsentative Aufgaben hinaus an den Regierungsgeschäften zu beteiligen. Stattdessen tyrannisiert Wilhelm I. ihn und seine Familie auch noch mit kleinlichen Verhaltensvorschriften.

Zu den interessantesten Passagen des Tagebuchs zählen zweifellos jene, die sich auf Otto von Bismarck beziehen. Im Jahr 1866, nach dem Sieg über Österreich, gibt es zwischen den beiden noch großes Einvernehmen. So befürwortet der Kronprinz die Annexion Hannovers, Kurhessens, Nassaus und der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main : »Rücksicht auf alte Dynastien nicht maßgebend, die logische Konsequenz des Bismarckschen régime’s und Politik.«