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Vier fundamentale politische Gewissheiten und Überzeugungssysteme haben in den letzten zwanzig Jahren Schiffbruch erlitten, und der jüngste geschah genau vor einem Jahr: die Havarie des Atomreaktors in Fukushima. In Japan ging die Ingenieursutopie zu Bruch, die Vorstellung einer unbegrenzten technisch-industriellen Herrschaft über die Natur. Denn bei allen Turbulenzen in Politik und Wirtschaft schien eines immer unbeirrt Bestand zu haben: der Glaube an die Rationalität der Technik und die Unaufhaltsamkeit des technischen Fortschritts.

Zwar entstanden viele Probleme erst durch die technische Entwicklung, aber frei nach dem alten mythischen Grundsatz, dass das Schwert, das die Wunde schlägt, sie auch heilt, erschienen alle nicht technischen Lösungsideen von vornherein als illusionär. Gerade die Nuklearingenieure waren die Speerspitze einer selten gewordenen optimistischen Spezies, die sich von allen Sinn- und Daseinszweifeln freisprechen konnte. Doch seit dem Schiffbruch in Fukushima dämmert nun auch den Vertretern der prometheischen Kühnheiten: Diese Wunde kann durch das Schwert, das sie geschlagen hat, nicht mehr geheilt werden.

Der zweite Schiffbruch wird durch den 11. September 2001 markiert. Mit den Twin Towers geht die liberale politische Vision zugrunde, die nach dem Ende der Blockkonfrontation zehn Jahre lang geleuchtet hatte. Das Ende der Geschichte ist ausgeblieben, Menschenrechte, Multikulturalität, Minderheitenschutz und Gleichberechtigung der Geschlechter sind nicht das letzte Wort, das alle anerkennen und nach dem sich die Welt nur noch entspannt im Kreise dreht. Das 21. Jahrhundert macht stattdessen dort weiter, wo das 20. Jahrhundert aufgehört hat, mit blutigen Kämpfen, Kriegen und wahnwitziger Irrationalität.

Der dritte Schiffbruch betrifft die neoliberale Utopie. Die Weltfinanzkrise des Jahres 2008 macht sie zur Makulatur. Mit ihr endet der kurze Traum grenzenlosen Reichtums, in dem man davon überzeugt war, dass die Märkte und Gesellschaften durch den Rückgriff auf eine Instanz des verallgemeinerbaren Interesses, der volonté générale oder des bonum commune, an ihrem segensreichen Wirken nur gehindert werden. Im September 2008 war nur noch die sichtbare Hand der Staaten dazu in der Lage, den Finanzmarkt zu retten. Seitdem wird die Staatenwelt von gigantischer Verschuldung erdrückt, und niemand weiß, wie und wann diese Krise ein Ende haben wird.

Aber es gibt noch einen vierten Schiffbruch, und nur weil er älteren Datums ist, sollte er nicht in Vergessenheit geraten: der sang- und klanglose Untergang des realen Sozialismus und der Verlust der marxistischen Alternative für Politik- und Gesellschaftskritik. Die damit verbundene Verschiebung der weltpolitischen Tektonik liegt für alle sichtbar vor Augen; das Desaster des marxistischen Überzeugungssystems dagegen ist weithin unaufgearbeitet. Es kann keine Rede davon sein, dass es unter den Linken hierzulande eine zureichende Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit gegeben hätte. Das ist keine Marginalie, sondern hat viel zur Sprach- und Begriffslosigkeit der linken Politik- und Gesellschaftskritik beigetragen. Die unglaublichen Dummheiten, die sich die Partei Die Linke in ihren Verlautbarungen zum Mauerbau, zur DDR und zum Antisemitismus leistet, zeugen davon. Und das zu einem Zeitpunkt, der für eine fundierte linke Kapitalismuskritik geradezu geschaffen ist.

Alles in allem: Die liberale Idee des Individuums und seiner staatlich garantierten schrankenlosen Freiheit ist heute so antiquiert wie die sozialistische Idee eines am Reißbrett entworfenen kollektiven Wohlergehens. Nicht anders steht es mit der Vorstellung selbststeuernder Märkte sowie mit der Ingenieursidee unbegrenzter Machbarkeit.

Wir sollten diese Schiffbrüche nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch verstehen. Das hinter ihnen stehende Modell des egoistischen Homo oeconomicus, der nur darauf aus ist, seinen Nutzen zu maximieren, muss einer radikalen Kritik unterzogen und entzaubert werden. Dieses Modell ist nämlich im griechischen Sinne "idiotisch". Es überträgt eine Logik des Verhaltens, die für den Bereich des Arbeitens und Herstellens angebracht sein mag, in die Welt des öffentlichen politischen Handelns, in der sie nichts zu suchen hat. Überall da, wo Leute ernsthaft miteinander reden, wo ihre Worte nicht nur leeres Gerede sind, ist das Modell des "ökonomischen Menschen" unangebracht.