Diese Aufnahme des Reaktors Nummer 6 am AKW Fukushima-Daichi entstand im Februar 2012. © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

Die Tragödie beginnt unter dem Pazifik, 129 Kilometer vor der japanischen Ostküste. Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr sackt die Erdkruste der Pazifischen Platte abrupt in die Tiefe. Der Boden unter Japan bebt so stark wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Selbst im 370 Kilometer entfernten Tokio wanken die Wolkenkratzer . Mit grausamer Wucht trifft die Naturgewalt den Norden Japans : eine halbe Stunde nach dem Beben erreicht ein Tsunami das Festland. Er begräbt Hunderte Kilometer Küste unter sich, seine Flut walzt bis zu zehn Kilometer tief ins Landesinnere. 19.000 Menschen sterben.

Schon bald aber wird dieser Horror zum medialen Hintergrundrauschen einer anderen Katastrophe. In den Kernkraftwerken von Fukushima-Daiichi sind die Kühlungen ausgefallen. Das Erdbeben hat die Stromleitungen gekappt, der Tsunami die Dieselgeneratoren überschwemmt. Im ersten von sechs Reaktorblöcken ist auch die Notstrombatterie beschädigt. 15 Stunden bleibt er ohne Kühlung, seine Brennstäbe schmelzen. Schließlich zerfetzt eine Explosion das Reaktorgebäude . Auch die Gebäude der Blöcke 3 und 4 detonieren spektakulär.

Wochenlang flimmern Aufnahmen der grauen Reaktorklötze vor dem türkisfarbenen Pazifik über die Bildschirme. Physiker erklären Schaubilder von birnenförmigen Sicherheitsbehältern. Aber was passiert wirklich in Fukushima ? Das aus bruchstückhaften Meldungen zusammengesetzte Mosaik ist stets unvollständig. Spekulationen florieren, Angst und Grauen machen sich breit.

Heute weiß man: Fukushima war nicht die "Apokalypse", wie etwa EU-Energiekommissar Günther Oettinger zunächst orakelte. Nein, es war der zweitschwerste Nuklearunfall in der Menschheitsgeschichte, deutlich schlimmer als der in Harrisburg 1979 – aber seine Strahlenwirkung war wesentlich geringer als in Tschernobyl 1986 . Trotzdem gibt es keinen Grund zur Verharmlosung: Die Existenz von Zehntausenden Menschen ist zerstört. Sie leben noch heute in Hilfsunterkünften, mit ungewisser Zukunft, gesundheitlich und wirtschaftlich. Ob sie in ihre Häuser zurückkehren können, ist fraglich.

Ihr Schicksal ist doppelt tragisch, denn die nukleare Katastrophe war vermeidbar . Sie ist der Arroganz und Nachlässigkeit der japanischen Atomindustrie geschuldet. Diese befand sich gerade im Aufschwung, als die Meiler explodierten. Japan hatte beschlossen, 14 neue Kernkraftwerke zu bauen, um seinen CO₂-Ausstoß bis 2020 um ein Viertel zu senken.

Antworten durch Simulationen

Noch im Januar 2011 hatte der damalige Wirtschaftsminister in Saudi-Arabien für Atomkraft made in Japan geworben. Sie sei die sicherste der Welt. Schon damals eine kühne Behauptung. Erst 2007 war das von der Tokyo Electric Power Company (Tepco) betriebene Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa durch ein Erdbeben beschädigt worden. "Das Ereignis war ein Weckruf, der um den Globus eilte", urteilte die Internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA . Naturkatastrophen seien die eigentliche Bedrohung für Atomkraftwerke. Ein Warnhinweis, den Tepco geflissentlich ignorierte.

Wo liegt der strahlende Klumpen? Antworten geben einzig Simulationen

Der Damm von Fukushima-Daiichi misst knapp sechs Meter, als ihn um 15.41 Uhr eine mehr als doppelt so hohe Welle überrollt. Fünfeinhalb Meter hoch umspült das Wasser die Anlagengebäude. Ohne Strom für die Kühlpumpen steigen Temperatur und Druck in den Reaktoren. Obwohl sie längst abgeschaltet sind, finden weiterhin radioaktive Zerfälle im Inneren der Brennstäbe statt und bringen sie zum Glühen. Immer mehr Wasser verdampft. Beim Schmelzen der Brennstäbe entsteht Wasserstoffgas. Es füllt allmählich das umliegende Gebäude, bildet mit Luftsauerstoff in den oberen Stockwerken Knallgas – und explodiert.

"Die Explosionen hätten nicht passieren dürfen", sagt Michael Sailer, Reaktorexperte vom Öko-Institut Darmstadt. Aber die Anlage hatte sicherheitstechnische Defizite. Tepco hatte Studien missachtet , die in Fukushima mächtige Tsunamis vorhersagten. "Man hätte die Notstromdiesel vor Überflutungen schützen müssen", sagt Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich. Und es fehlten nicht nur die Flutschutzmaßnahmen, sondern auch sogenannte Rekombinatoren, die Wasserstoffgas im Reaktorgebäude schadlos verbrennen.

"In Deutschland gehören solche Maßnahmen längst zum Sicherheitsstandard und sind in Kernkraftwerken installiert", sagt Joachim Knebel, Reaktorexperte vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Zwar waren die Sicherheitsbehälter in Fukushima mit reaktionshemmendem Stickstoff gefüllt. Das nutzt aber nichts, wenn Gas aus dem Reaktor entweicht. Wie heikel Wasserstoffgas während eines Nuklearunfalls sein kann, weiß man nicht erst seit gestern: Schon bei der teilweisen Kernschmelze im US-Kraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg 1979 hatte es eine kleine Explosion ausgelöst.

Auch auf einen Stromausfall ist Tepco nicht vorbereitet. Sämtliche Messanzeigen in den Kontrollräumen sind tot. Erst Stunden nach dem völligen Blackout gelingt es, tragbare Batterien aufzutreiben und sie mit den Apparaturen zu verbinden. Die Arbeiter müssen erst nachlesen, wie man sie richtig anschließt. Derweil stecken auch noch Lastwagen mit Notstromgeneratoren auf den zerstörten Straßen im Stau. Für einen Transport per Helikopter sind die Aggregate zu schwer. Als sie nach Mitternacht schließlich ankommen, sind die Kabel zu kurz. Es ist stockfinster, überall behindern Trümmer ein Durchkommen. Immer wieder erschüttern heftige Nachbeben die Erde. Erst nach 15 Stunden gelingt es 40 Arbeitern, ein tonnenschweres, 200 Meter langes Ersatzkabel per Hand auszurollen und am einzigen noch intakten Stromanschluss im ersten Stock von Block 2 anzuschließen. Die Mühe ist vergebens: Zehn Minuten später zerfetzt die Explosion von Block 1 das Kabel.

Die Katastrophe verändert die Risikowahrnehmung

All das sickerte erst Wochen nach der Katastrophe an die Öffentlichkeit. "Wichtige Informationen wurden verzögert, Pressemitteilungen zurückgehalten und Erklärungen mehrdeutig gestaltet", urteilte ein von der Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuss im Dezember. Er dokumentierte auch jene Fehler der Einsatzleitung, die eine Zuspitzung der Katastrophe ermöglichten.

So übersehen am Tag des Erdbebens die mit Premier Naoto Kan konferierenden Minister, Atomexperten und Tepco-Vorstände die Meldung, dass die Ventile in Block 1 zugefallen sind, die den Reaktor mit zwei Notkühlbecken verbinden. Das verzögert die Wassereinspeisung mit Feuerwehrschläuchen. Auch ist unklar, weshalb die Druckentlastung des überhitzten Reaktors so spät erfolgte. In Block 3 hingegen entscheiden Arbeiter offenbar eigenmächtig, das letzte batteriebetriebene Notkühlsystem auszuschalten. Beim Neustart versagt die Batterie. Und es wird versäumt, transportable Pumpen in Stellung zu bringen. Warum? "Bis heute sind aus den vorliegenden Quellen wesentliche Informationen nicht zu entnehmen", wird es später in einem Zwischenbericht der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) im August heißen.

Das Urteil über Fukushima fiel im Mai 2011. Eine Ethikkommission empfahl die Stilllegung der sieben abgeschalteten deutschen Kernkraftwerke und den Atomausstieg bis 2021 . Die japanische Katastrophe hatte die Risikowahrnehmung verändert: Da sich die Katastrophe im Hochtechnologieland Japan ereignete, schwand die Überzeugung, dass eine solche Havarie in Deutschland ausgeschlossen sei. Dass der Sicherheitsstandard in den Anlagen von Tepco jedoch an entscheidenden Stellen technisch längst überholt war, wusste die Ethikkommission da offenbar noch nicht. So mutig die empfohlene Energiewende auch sein mochte, sie wurde zu einer Zeit beschlossen, als die Experten in Sachen Fukushima noch im Dunkeln stocherten. Dies gilt ebenso für einen weiteren zentralen Punkt: den Verbleib der geschmolzenen Brennstäbe.

Der Reaktor 1 ist damals am längsten ohne Kühlung. Seine Brennstäbe sind nahezu komplett geschmolzen, und sie haben sich durch den Druckbehälter gefressen. Aber haben sie auch den massiven Sicherheitsbehälter beschädigt? Simulationen von Tepco werden später ergeben, dass sich die Kernschmelze in Reaktor 1 etwa 70 Zentimeter in den Beton auf dem Boden des Sicherheitsbehälters gefressen hat. Von hier sind es nur noch 37 Zentimeter bis zum Rand der Hülle. Bei Reaktor 2 und 3 sind dagegen lediglich die Hälfte der Kerne geschmolzen.

Michael Sailer begegnet solchen Simulationen generell mit Skepsis. "Alles über den Daumen gepeilt", sagt er. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit bereitet eigene, unabhängige Simulationen vor. "Mit den eigentlichen Rechnungen haben wir noch nicht begonnen", sagt GRS-Sprecher Sven Dokter. Es ist kaum zu glauben: Drei scheunengroße Behälter verändern die Welt – und niemand weiß, wie es darin aussieht.

Erst im Januar 2012 gelang es Tepco zum ersten Mal, einen Blick in einen der Reaktoren zu werfen. Siebzig Minuten dauerte es, um die Sonde seitlich in den Sicherheitsbehälter von Block 2 zu schieben. Zehn vierköpfige Crews blieben jeweils sieben Minuten im Gebäude, sonst wäre ihre Strahlenbelastung zu hoch gewesen. Auch diese Mühe war vergebens: Das grob gepixelte Bild zeigte vor allem herabtropfendes Wasser, wegen harter Gammastrahlen im Reaktor erblindete die Kamera zunehmend. So kam man nicht dazu, das künstliche Auge in die unteren Bereiche des Reaktors hinabzulassen, wo der geschmolzene Kern liegt. Womöglich wird man die Kernschmelzen erst aufspüren können, wenn man die Reaktorkerne öffnet, laut Tepco-Planung frühestens 2019.

Bis dahin sollen Roboter in den Reaktorgebäuden Trümmer entfernen und Sonden das Innere so gut es geht erkunden. Die Lecks in den Sicherheitsbehältern will man aufspüren und flicken, danach die Hüllen komplett mit Wasser fluten und alle drei Reaktorblöcke mit einem Sarkophag aus Stahlbeton einhüllen. Ob es sinnvoll und möglich ist, die aus der Kernschmelze hervorgegangenen, Hunderte Tonnen schweren Klumpen zu bergen, müsse sich noch zeigen, sagt Joachim Knebel: "Ich kann mir auch vorstellen, dass man die zerstörten Reaktorkerne am Ende komplett zubetonieren wird."

So hat man es in Tschernobyl gemacht. Dort fraß sich die Kernschmelze in den Boden des Reaktorgebäudes. 1986 errichtete man darüber eine Hülle aus Stahlbeton, die mittlerweile brüchig ist. In den nächsten Jahren soll ein neuer Mammut-Sarkophag die Katastrophe für die nächsten hundert Jahre begraben.

Massenuntersuchungen von Kinderschilddrüsen

Außer der Entsorgungsproblematik haben die Ereignisse in Fukushima und Tschernobyl jedoch herzlich wenig gemeinsam. Durch die Explosionen und das Entlüften der Reaktorblöcke werden zwar auch in Japan große Mengen radioaktiver Partikel freigesetzt. Aber das Wetter spielt mit. Der Wind bläst die radioaktiven Wolken aufs Meer hinaus. Nur am 15. und 21. März dreht er landeinwärts. Vor allem auf einem Landstrich in nordwestlicher Richtung gehen Wolken nieder. Sie enthalten jedoch nur Jod und Cäsium – und weder Plutonium noch Strontium, die beide in Tschernobyl während des Reaktorbrandes in großen Mengen frei wurden. Die birnenförmigen Sicherheitsbehälter in Fukushima verhindern, dass die schwergängigen Stoffe in die Luft geschleudert werden.

Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern. © ZEIT-Grafik

Auch die Gesamtmenge der freigesetzten Radioaktivität ist unterschiedlich. Gemäß den damaligen Berechnungen der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa beträgt sie in Fukushima ein Zehntel der Freisetzungen aus Tschernobyl. Allzu genau dürfte die Zahl aber nicht sein: In den Folgewochen werten norwegische Forscher die Daten der pazifischen Messstationen aus und kommen zumindest für Cäsium zu zwei- bis dreimal so hohen Werten.

Die Wahrheit, vermutet heute der ETH-Reaktorexperte Prasser, liege irgendwo dazwischen. Japanische Forscher berechneten in der Zwischenzeit, dass nur ein kleiner Teil der radioaktiven Partikel auf dem Festland niedergingen: 5,5 Prozent des Fallouts von Tschernobyl.

Zwei Millionen Menschen sollen jahrzehntelang untersucht werden

Schließlich dürften auch die gesundheitlichen Folgen gänzlich andere sein als die von Tschernobyl. "Wir rechnen nicht mit einer messbaren Zunahme von Krebsfällen in Folge von Fukushima", sagt Wolfgang Weiss, Fachbereichsleiter beim Bundesamt für Strahlenschutz und Leiter des Unscear . Dieses UN-Komitee hat schon die Folgen von Tschernobyl untersucht. Die Argumentation ist plausibel: In den ersten Wochen ist vor allem radioaktives Jod gefährlich. Weil es sich in der Schilddrüse anreichert, ist es bis zu 20-mal so gesundheitsschädlich wie viele andere radioaktive Stoffe. Anders als in Tschernobyl wurden in Fukushima jedoch alle Anwohner innerhalb von zehn Kilometern noch vor der ersten Reaktorentlüftung evakuiert, außerdem wurden rasch Jodtabletten ausgegeben. Sie schützten die Bevölkerung in den ersten 30 Tagen vor dem radioaktiven Jod-131 (danach ist der Stoff fast komplett zerfallen). Zudem sind Japaner wegen ihres fischreichen Speiseplans ohnehin besser vor radioaktivem Jod gewappnet als die Bewohner der "Jod-Mangelgebiete" rund um Tschernobyl.

Die Prognose von Weiss stützt sich vor allem auf die Daten von 1.080 Kindern aus Iitate. Dieser Bezirk liegt etwas außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone, just in jenem Streifen, auf dem ein Großteil des Fallouts niederging. Die Schilddrüsen der Kinder wurden zwei Wochen nach dem Erdbeben untersucht. Fast alle zeigten Belastungen von weniger als 10 Millisievert. Nur ein Kind war gemäß der Unscear-Daten mit einer Dosis von etwa 50 Millisievert belastet. Das ist nur ein Hundertstel jener Dosis, die Kinder in Tschernobyl abbekamen. Auch die japanischen Arbeiter auf dem Katastrophengelände sollen weniger als ein Hundertstel der Dosis jener 28 russischen Liquidatoren erhalten haben, die noch 1986 an der Strahlenkrankheit starben.

Aber es bleibt Raum für Zweifel. "Wir haben zu wenige Daten", sagt Rolf Michel, der ehemalige Leiter der Strahlenschutzkommission. So musste die Belastung der Bevölkerung aufwendig rekonstruiert werden. Dies geschah mittels Tausender Fragebögen, die an die Bewohner betroffener Regionen verteilt wurden. Daneben werteten Wissenschaftler Wettermodelle aus, um die Radioaktivität an den einzelnen Orten abschätzen zu können. Etwa 9.500 Strahlenprofile wurden so erstellt, weitere sollen folgen. Zudem sind Langzeitstudien angelaufen: Zwei Millionen Einwohner der betroffenen Gebiete sollen jahrzehntelang untersucht werden. Und Hunderttausende Kinderschilddrüsen werden auf Anomalien geprüft . Im Mai dieses Jahres will das Unscear einen ersten Zwischenbericht vorlegen.

Er wird auf Skepsis stoßen, nicht nur wegen der mageren Datenlage. Schon der Abschlussbericht zu den Folgen von Tschernobyl aus dem Jahr 2000 zog heftige Kontroversen nach sich. Er schrieb der freigesetzten Strahlung lediglich 6.000 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern zu (von denen sich die meisten erfolgreich behandeln ließen). Atomkritische Organisationen behaupteten hingegen, es gäbe Zehntausende, wenn nicht sogar Millionen Strahlenopfer. "Auch über Fukushima wird man sich in den nächsten 30 Jahren prächtig zanken", prophezeit Michael Sailer. Nach seiner Einschätzung wird es zu leicht erhöhten Krebsraten kommen. "Man hat Strahlung in den Gebieten. Und Menschen, die damit in Kontakt kamen."

Nach Tsunami und Kernschmelze droht der Region der wirtschaftliche Kollaps

Die Frage ist so alt wie der Atomprotest: Ab welcher Menge ist Strahlung gefährlich ? "Nach heutigen Erkenntnissen sieht man ab einer Dosis von etwa 100 Millisievert eine statistisch signifikante Zunahme von Krebsfällen", sagt der Strahlenbiologe Christian Streffer. Unter tausend Menschen erwarte man bei dieser Dosis fünf zusätzliche bei insgesamt etwa 400 Erkrankungen. "Das Problem ist: Für die Entstehung von Krebs gibt es keine Schwellendosis", sagt Streffer. Auch geringere Dosen könnten zu Krebs führen. "Aber man sieht einer individuellen Krebserkrankung nicht an, dass sie von Strahlung verursacht wurde."

Landwirtschaftliche Produkte aus Fukushima

So lasse sich bei niedrigen Dosen unmöglich nachweisen, ob für eine Jahrzehnte später auftretende Erkrankung radioaktive Strahlung – und nicht etwa Rauchen, seelischer Stress oder natürliche Radioaktivität – verantwortlich sei. Insbesondere Letztere werde gern übersehen, sagt Streffer: "Jede Sekunde finden in unserem Körper mehr als 8.000 Zerfälle durch radioaktive Kalium- oder Kohlenstoffatome statt." Fukushima habe gezeigt, dass "wir auf Radioaktivität sehr viel aufgeregter reagieren als auf andere Umweltgifte".

Das erlebte damals auch Rolf Michel so. Er reist auf Einladung der Deutschen Botschaft im Juli 2011 nach Tokio. Vielen Europäern gilt Japan als verbrannte Erde. Monate später wird das verzweifelte japanische Fremdenverkehrsamt den Entschluss fassen, 10.000 Flüge an ausländische Touristen zu verschenken. Michel will in der Botschaft "die Auseinandersetzung mit Fukushima wieder auf die rationale Ebene holen". Er erklärt, dass man sich zumindest außerhalb der Präfektur Fukushima keine Sorgen machen müsse. Das gilt ebenso für das Cäsium-kontaminierte Fleisch Tausender Rinder , das von der arglosen Bevölkerung in ganz Japan verspeist worden ist. "Selbst wenn Sie sich ausschließlich von belastetem Rindfleisch ernähren, haben Sie gerade einmal eine Dosis von einem Viertel Millisievert inkorporiert."

Das Misstrauen hält bis heute an . Landwirtschaftliche Produkte aus Fukushima bleiben in den Supermärkten liegen – obwohl sie geprüft wurden und radiologisch ungefährlich sind. Die Region mit ihren wogenden Wiesen und dichten Wäldern ist auf Jahrzehnte stigmatisiert. Die Folge davon ist, nach Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze, eine weitere Katastrophe für die Bewohner.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen. © Julika Altmann

Zumindest auf die Unfähigkeit der Verantwortlichen von Tepco hat die japanische Regierung jetzt reagiert. Sie will alle 17 Vorstände austauschen. Deren Arroganz hat die Katastrophe erst ermöglicht. Ins Zwielicht geraten sind aber auch Politiker und Medien, die vorschnell das Schreckensbild eines zweiten Tschernobyls an die Wand gemalt haben. Nach einem Jahr bleibt so nicht nur die Erinnerung an eine Tragödie – auch die Art und Weise, wie man damit umgegangen ist, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.