FukushimaChronik des Versagens

Was genau hat sich vor einem Jahr in den Reaktoren von Fukushima abgespielt? Bis heute verhindert harte Strahlung den Blick hinein. Die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt aber: Unvermeidlich war die Katastrophe keinesfalls. von 

Tepco AKW Reaktoren Fukushima Daiichi

Diese Aufnahme des Reaktors Nummer 6 am AKW Fukushima-Daichi entstand im Februar 2012.  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

Die Tragödie beginnt unter dem Pazifik, 129 Kilometer vor der japanischen Ostküste. Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr sackt die Erdkruste der Pazifischen Platte abrupt in die Tiefe. Der Boden unter Japan bebt so stark wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Selbst im 370 Kilometer entfernten Tokio wanken die Wolkenkratzer . Mit grausamer Wucht trifft die Naturgewalt den Norden Japans : eine halbe Stunde nach dem Beben erreicht ein Tsunami das Festland. Er begräbt Hunderte Kilometer Küste unter sich, seine Flut walzt bis zu zehn Kilometer tief ins Landesinnere. 19.000 Menschen sterben.

Schon bald aber wird dieser Horror zum medialen Hintergrundrauschen einer anderen Katastrophe. In den Kernkraftwerken von Fukushima-Daiichi sind die Kühlungen ausgefallen. Das Erdbeben hat die Stromleitungen gekappt, der Tsunami die Dieselgeneratoren überschwemmt. Im ersten von sechs Reaktorblöcken ist auch die Notstrombatterie beschädigt. 15 Stunden bleibt er ohne Kühlung, seine Brennstäbe schmelzen. Schließlich zerfetzt eine Explosion das Reaktorgebäude . Auch die Gebäude der Blöcke 3 und 4 detonieren spektakulär.

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Wochenlang flimmern Aufnahmen der grauen Reaktorklötze vor dem türkisfarbenen Pazifik über die Bildschirme. Physiker erklären Schaubilder von birnenförmigen Sicherheitsbehältern. Aber was passiert wirklich in Fukushima ? Das aus bruchstückhaften Meldungen zusammengesetzte Mosaik ist stets unvollständig. Spekulationen florieren, Angst und Grauen machen sich breit.


Japan nach Beben, Tsunami und GAU auf einer größeren Karte anzeigen

Heute weiß man: Fukushima war nicht die "Apokalypse", wie etwa EU-Energiekommissar Günther Oettinger zunächst orakelte. Nein, es war der zweitschwerste Nuklearunfall in der Menschheitsgeschichte, deutlich schlimmer als der in Harrisburg 1979 – aber seine Strahlenwirkung war wesentlich geringer als in Tschernobyl 1986 . Trotzdem gibt es keinen Grund zur Verharmlosung: Die Existenz von Zehntausenden Menschen ist zerstört. Sie leben noch heute in Hilfsunterkünften, mit ungewisser Zukunft, gesundheitlich und wirtschaftlich. Ob sie in ihre Häuser zurückkehren können, ist fraglich.

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen

Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Ihr Schicksal ist doppelt tragisch, denn die nukleare Katastrophe war vermeidbar . Sie ist der Arroganz und Nachlässigkeit der japanischen Atomindustrie geschuldet. Diese befand sich gerade im Aufschwung, als die Meiler explodierten. Japan hatte beschlossen, 14 neue Kernkraftwerke zu bauen, um seinen CO₂-Ausstoß bis 2020 um ein Viertel zu senken.

Noch im Januar 2011 hatte der damalige Wirtschaftsminister in Saudi-Arabien für Atomkraft made in Japan geworben. Sie sei die sicherste der Welt. Schon damals eine kühne Behauptung. Erst 2007 war das von der Tokyo Electric Power Company (Tepco) betriebene Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa durch ein Erdbeben beschädigt worden. "Das Ereignis war ein Weckruf, der um den Globus eilte", urteilte die Internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA . Naturkatastrophen seien die eigentliche Bedrohung für Atomkraftwerke. Ein Warnhinweis, den Tepco geflissentlich ignorierte.

Wo liegt der strahlende Klumpen? Antworten geben einzig Simulationen

Der Damm von Fukushima-Daiichi misst knapp sechs Meter, als ihn um 15.41 Uhr eine mehr als doppelt so hohe Welle überrollt. Fünfeinhalb Meter hoch umspült das Wasser die Anlagengebäude. Ohne Strom für die Kühlpumpen steigen Temperatur und Druck in den Reaktoren. Obwohl sie längst abgeschaltet sind, finden weiterhin radioaktive Zerfälle im Inneren der Brennstäbe statt und bringen sie zum Glühen. Immer mehr Wasser verdampft. Beim Schmelzen der Brennstäbe entsteht Wasserstoffgas. Es füllt allmählich das umliegende Gebäude, bildet mit Luftsauerstoff in den oberen Stockwerken Knallgas – und explodiert.

Lage in Fukushima-1
BLOCK 1 BLOCK 2 BLOCK 3 BLOCK 4
Abschaltung nach Beben, Explosion am 12.03.2011 Abschaltung nach Beben, Explosion am 15.03.2011 Abschaltung nach Beben, Explosion am 14. und 16.03.2011 Abgeschaltet vor Beben, Brände und Explosion am 15.03.2011
Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Weil Temperaturen im Reaktor unter 100 Grad Celsius sind, spricht Tepco von Kaltabschaltung Abgeschaltet und auch vor dem Beben nicht in Betrieb
Gebäude schwer beschädigt, Sicherheitsbehälter und Reaktordruckbehälter beschädigt, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude leicht beschädigt, Außenhülle löchrig, Leck im Sicherheitsbehälter vermutet, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude schwer beschädigt, Sicherheitsbehälter beschädigt, Leck vermutet, in den Reaktorkern wird Wasser eingeleitet Gebäude schwer beschädigt, Wasserstoff aus Block 3 sprengte das Dach, keine Brennelemente im Kern
Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde Strombetriebene Kühlsysteme mit Frischwasser und Wärmetauscher nicht funktionsfähig, es läuft ein alternatives Kühlsystem, das nach dem Tsunami eingerichtet wurde
Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 400 Brennelemente, Zustand der 292 Brennelemente im Abklingbecken unklar (Wasser wird eingespeist) Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 548 Brennelementen, Zustand der 587 Brennelemente im Abklingbecken unklar (Wasser wird eingespeist) Kernschmelze bestätigt (Tepco), Reaktorkern mit 548 Brennelementen beschädigt, Schäden an den 514 Brennelemente im Abklingbecken vermutet (Wasser wird eingespeist) keine Brennelemente im Reaktorkern, die meisten der 1331 Brennelementen im Abklingbecken sind vermutlich nicht beschädigt (Wasser wird eingespeist)
Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes. Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser Radioaktiv belastetes Wasser im Untergeschoss und unterirdischen Tunneln des Gebäudes, Abpumpen läuft. Eine Aufbereitungsanlage, die nach dem Tsunami installiert wurde, dekontaminiert das Wasser
Kunststoffzelt über dem Reaktorblock zur Abschirmung austretender Strahlung fertiggestellt kein Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung geplant Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung in Planung Kunststoffzelt zur Abschirmung austretender Strahlung in Planung
BLOCK 1 BLOCK 2 BLOCK 3 BLOCK 4

Quellen (u.a.): GRS, JAIF, Stand: März 2012
Blöcke 5 und 6
BLOCK 5 BLOCK 6
Abgeschaltet vor Beben Abgeschaltet vor Beben
Gebäude intakt, Sicherheitsbehälter intakt Gebäude intakt, Sicherheitsbehälter intakt
548 Brennelemente im Reaktorkern unbeschädigt, 946 Brennelemente im Abklingbecken intakt, Kühlung wieder intakt 764 Brennelemente im Reaktorkern unbeschädigt, 876 Brennelemente im Abklingbecken intakt, Kühlung wieder intakt
Lüftungsloch im Dach soll Wasserstoffexplosion vorbeugen, Elektrizität wieder vorhanden Lüftungsloch im Dach soll Wasserstoffexplosion vorbeugen, Elektrizität wieder vorhanden
Keine Informationen über austretende Radioaktivität Keine Informationen über austretende Radioaktivität
 
AKW-Übersicht

© ZEIT ONLINE

Die sechs Reaktoren von Fukushima-Daiichi liegen direkt an der Küste im Osten Japans. Ihr Zustand kann auf noch unabsehbare Zeit kritisch bleiben. Die japanische Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage der Anlage mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Evakuierungszone

© ZEIT ONLINE

Ende September wurde die Sperrzone auf Gebiete in einem Umkreis von 20 Kilometern reduziert. Einige Städte außerhalb dieses Bereichs, wie etwa Iitate, die sehr stark durch radioaktiven Fallout belastet worden sind, bleiben jedoch vorerst gesperrt. 

"Die Explosionen hätten nicht passieren dürfen", sagt Michael Sailer, Reaktorexperte vom Öko-Institut Darmstadt. Aber die Anlage hatte sicherheitstechnische Defizite. Tepco hatte Studien missachtet , die in Fukushima mächtige Tsunamis vorhersagten. "Man hätte die Notstromdiesel vor Überflutungen schützen müssen", sagt Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich. Und es fehlten nicht nur die Flutschutzmaßnahmen, sondern auch sogenannte Rekombinatoren, die Wasserstoffgas im Reaktorgebäude schadlos verbrennen.

"In Deutschland gehören solche Maßnahmen längst zum Sicherheitsstandard und sind in Kernkraftwerken installiert", sagt Joachim Knebel, Reaktorexperte vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Zwar waren die Sicherheitsbehälter in Fukushima mit reaktionshemmendem Stickstoff gefüllt. Das nutzt aber nichts, wenn Gas aus dem Reaktor entweicht. Wie heikel Wasserstoffgas während eines Nuklearunfalls sein kann, weiß man nicht erst seit gestern: Schon bei der teilweisen Kernschmelze im US-Kraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg 1979 hatte es eine kleine Explosion ausgelöst.

Auch auf einen Stromausfall ist Tepco nicht vorbereitet. Sämtliche Messanzeigen in den Kontrollräumen sind tot. Erst Stunden nach dem völligen Blackout gelingt es, tragbare Batterien aufzutreiben und sie mit den Apparaturen zu verbinden. Die Arbeiter müssen erst nachlesen, wie man sie richtig anschließt. Derweil stecken auch noch Lastwagen mit Notstromgeneratoren auf den zerstörten Straßen im Stau. Für einen Transport per Helikopter sind die Aggregate zu schwer. Als sie nach Mitternacht schließlich ankommen, sind die Kabel zu kurz. Es ist stockfinster, überall behindern Trümmer ein Durchkommen. Immer wieder erschüttern heftige Nachbeben die Erde. Erst nach 15 Stunden gelingt es 40 Arbeitern, ein tonnenschweres, 200 Meter langes Ersatzkabel per Hand auszurollen und am einzigen noch intakten Stromanschluss im ersten Stock von Block 2 anzuschließen. Die Mühe ist vergebens: Zehn Minuten später zerfetzt die Explosion von Block 1 das Kabel.

All das sickerte erst Wochen nach der Katastrophe an die Öffentlichkeit. "Wichtige Informationen wurden verzögert, Pressemitteilungen zurückgehalten und Erklärungen mehrdeutig gestaltet", urteilte ein von der Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuss im Dezember. Er dokumentierte auch jene Fehler der Einsatzleitung, die eine Zuspitzung der Katastrophe ermöglichten.

So übersehen am Tag des Erdbebens die mit Premier Naoto Kan konferierenden Minister, Atomexperten und Tepco-Vorstände die Meldung, dass die Ventile in Block 1 zugefallen sind, die den Reaktor mit zwei Notkühlbecken verbinden. Das verzögert die Wassereinspeisung mit Feuerwehrschläuchen. Auch ist unklar, weshalb die Druckentlastung des überhitzten Reaktors so spät erfolgte. In Block 3 hingegen entscheiden Arbeiter offenbar eigenmächtig, das letzte batteriebetriebene Notkühlsystem auszuschalten. Beim Neustart versagt die Batterie. Und es wird versäumt, transportable Pumpen in Stellung zu bringen. Warum? "Bis heute sind aus den vorliegenden Quellen wesentliche Informationen nicht zu entnehmen", wird es später in einem Zwischenbericht der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) im August heißen.

Das Urteil über Fukushima fiel im Mai 2011. Eine Ethikkommission empfahl die Stilllegung der sieben abgeschalteten deutschen Kernkraftwerke und den Atomausstieg bis 2021 . Die japanische Katastrophe hatte die Risikowahrnehmung verändert: Da sich die Katastrophe im Hochtechnologieland Japan ereignete, schwand die Überzeugung, dass eine solche Havarie in Deutschland ausgeschlossen sei. Dass der Sicherheitsstandard in den Anlagen von Tepco jedoch an entscheidenden Stellen technisch längst überholt war, wusste die Ethikkommission da offenbar noch nicht. So mutig die empfohlene Energiewende auch sein mochte, sie wurde zu einer Zeit beschlossen, als die Experten in Sachen Fukushima noch im Dunkeln stocherten. Dies gilt ebenso für einen weiteren zentralen Punkt: den Verbleib der geschmolzenen Brennstäbe.

Der Reaktor 1 ist damals am längsten ohne Kühlung. Seine Brennstäbe sind nahezu komplett geschmolzen, und sie haben sich durch den Druckbehälter gefressen. Aber haben sie auch den massiven Sicherheitsbehälter beschädigt? Simulationen von Tepco werden später ergeben, dass sich die Kernschmelze in Reaktor 1 etwa 70 Zentimeter in den Beton auf dem Boden des Sicherheitsbehälters gefressen hat. Von hier sind es nur noch 37 Zentimeter bis zum Rand der Hülle. Bei Reaktor 2 und 3 sind dagegen lediglich die Hälfte der Kerne geschmolzen.

Michael Sailer begegnet solchen Simulationen generell mit Skepsis. "Alles über den Daumen gepeilt", sagt er. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit bereitet eigene, unabhängige Simulationen vor. "Mit den eigentlichen Rechnungen haben wir noch nicht begonnen", sagt GRS-Sprecher Sven Dokter. Es ist kaum zu glauben: Drei scheunengroße Behälter verändern die Welt – und niemand weiß, wie es darin aussieht.

Erst im Januar 2012 gelang es Tepco zum ersten Mal, einen Blick in einen der Reaktoren zu werfen. Siebzig Minuten dauerte es, um die Sonde seitlich in den Sicherheitsbehälter von Block 2 zu schieben. Zehn vierköpfige Crews blieben jeweils sieben Minuten im Gebäude, sonst wäre ihre Strahlenbelastung zu hoch gewesen. Auch diese Mühe war vergebens: Das grob gepixelte Bild zeigte vor allem herabtropfendes Wasser, wegen harter Gammastrahlen im Reaktor erblindete die Kamera zunehmend. So kam man nicht dazu, das künstliche Auge in die unteren Bereiche des Reaktors hinabzulassen, wo der geschmolzene Kern liegt. Womöglich wird man die Kernschmelzen erst aufspüren können, wenn man die Reaktorkerne öffnet, laut Tepco-Planung frühestens 2019.

Japans Katastrophe
Tage am Abgrund nach Beben, Tsunami und GAU
11. März 2011, 14.46 Uhr
Satellitenbild von Japan

Satellitenbild von Japan  |  © Nasa/Goddard/SeaWiFS/ORBIMAGE

Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans erschüttert rund sechs Minuten das Land mit einer Stärke von 9,0. Das Epizentrum liegt rund 130 Kilometer vor der Ostküste der Hauptinsel Honshu. Die Auswirkungen sind dramatisch: Auf dem Meeresgrund reißt die Erdkruste auf 400 Kilometern Länge, Teile der Küste verlagern sich ruckartig um bis zu 50 Meter nach Osten. Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein hebt sich um einige Meter an.

11. März 2011, ca. 15.40 Uhr
Zerstörung in der Stadt Natori

Zerstörung in der Stadt Natori  |  © STR/AFP/Getty Images

Ein Tsunami rast mit 800 Kilometern pro Stunde auf die Küste zu. Über zehn Meter sind die Flutwellen mancherorts hoch, an einzelnen Stellen erreichen sie fast 40 Meter. Kilometerweit dringen die Wassermassen landeinwärts. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Ganze Städte werden ausgelöscht. Im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi fällt der Strom aus. Das Beben hat die Leitungen gekappt, der Tsunami Dieselgeneratoren überspült.

11. März 2011, 16.30 bis 20.30 Uhr
Das AKW Fukushima am 12. März 2011

Das AKW Fukushima am 12. März 2011  |  © STR/AFP/Getty Images

Die Wasserkühlung zweier Reaktoren des Kraftwerks Fukushima-Daiichi ist ausgefallen. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sagt, die Lage in den 54 Reaktoren des Landes sei stabil, weil sie sofort nach dem Beben automatisch heruntergefahren wurden. Um 20.30 Uhr muss die Regierung dann für Fukushima-Daiichi den atomaren Notfall verkünden. Etwa 2.000 Bewohner in der Umgebung werden aufgefordert, sofort ihre Häuser zu verlassen.

12. März 2011, morgens
Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.

Soldaten retten Menschen aus den Unglücksgebieten.  |  © STR/AFP/Getty Images.jpg

Nach Strahlenmessungen am Kernkraftwerk wird die Evakuierungszone vergrößert. Mindestens 60.000 Personen sind auf der Flucht. Ministerpräsident Kan fliegt im Hubschrauber nach Fukushima, um sich ein Bild der Lage zu machen. Im AKW lassen Ingenieure Dampf durch die Notventile ab, um den Druck in den Reaktorbehältern zu senken. Inzwischen kocht das Wasser in den Notkühlbecken.

12. März 2011, 15.36 Uhr
Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.

Menschen in aller Welt sehen die Explosion im Fernsehen.  |  © Park Ji-Hwan/AFP/Getty Images

In Fukushima-Daiichi entzündet sich Wasserstoff und zerfetzt die Außenhülle von Reaktor 1. Ohne Strom für die Pumpen, die den Kühlkreislauf antreiben, waren Temperatur und Druck zu stark angestiegen. Trotz Abschaltung des Blocks begannen so die Brennstäbe zu glühen, Wasser verdampfte und Wasserstoffgas bildete sich, während der Reaktorkern schmolz. Japan und die Welt fürchten die atomare Apokalypse.

13. März 2011
Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.

Der damalige Premier Naoto Kan am 13. März während einer Pressekonferenz.  |  © JIJI PRESS/AFP/Getty Images

In der Nähe des von Reaktor 1 in Fukushima-Daiichi wird eine vierhundertfach erhöhte Radioaktivität gemessen. Ministerpräsident Kan räumt erstmals ein, dass eine Kernschmelze möglich sei. Simulationen und Messdaten von außen bestätigen die Schmelze in den Wochen nach der Havarie. Heute ist die Ruine, die von Block 1 übrig ist, luftdicht in Plastik eingehüllt.

14. März 2011
Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.

Eine Frau sucht in der Verwüstung nach Habseligkeiten.  |  © Paula Bronstein/Getty Images

Allein in der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans werden 2.000 Tote gefunden. 390.000 Menschen sind auf der Flucht aus dem Tsunami-Katastrophengebiet, mehr als 1.400 Notlager werden eingerichtet. Inzwischen gibt es an vielen Orten kein Heizöl mehr, die Menschen frieren. Rund 400.000 Häuser sind zerstört weitere Huntertausende Gebäude beschädigt, Straßen, Zugstrecken und ganze Landstriche unpassierbar.

14. März 2011
Fallout nahe der Küste

Fallout nahe der Küste  |  © ZEIT-Grafik

Obwohl die AKW-Arbeiter die Reaktoren verzweifelt mit Meerwasser kühlen, gibt es eine weitere Wasserstoffexplosion, im Reaktor 3 von Fukushima-Daiichi. Radioaktives Material dringt nach draußen, der Großteil wird in den kommenden Tagen auf den Pazifik geweht. Doch ein Teil verbreitet sich auch über dem Festland. Die Abbildung zeigt, wo sich langlebiges Cäsium konzentriert hat (rot steht für die höchsten Strahlenwerte).

15. März 2011
Strahlenuntersuchung

Strahlenuntersuchung  |  © Issei Kato/AFP/Getty Images

Eine dritte und vierte Explosion ereignen sich in Fukushima. Das Gebäude von Reaktor 2 bleibt intakt, Wasserstoff aus Block 3 sprengt das Dach von Reaktor 4. Von vorher 800 Arbeitern bleiben etwa 40 im stockfinsteren Kraftwerk. Vergeblich hatten sie versucht, weitere Detonationen zu verhindern. Das Unglück wird als nukleares Ereignis der Stufe 6 bewertet. Einen Monat später erhält es wie Tschernobyl die Höchststufe 7: GAU.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie

Fukushima-Daiichi ein Jahr nach der Havarie  |  © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

In einem der sechs Reaktorblöcke ereignete sich offenbar eine komplette Kernschmelze, in zwei weiteren verflüssigten sich die Brennstäbe wohl mindestens zur Hälfte. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Vorläufige Bilanz des Unglücks
Eine Stadt in Trümmern

Eine Stadt in Trümmern  |  © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Die Strahlenbelastung der Menschen war weit geringer als für die Bewohner von Tschernobyl. Das Strahlenschutz-Komitee der UN schätzt, dass die Zunahme der Krebsfälle nicht messbar sein wird. Das liegt vor allem daran, dass kaum radioaktives Jod von Menschen eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen worden ist. Der Tsunami hingegen tötete mehr als 18.000 Menschen. Bis heute wohnen Überlebende in provisorischen Wohnungscontainern.

Bis dahin sollen Roboter in den Reaktorgebäuden Trümmer entfernen und Sonden das Innere so gut es geht erkunden. Die Lecks in den Sicherheitsbehältern will man aufspüren und flicken, danach die Hüllen komplett mit Wasser fluten und alle drei Reaktorblöcke mit einem Sarkophag aus Stahlbeton einhüllen. Ob es sinnvoll und möglich ist, die aus der Kernschmelze hervorgegangenen, Hunderte Tonnen schweren Klumpen zu bergen, müsse sich noch zeigen, sagt Joachim Knebel: "Ich kann mir auch vorstellen, dass man die zerstörten Reaktorkerne am Ende komplett zubetonieren wird."

So hat man es in Tschernobyl gemacht. Dort fraß sich die Kernschmelze in den Boden des Reaktorgebäudes. 1986 errichtete man darüber eine Hülle aus Stahlbeton, die mittlerweile brüchig ist. In den nächsten Jahren soll ein neuer Mammut-Sarkophag die Katastrophe für die nächsten hundert Jahre begraben.

Außer der Entsorgungsproblematik haben die Ereignisse in Fukushima und Tschernobyl jedoch herzlich wenig gemeinsam. Durch die Explosionen und das Entlüften der Reaktorblöcke werden zwar auch in Japan große Mengen radioaktiver Partikel freigesetzt. Aber das Wetter spielt mit. Der Wind bläst die radioaktiven Wolken aufs Meer hinaus. Nur am 15. und 21. März dreht er landeinwärts. Vor allem auf einem Landstrich in nordwestlicher Richtung gehen Wolken nieder. Sie enthalten jedoch nur Jod und Cäsium – und weder Plutonium noch Strontium, die beide in Tschernobyl während des Reaktorbrandes in großen Mengen frei wurden. Die birnenförmigen Sicherheitsbehälter in Fukushima verhindern, dass die schwergängigen Stoffe in die Luft geschleudert werden.

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Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Auch die Gesamtmenge der freigesetzten Radioaktivität ist unterschiedlich. Gemäß den damaligen Berechnungen der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa beträgt sie in Fukushima ein Zehntel der Freisetzungen aus Tschernobyl. Allzu genau dürfte die Zahl aber nicht sein: In den Folgewochen werten norwegische Forscher die Daten der pazifischen Messstationen aus und kommen zumindest für Cäsium zu zwei- bis dreimal so hohen Werten.

Die Wahrheit, vermutet heute der ETH-Reaktorexperte Prasser, liege irgendwo dazwischen. Japanische Forscher berechneten in der Zwischenzeit, dass nur ein kleiner Teil der radioaktiven Partikel auf dem Festland niedergingen: 5,5 Prozent des Fallouts von Tschernobyl.

Zwei Millionen Menschen sollen jahrzehntelang untersucht werden

Schließlich dürften auch die gesundheitlichen Folgen gänzlich andere sein als die von Tschernobyl. "Wir rechnen nicht mit einer messbaren Zunahme von Krebsfällen in Folge von Fukushima", sagt Wolfgang Weiss, Fachbereichsleiter beim Bundesamt für Strahlenschutz und Leiter des Unscear . Dieses UN-Komitee hat schon die Folgen von Tschernobyl untersucht. Die Argumentation ist plausibel: In den ersten Wochen ist vor allem radioaktives Jod gefährlich. Weil es sich in der Schilddrüse anreichert, ist es bis zu 20-mal so gesundheitsschädlich wie viele andere radioaktive Stoffe. Anders als in Tschernobyl wurden in Fukushima jedoch alle Anwohner innerhalb von zehn Kilometern noch vor der ersten Reaktorentlüftung evakuiert, außerdem wurden rasch Jodtabletten ausgegeben. Sie schützten die Bevölkerung in den ersten 30 Tagen vor dem radioaktiven Jod-131 (danach ist der Stoff fast komplett zerfallen). Zudem sind Japaner wegen ihres fischreichen Speiseplans ohnehin besser vor radioaktivem Jod gewappnet als die Bewohner der "Jod-Mangelgebiete" rund um Tschernobyl.

Die Prognose von Weiss stützt sich vor allem auf die Daten von 1.080 Kindern aus Iitate. Dieser Bezirk liegt etwas außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone, just in jenem Streifen, auf dem ein Großteil des Fallouts niederging. Die Schilddrüsen der Kinder wurden zwei Wochen nach dem Erdbeben untersucht. Fast alle zeigten Belastungen von weniger als 10 Millisievert. Nur ein Kind war gemäß der Unscear-Daten mit einer Dosis von etwa 50 Millisievert belastet. Das ist nur ein Hundertstel jener Dosis, die Kinder in Tschernobyl abbekamen. Auch die japanischen Arbeiter auf dem Katastrophengelände sollen weniger als ein Hundertstel der Dosis jener 28 russischen Liquidatoren erhalten haben, die noch 1986 an der Strahlenkrankheit starben.

Aber es bleibt Raum für Zweifel. "Wir haben zu wenige Daten", sagt Rolf Michel, der ehemalige Leiter der Strahlenschutzkommission. So musste die Belastung der Bevölkerung aufwendig rekonstruiert werden. Dies geschah mittels Tausender Fragebögen, die an die Bewohner betroffener Regionen verteilt wurden. Daneben werteten Wissenschaftler Wettermodelle aus, um die Radioaktivität an den einzelnen Orten abschätzen zu können. Etwa 9.500 Strahlenprofile wurden so erstellt, weitere sollen folgen. Zudem sind Langzeitstudien angelaufen: Zwei Millionen Einwohner der betroffenen Gebiete sollen jahrzehntelang untersucht werden. Und Hunderttausende Kinderschilddrüsen werden auf Anomalien geprüft . Im Mai dieses Jahres will das Unscear einen ersten Zwischenbericht vorlegen.

Er wird auf Skepsis stoßen, nicht nur wegen der mageren Datenlage. Schon der Abschlussbericht zu den Folgen von Tschernobyl aus dem Jahr 2000 zog heftige Kontroversen nach sich. Er schrieb der freigesetzten Strahlung lediglich 6.000 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern zu (von denen sich die meisten erfolgreich behandeln ließen). Atomkritische Organisationen behaupteten hingegen, es gäbe Zehntausende, wenn nicht sogar Millionen Strahlenopfer. "Auch über Fukushima wird man sich in den nächsten 30 Jahren prächtig zanken", prophezeit Michael Sailer. Nach seiner Einschätzung wird es zu leicht erhöhten Krebsraten kommen. "Man hat Strahlung in den Gebieten. Und Menschen, die damit in Kontakt kamen."

Nach Tsunami und Kernschmelze droht der Region der wirtschaftliche Kollaps

Die Frage ist so alt wie der Atomprotest: Ab welcher Menge ist Strahlung gefährlich ? "Nach heutigen Erkenntnissen sieht man ab einer Dosis von etwa 100 Millisievert eine statistisch signifikante Zunahme von Krebsfällen", sagt der Strahlenbiologe Christian Streffer. Unter tausend Menschen erwarte man bei dieser Dosis fünf zusätzliche bei insgesamt etwa 400 Erkrankungen. "Das Problem ist: Für die Entstehung von Krebs gibt es keine Schwellendosis", sagt Streffer. Auch geringere Dosen könnten zu Krebs führen. "Aber man sieht einer individuellen Krebserkrankung nicht an, dass sie von Strahlung verursacht wurde."

So lasse sich bei niedrigen Dosen unmöglich nachweisen, ob für eine Jahrzehnte später auftretende Erkrankung radioaktive Strahlung – und nicht etwa Rauchen, seelischer Stress oder natürliche Radioaktivität – verantwortlich sei. Insbesondere Letztere werde gern übersehen, sagt Streffer: "Jede Sekunde finden in unserem Körper mehr als 8.000 Zerfälle durch radioaktive Kalium- oder Kohlenstoffatome statt." Fukushima habe gezeigt, dass "wir auf Radioaktivität sehr viel aufgeregter reagieren als auf andere Umweltgifte".

Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

Das erlebte damals auch Rolf Michel so. Er reist auf Einladung der Deutschen Botschaft im Juli 2011 nach Tokio. Vielen Europäern gilt Japan als verbrannte Erde. Monate später wird das verzweifelte japanische Fremdenverkehrsamt den Entschluss fassen, 10.000 Flüge an ausländische Touristen zu verschenken. Michel will in der Botschaft "die Auseinandersetzung mit Fukushima wieder auf die rationale Ebene holen". Er erklärt, dass man sich zumindest außerhalb der Präfektur Fukushima keine Sorgen machen müsse. Das gilt ebenso für das Cäsium-kontaminierte Fleisch Tausender Rinder , das von der arglosen Bevölkerung in ganz Japan verspeist worden ist. "Selbst wenn Sie sich ausschließlich von belastetem Rindfleisch ernähren, haben Sie gerade einmal eine Dosis von einem Viertel Millisievert inkorporiert."

Das Misstrauen hält bis heute an . Landwirtschaftliche Produkte aus Fukushima bleiben in den Supermärkten liegen – obwohl sie geprüft wurden und radiologisch ungefährlich sind. Die Region mit ihren wogenden Wiesen und dichten Wäldern ist auf Jahrzehnte stigmatisiert. Die Folge davon ist, nach Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze, eine weitere Katastrophe für die Bewohner.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Zumindest auf die Unfähigkeit der Verantwortlichen von Tepco hat die japanische Regierung jetzt reagiert. Sie will alle 17 Vorstände austauschen. Deren Arroganz hat die Katastrophe erst ermöglicht. Ins Zwielicht geraten sind aber auch Politiker und Medien, die vorschnell das Schreckensbild eines zweiten Tschernobyls an die Wand gemalt haben. Nach einem Jahr bleibt so nicht nur die Erinnerung an eine Tragödie – auch die Art und Weise, wie man damit umgegangen ist, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

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Leserkommentare
  1. Die 17 Vorstände gehören vor Gericht und dann nach Aburteilung jeweils ins Gefängnis. Ein Atomkraftwerk ist kein Kinderspielplatz für Gewinnoptimierer. Alle haben den Tsunami von Indonesien gesehen, niemand hat die Dieseltanks anschliessend versetzen lassen. Kein Mirarbeiter hat gewagt die Reaktoren sofort nach der Tsunami Warnung zu fluten - es wäre überhaupt nichts passiert - jedoch das ganze Atomkraftwerk unwiderbringbar verloren gewesen. Auf alten googel maps Bildern ist zu erkennen, das am Parkplatz des ganzen AKWs gerde mal ein paar Autos stehen. Vermutlich auch noch personell sparsam unterbesetzt - Freitag nachmittag.
    FAZIT: unglaubliche verbrecherische Fahrlässigkeit.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pietätlose Äußerungen. Danke, die Redaktion/ls

  2. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  3. die auch nach der Katastrophe noch fröhlich mit Falschmeldungen um sich warfen und so bis heute Menschenleben gefährden. Atomkraft um jeden Preis, lächerlich wie sehr die Profitgier gesiegt hat.

    Welcher Aufwand betrieben wurde diese bedrohliche und völlig unnötige Technik in alle Länder der Welt zu bringen, ohne sich Gedanken um die Abfallprodukte oder Risiken zu machen, ist erstaunlich. Gesegnet sind jene Länder die sich diesen Mist per Volksentscheid vom Hals gehalten haben. keine Endlagerproblematik und im Falle Australiens nicht einmal das Risiko eines GAUs beim Nachbarn.

    Was die Lagerung angeht gehören die Betreiber ganz nach dem Verursacherprinzip in Vollhaftung genommen. Wer kippte beispielsweise seinen ganzen Müll in die Asse? Wieso muss der Steuerzahler nun mit Milliarden für die vielleicht unmögliche Reinigung aufkommen? Vielen Dank an Frau Merkel, die damals unter Kohl als Umweltministerin dieser Umweltstraftat grünes Licht gab und die Konzerne vor jeglicher Haftung bis heute bewahrt.

    Eine Ungeheuerlichkeit.

    • Gwahir
    • 10. März 2012 9:22 Uhr

    Block1 wirklich nicht beschädigt, bevor der Tsunami eintraf? Wasserdampf aus Block 3 bringt Block 4 zum explodieren?? Doch keine Explosion im Abklingbecken von Block3? Warum wird das Wort "Abklingbecken" nie verwendet - die waren doch der Grund, warum die USA gaanz schnell alle Bürger aufgefordert hat, mal so 100km Abstand zu halten. Keine Elemente wie Plutonium etc in die Luft abgegeben? Wieso wird es dann gefunden?
    Zum eigentlichen Problem diese Doku der BBC aus den 90ern, die zeigt, dass schon 1971 bekannt war, das der GE Typ höchst problematisch im Notbetrieb reagiert - ohne Erdbeben, Tsunami etc. http://www.bbc.co.uk/blogs/adamcurtis/2011/03/a_is_for_atom.html Oder wie ein Kollege, der zu der Zeit als leitender Ingenieur in den US tätig war, lapidar meinte: "Wir wussten schon immer, dass der Typ Sch... ist."
    Ich wäre optimistischer, wenn Tepco etc. realistisch informiert hätten / würden - es ist immer erst viel später zugegeben worden, was vorher begründet vermutet wurde.

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    • Karl63
    • 10. März 2012 12:20 Uhr

    ist momentan noch bei ARTE Online abrufbar:
    http://www.arte.tv/de/Fukushima---Die-Wahrheit-hinter-dem-Super-GAU/6391...
    Darin wird beschrieben, wie die Brennstäbe in den Abklingbecken zum Verlauf der Katastrophe beigetragen haben.
    Was Anlass zu größter Sorge geben sollte ist der Umstand, dass die Experten, die der NDR zu Wort kommen lässt, explizit davor warnen ein erneutes Erdbeben kann die Ruinen der Reaktoren zum Einsturz bringen. Dies würde bedeuten, die Abklingbecken (oder was davon noch übrig ist) werden zerstört und die Kühlung der darin enthaltenen Brennstäbe ist nicht mehr gewährleistet. Als Folge wird erwartet, dass die Brennstäbe überhitzen und in Brand geraten, was wieder die unkontrollierte Freisetzung von Radioaktivität nach sich ziehen würde.

  4. 5. ......

    Mich interessiert derzeit viel mehr, wie es weiter geht.
    Drei geschmolzene Kerne, die irgendwo am Grunde vor sich hinschmürgeln. Dennoch, die größte Gefahr geht vom Reaktor 4 aus. In dem dortigen Abklingbecken lagern niegelnagelneue, vollkommen unverbrauchte Brennstäbe, die (hätte es das Ungluck nicht gegeben), für den Reaktorblock Nr.4 vorgesehen waren. Wenn bei einem weiteren schweren Erdbeben die restliche Kühlung ausfallen sollte, wird es nicht nur zu einer Kernschmelze kommen, sondern auch zu einer Kettenreaktion und das unter freiem Himmel. Was das für Japan bedeutet, kann man sich derzeit gar nicht vorstellen....

    Es handelt sich auch dort um MOX-Brennstäbe - aber völlig unverbrauchte, die noch ihr ganzes Potential besitzen!

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    • Evolux
    • 10. März 2012 10:43 Uhr

    dauert es möglicherweise,wenn nicht noch länger,bis man an die geschmolzenen Kerne rankommt und diese geborgen werden können.
    Wenn bis dahin die Technik dafür vorhanden ist.
    Bis dahin muss gekühlt werden und ein nicht intaktes Kühlungssystem aufrechterhalten werden bzw, neu installiert werden.Es werden weiterhin Millionen Liter hochradioaktivem Kühlwasser enstehen,welche entsorgt und aufbereitet/dekontaminiert werden muss.
    Die Gefahr weiterer schwerer Beben in Japan ist immer gegeben und es stehen 54 Reaktoren in Japan.

    Expert Warns: Leakage of Water from the Unit 4 SFP Will Mean "THE END" (Mar. 8, 2012)
    This video clip is part of a morning news & information TV program called "Morning Bird" by TV Asahi, aired on March 8, 2012.
    https://www.youtube.com/watch?v=eJi-o4F8eOo&feature=g-all-u&context=G2a6...
    (Untertitel aktivieren!)

    Sie bauen ein 2.Gebäude und transferieren die Brennstäbe dann von A(Reaktor 4) nach B(neu).Das erfordert eine weitere Umbauung der ganzen Anlage,denn das wird man kaum unter freiem Himmel tun können.
    das kann man nicht mehr kommentieren.
    Zahlen tut das alles der japanische Steuerzahler wenn TEPCO pleite ist.
    Gewinne privatisieren,Verluste sozialisieren usw.

  5. aus dem Ausstieg ausgestiegen. Trotz Tschernobyl! Na klar war das nur politisches Kalkül!

    Die selbe Regierung unterstützt ja jetzt auch den Bau von Kernkraftwerken in Brasilien!

    • Evolux
    • 10. März 2012 10:43 Uhr

    dauert es möglicherweise,wenn nicht noch länger,bis man an die geschmolzenen Kerne rankommt und diese geborgen werden können.
    Wenn bis dahin die Technik dafür vorhanden ist.
    Bis dahin muss gekühlt werden und ein nicht intaktes Kühlungssystem aufrechterhalten werden bzw, neu installiert werden.Es werden weiterhin Millionen Liter hochradioaktivem Kühlwasser enstehen,welche entsorgt und aufbereitet/dekontaminiert werden muss.
    Die Gefahr weiterer schwerer Beben in Japan ist immer gegeben und es stehen 54 Reaktoren in Japan.

    Expert Warns: Leakage of Water from the Unit 4 SFP Will Mean "THE END" (Mar. 8, 2012)
    This video clip is part of a morning news & information TV program called "Morning Bird" by TV Asahi, aired on March 8, 2012.
    https://www.youtube.com/watch?v=eJi-o4F8eOo&feature=g-all-u&context=G2a6...
    (Untertitel aktivieren!)

    Sie bauen ein 2.Gebäude und transferieren die Brennstäbe dann von A(Reaktor 4) nach B(neu).Das erfordert eine weitere Umbauung der ganzen Anlage,denn das wird man kaum unter freiem Himmel tun können.
    das kann man nicht mehr kommentieren.
    Zahlen tut das alles der japanische Steuerzahler wenn TEPCO pleite ist.
    Gewinne privatisieren,Verluste sozialisieren usw.

    Antwort auf "......"
    • Evolux
    • 10. März 2012 11:00 Uhr

    zu diesem weltumspannenden und tiefgreifenden Ereignis/Desaster.

    ein korrupter(?) Bundespräsident,der sich seinen Eherensold sichert,nachdem er im Amt gescheitert ist(wie auch immer)bringt es in der gleichen Zeit auf 8000

    Es gehen die Verhältnismäßigkeiten verloren!
    ist wohl beabsichtigt im weltweiten Cover-up dieser Katastrophe,in der Deutschlands Experten,deren Lobby und die Medien als Filter agieren.

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    • Crest
    • 10. März 2012 12:18 Uhr

    Ob das an dem Untertitel <em>"Unvermeidlich war die Katastrophe keinesfalls."</em> liegt, dass die (restlichen) "üblichen Verdächtigen" einen so großen Bogen darum machen? ;-)

    Nach Stephen Hawking halbiert jede Formel in einem Buch die Leserschaft. Halbiert in Analogie dazu auch jede positiv zu verstehende Bemerkung zur Kernkraft die Leserschaft eines Artikels?

    Herzlichst Crest

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