Fukushima : Chronik des Versagens
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Antworten durch Simulationen

Noch im Januar 2011 hatte der damalige Wirtschaftsminister in Saudi-Arabien für Atomkraft made in Japan geworben. Sie sei die sicherste der Welt. Schon damals eine kühne Behauptung. Erst 2007 war das von der Tokyo Electric Power Company (Tepco) betriebene Kernkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa durch ein Erdbeben beschädigt worden. "Das Ereignis war ein Weckruf, der um den Globus eilte", urteilte die Internationale Atomaufsichtsbehörde IAEA . Naturkatastrophen seien die eigentliche Bedrohung für Atomkraftwerke. Ein Warnhinweis, den Tepco geflissentlich ignorierte.

Wo liegt der strahlende Klumpen? Antworten geben einzig Simulationen

Der Damm von Fukushima-Daiichi misst knapp sechs Meter, als ihn um 15.41 Uhr eine mehr als doppelt so hohe Welle überrollt. Fünfeinhalb Meter hoch umspült das Wasser die Anlagengebäude. Ohne Strom für die Kühlpumpen steigen Temperatur und Druck in den Reaktoren. Obwohl sie längst abgeschaltet sind, finden weiterhin radioaktive Zerfälle im Inneren der Brennstäbe statt und bringen sie zum Glühen. Immer mehr Wasser verdampft. Beim Schmelzen der Brennstäbe entsteht Wasserstoffgas. Es füllt allmählich das umliegende Gebäude, bildet mit Luftsauerstoff in den oberen Stockwerken Knallgas – und explodiert.

"Die Explosionen hätten nicht passieren dürfen", sagt Michael Sailer, Reaktorexperte vom Öko-Institut Darmstadt. Aber die Anlage hatte sicherheitstechnische Defizite. Tepco hatte Studien missachtet , die in Fukushima mächtige Tsunamis vorhersagten. "Man hätte die Notstromdiesel vor Überflutungen schützen müssen", sagt Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich. Und es fehlten nicht nur die Flutschutzmaßnahmen, sondern auch sogenannte Rekombinatoren, die Wasserstoffgas im Reaktorgebäude schadlos verbrennen.

"In Deutschland gehören solche Maßnahmen längst zum Sicherheitsstandard und sind in Kernkraftwerken installiert", sagt Joachim Knebel, Reaktorexperte vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Zwar waren die Sicherheitsbehälter in Fukushima mit reaktionshemmendem Stickstoff gefüllt. Das nutzt aber nichts, wenn Gas aus dem Reaktor entweicht. Wie heikel Wasserstoffgas während eines Nuklearunfalls sein kann, weiß man nicht erst seit gestern: Schon bei der teilweisen Kernschmelze im US-Kraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg 1979 hatte es eine kleine Explosion ausgelöst.

Auch auf einen Stromausfall ist Tepco nicht vorbereitet. Sämtliche Messanzeigen in den Kontrollräumen sind tot. Erst Stunden nach dem völligen Blackout gelingt es, tragbare Batterien aufzutreiben und sie mit den Apparaturen zu verbinden. Die Arbeiter müssen erst nachlesen, wie man sie richtig anschließt. Derweil stecken auch noch Lastwagen mit Notstromgeneratoren auf den zerstörten Straßen im Stau. Für einen Transport per Helikopter sind die Aggregate zu schwer. Als sie nach Mitternacht schließlich ankommen, sind die Kabel zu kurz. Es ist stockfinster, überall behindern Trümmer ein Durchkommen. Immer wieder erschüttern heftige Nachbeben die Erde. Erst nach 15 Stunden gelingt es 40 Arbeitern, ein tonnenschweres, 200 Meter langes Ersatzkabel per Hand auszurollen und am einzigen noch intakten Stromanschluss im ersten Stock von Block 2 anzuschließen. Die Mühe ist vergebens: Zehn Minuten später zerfetzt die Explosion von Block 1 das Kabel.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

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Die 17 Vorstände gehören vor Gericht und dann nach Aburteilung jeweils ins Gefängnis. Ein Atomkraftwerk ist kein Kinderspielplatz für Gewinnoptimierer. Alle haben den Tsunami von Indonesien gesehen, niemand hat die Dieseltanks anschliessend versetzen lassen. Kein Mirarbeiter hat gewagt die Reaktoren sofort nach der Tsunami Warnung zu fluten - es wäre überhaupt nichts passiert - jedoch das ganze Atomkraftwerk unwiderbringbar verloren gewesen. Auf alten googel maps Bildern ist zu erkennen, das am Parkplatz des ganzen AKWs gerde mal ein paar Autos stehen. Vermutlich auch noch personell sparsam unterbesetzt - Freitag nachmittag.
FAZIT: unglaubliche verbrecherische Fahrlässigkeit.
[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pietätlose Äußerungen. Danke, die Redaktion/ls

Am meisten widern mich die Organisationen an,

die auch nach der Katastrophe noch fröhlich mit Falschmeldungen um sich warfen und so bis heute Menschenleben gefährden. Atomkraft um jeden Preis, lächerlich wie sehr die Profitgier gesiegt hat.

Welcher Aufwand betrieben wurde diese bedrohliche und völlig unnötige Technik in alle Länder der Welt zu bringen, ohne sich Gedanken um die Abfallprodukte oder Risiken zu machen, ist erstaunlich. Gesegnet sind jene Länder die sich diesen Mist per Volksentscheid vom Hals gehalten haben. keine Endlagerproblematik und im Falle Australiens nicht einmal das Risiko eines GAUs beim Nachbarn.

Was die Lagerung angeht gehören die Betreiber ganz nach dem Verursacherprinzip in Vollhaftung genommen. Wer kippte beispielsweise seinen ganzen Müll in die Asse? Wieso muss der Steuerzahler nun mit Milliarden für die vielleicht unmögliche Reinigung aufkommen? Vielen Dank an Frau Merkel, die damals unter Kohl als Umweltministerin dieser Umweltstraftat grünes Licht gab und die Konzerne vor jeglicher Haftung bis heute bewahrt.

Eine Ungeheuerlichkeit.

Schlecht recherchiert

Block1 wirklich nicht beschädigt, bevor der Tsunami eintraf? Wasserdampf aus Block 3 bringt Block 4 zum explodieren?? Doch keine Explosion im Abklingbecken von Block3? Warum wird das Wort "Abklingbecken" nie verwendet - die waren doch der Grund, warum die USA gaanz schnell alle Bürger aufgefordert hat, mal so 100km Abstand zu halten. Keine Elemente wie Plutonium etc in die Luft abgegeben? Wieso wird es dann gefunden?
Zum eigentlichen Problem diese Doku der BBC aus den 90ern, die zeigt, dass schon 1971 bekannt war, das der GE Typ höchst problematisch im Notbetrieb reagiert - ohne Erdbeben, Tsunami etc. http://www.bbc.co.uk/blog... Oder wie ein Kollege, der zu der Zeit als leitender Ingenieur in den US tätig war, lapidar meinte: "Wir wussten schon immer, dass der Typ Sch... ist."
Ich wäre optimistischer, wenn Tepco etc. realistisch informiert hätten / würden - es ist immer erst viel später zugegeben worden, was vorher begründet vermutet wurde.

Die Dokumentation des NDR

ist momentan noch bei ARTE Online abrufbar:
http://www.arte.tv/de/Fuk...
Darin wird beschrieben, wie die Brennstäbe in den Abklingbecken zum Verlauf der Katastrophe beigetragen haben.
Was Anlass zu größter Sorge geben sollte ist der Umstand, dass die Experten, die der NDR zu Wort kommen lässt, explizit davor warnen ein erneutes Erdbeben kann die Ruinen der Reaktoren zum Einsturz bringen. Dies würde bedeuten, die Abklingbecken (oder was davon noch übrig ist) werden zerstört und die Kühlung der darin enthaltenen Brennstäbe ist nicht mehr gewährleistet. Als Folge wird erwartet, dass die Brennstäbe überhitzen und in Brand geraten, was wieder die unkontrollierte Freisetzung von Radioaktivität nach sich ziehen würde.