FukushimaChronik des Versagens
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Landwirtschaftliche Produkte aus Fukushima

So lasse sich bei niedrigen Dosen unmöglich nachweisen, ob für eine Jahrzehnte später auftretende Erkrankung radioaktive Strahlung – und nicht etwa Rauchen, seelischer Stress oder natürliche Radioaktivität – verantwortlich sei. Insbesondere Letztere werde gern übersehen, sagt Streffer: "Jede Sekunde finden in unserem Körper mehr als 8.000 Zerfälle durch radioaktive Kalium- oder Kohlenstoffatome statt." Fukushima habe gezeigt, dass "wir auf Radioaktivität sehr viel aufgeregter reagieren als auf andere Umweltgifte".

Strahlendosis

Die Strahlenwirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen wird häufig in Sievert pro Stunde angegeben. Mit Hilfe der Einheit lässt sich abschätzen, wie schädlich eine Strahlung für einen Organismus ist. Sie berücksichtigt dabei die Strahlungsdauer, -art und -wirkung. 1 Sievert entspricht 1.000 Millisievert oder 1.000.000 Mikrosievert. Grundsätzlich gilt eine Einzeldosis von 6.000 Millisievert als tödlich (100 Prozent Sterblichkeit innerhalb von 14 Tagen).

Ob eine Person, die einer geringen Strahlendosis ausgesetzt war, gesundheitliche Schäden zu erwarten hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Grenzwerte beziehen sich in der Regel auf ein Jahr. Manche Experten gehen davon aus, dass dieselbe Strahlendosis über einen längeren Zeitraum weniger schädlich ist. Andere sagen, die Strahlung müsse addiert werden.

Natürliche Quellen

Die durchschnittliche Strahlendosis, die ein Deutscher durch natürliche Quellen innerhalb eines Jahres aufnimmt, liegt zwischen zwei und fünf Millisievert. Diese äußere Bestrahlung, der der Mensch je nach Ort und Zeitin unterschiedlicher Höhe ausgesetzt ist, wird Gamma-Ortsdosisleistung genannt. In dieser Deutschlandkarte des Bundesamts für Strahlenschutz ist die Strahlungsstärke je nach Region verzeichnet.

Bei medizinischen Untersuchungen werden zum Teil viel höhere Einzeldosen erreicht, die aber auf einen kurzen Zeitraum beschränkt sind. So nimmt ein Mensch während einer Computertomografie (CT)seines Kopfes ungefähr zwei Millisievert auf, bei der Mammografie 0,4 Millisievert.

Andere Einheiten

Die Energiedosis einer Strahlenquelle wird in Gray angegeben. Ein Gray bedeutet, dass ein Körper von einem Kilogramm Masse eine Energiemenge von einem Joule aufgenommen hat. Für die in Atomkraftwerken vor allem freigesetzte Beta-, Gamma- und Röntgenstrahlung ist die Einheit Grayidentisch mit der Äquivalenteinheit Sievert, ein Gray ist also gleich einem Sievert. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde die Äquivalentdosis statt in Sievert in Rem angegeben. Das meinte die Strahlendosis in Roentgen, die ein Mensch aufgenommen hat.

Das erlebte damals auch Rolf Michel so. Er reist auf Einladung der Deutschen Botschaft im Juli 2011 nach Tokio. Vielen Europäern gilt Japan als verbrannte Erde. Monate später wird das verzweifelte japanische Fremdenverkehrsamt den Entschluss fassen, 10.000 Flüge an ausländische Touristen zu verschenken. Michel will in der Botschaft "die Auseinandersetzung mit Fukushima wieder auf die rationale Ebene holen". Er erklärt, dass man sich zumindest außerhalb der Präfektur Fukushima keine Sorgen machen müsse. Das gilt ebenso für das Cäsium-kontaminierte Fleisch Tausender Rinder , das von der arglosen Bevölkerung in ganz Japan verspeist worden ist. "Selbst wenn Sie sich ausschließlich von belastetem Rindfleisch ernähren, haben Sie gerade einmal eine Dosis von einem Viertel Millisievert inkorporiert."

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Das Misstrauen hält bis heute an . Landwirtschaftliche Produkte aus Fukushima bleiben in den Supermärkten liegen – obwohl sie geprüft wurden und radiologisch ungefährlich sind. Die Region mit ihren wogenden Wiesen und dichten Wäldern ist auf Jahrzehnte stigmatisiert. Die Folge davon ist, nach Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze, eine weitere Katastrophe für die Bewohner.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Zumindest auf die Unfähigkeit der Verantwortlichen von Tepco hat die japanische Regierung jetzt reagiert. Sie will alle 17 Vorstände austauschen. Deren Arroganz hat die Katastrophe erst ermöglicht. Ins Zwielicht geraten sind aber auch Politiker und Medien, die vorschnell das Schreckensbild eines zweiten Tschernobyls an die Wand gemalt haben. Nach einem Jahr bleibt so nicht nur die Erinnerung an eine Tragödie – auch die Art und Weise, wie man damit umgegangen ist, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

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Leserkommentare
  1. Die 17 Vorstände gehören vor Gericht und dann nach Aburteilung jeweils ins Gefängnis. Ein Atomkraftwerk ist kein Kinderspielplatz für Gewinnoptimierer. Alle haben den Tsunami von Indonesien gesehen, niemand hat die Dieseltanks anschliessend versetzen lassen. Kein Mirarbeiter hat gewagt die Reaktoren sofort nach der Tsunami Warnung zu fluten - es wäre überhaupt nichts passiert - jedoch das ganze Atomkraftwerk unwiderbringbar verloren gewesen. Auf alten googel maps Bildern ist zu erkennen, das am Parkplatz des ganzen AKWs gerde mal ein paar Autos stehen. Vermutlich auch noch personell sparsam unterbesetzt - Freitag nachmittag.
    FAZIT: unglaubliche verbrecherische Fahrlässigkeit.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pietätlose Äußerungen. Danke, die Redaktion/ls

  2. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  3. die auch nach der Katastrophe noch fröhlich mit Falschmeldungen um sich warfen und so bis heute Menschenleben gefährden. Atomkraft um jeden Preis, lächerlich wie sehr die Profitgier gesiegt hat.

    Welcher Aufwand betrieben wurde diese bedrohliche und völlig unnötige Technik in alle Länder der Welt zu bringen, ohne sich Gedanken um die Abfallprodukte oder Risiken zu machen, ist erstaunlich. Gesegnet sind jene Länder die sich diesen Mist per Volksentscheid vom Hals gehalten haben. keine Endlagerproblematik und im Falle Australiens nicht einmal das Risiko eines GAUs beim Nachbarn.

    Was die Lagerung angeht gehören die Betreiber ganz nach dem Verursacherprinzip in Vollhaftung genommen. Wer kippte beispielsweise seinen ganzen Müll in die Asse? Wieso muss der Steuerzahler nun mit Milliarden für die vielleicht unmögliche Reinigung aufkommen? Vielen Dank an Frau Merkel, die damals unter Kohl als Umweltministerin dieser Umweltstraftat grünes Licht gab und die Konzerne vor jeglicher Haftung bis heute bewahrt.

    Eine Ungeheuerlichkeit.

    • Gwahir
    • 10. März 2012 9:22 Uhr

    Block1 wirklich nicht beschädigt, bevor der Tsunami eintraf? Wasserdampf aus Block 3 bringt Block 4 zum explodieren?? Doch keine Explosion im Abklingbecken von Block3? Warum wird das Wort "Abklingbecken" nie verwendet - die waren doch der Grund, warum die USA gaanz schnell alle Bürger aufgefordert hat, mal so 100km Abstand zu halten. Keine Elemente wie Plutonium etc in die Luft abgegeben? Wieso wird es dann gefunden?
    Zum eigentlichen Problem diese Doku der BBC aus den 90ern, die zeigt, dass schon 1971 bekannt war, das der GE Typ höchst problematisch im Notbetrieb reagiert - ohne Erdbeben, Tsunami etc. http://www.bbc.co.uk/blogs/adamcurtis/2011/03/a_is_for_atom.html Oder wie ein Kollege, der zu der Zeit als leitender Ingenieur in den US tätig war, lapidar meinte: "Wir wussten schon immer, dass der Typ Sch... ist."
    Ich wäre optimistischer, wenn Tepco etc. realistisch informiert hätten / würden - es ist immer erst viel später zugegeben worden, was vorher begründet vermutet wurde.

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    • Karl63
    • 10. März 2012 12:20 Uhr

    ist momentan noch bei ARTE Online abrufbar:
    http://www.arte.tv/de/Fukushima---Die-Wahrheit-hinter-dem-Super-GAU/6391...
    Darin wird beschrieben, wie die Brennstäbe in den Abklingbecken zum Verlauf der Katastrophe beigetragen haben.
    Was Anlass zu größter Sorge geben sollte ist der Umstand, dass die Experten, die der NDR zu Wort kommen lässt, explizit davor warnen ein erneutes Erdbeben kann die Ruinen der Reaktoren zum Einsturz bringen. Dies würde bedeuten, die Abklingbecken (oder was davon noch übrig ist) werden zerstört und die Kühlung der darin enthaltenen Brennstäbe ist nicht mehr gewährleistet. Als Folge wird erwartet, dass die Brennstäbe überhitzen und in Brand geraten, was wieder die unkontrollierte Freisetzung von Radioaktivität nach sich ziehen würde.

  4. 5. ......

    Mich interessiert derzeit viel mehr, wie es weiter geht.
    Drei geschmolzene Kerne, die irgendwo am Grunde vor sich hinschmürgeln. Dennoch, die größte Gefahr geht vom Reaktor 4 aus. In dem dortigen Abklingbecken lagern niegelnagelneue, vollkommen unverbrauchte Brennstäbe, die (hätte es das Ungluck nicht gegeben), für den Reaktorblock Nr.4 vorgesehen waren. Wenn bei einem weiteren schweren Erdbeben die restliche Kühlung ausfallen sollte, wird es nicht nur zu einer Kernschmelze kommen, sondern auch zu einer Kettenreaktion und das unter freiem Himmel. Was das für Japan bedeutet, kann man sich derzeit gar nicht vorstellen....

    Es handelt sich auch dort um MOX-Brennstäbe - aber völlig unverbrauchte, die noch ihr ganzes Potential besitzen!

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    • Evolux
    • 10. März 2012 10:43 Uhr

    dauert es möglicherweise,wenn nicht noch länger,bis man an die geschmolzenen Kerne rankommt und diese geborgen werden können.
    Wenn bis dahin die Technik dafür vorhanden ist.
    Bis dahin muss gekühlt werden und ein nicht intaktes Kühlungssystem aufrechterhalten werden bzw, neu installiert werden.Es werden weiterhin Millionen Liter hochradioaktivem Kühlwasser enstehen,welche entsorgt und aufbereitet/dekontaminiert werden muss.
    Die Gefahr weiterer schwerer Beben in Japan ist immer gegeben und es stehen 54 Reaktoren in Japan.

    Expert Warns: Leakage of Water from the Unit 4 SFP Will Mean "THE END" (Mar. 8, 2012)
    This video clip is part of a morning news & information TV program called "Morning Bird" by TV Asahi, aired on March 8, 2012.
    https://www.youtube.com/watch?v=eJi-o4F8eOo&feature=g-all-u&context=G2a6...
    (Untertitel aktivieren!)

    Sie bauen ein 2.Gebäude und transferieren die Brennstäbe dann von A(Reaktor 4) nach B(neu).Das erfordert eine weitere Umbauung der ganzen Anlage,denn das wird man kaum unter freiem Himmel tun können.
    das kann man nicht mehr kommentieren.
    Zahlen tut das alles der japanische Steuerzahler wenn TEPCO pleite ist.
    Gewinne privatisieren,Verluste sozialisieren usw.

  5. aus dem Ausstieg ausgestiegen. Trotz Tschernobyl! Na klar war das nur politisches Kalkül!

    Die selbe Regierung unterstützt ja jetzt auch den Bau von Kernkraftwerken in Brasilien!

    • Evolux
    • 10. März 2012 10:43 Uhr

    dauert es möglicherweise,wenn nicht noch länger,bis man an die geschmolzenen Kerne rankommt und diese geborgen werden können.
    Wenn bis dahin die Technik dafür vorhanden ist.
    Bis dahin muss gekühlt werden und ein nicht intaktes Kühlungssystem aufrechterhalten werden bzw, neu installiert werden.Es werden weiterhin Millionen Liter hochradioaktivem Kühlwasser enstehen,welche entsorgt und aufbereitet/dekontaminiert werden muss.
    Die Gefahr weiterer schwerer Beben in Japan ist immer gegeben und es stehen 54 Reaktoren in Japan.

    Expert Warns: Leakage of Water from the Unit 4 SFP Will Mean "THE END" (Mar. 8, 2012)
    This video clip is part of a morning news & information TV program called "Morning Bird" by TV Asahi, aired on March 8, 2012.
    https://www.youtube.com/watch?v=eJi-o4F8eOo&feature=g-all-u&context=G2a6...
    (Untertitel aktivieren!)

    Sie bauen ein 2.Gebäude und transferieren die Brennstäbe dann von A(Reaktor 4) nach B(neu).Das erfordert eine weitere Umbauung der ganzen Anlage,denn das wird man kaum unter freiem Himmel tun können.
    das kann man nicht mehr kommentieren.
    Zahlen tut das alles der japanische Steuerzahler wenn TEPCO pleite ist.
    Gewinne privatisieren,Verluste sozialisieren usw.

    Antwort auf "......"
    • Evolux
    • 10. März 2012 11:00 Uhr

    zu diesem weltumspannenden und tiefgreifenden Ereignis/Desaster.

    ein korrupter(?) Bundespräsident,der sich seinen Eherensold sichert,nachdem er im Amt gescheitert ist(wie auch immer)bringt es in der gleichen Zeit auf 8000

    Es gehen die Verhältnismäßigkeiten verloren!
    ist wohl beabsichtigt im weltweiten Cover-up dieser Katastrophe,in der Deutschlands Experten,deren Lobby und die Medien als Filter agieren.

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    • Crest
    • 10. März 2012 12:18 Uhr

    Ob das an dem Untertitel <em>"Unvermeidlich war die Katastrophe keinesfalls."</em> liegt, dass die (restlichen) "üblichen Verdächtigen" einen so großen Bogen darum machen? ;-)

    Nach Stephen Hawking halbiert jede Formel in einem Buch die Leserschaft. Halbiert in Analogie dazu auch jede positiv zu verstehende Bemerkung zur Kernkraft die Leserschaft eines Artikels?

    Herzlichst Crest

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