Künftiger BundespräsidentInfame Vorwürfe

Gauck und der Holocaust: Er hat den nationalsozialistischen Judenmord relativiert, sagen seine Kritiker. Dabei geht es ihm gerade darum, die Erinnerung nicht einzuebnen.

Joachim Gauck

Joachim Gauck

Kaum war Joachim Gauck als Kandidat benannt, zischte Norbert Geis namens der CSU, der designierte Bundespräsident habe umgehend zu heiraten; die Linke störte Gaucks Ansicht, man solle Hartz-IV-Empfängern etwas abverlangen; die Freunde politischer Korrektheit verdächtigten ihn ungenügenden Holocaustgedenkens. Punkt 1 (»wilde Ehe«) fällt in die Privatsphäre und geht mich nichts an. Zu Punkt 2 (»Die Leute müssen aus der Hängematte«) vermute ich: Ist nicht allen möglich, täte jedoch vielen gut. Die Vorwürfe zu Punkt 3 erscheinen mir infam, und das will ich begründen.

Götz Aly

ist Historiker und Publizist. Zuletzt erschien sein Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? (S. Fischer Verlag).

In der taz vom 22. Februar wird Gauck vorgehalten, er relativiere den Holocaust, weil er es für bedenklich halte, wenn »das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird«. Zwei Tage später legt dieselbe Zeitung nach: »(Gauck) spricht der Shoah die Singularität als ebenso wahnhaften wie systematischen Massenmord an Millionen Juden ab. Einfach ausgedrückt lautet sein Gedankengang: Ja, es gab den Holocaust, wir wollen ihn nicht vergessen, aber bitte schön nicht übertreiben und die Kirche im mecklenburgischen Dorf lassen.« Wieder zwei Tage später schreibt Micha Brumlik in der taz, Gauck habe »schon 1998« etwas Falsches über den Totalitarismus gesagt, Hannah Arendt nicht kapiert und betreibe »Pathos statt Analyse«. »Schon 1998« – so sagt Pädagogikprofessor Brumlik und unterschätzt die Lernfreude Gaucks gewaltig. Parallel zum Gedonnere in der taz findet im Internet eine gossenhafte Wortprügelei statt, die eine Schar anonymer Blogger mit Freiheit und Diskussion verwechselt.

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Gauck argumentiert aus seiner lebensgeschichtlichen Erfahrung

Im Kern geht es um einen Vortrag, den Gauck vor sechs Jahren auf einem Forum der Robert Bosch Stiftung gehalten hat. Das Thema lautete: Welche Erinnerung braucht Europa? Zieht man die einleitenden und zusammenfassenden Passagen ab, dann nutzte Gauck die Hälfte seiner Redezeit, um über den Nationalsozialismus, insbesondere über den Mord an den europäischen Juden zu sprechen. Ich habe den 15 Seiten langen Text erst dieser Tage gelesen. Er bereitet mir Vergnügen und bestärkt meine Vorfreude auf einen kantigen Präsidenten des Wortes.

Anders als seine Kritiker argumentiert Gauck aus lebensgeschichtlicher Erfahrung und zeigt sich als lernender, an vorschnellen Antworten uninteressierter Zeitgenosse. Er fragt, wie es kommt, dass totalitäre Gesellschaften, deren Medien und Bildungseinrichtungen einer zentralen ideologischen Doktrin folgen, an typischen Realitätsverlusten leiden. Die Gründe sind leicht gefunden. Aus praktischen Rücksichten, um den Alltag einigermaßen zu meistern, arrangieren sich die meisten Menschen mit dem Leben im Falschen. Sie funktionieren. Gauck kennt das von sich selbst. Er spricht nicht von Bürgern, sondern von »Bewohnern«, von »Insassen der Diktatur«. Ebendeshalb entwickeln die Freigelassenen oder Freigekämpften in postdiktatorischen Gesellschaften ähnliche Abwehrstrategien: »An die Stelle der Würde und Bedeutung der Fakten« setzen sie vage Meinungen, nostalgische Beschönigung und Selbstmitleid – genau so, wie es Hannah Arendt auf ihren Reisen durch das Deutschland der Nachkriegszeit beobachtet hat. (Gauck zitiert sie goldrichtig!)

Die Scheu vor der eigenen kollektiven Vergangenheit entsteht meist nicht aus Verbohrtheit, sondern aus Gründen des Selbstschutzes. Die Menschen fürchten sich vor Trauer, Scham, Schmerz, Depression und (Selbst-)Hass, vor der psychischen Pein, die vorbehaltlose Aufklärung häufig auslöst. Gauck erläutert das in aller Ruhe. Er hatte seine Rede für ein ausgesuchtes, sich womöglich überlegen dünkendes Westpublikum mit der Absicht verfasst, »Verständnis für die Langsamkeit eines wirklichen Mentalitätswandels (in der ehemaligen DDR) zu wecken«. Zugleich wollte er die Hoffnung auf einen »Gesundungsprozess« stärken, der – von Wahrheitswillen und Aufklärung getragen – »nicht nur Individuen, sondern auch Gruppen und Großgruppen widerfahren kann«.

Leserkommentare
  1. Jeder der sich mit Geschichte und insbesondere mit der Geschichte des Dritten Reiches beschäftigt, kennt das Problem: Die Wortakrobaten – groß geworden sind sie auf dem Tummelfeld ist der Theologie – können alles belegen und alles widerlegen. Dazu benötigen Sie keine Fakten, sondern eine Sack voller hohler Worte für die sie gewisse Logikketten aufstellen.

    Z.B. Aussage: Die Verbrechen sind singulär.

    Jetzt kommt der Wortakrobat und sagt: Stimmt nicht, denn singulär bedeutet auch unvergleichbar und Sie müssen, wenn Sie zu dem Ergebnis der Singularität kommen wollen, vorher mit anderen Verbrechen verglichen haben. Ergo, können die Verbrechen nicht singulär sein.

    Tipp: Bevor Sie jetzt überhaupt nachdenken (Hinweis: Lohnt nicht) antworten Sie einfach mit Goethes Götz von Berlichingen.

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    dass "singulär" mit "alternativlos" übersetzt wird.

    dass "singulär" mit "alternativlos" übersetzt wird.

  2. Habe ich es richtig verstanden, dass es Leute gibt, die sagen: man dürfe die Einzigartigkeit des Holokaust nicht relativieren, damit er sich nicht wiederholt? Denn das geht nicht: entweder ist er einzigartig, oder er kann sich wiederholen; etwas Einzigartiges kann sich per definitionem nicht wiederholen.

    Gerade deshalb geht mir die Wortklauberei um die Einzigartigkeit auf die Nerven. Sie verhindert durch wilde Verdächtigungen, dass sich überhaupt noch jemand über die Judenmorde in differenzierter Form äußern kann. Wer aber nur vorgestanzte Worte benutzen darf, wird den Verstand und die Herzen der Menschen nicht erreichen und zur Aufklärung über den Holokaust nicht beitragen.

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  3. Mich stört dieser herablassende Tonfall und die Kritik an den "anonymen Kritikern" aus den Blogs. Ich finde es gut, dass es so eine breite Diskussion jenseits der Artikel der Meinungsmacher von den "großen Zeitungen" gibt.

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  4. ... treffender kann ich es nicht sagen. Den übermenschlichen Begriff "Erbsünde" scheint man besonders bei Deutschen besonders gern und über x Generationen hinweg anzuwenden.Es erfüllt damit auch bestimmte Zwecke. Andere, darunter auch "bedeutende" Nationen lassen sich auf derartige Zuweisungen gar nicht ein.

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    Antwort auf "Erbsünde"
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    wie wichtig es ist, das der Holocaust auch weiterhin als ein einzigartiges Verbrechen gesehen und anerkannt wird. Es ist wichtig das wir nicht nur aufklären, sondern auch strafend eingreifen können, wenn z.B. die Existenz des Holocust verleugnet wird. Wenn wir eine Wiederholung verhindern wollen müssen wir auf allen Fronten arbeiten. Aufklären, erklären, verständlich machen, Werte einfordern, und wenn es nicht anders geht, auch strafen. Mit seinen Äusserungen stellt sich Gauck eindeutig auf die Seite derjenigen, die diesen internationalen anerkannten Status der Strafbarkeit der Holocaustverleugner kippen wollen. Es war keine gute Wahl, zu der sich Merkel da hat drängen lassen. Ich bin heute schon gespannt, wie sein Besuch in Israel aussehen wird.

    wie wichtig es ist, das der Holocaust auch weiterhin als ein einzigartiges Verbrechen gesehen und anerkannt wird. Es ist wichtig das wir nicht nur aufklären, sondern auch strafend eingreifen können, wenn z.B. die Existenz des Holocust verleugnet wird. Wenn wir eine Wiederholung verhindern wollen müssen wir auf allen Fronten arbeiten. Aufklären, erklären, verständlich machen, Werte einfordern, und wenn es nicht anders geht, auch strafen. Mit seinen Äusserungen stellt sich Gauck eindeutig auf die Seite derjenigen, die diesen internationalen anerkannten Status der Strafbarkeit der Holocaustverleugner kippen wollen. Es war keine gute Wahl, zu der sich Merkel da hat drängen lassen. Ich bin heute schon gespannt, wie sein Besuch in Israel aussehen wird.

  5. dass "singulär" mit "alternativlos" übersetzt wird.

    • _mokl_
    • 04.03.2012 um 14:21 Uhr

    @BluesmanII:
    Sie sprechen mit der rechtlichen Stellung der Ehe einen interessanten Punkt an. Und Sie argumentieren auf der Basis der aktuellen Rechtslage absolut richtig.

    Für mich zeigt der Fall Gauck in einer schönen Weise wie heute, wenn man die Ehe betrachtet, rechtliche und reale Strukturen nicht mehr übereinstimmen.

    Aus welchem heute noch relevanten Grund erfährt die Ehe einen so hohen Schutz? (Es gibt sicherlich religiöse Argumente, aber die darf ein säkulärer Staat eigentlich nur am Rande beherzigen)
    Sollte es nicht egal sein, ob ein Paar entscheidet zu heiraten oder nicht? Warum sollte man überhaupt rechtlich zwischen (kinderlosen!) Paaren und Einzelpersonen unterscheiden?

    Viel wichtiger wäre in meinen Augen der Schutz von Familien - egal, ob die Eltern der Kinder verheiratet sind oder nicht - und in vielerlei Hinsicht (nicht jeder Hinsicht!) auch egal, ob es sich bei der Familie um ein alleinerziehendes Elternteil mit Kind(ern) handelt oder um eine Familie mit 2 Elternteilen.

    (Mir ist aufgefallen, dass ich Ihnen nun schon zum 3. Mal kritisch antworte. Bitte glauben Sie mir, dass es nicht meine Absicht ist, gezielt Kommentaren von Ihnen zu widersprechen. Ihre Ansichten scheinen sich lediglich in systematischer Weise von meinen zu unterscheiden. Ich finde das sehr interessant und hoffe auf die ein oder andere konstruktive Diskussion.)

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

  6. Der skeptischen Einschätzung von Wibke Bruhns (TSP)
    "Ich glaube allerdings, wir werden nicht so lange froh sein mit Gauck. Der ist so überzeugt davon, dass er der Welt etwas mitzuteilen hat, was sie noch nicht weiß. Die Chuzpe, die dahintersteckt, muss man erst mal haben: die Mitmenschen Mores lehren zu wollen."

    folgte der bedenkenswerte Kommentar in der SZ:

    "Joachim Gauck ... gehört auch zu jenen Charismatikern, die das unrealistische Bild einer höheren Moral abseits der Politik nähren. Gaucks Freiheitsidee stammt aus seiner DDR-Zeit und ist der politischen Realität entrückt. Damit ist er nicht gerüstet für Probleme wie Bildungsgerechtigkeit oder Finanzkrise. Er ist ein Freiheitsapostel, kein Freiheitsgestalter...."
    http://www.sueddeutsche.d...
    "Freiheit ohne Chancengleichheit heißt Freiheit der Privilegierten", R.D.Precht zu Gaucks Kandidatur

    Fakt ist:Gauck outet sich trotz teilweise widersprüchlicher Aussagen durchgängig als unkritisch-überzeugter Befürworter des marktradikalen Kapitalismus Mit Skepsis begegnet er daher auch zeitgenössischen sozialkritischen Bewegungen,Protesten gegen das Finanzsystem und Entdemokratisierung und geißelt dergleichen als bloße "Besitzstandsverteidigung", ohne die "Besitzenden" anzusprechen.

    Gaucks Ansichten enthalten demagogische Elemente - verstärkt durch seine pauschalisierenden Draufsichten auf alle und alles - die nachweislich auch auf UNKENNTNIS beruhen.

    5 Leserempfehlungen
  7. ist der Nationalsozialismus Sozialismus. Allerdings auf der Basis einer ganz anderen Denkweise. Nämlich dem Idealismus.
    Genau der Idealismus, der für Marx gerade der Auslöser war, eine andere, rationale Erklärung der historischen Entwicklung zu finden.
    Dass es diese beiden unterschiedlichen Arten des Sozialismus gibt, wusste Marx sehr wohl; denn er hat die idealistischen Sozialisten angegriffen und nicht zu seinesgleichen gezählt.

    Dass die orthodoxe Linke sich damit nicht befasst, ist in meinen Augen ein unverzeihlicher Fehler. Der nicht nur dazu führt, dass die (Quer-)fronten zunehmend bis zur Ununterscheidbarkeit verwischen (das ist die Folge, wenn man den Marx'schen Sozialismus idealisiert, was schon sowohl Sowjets als auch Maoisten und Verwandtschaft fleißig besorgten), sondern auch geradewegs in die Totalitarismustheorie: Sozialismus und Nationalsozialismus sind im Grunde dasselbe, ergo liegt das Heil der Menschheit im Kapitalismus.

    Der Idealismus aber ist ein Punkt, an den unser christliches Abendland nur sehr, sehr ungern rühren mag.
    Dann lieber alles über einen Kamm scheren und von Totalitarismus sprechen.

    Antwort auf "Nachtrag zu Götz Aly"

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