Tine WittlerDick ist schön!

Die Fernsehmoderatorin Tine Wittler hat Mauretanien bereist, wo runde Formen ein Zeichen von Wohlstand und guter Herkunft sind. Ein Gespräch

Tine Wittler in der Malhafa, Mauretaniens traditionellem Gewand

Tine Wittler in der Malhafa, Mauretaniens traditionellem Gewand

DIE ZEIT: Frau Wittler, in Ihrem Buch Wer schön sein will, muss reisen treten Sie ja im Grunde eine klassische Bildungsreise an. Sie fliegen nach Mauretanien, in ein Land, das Ihnen zuvor völlig unbekannt war. Und Sie wollen herausfinden, warum dort dicke Frauen als besonders schön gelten. Hat Sie die Reise verändert? Sehen Sie sich selbst mit anderen Augen?

Tine Wittler: Auf persönlicher Ebene hat mir diese Erfahrung ein neues Selbstverständnis als Frau gegeben. In Mauretanien gilt: Du bist eine Frau, also bist du schön. Das ist unumstößlich. Wenn du einen vermeintlichen Makel hast, dich nicht pflegst oder ein zerrissenes Gewand an hast, bedeutet das nicht, dass du nicht schön bist. Die Mauretanier sagen dann: Man kann deine Schönheit nicht so gut sehen.

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ZEIT: Der Blick ist großzügiger?

Wittler: Die gesamte Wahrnehmung ist anders als bei uns, wo nur das Perfekte als schön gilt. Mir ging es bei meiner Reise um die Frage, ob es zu der Art, wie wir hier mit dem Thema Schönheit umgehen, Alternativen gibt. Darum bin ich für fünf Wochen in die mauretanische Hauptstadt Nouakchott gefahren und habe mit vielen Menschen gesprochen. Und dabei bin ich auf diese andere Sichtweise gestoßen.

Tine Wittler

geboren 1973, wurde bekannt durch die RTL-Einrichtungsshow Einsatz in 4 Wänden. Für ihr Buch Wer schön sein will, muss reisen legte sie die Malhafa an, Mauretaniens traditionelles Stoffgewand

ZEIT: Sie schreiben auch darüber, dass in Mauretanien viele Mädchen und Frauen mit Kamelmilch oder Medikamenten regelrecht gemästet werden, damit sie möglichst schnell an Gewicht zulegen und mehr Chancen auf dem Heiratsmarkt haben. Zu Recherchezwecken haben Sie sogar selbst eine dieser traditionellen Mästerinnen aufgesucht und sich von der gaveuse innerhalb von vier Stunden drei Liter hochkalorische Kamelmilch einflößen lassen...

Wittler: Allerdings – und ich bin davon krank geworden. Kamelmilch hat eine andere Eiweißstruktur als Kuhmilch. Mein Immunsystem hat überreagiert und nach meiner Rückkehr angefangen, meine Gefäße anzugreifen. Keine schöne Geschichte. Auch in Mauretanien werden Frauen von dieser Praxis krank, und zum Glück ist diese Tradition auf dem Rückzug. Allerdings wird sie leider vermehrt durch eine Variante ersetzt: Manche Frauen nehmen jetzt Medikamente ein, die eigentlich für die Viehmast vorgesehen sind, um zuzunehmen. Für Menschen ist das sehr gefährlich.

ZEIT: Klingt schon nicht mehr so großzügig.

Wittler: Was Frauen – auch unter dem Druck anderer Frauen – tun, um einem Schönheitsideal zu entsprechen, ist hier wie dort oft selbstzerstörerischer Wahnsinn.

ZEIT: Wie haben die Mauretanier auf die neugierige Deutsche reagiert?

Wittler: Sie haben sich über das Interesse gefreut. Ich wurde fast überall mit Offenheit und Neugier und mit dem Anflug eines Lächelns angeschaut. Und zwar nicht, weil ich rund bin! Sondern weil ich als blonde Europäerin die Malhafa trug, das traditionelle Stoffgewand.

Leserkommentare
  1. Dicksein ist nicht nur wegen eines ästhetischen Ideals ein Problem und nicht nur, weil Kapitalisten am Unglück der Menschen Geld verdienen können, sondern vor allem weil es ungesund ist.

    In Mauretanien liegt die Lebenserwartung unter 50 Jahren.
    Bei Fettleibigen in Europa dürfte sie nicht viel höher liegen.

    Als schön gilt übrigens, anders als von Frau Wittler behauptet, nicht nur das Makellose. "Schön" ist ein steigerungsfähiges Wort. Wenn jemand schön ist, dann mag es dennoch Schönere geben. Was Frau Wittler meint, dürfte also eher sein: Das hypothetische Ideal ist das Makellose.

    Was nun die westliche Gesellschaft auszeichnet, ist, daß sie so offen ist: Es gibt eine offene Konkurrenz, und es gibt offene Bilder, die enthüllen. Daher ist das Streben nach dem Ideal recht weit fortgeschritten. Die, die ihm nahekommen, die werden gesehen, und die, die dem Ideal relativ ferne sind, die merken es auch.

    Korrekt beobachtet wurde, daß jedes Ideal einen gesellschaftlichen Druck auslöst, sich ihm anzunähern. In Mauretanien wird man gemästet, hier zu Fitnessprogrammen und gesunder Ernährung angehalten.

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    Dick und Fett sind aber zwei verschiedene Dinge. Dicke Menschen sind gesünder als schlanke Menschen, nur bei wirklich sehr Übergewichtigen kommt es zu vermehrten Krankheiten.
    Dicke haben einfach andere Krankheiten als Dünne, nicht aber mehr.
    Diäten machen zudem krank. Osteoporose z.B. wird zu einem wesentlichen Anteil durch Diäten ausgelöst.
    Natürlich sind Fitness und Abmagerungswahn kapitalistische Interessen, genau wie "gesunde Ernährung". Letztere gibt es nicht, da jeder unterschiedlich auf Lebensmittel reagiert.

    Dick und Fett sind aber zwei verschiedene Dinge. Dicke Menschen sind gesünder als schlanke Menschen, nur bei wirklich sehr Übergewichtigen kommt es zu vermehrten Krankheiten.
    Dicke haben einfach andere Krankheiten als Dünne, nicht aber mehr.
    Diäten machen zudem krank. Osteoporose z.B. wird zu einem wesentlichen Anteil durch Diäten ausgelöst.
    Natürlich sind Fitness und Abmagerungswahn kapitalistische Interessen, genau wie "gesunde Ernährung". Letztere gibt es nicht, da jeder unterschiedlich auf Lebensmittel reagiert.

  2. Da hat die Frau Wittler aber etwas übersehen, würde ich sagen.

    In Mauretanien geht es beim Dicksein nicht um Schönheit sondern, wie sie auch selbst berichtet darum, den Marktwert der Frau selbst um den Preis ihrer Gesundheit zu erhöhen. Es geht um Versorgung, die ausschließlich über den Ehemann läuft.

    Das halte ich für wesentlich schlimmer als sich die Frage zu stellen, ob Frauenmagazine, Heidi Klum und Prinzessin Lilifee aus kapitalistischen Gründen ein Schönheitsideal aufrecht zu erhalten in der Lage sind, das bei unglaublicher Überversorgung an Lebensmitteln nicht gerade das dümmste ist, wenn man die Tendenz sieht.

    Wir leiden zu Millionen mittlerweile an den Folgen unserer ständig verfügbaren und ständig verzehrten Nahrung, die den Menschen massiv aufs Gewicht schlägt.

    Und dieses Schönheitsideal ist sehr alt und zeigt seine Wirkung seit den Jahren als die Lebensmittel die Tische füllten.

    Kurz nach dem Krieg war es wundervoll, ein wenig propper zu sein. Tine Wittlers Maße allerdings waren selbst damals nicht im Sehnsuchtsbereich von Frauen angesiedelt.

    Ich würde Mauretanische Frauen bedauern und weder nacheifern wollen noch ihre Sehnsucht nach Ehemann um jeden Preis als Befreiung umwidmen, da sie einiges zu tragen haben:
    - Genitalverstümmelung betrifft ca. 70 % der dort lebenden Frauen trotz Fatwa

    - Sklaverei, die immer noch das Leben vieler Frauen bestimmt

    - Analphabetenrate, die unglaublich hoch ist

    - Übergriffe auf Frauen

    - Verfolgung Homosexueller

    u.a.m.

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    zitier ich mal:
    In der Europäischen Union sind nach Einschätzung von Wissenschaftlern mehr als 30 Millionen Menschen unterernährt.
    Statistiken der EU zeigten, dass zwischen fünf und 15 Prozent der Gesamtbevölkerung, 40 Prozent der Patienten in Krankenhäusern und 60 Prozent der Bewohner von Altersheimen uterernährt oder gefährdet seien.
    Die damit verbundenen Kosten beliefen sich auf 170 Millionen Euro.
    Das sei dreimal so viel wie die Kosten, die durch Übergewicht verursachten würden.

    zitier ich mal:
    In der Europäischen Union sind nach Einschätzung von Wissenschaftlern mehr als 30 Millionen Menschen unterernährt.
    Statistiken der EU zeigten, dass zwischen fünf und 15 Prozent der Gesamtbevölkerung, 40 Prozent der Patienten in Krankenhäusern und 60 Prozent der Bewohner von Altersheimen uterernährt oder gefährdet seien.
    Die damit verbundenen Kosten beliefen sich auf 170 Millionen Euro.
    Das sei dreimal so viel wie die Kosten, die durch Übergewicht verursachten würden.

  3. "Die gesamte Wahrnehmung ist anders als bei uns, wo nur das Perfekte als schön gilt."

    Bei diesem Satz habe ich mich sofort gefragt: Was bitte schön ist denn das Perfekte? Wer legt das fest und nach welchen Kriterien. Wenn ich die Models unserer westlichen Welt so betrachte, dann habe ich oft den Eindruck ungesunde, hungernde und unästhetisch magere Frauen zu sehen. Natürlich gibt es auch Frauen, die auf mich "normaler" wirken. Trotzdem scheint mir dieses ungesunde, unweibliche und in meinen Augen nicht schöne Bild das Ideal in unserer Gesellschaft zu prägen. Die Folge sind unzählige Frauen, die wunderschön sind, den Komplimenten und Hinweisen auf Ihre Schönheit aus Ihrem direkten Umfeld aber meist keinen Glauben schenken. Viele haben beständig das Gefühl nicht schön zu sein und leiden sehr darunter, meines Erachtens oft völlig zu unrecht.

    Das man nicht nur auf dieser Seite vom Pferd fallen kann zeigt dieser Bericht sehr schön. Wie so oft wird der beste Weg wohl irgendwo in der Mitte liegen...

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    • AceKi
    • 09.03.2012 um 10:05 Uhr

    Wollte Frau Wittler eine Bestätigung für Ihre Körperfülle erhalten? Nach dem ich nun den Artikel gelesen habe, stelle ich fest, dass es unterschiedliche Schönheitsideale gibt. Viele Frauen dieser Welt folgen ihnen mal mehr mal weniger. Im Grunde sind alle gleich...Frau Wittler hat da wohl etwas mißverstanden...
    Was ist übrigens aus der "inneren" Schönheit geworden? Komischerweise finde ich nirgends einen Hinweis darüber...vielleicht kommt die Einsicht beim "Saufen" - ob Alkohol oder halt Kamelmilch... ;)

    2 Leserempfehlungen
  4. Im Grunde genommen gibt es keinen Unterschied, das Schönheitsideal ist in beiden Welten das Gleiche, nämlich das was für die Meisten schwer zu erreichen ist. Dort Dick zu werden beim Nahrungsmittelmangel und hier dünn zu bleiben im Dauerfeuer der Junkfoodindustrie. Dick sein ist dort ein Zeichen für Wohlstand, so wie dicke Autos bei uns manchen attraktiv scheinen lassen. Das Begehren kommt also ganz aus der monetären Ecke. Statt der Dicken sind dort die dünnen Frauen unglücklich, schöne fremde Welt! Die Aussage, daß alle Frauen schön sind wäre etwas herausragendes, wenn es auch gelebt würde. Aber das sagt man eben nur so, sonst bräuchte man keine Frauenmastanstalten in denen man sich dem dortigen Schönheitsideal entgegenquält.

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    • Bommel
    • 09.03.2012 um 10:48 Uhr

    vielen Dank für das schöne Interview.

    Richtig Reisen bildet, denn wenn wir etwas über (oder von) andere(n) Kulturen lernen, lernen wir idealerweise auch viel über uns und unsere eigene Kultur.

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  5. Den Kommentaren entnehme ich, dass wir wirklich schon an dem Punkt sind, dass ein Mensch mit etwas mehr Leibsefülle, der es wagt zu sagen, dass er damit zufrieden ist und sich dem Druck der Gesellschaft nicht mehr aussetzen möchte, niedergemacht wird. Dick = ungesund, warum?
    Rücken wir doch noch mal das sehr weise Resümee in den Mittelpunkt:
    "Kritik solltest du nur annehmen von Leuten, die ihr Leben selbst gut meistern. Das sind nicht viele. Und interessanterweise werden die wenigsten von ihnen dich wegen deiner Äußerlichkeiten kritisieren."
    Oder anders gesagt nur wer frei von Schuld ist, werfe einen Stein.
    Ich finde es sehr schön, dass es noch Stimmen in unserer Gesellschaft gibt, die für Vielfältigkeit sind und nicht für vollkommene Gleichschaltung. Nicht alle müssen gleich aussehen, nicht alle müssen das gleiche essen, nicht alle müssen das gleiche tun und es gibt kein "Ideal".

    10 Leserempfehlungen
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    es geht darum, dass sie einen Gegenentwurf mit glücklichen, dicken Frauen zeigen wollte und eine andere Art von Schönheits- und Überlebensterror, der dort noch härtere gesellschaftliche Bandagen trägt, gefunden hat, ohne es festzustellen oder zu analysieren.

    Sie sieht nicht einmal die Situation der Frauen Mauretaniens. Sie hat den Blick einer Touristin im Cluburlaub eingenommen, die am Versuch, die landesübliche Nahrung aufzunehmen erkrankt und ansonsten alles für Folklore zu halten scheint.

    Das ist meine Kritik und nichts anderes habe ich geschrieben.

    Ob Frau Wittler sich mit Bluthochdruck, Gelenkproblemen, Diabetes oder einem Leberleiden rumschlägt, ist mir dabei völlig gleichgültig.

    Ich halte allerdings ihr "dick und glücklich"-Ding für nicht ernst zu nehmen, da der Leidensdruck, der auf dicken Menschen lastet sehr hoch zu sein scheint und das nicht, weil sie gesellschftlich nicht mit ihrer Fülle anerkannt werden, sondern weil sie keine Schuhe zum Binden tragen können, weil sie nicht zum Boden kommen, weil sie Treppen vermeiden müssen, um nicht völlig ausser Atem zu kommen und noch so einiges, das das Leben nicht gerade einfach oder komfortabel gestaltet.

    es geht darum, dass sie einen Gegenentwurf mit glücklichen, dicken Frauen zeigen wollte und eine andere Art von Schönheits- und Überlebensterror, der dort noch härtere gesellschaftliche Bandagen trägt, gefunden hat, ohne es festzustellen oder zu analysieren.

    Sie sieht nicht einmal die Situation der Frauen Mauretaniens. Sie hat den Blick einer Touristin im Cluburlaub eingenommen, die am Versuch, die landesübliche Nahrung aufzunehmen erkrankt und ansonsten alles für Folklore zu halten scheint.

    Das ist meine Kritik und nichts anderes habe ich geschrieben.

    Ob Frau Wittler sich mit Bluthochdruck, Gelenkproblemen, Diabetes oder einem Leberleiden rumschlägt, ist mir dabei völlig gleichgültig.

    Ich halte allerdings ihr "dick und glücklich"-Ding für nicht ernst zu nehmen, da der Leidensdruck, der auf dicken Menschen lastet sehr hoch zu sein scheint und das nicht, weil sie gesellschftlich nicht mit ihrer Fülle anerkannt werden, sondern weil sie keine Schuhe zum Binden tragen können, weil sie nicht zum Boden kommen, weil sie Treppen vermeiden müssen, um nicht völlig ausser Atem zu kommen und noch so einiges, das das Leben nicht gerade einfach oder komfortabel gestaltet.

  6. es geht darum, dass sie einen Gegenentwurf mit glücklichen, dicken Frauen zeigen wollte und eine andere Art von Schönheits- und Überlebensterror, der dort noch härtere gesellschaftliche Bandagen trägt, gefunden hat, ohne es festzustellen oder zu analysieren.

    Sie sieht nicht einmal die Situation der Frauen Mauretaniens. Sie hat den Blick einer Touristin im Cluburlaub eingenommen, die am Versuch, die landesübliche Nahrung aufzunehmen erkrankt und ansonsten alles für Folklore zu halten scheint.

    Das ist meine Kritik und nichts anderes habe ich geschrieben.

    Ob Frau Wittler sich mit Bluthochdruck, Gelenkproblemen, Diabetes oder einem Leberleiden rumschlägt, ist mir dabei völlig gleichgültig.

    Ich halte allerdings ihr "dick und glücklich"-Ding für nicht ernst zu nehmen, da der Leidensdruck, der auf dicken Menschen lastet sehr hoch zu sein scheint und das nicht, weil sie gesellschftlich nicht mit ihrer Fülle anerkannt werden, sondern weil sie keine Schuhe zum Binden tragen können, weil sie nicht zum Boden kommen, weil sie Treppen vermeiden müssen, um nicht völlig ausser Atem zu kommen und noch so einiges, das das Leben nicht gerade einfach oder komfortabel gestaltet.

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