DIE ZEIT: Frau Wittler, in Ihrem Buch Wer schön sein will, muss reisen treten Sie ja im Grunde eine klassische Bildungsreise an. Sie fliegen nach Mauretanien , in ein Land, das Ihnen zuvor völlig unbekannt war. Und Sie wollen herausfinden, warum dort dicke Frauen als besonders schön gelten. Hat Sie die Reise verändert? Sehen Sie sich selbst mit anderen Augen?

Tine Wittler: Auf persönlicher Ebene hat mir diese Erfahrung ein neues Selbstverständnis als Frau gegeben. In Mauretanien gilt: Du bist eine Frau, also bist du schön. Das ist unumstößlich. Wenn du einen vermeintlichen Makel hast, dich nicht pflegst oder ein zerrissenes Gewand an hast, bedeutet das nicht, dass du nicht schön bist. Die Mauretanier sagen dann: Man kann deine Schönheit nicht so gut sehen.

ZEIT: Der Blick ist großzügiger?

Wittler: Die gesamte Wahrnehmung ist anders als bei uns, wo nur das Perfekte als schön gilt. Mir ging es bei meiner Reise um die Frage, ob es zu der Art, wie wir hier mit dem Thema Schönheit umgehen, Alternativen gibt. Darum bin ich für fünf Wochen in die mauretanische Hauptstadt Nouakchott gefahren und habe mit vielen Menschen gesprochen. Und dabei bin ich auf diese andere Sichtweise gestoßen.

ZEIT: Sie schreiben auch darüber, dass in Mauretanien viele Mädchen und Frauen mit Kamelmilch oder Medikamenten regelrecht gemästet werden, damit sie möglichst schnell an Gewicht zulegen und mehr Chancen auf dem Heiratsmarkt haben. Zu Recherchezwecken haben Sie sogar selbst eine dieser traditionellen Mästerinnen aufgesucht und sich von der gaveuse innerhalb von vier Stunden drei Liter hochkalorische Kamelmilch einflößen lassen...

Wittler: Allerdings – und ich bin davon krank geworden. Kamelmilch hat eine andere Eiweißstruktur als Kuhmilch. Mein Immunsystem hat überreagiert und nach meiner Rückkehr angefangen, meine Gefäße anzugreifen. Keine schöne Geschichte. Auch in Mauretanien werden Frauen von dieser Praxis krank, und zum Glück ist diese Tradition auf dem Rückzug. Allerdings wird sie leider vermehrt durch eine Variante ersetzt: Manche Frauen nehmen jetzt Medikamente ein, die eigentlich für die Viehmast vorgesehen sind, um zuzunehmen. Für Menschen ist das sehr gefährlich.

ZEIT: Klingt schon nicht mehr so großzügig.

Wittler: Was Frauen – auch unter dem Druck anderer Frauen – tun, um einem Schönheitsideal zu entsprechen, ist hier wie dort oft selbstzerstörerischer Wahnsinn.

ZEIT: Wie haben die Mauretanier auf die neugierige Deutsche reagiert?

Wittler: Sie haben sich über das Interesse gefreut. Ich wurde fast überall mit Offenheit und Neugier und mit dem Anflug eines Lächelns angeschaut. Und zwar nicht, weil ich rund bin! Sondern weil ich als blonde Europäerin die Malhafa trug, das traditionelle Stoffgewand.