Ein Besuch bei Joan Didion ist wie ein Gang auf einem zugefrorenen See, bei dem man nicht genau weiß, ob das Eis trägt. Sie hat in den vergangenen Jahren ihre beiden liebsten Menschen verloren, ihren Mann und ihre Tochter. Ein Besuch bei Joan Didion ist ein Besuch bei einer Überlebenden.

Didion öffnet die Tür ihrer Wohnung auf der Upper East Side in New York , nur wenige Meter vom Central Park entfernt. Sie ist so schmal, wie sie überall beschrieben wird, vielleicht sogar noch ein bisschen schmaler, ihre Arme scheinen nur aus Adern zu bestehen, und sie spricht leise, so leise, dass fast nichts auf dem Band zurückbleiben wird. Ihr Anblick macht ein wenig Angst. Es ist, als würde Joan Didion vor den Augen der Welt immer weniger werden, verschwinden – zumindest physisch. Sie setzt sich auf das weiße Sofa in ihrem Wohnzimmer vor dem Kamin, der Platz, an dem ihr Mann, der Schriftsteller John Gregory Dunne , 2003 einen Herzinfarkt hatte, während Didion in der Küche Salat machte. Vor dem Fenster, neben der Couch, steht ein überdimensionales Foto von einem vierjährigen blonden Mädchen in Shorts: Quintana Roo, Didions Tochter, die 2005 mit 39 Jahren nach einer Reihe von Krankenhausaufenthalten starb. In ihrem neuen Roman Blaue Stunden , in dem sie sich mit dem Tod ihres einzigen Kindes auseinandersetzt ( ZEIT Nr. 9/12) , schreibt Didion: »Jetzt war noch einer übrig.« Sie selbst.

Joan Didion ist 77, trägt eine Haarspange, und wenn sie sich in ihrer Wohnung umsieht, ist es, als betrachte sie das Fotoalbum ihres Lebens. Von den Wänden, den Regalen, den Fensterbrettern blicken ihr die Gesichter von John und Quintana entgegen. In Blaue Stunden , das jetzt auf Deutsch erscheint, schreibt sie darüber, wie es ist, nur mit Erinnerungen zu leben, mit ihnen leben zu müssen. Didion kann keinen Schrank öffnen, ohne einen Regenmantel ihres Mannes oder eine Jacke ihrer Tochter zu finden. Jeder Gegenstand ist aufgeladen mit Schmerz. »Ich möchte nicht an das erinnert werden, was zerbrach, verloren ging, vergeudet wurde«, schreibt sie im Roman. Die Kraft, sich von den Andenken zu trennen, bringt sie nicht auf. Die Vergangenheit wirkt übermächtig. »Diese Wohnung ist voller Sachen von toten Menschen«, sagt sie. »Ich würde gern einiges wegpacken, aber es sieht nicht danach aus.«

Joan Didion gilt neben Tom Wolfe , Norman Mailer und Truman Capote als eine Ikone des amerikanischen New Journalism, einer höchst subjektiv geprägten, literarischen Form des Berichtens. Sie hat lange für die Vogue gearbeitet, Wahlkämpfe begleitet, die Hippie- und die Frauenbewegung ergründet. Bekannt, auch außerhalb der USA, wurde sie mit einem Buch über den Tod ihres Mannes. Es gibt nur wenige Autoren, die ihre Gefühle von Schmerz und Trauer so seziert haben wie Joan Didion in Das Jahr des magischen Denkens , das 2005 erschienen ist. Darin beschreibt sie erschütternd präzise, wie der Verlust ihres Mannes und lebenslangen Partners sie fast in den Wahnsinn führt – sie verfällt der Vorstellung, sie könnte ihn zurückbringen. Kein Wort ist zu viel, jeder Satz ein Schlag. Ihre Stimme, nüchtern, radikal, bleibt dabei ohne Pathos. Das Buch wird ein Welterfolg.

Sechs Wochen vor der Veröffentlichung stirbt Quintana, Joan Didion geht trotzdem auf Lesereise. »Die Buchtour hat mir das Leben gerettet«, sagt sie. Sie nennt das »in Schwung bleiben«, sich nicht dem Leiden überlassen. Arbeit hilft. Der Schmerz hat ihr Gesicht gezeichnet, ihre Wahrnehmung geschwächt. Trotz Didions äußerer Zartheit ahnt man eine große innere Stärke, eine psychische Kraft, die bis jetzt immer wieder über ihren Körper triumphiert.

Das zweite Buch über das Sterben, über die Trauer um das einzige Kind, war für Didion kaum zu bewältigen. Beim Schreiben drohte sie den Überblick zu verlieren. Es gab den Augenblick, in dem Didion ihre Agentin, Lynn Nesbit, anrief und aufgeben wollte. »Warte eine Weile«, riet Nesbit. »Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich erdenken, als sterben zu sehen die Kinder?«, zitiert Didion Euripides in Blaue Stunden . Deshalb ist dieser Roman auch keine Fortsetzung von Das Jahr magischen Denkens . Darin analysierte sie die Wellen des Schmerzes, beschrieb ihre Wucht, wenn sie eintreffen: Atemnot, physisches Kältegefühl, Übelkeit, Taubheit. »Wenn ein Kind stirbt, hat das keine Logik«, sagt Didion. »Der Schmerz ist ein anderer, er geht nicht weg!« Sie verstummt, ihre Beine sind eng aneinandergepresst, ihre Haut ist blass, fast durchscheinend. Ihr Blick geht zum Fenster, der Himmel über New York ist grau, es regnet. Dann sagt sie: »Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich gern schlafen würde.« Es gibt kaum etwas, das anstrengender ist als Trauer.

Man merkt Blaue Stunden die Kraft an, die dieses Buch gekostet haben muss. Der Text erscheint roh, weniger geschliffen als in Das Jahr magischen Denkens . Es gibt keine Handlung, Didion schreibt über ihre Tochter, durchsetzt von Erinnerungen, sie schreibt auch über sich, wie es ist, Mutter zu sein, und wie es ist, alt zu werden. Sie schont sich nicht, quält sich mit der grausamen Frage, ob sie und ihr Mann John als Eltern versagt haben. Noch dazu als Elternpaar einer Adoptivtochter. Sie haben Quintana als Baby 1966 in Los Angeles adoptiert. »Da ist dieses Gefühl, dass ich es nicht geschafft habe, sie zu beschützen, und nicht genug gewürdigt habe, wie klug sie war.« Sie hat Quintana einmal selbst gefragt, ob sie gute Eltern gewesen seien. Die bestätigte es ihr: »Vielleicht ein wenig unnahbar«, fügte sie an ihre Mutter gerichtet noch hinzu. Diese Worte reichen aus, um sich bis zum Lebensende mit Fragen zu martern. 

Auf der Rückseite des Umschlages von Das Jahr magischen Denkens ist ein Foto von 1976 abgebildet. Joan Didion, ihr Mann und ihre Tochter stehen auf der Terrasse ihres Hauses in Malibu. Quintana und John sind eng beieinander, sie schauen direkt in die Kamera, sind präsent, daneben etwas abseits ist Didion zu sehen, sie schaut zur Seite, ihr Blick ist abwesend, in sich versunken. In Blaue Stunden fragt Didion: »Habe ich ihr ganzes Leben dafür gesorgt, dass es eine schalldichte Wand zwischen uns gab? Zog ich es vor, das, was sie sagte, nicht zu hören?« Und: »Verlangten wir von ihr, erwachsen zu sein?« Didions gnadenlose Ehrlichkeit ist anrührend. Sie stellt sich Fragen, von denen man als Leser hofft, dass man sie sich niemals stellen muss.