OstafrikaDie Wette des Präsidenten

Ein neuer Hafen könnte Kenias Küste Wohlstand bringen – oder die Region in einen Krieg treiben. von Pierre-Christian Fink

Oktober 2011 im Hafen von Manda: Ein Polizist ist im Einsatz, nachdem in der Nähe eine Französin und ein britisches Paar entführt wurden.

Oktober 2011 im Hafen von Manda: Ein Polizist ist im Einsatz, nachdem in der Nähe eine Französin und ein britisches Paar entführt wurden.  |  © Simon Maina/AFP/Getty Images

An Kenias Nordküste transportieren die Fischer ihren Fang noch auf Eseln. Das aber dürfte sich bald ändern: In der Manda-Bucht ist der größte Hafen Afrikas geplant. Kenias Präsident, Mwai Kibaki , kommt am Ende dieser Woche zu Besuch. Er macht den Küstenbewohnern große Hoffnung. Ihnen bringe das Tausende Arbeitsplätze, sagt er. Es wird ein Transportkorridor gebaut, der hier beginnen soll, 1.200 Kilometer lang, mit einer Autobahn und einem Hochgeschwindigkeitszug. Entlang des Korridors, so Kibaki, würden neue Unternehmen entstehen, die Wirtschaft werde wachsen, Kenia die Armut hinter sich lassen.

Auch der Präsident des Südsudans , Salva Kiir, lobt das Projekt. Er spricht von Öltankern, die hier in der Manda-Bucht beladen werden sollen, und von der 1.800 Kilometer langen Pipeline, durch die das Öl aus dem Südsudan hierherkommen könnte. Mit dem Geld aus dem Export könne sein Land Schulen bauen, Straßen und Stromwerke.

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Doch es ist gut möglich, dass alles anders kommt. Dass die Fischer an der Manda-Bucht ihre Fanggründe verlieren, aber keine neue Arbeit am Hafen finden. Dass Kenia mit der Autobahn und dem Hochgeschwindigkeitszug nur wenige Unternehmen anlockt, aber riesige Schulden anhäuft. Und dass der Südsudan mit seinen Einnahmen aus der Pipeline keine Schulen baut, sondern einen Krieg finanziert.

Hinter den dunklen Prognosen verbirgt sich eine lange Geschichte. Sie handelt von Politikern mit großen Ambitionen und kleinen Kompetenzen, von afrikanischen Bürokratien, die mit Großprojekten überfordert sind, und davon, wie sich moderne Wirtschaft und lokale Traditionen ineinander verhaken können. Diese Geschichte beginnt dort, wo die Menschen ihre Auswirkungen schon heute spüren: in der Manda-Bucht.

Maurice Ogote hat muskulöse Oberarme und Rastalocken. Ogote, der in Wahrheit anders heißt, ist 28 Jahre alt. Als er 13 war, hat ihn sein Vater zum ersten Mal mit aufs Meer genommen, in einem Dhau, einem der einfachen Holzboote mit weißem Segel, die Kenias Fischer seit Jahrhunderten benutzen. Der Vater hat ihm gezeigt, wie man nach Muscheln taucht und wie man die Roten Schnapper mit Netzen fängt. Schon der Großvater war Fischer, genau wie der Urgroßvater und alle Männer in der Familie, soweit sich die Menschen in Lamu, zehn Kilometer südlich der Manda-Bucht, erinnern können.

Mitte der siebziger Jahre kamen die Ingenieure. Sie begannen, den Küstenstreifen zu vermessen und befanden: der perfekte Ort für einen Tiefseehafen. Das schrieben sie in ihr Gutachten. Für einen Moment sah es so aus, als sei es vorbei mit der Fischerei vor Lamu. Doch dann wollte kein Politiker in die Manda-Bucht investieren. Schließlich gab es an Kenias Küste bereits einen großen Hafen, rund 250 Kilometer südlich, in Mombasa .

So landete das Gutachten Ende der siebziger Jahre in der Schublade, und die Menschen in Lamu lebten weiter ihren Alltag, wie schon vor hundert Jahren. Noch immer fahren sie auf ihren Dhaus aufs Meer hinaus, wohnen in Häusern aus Korallenstein und Mangrovenholz. Fünfmal am Tag ruft der Muezzin. Den Islam brachten muslimische Händler nach Lamu. Ihre arabische Kultur mischte sich mit der Afrikas zur Swahili-Kultur. »Lamu ist die älteste und besterhaltene Swahili-Siedlung in Ostafrika«, befindet die UN-Kulturbehörde Unesco 2001 und erklärt die Stadt zum Weltkulturerbe .

Seitdem kommen immer mehr Reisende nach Lamu. Eine Tourismusindustrie mit Bettenburgen ist freilich nicht entstanden. Die Grenzen zwischen Tourismus und traditioneller Arbeit sind fließend. Maurice Ogote nimmt Gäste mit zum Fischen. Dann grillt er die frischen Schnapper für sie.

Die Bewohner fürchten Seemannskneipen und Bordelle

»Ob noch Touristen kommen, wenn dort Supertanker vor Anker liegen?«, fragt Ogote. Dass die Pläne der Ingenieure aus der Schublade geholt worden sind, hat er in der Zeitung gelesen. Ogote hat Angst vor den Fahrrinnen, die dann ausgebaggert würden, sie könnten die Strömung ändern. Wo man wann fischt, alles, was er von seinem Vater gelernt hat, würde dann nicht mehr gelten. Und wenn Lamu zur Hafenstadt wird, was geschieht dann mit der streng muslimischen Swahili-Kultur? Ogote fürchtet, dass seine Stadt wie Mombasa wird: voll von Seemannskneipen und Bordellen.

Für Mitte Februar hat sich das halbe kenianische Kabinett angekündigt. Die Politiker behaupten, der Hafen sei keine Gefahr, sondern eine Chance. Das Projekt werde die zurückgebliebene Region um Lamu in die Moderne katapultieren: Logistik statt Fischfang, Hightech statt Handarbeit. Der Hafen werde Tausende Arbeitsplätze schaffen, für Lagerverwalter, Ingenieure, Kranführer.

»Aber wer wird diese Arbeitsplätze bekommen?«, fragt Ogote. »Doch nicht Leute wie ich.« Ogote ist nur in die Grundschule gegangen. »Für den Hafen werden sie Leute einstellen, die sich auskennen mit Computern und Maschinen, und das sind nun mal Leute aus dem Landesinneren.«

In Wirklichkeit, glaubt Ogote, wüssten die Politiker, dass der Hafen der Küste schadet. Aber das sei ihnen egal. »Wir an der Küste sind Muslime. Unsere Regierenden sind Christen aus dem Hochland.«

Die Mächtigen in Nairobi sind weit weg für Maurice Ogote. Wer hinter dem Projekt steht, das ihm die Fische und die Touristen vertreiben wird, weiß Ogote nicht. Er kennt Mutule Kilonzo nicht.

Kilonzo ist ein fülliger 46-Jähriger mit kurzen Haaren und randloser Brille. In silbergrauem Anzug und schwarzem Hemd sitzt er in einem tiefen Sessel in seinem Büro am Stadtrand von Nairobi. Vom Fenster aus sieht Kilonzo den Industriepark Athi River: asphaltierte Straßen mit Blumenkübeln am Rand, Produktionshallen, vor denen Lastwagen beladen werden.

Wenn es nach Kilonzo ginge, sollte es überall in Kenia so aussehen. Bislang ist das noch die Ausnahme. Dabei gibt es die nationale Behörde für Industrieparks, die Kilonzo leitet, schon seit 22 Jahren. Man könnte jetzt sagen: So wie bislang klappt es wohl nicht. Straßen bauen, Glasfaserkabel verlegen, die ganze übliche Industriepolitik – in Kenia läuft sie meistens ins Leere. Vielleicht müsste man an anderer Stelle ansetzen, bei der Korruption etwa, von der es zu viel gibt, oder bei der Bildung, von der es zu wenig gibt.

Leserkommentare
  1. eine der letzten noch erhaltenen intakten Mangrovenküsten Afrikas wird unwiderruflich zerstört werden.

    Und kommt auch nicht wieder, wenn in spätestens 30 Jahren das südsudanesische Erdöl versiegt und der Hafen nutzlos geworten ist.

    Wenn man das Geld stattdessen in Naturschutzprojekte stecken würde, könnten die Kenianer langfristig damit vermutlich mehr verdienen.

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