© Liebeskind Verlag

Es gibt wenige amerikanische Romane, in denen Gott so präsent ist wie in Donald Ray Pollocks Das Handwerk des Teufels. Und so abwesend. Gott ist die ewige Leere am psychischen Horizont. ER soll seine Kraft beweisen. Ohne nach IHM zu rufen, wäre die Verlorenheit seiner Kinder vollkommen. Arvin, Sohn von Willard und Charlotte, ist Zeuge. Als seine Mutter stirbt, kniet er seit Tagen betend und hungernd im Schlamm und hat ansehen müssen, wie sein Vater alle greifbaren Tiere schlachtete, ihr Blut sammelte für Gott und das Weiterleben der krebskranken Frau. Nachdem der Vater seinen Hund getötet, die allem Tier- (und Menschen-)Opfer zum Trotz gestorbene Mutter begraben und sich selbst die Kehle durchgeschnitten hat, schlägt der ausgehungerte Arvin sich im nächsten Laden den Bauch mit Blaubeerkuchen voll. Der herbeigeholte Sheriff denkt, der zehn Jahre alte Junge habe Blut getrunken.

Oder diese Geschichte: Gift hat Theo geschluckt. Um Gott aus seiner Ferne zu locken. ER kann seinen Sohn doch nicht verrecken lassen. Dadurch zum Krüppel geworden, aber weiter auf Provokationstour, überredet Theo seinen Bruder, den Prediger Roy, dessen Frau zu töten, um sie mit Gottes Hilfe wieder zum Leben zu erwecken. Gott versagt. Als Roy dann Jahre später seinem Mörder begegnet, bilanziert er: "Es ist schwer, ein ehrbares Leben zu führen. Der Teufel versteht sein Handwerk."

Der Teufel, der hier am Werk ist, hat viele Namen: Armut, Fanatismus, Mittelwesten. Ihre Summe lautet: Mensch. Das klingt pathetisch, aber es fällt verdammt schwer, nach der Lektüre dieses wüsten Buches nicht die Küche zu zertrümmern oder mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Es ist fast unmöglich, die deprimierenden Biografien, die Pollock im ausgenüchterten Ton eines Fallanalytikers rapportiert, als Fiktion zu akzeptieren.

Pollock hat gut dreißig Jahre als Arbeiter und LKW-Fahrer für die Mead-Papiermühle gearbeitet und vermutlich die Strecke zwischen Knockemstiff in Ohio , dem Ausgangs- und Endpunkt von Arvins Geschichte, und Lewisburg in West Virginia hunderte Male selbst zurückgelegt. Ein ungeheurer Zorn gerinnt in den gehämmerten Sätzen dieses Debütromans eines 55-Jährigen zur Breitwandaufnahme einer Landschaft voller Leichen und einer Zivilisation aus Dreck und Müll.

In Interviews bestreitet Donald Ray Pollock, sein Mittelwesten sei übler als der Rest der Welt. Aber bisher hat er die Saugglocke seiner apokalyptischen Erzählkunst nur über das heimische Ross County gestülpt. Unter ihr herrscht eine fahle, von dumpf-fanatischer Sehnsucht nach irgendetwas Höherem getränkte Atmosphäre. In diesem Elendsdunst wirkt selbst der Serienmörder, der mithilfe seiner halb debilen Frau junge Tramper anlockt und sie beim Sex fotografiert, bevor er sie ermordet, wie ein Künstler auf Gottsuche. Und Arvin ist, nachdem er 18 geworden ist und vier Menschen erschossen hat, fast ein freier Mann.