Roman von F. P. IngoldIm Gulag der Postmoderne

Felix Philipp Ingolds viel zu kluger Roman über seinen wolgadeutschen Freund.

Felix Philipp Ingold ist ein Homme de Lettres, wie er im Buche steht. Er hat mehrere Gedichtbände publiziert, Dichter aus dem Französischen und Russischen übersetzt, als Rezensent Bücher für Zeitungen besprochen und als Literaturwissenschaftler eine einschüchternde Publikationsliste vorzuweisen. Er hat auch ein Buch geschrieben, das den Titel: Das Buch im Buch trägt und ein Buch über Bücher ist, die durch andere Bücher geistern.

Nun hat der große Gelehrte einen Roman geschrieben, der sich wie ein Querschnitt seines Schaffens liest. Alias lautet der vielsagende Titel, sodass schon vor dem Aufschlagen des Buches der Grundton des Abweichenden, der Verschiebung angeschlagen ist. Ingold erzählt die Geschichte seines verstorbenen wolgadeutschen Freundes Kirill Beregow alias Carl Berger. Der wiederum hatte in der Sowjetunion unter dem Pseudonym Michail Choloschow einen gefeierten Kriegs- und KZ-Roman mithilfe des Berichts eines Freundes geschrieben. Ingold erzählt also die Geschichte eines Mannes, der die Geschichte eines Mannes erzählte, der, wer weiß, die Geschichte eines Mannes... Um mit Hugo von Hofmannsthal zu sprechen, den Ingold in seinem Buch im Buch zitiert: Der Autor »ist immer an einer anderen Stelle, als er vermeint wird«.

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Schon diese Konstruktion weist Alias als ein äußert artifizielles Gebilde aus. Zugleich aber gibt sich Ingold viel Mühe, uns vom Gegenteil zu überzeugen: Teile des Romans geben Interviews wieder, die der Autor mit Beregow geführt haben will, in indirekter Rede wird ein Verhör aus Mauthausen rapportiert, das Berger nach der Befreiung des Lagers protokolliert haben soll, historisches Personal tritt auf, und als Anhang sind Fotos abgedruckt, deren dokumentarischer Charakter die Authentizität des Erzählten zu verbürgen scheint.

Was dabei erzählt wird, ist der reinste Irrsinn. Nur mit Glück entgeht Beregow dem Schicksal seiner Eltern, Kommunisten der ersten Stunde, die als Wolgadeutsche nach dem Einfall der Wehrmacht ins Land für Verräter gehalten und hingerichtet wurden. Als Waise gelangt er an die Front und überlebt ein Himmelfahrtskommando an der Seite von Partisanen. Er steigt im sowjetischen Militärapparat auf, als Oberst ist er bei der Befreiung Wiens dabei. Bei der Auflösung des KZ Mauthausen lernt er seine spätere Frau kennen, die er mit nach Leningrad nimmt. Dort lässt er sich als Schriftsteller nieder und verfasst angepasste, vaterländische Literatur, mit zweifelhaftem Erfolg. Seine Frau verlässt ihn dafür, und in den Gulag wandert er trotzdem.

Nicht nur der Autor ist immer an einer anderen Stelle, als dort, wo man ihn sucht: Auch den Figuren geht es so. Nirgends kommen sie zur Ruhe, nirgends ist Heimat. Wenn das Buch etwas fest umreißt, dann ist das der Wirbel der Geschichte in ihrer unverdünnten Willkür. Das Datum 1989 markiert für Beregow da nur eine weitere Wende: Er darf ausreisen, nicht aber nach Deutschland, sondern nach Israel, wo er von jugendlichen Russland-Aussiedlern, die sich als Neonazis gebaren, halb totgeprügelt wird. Schließlich gelangt er doch noch nach Deutschland, gabelt bei einer Spritztour eine junge Frau auf, fährt mit ihr flitterwochenhaft nach Wien, zeigt ihr Mauthausen – und wird dort vom Schlag getroffen.

Und das soll eine wahre Geschichte sein, wie Ingold in einer Art Präambel es dem Leser versichert? Oder ist Alias mit seinen Unwahrscheinlichkeiten nicht doch ein moderner Schelmenroman, Voltaires Candide, ins 20. Jahrhundert verschlagen? Dieser Zweifel, oder um es im Vokabular der Postmoderne zu sagen: dieses Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit konstruiert und strukturiert, oder besser dekonstruiert und destrukturiert, den gesamten Roman. Stilistisch schlägt sich das nieder, indem klangvolle Beschreibungen neben nüchternen Tatsachenberichten stehen, die in dunkelsinnige Sätze reiner Poesie münden.

Man kann Ingold einiges zugutehalten. Er betreibt sein Spiel virtuos. Der Roman zeigt, zu welchen Verheerungen Ideologie führt, das heißt dann, wenn Menschen vom Glauben beseelt sind, die Wirklichkeit lückenlos definieren zu können, und die Fiktion dafür in Dienst nehmen. 

Allerdings vergisst Ingold, dass wir nicht mehr im Jahr 1988 sind, in jenem Jahr, als seine Schrift Das Buch im Buch die Praxis und Herkunft dekonstruktiver Literatur erklärte und verteidigte. Diese ganze Theorie wird nun in dem Roman umgesetzt, mit lauter Signalsätzen, die ans Proseminar adressiert scheinen (»Ich! Aber wer mag das gewesen sein?«). Und so ausgefuchst die Spiegelungen und Verschiebungen im Roman auch sind: Sie wirken heute aufgesetzt. Am besten wäre es vielleicht, Ingold vergäße, was er alles weiß. Er könnte einen richtig guten Roman schreiben, nähme er sich nicht vor, dabei auch furchtbar schlau zu sein.

 
Leserkommentare
  1. "Er könnte einen richtig guten Roman schreiben, nähme er sich nicht vor, dabei auch furchtbar schlau zu sein."

    Das ist der Satz eines Kritikers, der sich vorgenommen hat, oberschlau sein zu wollen, weil er tatsächlich glaubt, man könne sich vornehmen, schlau zu sein oder, wie er selbst, oberschlau, und dieser Vorsatz lasse sich mal so eben umsetzen. Die Dekonstruktion von Schläue gelingt nicht mit ihrem Gegenteil.

  2. Was ist jetzt die Aussage? Der Autor dieser Kritik scheint mir ebenso verloren darin zu sein einen direkten Fixpunkt zur Einordnung des Buches zu liefern, wie es die Postmoderne als intellektuelles Kalkül kontingent erscheinder Zeiten vorgibt. Wenn man zu dem Buch nichts zu sagen weiß, sollte man nichts dazu schreiben.

  3. Die in Israel gestrandeten Rußlandaussiedler "gebaren" sich nicht "als" Neonazis, sondern sie GEBÄRDEN sich WIE Neonazis. Und auch "Candide" ist keineswegs ein "Schelmenroman" wie etwa der "Simplizissimus", auch wenn sein Autor ihn als "trivialen Scherz" bezeichnet hat, sondern viel mehr orientiert am antiken Heliodor ("Aithiopika"), also dem "hellenistischen Trennungsroman", wie das im KLL genannt wird.

  4. was die Definition eines "großen Gelehrten" ist:

    "Nun hat der große Gelehrte einen Roman geschrieben [...]"

    Als Satire nicht stichhaltig, als Bewunderung...nun, um die Problematik fester zu umreißen, also wer hier ein großer Gelehrter sein soll: jedenfalls nicht der Verfasser dieser Rezension; seit wann stellt man solche Leute als Rezensenten ein? Leider merkt man dem Autor dieser Rezension sehr an, dass wenn etwas aus Proseminaren stammt, dies dann viel eher sein verschwommenes Bild von "Dekonstruktivisten", "Intellektuellen" und "Gelehrten" sein dürfte. Vielleicht vertauscht er seine Erfahrung in Germanistik-Seminaren mit der offenen Welt.

    Ich weiß, man muß kein Huhn sein, um Eier zu schmecken. Und trotzdem halte ich es für eine geradezu freche Platitüde, ein womöglich interessantes Buch mit der Bemerkung abblitzen zu lassen, der Autor solle doch bitte alles Gelernte vergessen und dann - tabula rasa, ein Thema wie Russland -, das Buch neu zu schreiben. Der Kritiker wird hier versuchsweise zum "großen Gelehrten" in der Geste der praxis, statt theoria, und kultiviert in der Verbreitung seiner Meinungen lediglich seine eigene Affektiertheit.

    [...]

    Gekürzt. Verzichten Sie auf polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak

    • Mikoss
    • 07.03.2012 um 11:59 Uhr

    Ich find den Titel toll, kann ich den haben?!
    Im GULAG der POSTMODERNE
    Das ist klar, dass Menschen an den Ideen, die sie zutiefst faszinieren, festhalten, und sei es die dekonstruktive Literatur. Eine sehr unglückliche Bezeichnung, die kaum von sich aus etwas besagt.
    Worum geht es? Worum geht es seit uralten Zeiten (ach! seufz!) in der literarischen Kunst?!
    Das Unbehagen, das die Fiktion begeleitet
    Eventuell ist es das beste, einfach jeden schreiben zu lassen, wie er will...
    Poetry doesn't matter

    Eine Leserempfehlung
  5. 6. Roman

    Z. B. Das Jahr 1937. Der Ingeneur G. - erschossen. Der Grund (Основание) - "Der Deutsche" (Немец). Keine weitere Erklaerungen. Der kurzeste Roman.

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