Robert Farra mit dem programmierbaren Medikamentendepot © Microchips

Für seine Premiere hatte sich Robert Farra die weltgrößte Wissenschaftskonferenz ausgesucht: das Treffen der American Association for the Advancement of Science in Vancouver . Auf dem Podium hielt er stolz etwas hoch, das von Weitem einem elektronischen Autoschlüssel ähnelte. In seiner Hand lag der Prototyp einer implantierbaren Miniapotheke , die der Arzt fernsteuern kann. "Das ist ein aufregender Moment für unser Unternehmen, für Patienten und für die Zukunft der Medizin", sagte Farra. Der Chef der Medizintechnikfirma Microchips meinte damit das erste erfolgreiche Experiment an Menschen, bei dem ein Medikamentendepot unter der Haut Wirkstoffe ins Blut abgab – und zwar wahlweise nach einem festen Programm oder auf ein Funksignal hin.

Getestet hat die Firma ihren Chip an acht Osteoporose-Patientinnen im Alter von 65 bis 70 Jahren. Bei einer ambulanten Operation wurde ihnen auf Hüfthöhe ein Mikrochip implantiert, der elektronisch mit mikroskopisch kleinen Kammern verbunden war. In diesen Kammern lagerte der Wirkstoff Teriparatid, ein Mittel gegen Knochenschwund. Ein elektrisches Signal erhitzte jeden Tag zu einer definierten Uhrzeit die hautdünnen Platinmembranen, die die einzelnen Kammern versiegelten. Die Membran schmolz und gab eine Tagesdosis des Medikaments frei. Die Blutwerte der Patientinnen zeigten, dass der Mechanismus funktioniert und dass der Wirkstoff auch durch das feste Gewebe dringen kann, das sich wie eine innere Narbe um jedes Implantat im Körper bildet. Das Medikament war in ähnlichen Konzentrationen im Blut der Probandinnen zu finden wie bei Patienten, die das Mittel wie üblich über eine tägliche Injektion erhalten hatten.

Natürlich ist die Patientengruppe viel zu klein, um mögliche Nebenwirkungen der Anwendung auszuschließen. Erst einmal muss der Medikamenten-Chip so umfassend wie möglich auf Risiken getestet werden. Wie alle Implantate kann er prinzipiell Infektionen, Allergien oder Abstoßungsreaktionen hervorrufen. Offene Fragen sind außerdem, ob ein Kurzschluss alle seine Medikamentenkammern gleichzeitig öffnen kann, ob Handys sein Signal stören können, ob er sich mit anderen Geräten im Körper, wie Herzschrittmachern, verträgt.

Keine Spritze mehr und kein Vergessen

Im Sommer wollen Farra und seine Kollegen deshalb die erste größere Studie starten. Sie hoffen, in fünf Jahren ein marktreifes Produkt anbieten zu können. Damit sehen die Forscher nicht nur das Ende der täglichen Spritze für viele chronisch Kranke nahen, sondern auch den Patienten an der kurzen Leine des Arztes.

"Die digitale Steuerung verspricht eine hundertprozentige Therapietreue", schwärmt Farra. Ein Arzt könne flexibel kontrollieren, wie oft und wann seine Patienten ihre Medikamente nehmen. Daniel Strech , Medizinethiker an der Universität Hannover, sieht in dieser Kontrolle durchaus Chancen für die Arzt-Patienten-Beziehung: "Aktuell wird es viele Momente geben, in denen der Arzt rätselt, ob der Patient seine Medikamente vielleicht nicht regelmäßig nimmt und sie deshalb nicht richtig wirken." Das könne Misstrauen schüren. "Ein Chip könnte diese Situation verbessern."

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass sich die Hälfte der Patienten nicht konsequent an die Anweisungen halten, die sie von ihrem Arzt bekommen. Sie lösen Rezepte erst gar nicht ein. Sie nehmen die Pillen nach Gutdünken oder vergessen ganz, sie einzunehmen. Experten schätzen, dass auf diese Weise im deutschen Gesundheitssystem bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr verschwendet werden. Der Chip verspreche enorme Einsparungen für die Kassen, sagt Robert Farra. Vielleicht würden eines Tages alle, die eine Behandlung mit teuren Medikamenten brauchen, einen solchen Chip implantiert bekommen.