ZwangsprostitutionIm Sumpf

Mit 16 wurde Mandy Kopp gezwungen, als Prostituierte zu arbeiten. In dem Richter, der ihren Zuhälter verurteilte, will sie einen Freier erkannt haben. Nach fast 20 Jahren soll die Wahrheit in einem neuen Prozess geklärt werden. von 

Mandy Kopp kennt alle Fluchtwege in ihrem Haus. Sie weiß, wie lange es dauert, aus dem Fenster hinaus auf das Dach zu klettern und von dort in den Hof zu springen, sie weiß, wie schnell sie beim Hinterausgang und von dort beim Auto ist. Neben jeder Tür liegt ein Holzknüppel. Wenn sie in ihren Keller hinuntergehen will, kollabiert sie.

Kopp ist 35, sehr schmal, sie trägt ihr Haar kurz und so blond gefärbt, dass es fast weiß schimmert. Sie sitzt an dem großen Holztisch in ihrer Küche, raucht, trinkt Rotwein. Durch das Fenster sieht sie die Sonne untergehen. Eine idyllische Landschaft, Hügel, ein kleines Dorf nicht weit von Koblenz , nahe der Mosel, an den Uferhängen wächst Wein. Alles wirkt friedlich. Von außen betrachtet deutet nichts auf eine Bedrohung.

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Die landschaftliche Harmonie steht im Gegensatz zum Inneren von Kopps Wohnhaus. Es ist eine ehemalige Gastwirtschaft, zum Teil sind noch die alten Kneipenmöbeln darin. Kein Fenster ist so groß wie das andere, keine Tür gleicht der nächsten, alte und neue Tapeten kleben neben- und übereinander, Bodenbeläge und Wandfarben sind verschieden. Nichts passt zusammen. Kopp lebt in Scheidung und ist erst vor Kurzem mit ihrem Freund hier eingezogen. Sie schlafen auf der Bühne des ehemaligen Festsaals. Die alten Tische und Stühle erinnern an längst vergangene Abendgesellschaften. An den Wänden hängen Bilder, die Kopp gemalt hat, eine Straße mit Gründerzeithäusern in Leipzig ; ein Mädchengesicht, blass, traurig, durchscheinend; eine Frau, deren Körper mit vielen kleinen Strichen bedeckt ist, die wie Schnittwunden aussehen. Und vier Männerköpfe, über denen in großen Buchstaben das Wort »Täter« geschrieben wurde.

In der Ecke des Saales steht ein Computer. Mandy Kopp hat begonnen, ihre Autobiografie zu schreiben. Die beginnt mit den Sätzen: »Es war ein Tag wie jeder andere. Also der ganz normale Wahnsinn.« Das klingt wie der Anfang einer lustigen Abenteuergeschichte. Mandy Kopp hat fast 20 Jahre gebraucht, um ihre Geschichte erzählen zu können. Es ist das erste Mal, dass sie ihren richtigen Namen öffentlich nennt. Ein Befreiungsschlag. »Ich habe mich lange genug versteckt und geschämt. Ich habe nicht vor, mein Leben lang Opfer zu bleiben«, sagt sie.

Ihre Erlebnisse in jenen Wochen Anfang der neunziger Jahre verfolgen sie noch immer, die Akten darüber füllen ihre Schränke, verstopfen die Festplatte ihres Computers, überfordern jeden Datenstick. Mandy Kopp wurde mit 16 zur Prostitution gezwungen, in einem Leipziger Kinderbordell mit dem Namen Jasmin. Viele Jahre sind seitdem vergangen, sie hat geheiratet, drei Kinder geboren und mehrere Hundert Kilometer zwischen sich und ihre alte Heimat gelegt, und doch ist es noch immer nicht vorbei, im Gegenteil: Gerade geht es wieder los.

Vor fünf Jahren gibt es bundesweit Skandalmeldungen über ein ominöses kriminelles Netzwerk aus Leipziger Immobilienmanagern, Justizbeamten und Polizisten. Auslöser ist eine Datensammlung des sächsischen Verfassungsschutzes, die an die Öffentlichkeit gelangt. Der Komplex, unter dem Namen »Sachsensumpf« bekannt , ist bis heute nicht ganz aufgeklärt, und manche bezweifeln sogar seine Existenz. Es geht um fragwürdige Gerichtsurteile, zweifelhafte Immobiliengeschäfte, die von der Justiz gedeckt worden sein sollen, und auch um mögliche Sexgeschichten von Staatsbediensteten mit Minderjährigen. Der Name »Jasmin« taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: das Kinderbordell, das 1993 von der Polizei dichtgemacht wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mandy Kopp und die anderen Frauen, die damals im Jasmin arbeiten mussten, werden 2008 noch einmal als Zeugen vernommen. Ihnen werden Fotos gezeigt. Dabei meinen Mandy Kopp und eine weitere Zeugin namens Trixi ( Name geändert ) zwei hochrangige Juristen – den ehemaligen Vizepräsidenten des Leipziger Landgerichts und den jetzigen Präsidenten des Landgerichts Chemnitz – als frühere Freier des Bordells wiederzuerkennen. Die beiden Männer bestreiten dies. Die Frauen stehen nun wegen Verleumdung vor Gericht. Einer der Männer wird sie später in einem Gespräch mit dem ZEITmagazin »Prostituierte« nennen, als wären die Mädchen freiwillig im Jasmin gewesen. Auch die Anklage spricht von Prostituierten, als spiele es keine Rolle, dass die Frauen damals fast noch Kinder waren, dass sie gezwungen wurden. Aus den Opfern von einst sind innerhalb weniger Monate Täterinnen geworden, Verdächtige. Der Prozess gegen sie beginnt am 6. März in Dresden .

Der »Sachsensumpf« ist mittlerweile ein fast undurchdringliches Dickicht aus gegenseitigen Anschuldigungen , Anzeigen und Anklagen. Jeder, der sich bemüht, einen Weg durch das Dickicht zu bahnen, scheint darin zu versinken: Opfer, Polizisten, Journalisten. Die Gerichtsprozesse sind auch ein Versuch, alle Zweifel, Ungereimtheiten und Erinnerungslücken juristisch zu klären. Aber es gibt Geschichten, die sind so furchtbar, dass sie jeden zu zerstören drohen, der mit ihnen in Berührung kommt. Wie eine böse Krankheit nisten sie sich in die Leben derjenigen ein, die damit zu tun bekommen, und zersetzen sie allmählich von innen. Wenige haben die Kraft, sich davon zu erholen. Manche finden diese Kraft nie.

Mandy Kopp hält die nächste Zigarette in den schmalen Fingern. Sie kann gut erzählen, detailreich, sarkastisch, manchmal schweigt sie minutenlang, sie erscheint dann wie entrückt, unerreichbar. Oft wirkt sie stark und angeschlagen zugleich. Wenn man sie fragt, wie sie in ein Kinderbordell gelangen konnte, erzählt sie von ihrem Vater. Sie hat ihn sehr geliebt, aber er starb viel zu früh, 1989, im Jahr des Mauerfalls. Die Auflösung von Kopps Familie ging einher mit der Auflösung ihres Landes. Der Zerfall eines Staates, die Anarchie in den ersten Jahren danach ermöglichten ein System, in dem minderjährige ostdeutsche Mädchen zur Prostitution gezwungen wurden und sich Zuhälter und Freier in Sicherheit wähnen konnten.

Kopp ist in einem Dorf nahe Leipzig aufgewachsen. Ihre Mutter lernt kurz nach dem Tod des Vaters einen neuen Mann kennen, sie ziehen in die Stadt. Mandy rebelliert gegen den Stiefvater, es gibt Streit, auch Schläge. Die Mutter ist überfordert. Die Tochter verliebt sich in einen 15 Jahre älteren Mann. Immer öfter bleibt sie immer länger von zu Hause weg. Ihrer Familie entgleitet sie immer mehr. Mit ihrer Freundin Sabine ( Name geändert ) haut sie schließlich ab. Sie landen in dem Wohnwagen eines Bekannten, in dem Männer sitzen, die von einem Martin Kugler ( Name geändert ) erzählen, der eine Art Mädchen-WG betreibe, da lebten Mädchen zusammen, die weggelaufen seien, sagen sie. »Für uns hat sich das ganz normal angehört«, sagt Kopp heute. Sie habe nichts geahnt. Am Abend brechen sie auf in die Merseburger Straße 115. Es ist die Straße, die Mandy Kopp Jahre später in ihrem Festsaal malen wird.

In Kopps Erinnerung fährt Martin Kugler in einem Mercedes vor und trägt Goldkettchen. Mandy hält das für einen coolen Auftritt. Einem Zuhälter ist sie noch nie begegnet, unter Prostitution kann sie sich nichts vorstellen. Kugler, ein ehemaliger Boxer, nimmt die beiden mit in die Wohnung, dort warten schon drei andere Mädchen. Er zeigt sich sehr interessiert, fragt sie aus, dann bietet er Mandy und Sabine Cola an. »Und danach verlor ich das Bewusstsein«, sagt Kopp heute. Am nächsten Vormittag seien sie aufgewacht, nackt auf dem Sofa, sagt Kopp. Ihre Kleider sind verschwunden. Sie will die Wohnung verlassen. Martin Kugler kehrt zurück, packt sie am Nacken und prügelt auf sie ein. Sabine kotzt ins Wohnzimmer. »An diesem Tag hat mich Kugler das erste Mal vergewaltigt«, sagt Kopp.

Mandy war damals 16, Sabine 13.

Leserkommentare
  1. Ein erschütternder Bericht, der es vermag, jene psychischen Mechanismen (zB die Identifikation mit dem Aggressor) transparent zu machen, durch die traumatisierte Menschen in den Augen vieler Menschen (oder auch der Justiz) oftmals unglaubwürdig erscheinen.
    Denn wieviele Menschen schlussfolgern wohl aus der Tatsache, dass eine der Betroffenen später ihren Peiniger heiratete, "dass es wohl nicht so schlimm gewesen sein kann".

    Umso mehr möchte ich der Redaktion ans Herz legen, die thematische Einordnung "Prostitution" nochmals zu überdenken. Denn unter Prostitution oder Sexarbeit versteht man freiwillig geleistete sexuelle Dienstleistungen von volljährigen, mündigen Menschen (wobei es hier natürlich eine große Grauzone gibt). Wie wäre es statt dessen mit der Überschrift "Zwangsprostitution" oder "Kinder-/Mädchenhandel"? Denn die gegenwärtige Überschrift bedient nicht nur den Stereotyp der ausgebeuteten Prostituierten, sie wird meiner Ansicht nach dem Leid, das die Mädchen erfahren haben, nicht gerecht. Außerdem wehrt sich Frau Kopp ja selbst gegen diese Einordnung, wie dem Artikel zu entnehmen ist.

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    Freier Autor

    Ein guter Punkt. Wir haben das mal geändert. Danke + Grüße aus der Redaktion.

  2. Freier Autor

    Ein guter Punkt. Wir haben das mal geändert. Danke + Grüße aus der Redaktion.

    20 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Prostitution?"
  3. 3. Danke

    Erst mal Danke an "Plumjuice" für den Hinweis bezüglich der thematischen Einordnung. Es ist schön zu lesen, dass es noch Menschen gibt die auch die Worte Lesen die etwas kleiner geschrieben sind als andere.
    Es ist selbst Mandy Kopp und mir (Lebensgefährte) gar nicht aufgefallen da wir noch ganz "aufgeregt" (im positiven Sinne) bezüglich des Artikels waren.
    Danke an Herr Kühl für die prompte Korrektur, und überhaupt dafür dieses heiße Eisen aus dem Feuer zu holen - ohne Handschuhe versteht sich.

    Ihr seid klasse. Danke für die Unterstützung.

    Liebe Grüße

    Pierre Dassbach und Mandy Kopp

    72 Leserempfehlungen
    • uxxus
    • 01. März 2012 14:36 Uhr

    so einen Sumpf gibt es doch nur in Rußland, heißt es doch immer.

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    Das heißt es zwar .... aber der Sumpf ist weltweit und überall dort zu finden wo Mächtige ihre Macht und ihren Einfluß mit dem ihnen zur Verfügung stehende Geld bis in perverseste ausnutzen.....

    leider

    Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es sehr wohl möglich ist. Meine Eltern kannten "den Täter" (ich habe bei dem sogar zu Mittag gegessen...war typisch "guter Onkel"), der wegen Mordes angeklagt wurde. Er hatte so manche Frauen damals "beseitigt", wenn diese sich weigerten anzuschaffen. Er konnte letzendlich aber nur wegen eines Mordes angeklagt werden, weil es an Beweismitteln mangelte..dabei war er schon seit 20 Jahren im Geschäfft von Menschenhandel mit der Mafia tätig. 8 Jahre hat er bekommen, war aber nach 4 Jahren schon wieder draußen. Willst wissen wo es war? Karlsruhe + Stuttgart Umgebung. Städte von BaWü, eines der "wohlhabenden" Bundesländer.

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/kvk

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  5. Das heißt es zwar .... aber der Sumpf ist weltweit und überall dort zu finden wo Mächtige ihre Macht und ihren Einfluß mit dem ihnen zur Verfügung stehende Geld bis in perverseste ausnutzen.....

    leider

    14 Leserempfehlungen
  6. gab es keinen Sumpf!
    ... sagte man damals offiziell.
    Sowas ist ja in Deutschland aiuch gar nicht möglich - oder??

    7 Leserempfehlungen
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    ....und dann macht das doch auch keiner....

    Alles Verbrecher. Zwangsprostitution und Mädchen-/ Kinderhandel und die damit verbundene psychische und physische Gewalt.

    Die Verjährungsfristen für traumatisierte Kinder (bzw. die späteren Erwachsenen, die die Tat teils Jahrzente später erst anzeigen können) sind ein Schalg ins Gesicht. Genauso wie die zeitlichen Erinnerungslücken, bzw. plötzlich wiederkehrende Erinnerungen als "nicht möglich" oder als "Erfindung" zu bezeichnen ist die 2. Gewalt nach der Tat / den Taten.

    Für den Beschuldigten Mann ist es auch schwierig, zu beweisen dass er nicht einfach nur "bequem" war bei seinem Urteil sondern möglicherweise befangen. Aber auch Bequemlichkeit im Zusammenhang mit sexueller Gewalt ist ein Verbrechen.

    Ich wünschen den Betroffenen Frauen und ihren Familien die nötige Kraft.

  7. Zum Einen: Danke für den sehr gut geschriebenen und höchst informativen Artikel!

    Zum Anderen: Wenn zwei Frauen unabhängig voneinander einen Freier wiedererkennen, dann sollte das eigentlich zur Identifizierung reichen.

    Erst recht gilt dies, wenn diese Person als Richter in einem Fall mehrfacher Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, Zwangsprostitution und schwerer Körperverletzung an Minderjährigen den eindeutig überführten Täter lediglich zu vier Jahren verurteilt hat - und dies in einem "Deal", der es dem Richter erlaubte, das damit garantiert nicht nachvollziehbare Urteil nicht begründen zu müssen, und der zugleich dafür sorgte, dass dieses Urteil rechtlich nicht mehr angreifbar und damit überprüfbar war. (

    Ein wahrlich idiotisches System, gestaltet im Sinne von Macht missbrauchenden, kriminellen Juristen, bezahlt von den so verschaukelten Bürgern!)

    39 Leserempfehlungen
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    Zuerst einmal möchte ich mich, im Namen der Opfer, bei all jenen bedanken, die viele Jahre ehrlich und akribisch ermittelt und denen die für uns da gewesen und sind. Ganz besonders bedanke ich mich bei Herr Atzinger der mich seit einigen Jahren Psychologisch begleitet und stärkt.
    Antwort:
    2008 wurde ich durch die Staatsanwaltschaft Dresden zur Zeugenaussage geladen. Der Ladung bin ich gefolgt mit der Hoffnung dass es nun um Aufklärung geht. Ich wurde ausführlich belehrt, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit, nichts weg lassen oder hinzufügen soll. Das tat ich dann mit gutem Gewissen.
    Jedoch schwand die Hoffnung für mich dass es um Aufklärung ging, recht schnell. Die zweite Vernehmung ließ dann für mich nach mehr als 5 h, nichts mehr davon übrig.
    Die Übereinstimmungen unserer Aussagen sind in der Anklage gegen uns nicht relevant.

    Ich bedanke mich herzlich bei der Redaktion und bei Jana Simon die sich einfühlsam die Zeit genommen hat und diesen Artikel schrieb. Vielen Dank!

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