Mandy Kopp kennt alle Fluchtwege in ihrem Haus. Sie weiß, wie lange es dauert, aus dem Fenster hinaus auf das Dach zu klettern und von dort in den Hof zu springen, sie weiß, wie schnell sie beim Hinterausgang und von dort beim Auto ist. Neben jeder Tür liegt ein Holzknüppel. Wenn sie in ihren Keller hinuntergehen will, kollabiert sie.

Kopp ist 35, sehr schmal, sie trägt ihr Haar kurz und so blond gefärbt, dass es fast weiß schimmert. Sie sitzt an dem großen Holztisch in ihrer Küche, raucht, trinkt Rotwein. Durch das Fenster sieht sie die Sonne untergehen. Eine idyllische Landschaft, Hügel, ein kleines Dorf nicht weit von Koblenz , nahe der Mosel, an den Uferhängen wächst Wein. Alles wirkt friedlich. Von außen betrachtet deutet nichts auf eine Bedrohung.

Die landschaftliche Harmonie steht im Gegensatz zum Inneren von Kopps Wohnhaus. Es ist eine ehemalige Gastwirtschaft, zum Teil sind noch die alten Kneipenmöbeln darin. Kein Fenster ist so groß wie das andere, keine Tür gleicht der nächsten, alte und neue Tapeten kleben neben- und übereinander, Bodenbeläge und Wandfarben sind verschieden. Nichts passt zusammen. Kopp lebt in Scheidung und ist erst vor Kurzem mit ihrem Freund hier eingezogen. Sie schlafen auf der Bühne des ehemaligen Festsaals. Die alten Tische und Stühle erinnern an längst vergangene Abendgesellschaften. An den Wänden hängen Bilder, die Kopp gemalt hat, eine Straße mit Gründerzeithäusern in Leipzig ; ein Mädchengesicht, blass, traurig, durchscheinend; eine Frau, deren Körper mit vielen kleinen Strichen bedeckt ist, die wie Schnittwunden aussehen. Und vier Männerköpfe, über denen in großen Buchstaben das Wort »Täter« geschrieben wurde.

In der Ecke des Saales steht ein Computer. Mandy Kopp hat begonnen, ihre Autobiografie zu schreiben. Die beginnt mit den Sätzen: »Es war ein Tag wie jeder andere. Also der ganz normale Wahnsinn.« Das klingt wie der Anfang einer lustigen Abenteuergeschichte. Mandy Kopp hat fast 20 Jahre gebraucht, um ihre Geschichte erzählen zu können. Es ist das erste Mal, dass sie ihren richtigen Namen öffentlich nennt. Ein Befreiungsschlag. »Ich habe mich lange genug versteckt und geschämt. Ich habe nicht vor, mein Leben lang Opfer zu bleiben«, sagt sie.

Ihre Erlebnisse in jenen Wochen Anfang der neunziger Jahre verfolgen sie noch immer, die Akten darüber füllen ihre Schränke, verstopfen die Festplatte ihres Computers, überfordern jeden Datenstick. Mandy Kopp wurde mit 16 zur Prostitution gezwungen, in einem Leipziger Kinderbordell mit dem Namen Jasmin. Viele Jahre sind seitdem vergangen, sie hat geheiratet, drei Kinder geboren und mehrere Hundert Kilometer zwischen sich und ihre alte Heimat gelegt, und doch ist es noch immer nicht vorbei, im Gegenteil: Gerade geht es wieder los.

Vor fünf Jahren gibt es bundesweit Skandalmeldungen über ein ominöses kriminelles Netzwerk aus Leipziger Immobilienmanagern, Justizbeamten und Polizisten. Auslöser ist eine Datensammlung des sächsischen Verfassungsschutzes, die an die Öffentlichkeit gelangt. Der Komplex, unter dem Namen »Sachsensumpf« bekannt , ist bis heute nicht ganz aufgeklärt, und manche bezweifeln sogar seine Existenz. Es geht um fragwürdige Gerichtsurteile, zweifelhafte Immobiliengeschäfte, die von der Justiz gedeckt worden sein sollen, und auch um mögliche Sexgeschichten von Staatsbediensteten mit Minderjährigen. Der Name »Jasmin« taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: das Kinderbordell, das 1993 von der Polizei dichtgemacht wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mandy Kopp und die anderen Frauen, die damals im Jasmin arbeiten mussten, werden 2008 noch einmal als Zeugen vernommen. Ihnen werden Fotos gezeigt. Dabei meinen Mandy Kopp und eine weitere Zeugin namens Trixi ( Name geändert ) zwei hochrangige Juristen – den ehemaligen Vizepräsidenten des Leipziger Landgerichts und den jetzigen Präsidenten des Landgerichts Chemnitz – als frühere Freier des Bordells wiederzuerkennen. Die beiden Männer bestreiten dies. Die Frauen stehen nun wegen Verleumdung vor Gericht. Einer der Männer wird sie später in einem Gespräch mit dem ZEITmagazin »Prostituierte« nennen, als wären die Mädchen freiwillig im Jasmin gewesen. Auch die Anklage spricht von Prostituierten, als spiele es keine Rolle, dass die Frauen damals fast noch Kinder waren, dass sie gezwungen wurden. Aus den Opfern von einst sind innerhalb weniger Monate Täterinnen geworden, Verdächtige. Der Prozess gegen sie beginnt am 6. März in Dresden .

Der »Sachsensumpf« ist mittlerweile ein fast undurchdringliches Dickicht aus gegenseitigen Anschuldigungen , Anzeigen und Anklagen. Jeder, der sich bemüht, einen Weg durch das Dickicht zu bahnen, scheint darin zu versinken: Opfer, Polizisten, Journalisten. Die Gerichtsprozesse sind auch ein Versuch, alle Zweifel, Ungereimtheiten und Erinnerungslücken juristisch zu klären. Aber es gibt Geschichten, die sind so furchtbar, dass sie jeden zu zerstören drohen, der mit ihnen in Berührung kommt. Wie eine böse Krankheit nisten sie sich in die Leben derjenigen ein, die damit zu tun bekommen, und zersetzen sie allmählich von innen. Wenige haben die Kraft, sich davon zu erholen. Manche finden diese Kraft nie.

Mandy Kopp hält die nächste Zigarette in den schmalen Fingern. Sie kann gut erzählen, detailreich, sarkastisch, manchmal schweigt sie minutenlang, sie erscheint dann wie entrückt, unerreichbar. Oft wirkt sie stark und angeschlagen zugleich. Wenn man sie fragt, wie sie in ein Kinderbordell gelangen konnte, erzählt sie von ihrem Vater. Sie hat ihn sehr geliebt, aber er starb viel zu früh, 1989, im Jahr des Mauerfalls. Die Auflösung von Kopps Familie ging einher mit der Auflösung ihres Landes. Der Zerfall eines Staates, die Anarchie in den ersten Jahren danach ermöglichten ein System, in dem minderjährige ostdeutsche Mädchen zur Prostitution gezwungen wurden und sich Zuhälter und Freier in Sicherheit wähnen konnten.

Kopp ist in einem Dorf nahe Leipzig aufgewachsen. Ihre Mutter lernt kurz nach dem Tod des Vaters einen neuen Mann kennen, sie ziehen in die Stadt. Mandy rebelliert gegen den Stiefvater, es gibt Streit, auch Schläge. Die Mutter ist überfordert. Die Tochter verliebt sich in einen 15 Jahre älteren Mann. Immer öfter bleibt sie immer länger von zu Hause weg. Ihrer Familie entgleitet sie immer mehr. Mit ihrer Freundin Sabine ( Name geändert ) haut sie schließlich ab. Sie landen in dem Wohnwagen eines Bekannten, in dem Männer sitzen, die von einem Martin Kugler ( Name geändert ) erzählen, der eine Art Mädchen-WG betreibe, da lebten Mädchen zusammen, die weggelaufen seien, sagen sie. »Für uns hat sich das ganz normal angehört«, sagt Kopp heute. Sie habe nichts geahnt. Am Abend brechen sie auf in die Merseburger Straße 115. Es ist die Straße, die Mandy Kopp Jahre später in ihrem Festsaal malen wird.

In Kopps Erinnerung fährt Martin Kugler in einem Mercedes vor und trägt Goldkettchen. Mandy hält das für einen coolen Auftritt. Einem Zuhälter ist sie noch nie begegnet, unter Prostitution kann sie sich nichts vorstellen. Kugler, ein ehemaliger Boxer, nimmt die beiden mit in die Wohnung, dort warten schon drei andere Mädchen. Er zeigt sich sehr interessiert, fragt sie aus, dann bietet er Mandy und Sabine Cola an. »Und danach verlor ich das Bewusstsein«, sagt Kopp heute. Am nächsten Vormittag seien sie aufgewacht, nackt auf dem Sofa, sagt Kopp. Ihre Kleider sind verschwunden. Sie will die Wohnung verlassen. Martin Kugler kehrt zurück, packt sie am Nacken und prügelt auf sie ein. Sabine kotzt ins Wohnzimmer. »An diesem Tag hat mich Kugler das erste Mal vergewaltigt«, sagt Kopp.

Mandy war damals 16, Sabine 13.

Fünf Mädchen waren in dem Bordell, keines älter als 18.

Die beiden sagen in den ersten Polizeivernehmungen 1993 ähnlich aus. Im Nachhinein lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, ob sie mehrere Wochen oder zehn Tage im Jasmin waren. Kopp sagt, sie müsse vor Weihnachten 1992 dort angekommen sein. Im Kassenbuch, das die Polizei später im Jasmin findet, wird Kopp das erste Mal am 18. Januar 1993 erwähnt. Sie sagt selbst, sie habe damals jedes Zeitgefühl verloren. Manchmal scheint sich ihre Zeit im Jasmin endlos auszudehnen, manchmal scheint sie sich auf wenige Augenblicke zu verkürzen.

Sie sind in jenen Tagen fünf Mädchen im Bordell, keines ist älter als 18. Sie sind zu verschiedenen Zeitpunkten und auf verschiedenen Wegen dorthin gelangt. Eines von ihnen wurde, wie sich später herausstellte, sogar durch einen Polizeibeamten dorthin gebracht. Die jungen Frauen leben in einer Gemeinschaft, und doch bleibt jede für sich, jede versucht, auf ihre Weise zu überleben. Sie sollen Kugler 1000 Mark die Woche zahlen, 150 Mark verdienen sie für einmal Geschlechtsverkehr, das Wochensoll schafft – außer manchmal Trixi – keine von ihnen. Mandy weiß nicht mehr, wie viele Freier sie bedienen musste. »Ich war in einem Trancezustand, nicht wirklich dabei.« Kugler habe sie und ihre Familie mit dem Tod bedroht, er werde sie erschießen, wenn sie abhaue. Wer nicht mit ihm schlafen wollte, sei mit einer Peitsche oder einem Gürtel geschlagen worden. Die Wochen im Jasmin sind ein fortwährendes Martyrium: »eine immer wiederkehrende Vergewaltigung«, wie Mandy sagt. Die Erinnerungen daran bestimmen ihr Leben bis heute.

Draußen, in der Idylle, ist es dunkel geworden. Kopps fünfjähriger Sohn geistert im Treppenhaus herum, er kann nicht einschlafen. Es ist, als lasse die Geschichte seiner Mutter auch ihm keine Ruhe. Kopps neuer Freund Pierre sitzt neben ihr und hält ihre Hand. Seit zwei Jahren sind sie zusammen, sie malen beide und geben Kunstkurse. Mandy hat sich bemüht, ihre Erlebnisse zu vergessen, 1994 hat sie einen 20 Jahre älteren Mann geheiratet, Kinder bekommen, sich mit Arbeit abgelenkt. Aber bis heute hat sie Flashbacks: Sie durchlebt Szenen aus der Vergangenheit immer wieder, als wären sie real. In der Nacht schreckt sie mehrmals schreiend aus dem Schlaf. Sie macht eine Psychotherapie. Vor ein paar Jahren hatte sie auch noch Unterleibskrebs, und im vergangenen Jahr wurde bei ihr Epilepsie diagnostiziert. »Wir schaffen das schon«, sagt Pierre und nimmt ihre Hand. Er spricht oft im Plural. Er hat sich völlig mit Mandys Schicksal identifiziert. Vielleicht geht es nicht anders. Kopp sagt, sie habe es durch seine Zuneigung auf 59 Kilo geschafft. So viel hat sie in den vergangenen 20 Jahren nie gewogen. Sie hatte alles versucht, Fresskuren, zum Mittag ein Viertelpfund Fleisch verzehrt. Es half nichts, 2004 war sie einmal so abgemagert, dass sie in die Klinik musste, um ihre Essstörung behandeln zu lassen. Sie wurde immer leichter, als wolle sie verschwinden. Vielleicht hat sie mit Pierre an ihrer Seite zum ersten Mal das Gefühl, sie habe Gewicht. Wenigstens im Privaten. Seit sie den neuen Gerichtstermin kennt, hat sie abermals vier Kilo verloren.

Immer wieder musste Mandy Kopp in den vergangenen 20 Jahren ihre Erlebnisse erzählen: 1993 kurz nach ihrer Befreiung aus dem Jasmin, 2000, als die Leipziger Polizei den Fall noch einmal aufrollte, 2008 bei der Dresdner Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren gegen die Juristen, die sie als ihre Freier erkannt haben wollte, und 2009 vor dem sächsischen Untersuchungsausschuss. An ihrem Leid besteht kein Zweifel. Nun geht es um die Details, darum, wie genau Erinnerungen sein können.

In der Anklageschrift wegen Verleumdung nennen die Staatsanwälte Mandy Kopp und Trixi »Prostituierte«. Kopp ist darüber verzweifelt, empfindet es als Herabwürdigung. Es klingt, als sei sie selbst schuld an ihrem Schmerz. Dabei sagte sie schon 1993 in einer Polizeivernehmung: »Wenn mich der Kugler niemals geschlagen und eingeschüchtert hätte, so wäre ich niemals der Prostitution nachgegangen.«

Einmal versucht Kopp damals, gemeinsam mit Sabine und einem anderen Mädchen zu fliehen, sie scheitern. Kugler findet sie und bringt sie zurück ins Jasmin. Jetzt kann Mandy Kopp auch darüber sprechen, was danach geschah. Zur Strafe sei sie in eine zweite Wohnung gebracht worden, erzählt Kopp. Dort habe Kugler ihr die Augen verbunden und sie nackt mehreren Männern überlassen. Sie hatte Todesangst. Mehr mag sie dazu nicht sagen. Wie lässt sich so etwas Jahre später beweisen? Wie soll man die Peiniger finden? Es ist aussichtslos. Kopp weiß das. Die schlimmste Drohung von Kugler sei damals »die Schweinemastanlage« gewesen. Kopp erzählt, sie habe dort mitansehen müssen, wie eine andere Frau halb totgequält worden sei. Die Erinnerung an die Schweinemastanlage ist der Grund, warum Kopp bis heute nicht ihren Keller betreten kann. Die gelblich gekachelten Wände des Kühlraums in ihrem Untergeschoss erinnern sie an die Szene von damals.

Mandy Kopp muss mit den Bildern in ihrem Kopf leben, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Sie höhlen das Selbstwertgefühl aus, zersetzen jede Selbstgewissheit. Kopp kann heute nicht mit Sicherheit sagen, ob die Tür des Jasmin wirklich immer abgeschlossen war. Zum Einkaufen verließen die Mädchen das Haus. »Man findet sich mit seinem Schicksal ab, stumpft ab«, sagt sie. Im Nachhinein klingt das unglaublich und macht sie angreifbar.

»Man kann sich nicht mehr vorstellen, dass man befreit wird, man ist auch mental im System des Täters gefangen«, erklärt Christian Pross, Professor für Psychotraumatologie an der Berliner Charité.

Am 28. Januar 1993 stürmt die Polizei die Wohnung in der Merseburger Straße. Die Mädchen werden befreit und vernommen, sie erzählen damals unterschiedliche Geschichten über Martin Kugler und über die Härte ihres Alltags im Jasmin. Dafür gibt es Gründe: Ein Mädchen, Trixi, ist in dieser Zeit mit Martin Kugler zusammen, eine andere erwartet ein Kind von ihm. Mandys Freundin Sabine, die der Polizei berichtet, Kugler habe sie zu »sexuellen Handlungen« gezwungen und wer nicht mit ihm schlafen wollte, sei mit einer Peitsche oder mit einem Gürtel geschlagen worden – diese Sabine wird ihn später heiraten und mit ihm ein Kind zeugen. Heute schweigt sie. Diese Geschichte ist auch eine Geschichte über die menschliche Seele und darüber, wozu sie in der Lage ist. Wenn man seinen Peiniger nicht besiegen kann, muss man sich mit ihm verbünden. »In der Situation des Ausgeliefertseins entwickelt man als Überlebensstrategie eine menschliche Beziehung zum Täter«, sagt auch Christian Pross. Doch die Staatsanwaltschaft glaubt den beiden Frauen heute nicht. In ihren Augen macht auch die Detailtreue der Aussagen sie nun verdächtig. Wie kann es sein, dass einer Zeugin fast 20 Jahre später immer noch neue Einzelheiten einfallen? »Bei Traumatisierten gibt es eine Mischung aus Amnesie und fast fotografisch exaktem Gedächtnis. Der Verlust des Zeitgefühls ist geradezu typisch«, sagt Pross. Doch eine Stimme wie seine mag anscheinend kein Richter, kein Staatsanwalt hören – in keinem Verfahren wurden bisher Psychologen oder Sachverständige hinzugezogen.

Kann es sein, dass Mandy Kopp sich täuscht, nicht mehr Herrin ihrer Erinnerungen ist? Ist es denkbar, dass eine schwer Traumatisierte das, was sie erlebt hat, in Menschen hineinprojiziert, die ihr begegnen? Es wäre möglich, aber sie ist mit ihren Aussagen nicht allein.

Wie es bei Opfern von Verbrechen häufiger der Fall ist, verhalten sich Mandy Kopp und die anderen Mädchen nach ihrer Befreiung widersprüchlich. Sie gehen nicht nach Hause, sondern kehren an den Ort ihres Leids zurück, in die Merseburger Straße 115. Sie sitzen auf dem Sofa, räumen die Wohnung auf, geben Interviews. Kopp sagt heute, sie habe sich wie eine Aussätzige gefühlt, keiner Familie mehr zugehörig. Ihre Wirklichkeit hatte sich zu weit von der Normalität entfernt. »Du kannst nicht einfach wieder in dein altes Leben zurück.« Zu den Freiern werden die Mädchen damals weder von der Polizei noch später vor Gericht befragt. Sie kennen auch meist keine Namen, nur Pseudonyme. Fotos von möglichen Freiern werden ihnen erst Jahre später vorgelegt.

Nach 14 Jahren erkennt Kopp einen ihrer ehemaligen Freier.

Kopps Sohn geistert noch immer im Haus umher, sie bringt ihn ins Bett. Im riesigen früheren Festsaal hängen neben ihren Bildern (viel Grün und Gelb, Spachteltechnik) die Gemälde von Pierre, düstere Werke, von monstergleichen Gestalten bevölkert. Der Alltag der beiden ist schwer vorstellbar. Es gibt Tage, an denen Kopp nicht mit ihrem Freund spricht. »Dann sind alle Männer für sie Schweine«, sagt Pierre. Er ist ein Mann, der das still akzeptiert. Als Kopp zurückkehrt, holt sie einen Fotostreifen, wie man ihn am Passbildautomaten bekommt, aus der Schreibtisch-Schublade. Darauf ist sie mit einem der Mädchen aus dem Jasmin zu sehen, sie lächeln – es ist der Augenblick, an dem sie die Flucht aus dem Jasmin gewagt hatten, bevor Kugler sie wiederfand. Kopp hat bis heute keinen Kontakt zu den anderen Frauen aus dem Jasmin. Sie haben alle Verbindungen abgebrochen. Sich zu sehen bedeutet, sich erinnern zu müssen.

Nur Trixi, die zweite Zeugin, hat vor ein paar Monaten diese Regel gebrochen. Über Facebook meldete sie sich bei Kopp. Sie telefonieren jetzt öfter miteinander. Beide sind sie nun Beschuldigte in einem Gerichtsprozess, beide wollen dieselben Männer als Freier erkannt haben, das verbindet. In der Vergangenheit mochten Mandy und Trixi sich nicht besonders. Trixi war die Freundin des Zuhälters Kugler, das Vorzeigemädchen, das »alles machte«, wie Kopp meint.

Trixi ist 35 und wohnt heute in der Nähe von Berlin in einer Plattenbausiedlung. Trixi nannte sie sich damals im Jasmin, ihren echten Namen und ihr Bild will sie nicht in der Zeitung sehen. Sie hat zwei Kinder. In Trixis Wohnzimmer herrscht die Farbe Orange vor: Gardinen, Tischdecke, Wände. Demonstrative Fröhlichkeit. Der Fernseher läuft, ein Musikkanal mit Hits aus den Achtzigern, Trixis Freund und ihr dreijähriger Sohn schauen zu. Trixi sitzt auf dem Sofa, raucht, wie Mandy Kopp ist auch sie sehr schmal. Über ihrem linken Ohr ist eine kahle Stelle. Seit sie den Gerichtstermin kennt, fallen ihr die Haare aus.

Wie sie damals ins Jasmin gelangt ist, lässt sich schwer rekonstruieren. Der Polizei hat sie unterschiedliche Geschichten erzählt. Heute sagt sie, sie sei von ihrem damaligen Freund an Kugler verkauft worden. Das hatte sie auch früher schon einmal angedeutet, und Martin Kugler hat es in einer Polizeivernehmung bestätigt. Sicher ist, dass sie schon da war, als Mandy Kopp kam. Nach zwei Wochen im Jasmin habe sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden und sei mit Kugler zusammengekommen, sagt sie. »Um bestimmte Freiheiten zu haben, um bestimmten Dingen aus dem Weg zu gehen.« Trixi redet oft von sich in der dritten Person, vermeidet Konkretes. Sie war damals 16. Sie hat versucht, sich zu arrangieren. Dass ihre Vergangenheit bis heute eine größere Rolle spielt, als sie eingestehen mag, zeigt die Stelle über ihrem Ohr. »Es gibt Dinge, die habe ich von Anfang an für mich behalten, damit ich sie nicht noch mal durchleben muss.« Sie spricht das Wort »Schweinemastanlage« aus und verstummt.

Trixi ist mit ihrer Vergangenheit anders umgegangen als Kopp. »Ich bin nie bei einem Psychologen gewesen.« Es klingt, als sei sie darauf stolz. Trixi ist stets bemüht, die Kontrolle zu behalten. Ihr Freund sagt, sie habe schon ein paarmal bereut, nicht »die Schnauze gehalten« zu haben, wie die anderen Frauen. Die anderen fünf haben den Staatsanwälten hauptsächlich erzählt, dass sie nichts mehr wissen.

Trixi kann sich noch gut an den Freier erinnern, den sie damals Ingo nannten. Seinetwegen hätten Mandy und sie sich gestritten. Er sei zuerst ihr, Trixis, Stammkunde gewesen, doch als sie einmal gemeinsam mit Kugler weggefahren sei, sei er zu Mandy gegangen und danach bei ihr geblieben. Auch Kopp erzählt von einem Streit mit Trixi wegen Ingo.

In der Erinnerung der beiden Frauen war Ingo ein besonderer Freier, er zahlte gut: 400 bis 500 Mark, das halbe Wochensoll. Kopp fand ihn im Vergleich zu den anderen Freiern sogar »nett«, und er wurde vorher angekündigt, geschlossene Gesellschaft. Der 16-Jährigen Mandy Kopp erscheint Ingo damals alt, Mitte 40, mittelblonde Haare, rahmenlose Brille. Er sei an einem Abend mehrmals mit ihr im Schlafzimmer gewesen. Sie habe dabei von 1 bis 17 gezählt, die Zahl der Streben des Fächers, der über dem Bett hing. Kopp sagt, einmal sei Ingo mit drei anderen Männern gekommen, und einer sei mit einem Mädchen verschwunden, das später heulend zurückgekehrt sei, es könne nicht machen, was der verlange. Auch Trixi erinnert sich an diesen Mann, ordnet ihn aber einer anderen Frau als Freier zu. Dieser Mann soll Norbert Röger sein, der damals Staatsanwalt in Leipzig war und heute Präsident des Chemnitzer Landgerichts ist.

Und beide Frauen sind sich sicher: »Ingo« sei der ehemalige Vizepräsident des Leipziger Landgerichts, Jürgen Niemeyer. In den Vernehmungen 2008 überrascht Mandy Kopp die Staatsanwälte damit, dass sie – 14 Jahre nachdem das Verfahren gegen den Zuhälter Kugler abgeschlossen wurde – Ingo als den Richter identifiziert, der 1994 das Verfahren gegen ihren Peiniger – den Zuhälter Martin Kugler, führte. Niemeyer soll in diesem Fall also Richter und Täter zugleich sein, das wäre eine fast biblische Konstellation.

Martin Kugler wird 1994 wegen Menschenhandel in Tateinheit mit Zuhälterei, Förderung der Prostitution und sexuellem Missbrauch von Kindern zu vier Jahren und zwei Monaten verurteilt. Es ist ein Urteil, das vielen Beobachtern schon damals sehr milde erscheint. Mandy Kopp und Trixi sagen vor Gericht aus. Beide fühlen sich bedroht. Trixi geht nach der Schließung des Jasmin freiwillig in ein Kinderheim – zum einen, weil sie sich wegen der Presseberichte über das Jasmin schämt und ihre Familie nicht damit belasten will, zum anderen, um sich vor Kuglers Handlangern abzuschirmen. Sie sagt, Kuglers Gehilfen seien ihr sogar bis ins Heim gefolgt und hätten ihr 2000 Mark bezahlt, damit sie schweigt. Mandy Kopp verlässt Leipzig, taucht unter. Sie fühlt sich verfolgt, einmal sei sogar auf sie geschossen worden, sagt sie der Polizei. Sicher ist, die beiden Frauen sind verängstigt, eingeschüchtert.

Die große Frage bleibt: Warum haben sie damals im Prozess den Richter Jürgen Niemeyer nicht als ihren ehemaligen Freier erkannt und enttarnt?

Trixi sagt, sie habe während der Verhandlung 1994 nur einen Punkt im Saal fixiert und es vermieden, jemanden anzuschauen. »Ich weiß, das glaubt mir heute keiner, aber so war’s.« Mandy Kopp sagt, sie sei erschrocken gewesen. Sie habe nur gedacht: »Jetzt sitzt er dort vorn, und vor Kurzem war er noch Freier bei dir.« Andererseits sei sie auch nicht verwundert gewesen. Kugler habe immer behauptet, dass er beste Verbindungen zur Polizei und Justiz habe, es war ein Teil seiner Drohkulisse. Wenn alles um einen herum aus den Fugen geraten ist, vielleicht erscheint einem dann das Ungeheuerliche als durchaus möglich.

Kugler ist längst wieder frei, er kann nicht noch einmal angeklagt werden.

Immerhin ist Martin Kugler verurteilt worden. Warum ist der Fall Jasmin bis heute nicht abgeschlossen? Um den ganzen Komplex in allen seinen Verwicklungen zu verstehen, muss man zum Ausgangspunkt der Ermittlungen zurückkehren.

Im Jahr 1994 wurde in Leipzig der damalige Chefjurist der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft angeschossen. Die Täter bekamen dafür »lebenslänglich«. Georg Wehling, der Leiter des Leipziger Kommissariats K26 gegen Organisierte Kriminalität, bemerkte, dass jedoch gegen die Hintermänner des Attentats nicht richtig ermittelt worden war. Er ließ die Täter im Gefängnis noch einmal befragen, und diese erzählten plötzlich, das Opfer, der Jurist, sei früher Kunde im Jasmin gewesen, was dieser bis heute bestreitet. Wehling gab seinen Beamten daraufhin die Anweisung, sich die alten Akten zum Fall Jasmin anzuschauen. Dabei stellten sie fest, dass niemals nach den Freiern gefragt worden war. Sie beschlossen, die Frauen noch einmal zu vernehmen. Das war im Jahr 2000.

Mandy Kopp traf sich mit zwei Polizisten in der Nähe von Leipzig an einem See, sie unterhielten sich im Auto. In ihre Heimatstadt traute sie sich damals nur mit Perücke und Sonnenbrille. Die Polizisten legten ihr Lichtbildmappen vor. Kopp sagt, sie habe schon damals »Ingo« auf einem Bild wiedererkannt. Die Polizisten bestreiten das. Zu diesen Fotomappen gibt es im Nachhinein viele Unklarheiten. Inzwischen haben die Polizisten eingeräumt, dass sie noch weitere Fotos, Zeitungsausschnitte, vorgelegt haben, die nicht offizielle Bestandteile der Mappen waren. Das ist ein Dienstvergehen, diese Ermittlungsergebnisse können auch nicht vor Gericht verwendet werden. Wer auf diesen Bildern identifiziert wird, gegen den kann nicht einfach ermittelt werden. Einer der Beamten mag nun auch nicht mehr ausschließen, dass ein Bild von dem Richter Jürgen Niemeyer dabei war. Die Polizisten wollen öffentlich heute dazu nichts mehr sagen. »Das Problem können nur noch die Mädels lösen«, sagt einer aus ihrem Umfeld.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals auch gegen Jürgen Niemeyer wegen Strafvereitelung. Die Beamten hatten zuvor noch einmal Martin Kugler aufgesucht, und der behauptete, es habe im Jasmin-Prozess einen Deal zwischen seiner Anwältin und dem Gericht gegeben: milde Strafe, wenn Kugler keine »schmutzige Wäsche« wasche, also nicht zu den Freiern aussage. Diese Behauptung hat Kugler jedoch später widerrufen. Die Ermittlungen gegen den Richter Niemeyer wurden eingestellt. Die ermittelnden Beamten wurden versetzt, das Kommissariat K26 wurde durchsucht und später aufgelöst. Gegen Georg Wehling, den ehemaligen Leiter, wurden seitdem mehrere Verfahren eingeleitet. Er ist noch immer oder schon wieder vom Dienst beurlaubt. Dieser Fall hat die Karrieren der Polizisten zerstört.

Bis 2007 kehrte in der Öffentlichkeit Stille ein, dann gelangten die Akten des sächsischen Verfassungsschutzes zum »Sachsensumpf« an die Presse. Darin tauchten auch die Namen Niemeyer und Röger als mögliche Kunden des Kinderbordells auf. Wieder begann die Staatsanwaltschaft Dresden zu ermitteln, sie vernahm noch einmal alle Frauen, die damals im Jasmin zur Prostitution gezwungen worden waren. Die meisten von ihnen sagten gar nichts. Auch der ehemalige Zuhälter Martin Kugler wurde noch einmal befragt. Der lebte da schon längst wieder in Freiheit. Er soll eine Zeit lang in einer Leipziger Kneipe gearbeitet haben und nun auf dem Bau beschäftigt sein. Kopp hat 2010 versucht, ihn wegen Vergewaltigung vor Gericht zu bringen. Es hat nicht geklappt. Die Begründung: Jemand kann nicht zweimal wegen desselben Verbrechens angeklagt werden. Martin Kugler muss keine Strafe mehr fürchten.

Die Staatsanwälte werfen Mandy Kopp vor, als Zeugin gelogen zu haben

Mandy Kopp fühlte sich bei den Zeugenvernehmungen unter Druck gesetzt, ihrer Ansicht nach glichen sie eher einer Anklage. »Ich dachte, ich bin im falschen Film.« Die Staatsanwälte hätten sich mehr für die Recherchen zweier Leipziger Journalisten zum Thema interessiert als für ihre Geschichte. Tatsächlich beginnen die Zeugenvernehmungen bei vielen Frauen mit Fragen nach den Reportern. Die Journalisten Arndt Ginzel und Thomas Datt wurden für ihre Berichterstattung im Spiegel und auf ZEIT ONLINE wegen Verleumdung und übler Nachrede angeklagt . Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, ehrverletzende Behauptungen gegenüber Niemeyer und Röger aufgestellt zu haben. In einem Fall verurteilte sie das Gericht zu einer Geldstrafe. Sie sind inzwischen in Berufung gegangen. Datt und Ginzel kennen jeden Aktenvermerk zum Jasmin-Komplex, aber sie können unter diesen Umständen nun nicht mehr unabhängig darüber berichten .

Die Staatsanwaltschaft hielt Mandy Kopps und Trixis Aussagen über Röger und Niemeyer für unglaubwürdig. Sie stellte 2008 das Verfahren gegen sie ein, beide bekamen Schmerzensgeld vom Freistaat Sachsen. Nun hätte Ruhe einkehren können.

Stattdessen werden die beiden Zeuginnen 2008 zu Beschuldigten. Die zuständigen Staatsanwälte wollen sich nicht zum Fall äußern. »Den Frauen wird vorgeworfen, in ihren Zeugenvernehmungen vorsätzlich falsche Angaben gemacht zu haben«, sagt Lorenz Haase, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden. Sie könnten mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

Schon bald werden Mandy Kopp und Trixi vor Gericht den beiden Männern begegnen, die sie als ihre Freier identifiziert haben. Eine Begegnung, die viel Kraft kosten wird. Was sagen Norbert Röger und Jürgen Niemeyer zu dem Vorwurf, der zu den denkbar schärfsten gehört: Sex mit Minderjährigen? Norbert Röger, der Präsident des Landgerichts Chemnitz, will nicht reden. Für ihn sei diese Geschichte abgehakt, sagt er am Telefon.

Jürgen Niemeyer, den die beiden Frauen als »Ingo« erkannt haben wollen und der damals Martin Kugler verurteilt hat, ist zu einem Gespräch bereit. Er sieht sich als Opfer einer Kampagne. Niemeyer ist 72, hat kurze graue Haare und ist inzwischen im Ruhestand, arbeitet aber weiterhin als Anwalt in der Kanzlei seiner Lebensgefährtin in München. Ein schönes Büro, Parkettböden, antike Möbel, die Bücherregale reichen bis zur Decke. Auf dem Tisch in Niemeyers Zimmer türmen sich gelbe Aktenordner, »Rufmord« steht darauf. Er redet laut, eindringlich. Es fällt ihm schwer, die Fassung zu wahren.

Im Juni 1992 zog er von Stuttgart nach Leipzig, um beim Aufbau des Justizsystems im Osten zu helfen. Er kam allein, denn er hatte sich gerade von seiner Frau getrennt, und übernahm den Vorsitz einer Jugendkammer. Niemeyer sagt, er könne sich an die Verhandlung gegen den Bordellbetreiber Martin Kugler erinnern. Der Prozess sei allerdings nichts Besonderes gewesen. Eines Tages hätte sich Kuglers Verteidigerin an das Gericht gewandt mit der Frage, ob sie eine Absprache treffen könnten: Aussage gegen Strafnachlass. »Es ging zu wie auf einem Basar«, gibt Niemeyer zu. Am Ende hätten sie sich auf vier Jahre geeinigt. Eine Absprache hat den Vorteil, dass der Richter kein langes Urteil schreiben, keine Revision befürchten, keine weiteren Zeugen vernehmen muss. Im Nachhinein sagt Niemeyer: »Das Urteil war ein großes Entgegenkommen, aber gerade noch vertretbar.«

Niemeyer fühlt sich unter Beobachtung und als Opfer einer Verwechslung.

Er habe damals während des Verfahrens nicht das Gefühl gehabt, dass die Frauen von Kugler im Jasmin drangsaliert worden seien. Mehrere »Prostituierte« seien während des Prozesses im Saal gewesen und hätten den Zuhälter mit Cola umsorgt. Kugler sei ihm nicht unsympathisch gewesen. Das klingt erstaunlich. Die Polizeivernehmungen der Frauen über ihr Martyrium im Jasmin waren damals Teil der Gerichtsakten. Im nächsten Augenblick fügt er hinzu: »Natürlich hat Kugler sie nicht gut behandelt. Das ist das Milieu, da wird mal geschlagen.« Niemeyer meint, dass die Frauen gar nicht zur Prostitution gezwungen wurden, deshalb nennt er sie auch konsequent »Prostituierte«. Sie hätten jederzeit das Jasmin verlassen können. Vielleicht trifft das auf einzelne von ihnen zu. Aber selbst wenn Niemeyer recht hätte und er das Opfer einer Täuschung ist, wirken seine Sätze in Anbetracht des Alters der Frauen damals, eine war noch nicht einmal 14 – fast brutal. Es scheint ihm unmöglich zu sein, das Leid der Frauen zumindest anzuerkennen. Niemeyer wird lauter, seine Stimme füllt den Raum. »Ich werde als Kinderficker diffamiert. Das kriegen Sie nicht mehr weg!« Er sei nur ein einziges Mal in einem Bordell, im Stuttgarter Drei-Farben-Haus, gewesen, um sich auf einen Prozess gegen einen Zuhälter vorzubereiten.

Wie erklärt er sich, dass zwei Frauen ihn unabhängig voneinander als Freier »Ingo« erkannt haben wollen?

Niemeyer schweigt, sagt dann: »Ich weiß nicht, wie die Prostituierten darauf kommen. Sie lügen.« Er glaubt, die beiden Frauen seien zu ihren Aussagen gebracht worden. Von wem? Namen mag er keine nennen. »Wir waren in Leipzig die Repräsentanten der Westjustiz, haben manche Polizisten nicht gut behandelt.« Er könne »Ingo« auch schon deshalb nicht sein, weil die Beschreibungen von Mandy Kopp und Trixi nicht auf ihn zuträfen und er selbst eher als geizig bekannt sei. »Aber wie sollen Sie sich zur Wehr setzen, wenn zwei Frauen das sagen? Solange die beiden das behaupten, wird immer etwas hängen bleiben.«

Auch in Jürgen Niemeyers Leben ist nichts mehr, wie es einmal war. Er fühlt sich unter Beobachtung, verunsichert, jeder könne im Internet über ihn nachlesen. Nach Leipzig, an seinen alten Arbeitsplatz, das Gericht, traut er sich nicht zurück. Beim Mittagessen denkt er darüber nach, was die Mitarbeiter seiner Kanzlei über ihn denken könnten. Es geht um seinen Ruf: »Ich will nicht sagen, dass ein Bordell etwas Schlimmes ist, aber es ist gegen meine Moralvorstellungen, Frauen zu kaufen.«

Absolute Gewissheit wird es in diesem Fall wohl niemals geben. Es existieren keine Beweisfotos, keine Filme, keine DNA-Spuren – nur zwei Frauen, die sich erinnern.

In manchen Augenblicken weiß das auch Mandy Kopp. Es gibt keinen Ausgleich für ihren Schmerz. Am Morgen nach dem Gespräch über die Vergangenheit sitzt sie in ihrer Küche. Sie ist sehr still, draußen schneidet ein Nachbar die Hecke. Es ist ein kleines Dorf, niemand weiß von Kopps Vergangenheit.

Es existieren keine Beweisfotos, keine Filme, keine DNA-Spuren

Kurz nach der Schließung des Jasmin findet das Jugendamt eine Pflegefamilie für Kopp in Westdeutschland, sie besucht dort unter anderem Namen ein katholisches Internat und macht den Realschulabschluss. »Erst als ich aus Leipzig weg bin, habe ich richtig realisiert, was mir passiert war.« Die Pflegeeltern müssen den Notarzt rufen, wenn sie ihre »Anfälle« bekommt, wie sie es nennt – Druck auf der Brust, Herzrasen, unkontrollierbares Weinen und Zittern. Panik. »In Extremsituationen funktioniere ich wunderbar, das Problem ist das Danach.«

Mandy Kopp versucht, ein bürgerliches Leben zu führen. Sie heiratet mit 18, bekommt mit 19 ihren ersten Sohn. Sie arbeitet als Büroassistentin und Arzthelferin und nimmt die Tochter ihrer Schwester in Pflege, ihre eigene Tochter verliert sie 2005 nach der Geburt. Ein Jahr später kommt ihr zweiter Sohn zur Welt.

Vergangenes Jahr ist sie gemeinsam mit ihrem Freund nach Leipzig gefahren, in die Merseburger Straße. Sie hatten sich das Haus vorher bei Google Earth angeschaut, um sich vorzubereiten. Kopp wollte den Ort aus ihrem Gedächtnis vertreiben. »Es war wie eine Zeitreise«, sagt sie. Mit ihrer alten Heimatstadt verbindet sie nichts mehr und doch so viel. »Ich versuche, der Vergangenheit nicht mehr diesen Einfluss auf mein Leben zu lassen.« Sie putzt nicht mehr zweimal täglich das ganze Haus. Ihr Freund sagt, die epileptischen Anfälle seien seltener geworden. Die Flashbacks kommen aber nach wie vor unerwartet. Sie kann nachts nicht allein bleiben, lebt in Scheidung und hat einen Prozess vor sich. »Ich werde alles daransetzen, dass ich recht bekomme«, sagt sie. »Wir waren keine Prostituierten.« Mehr noch als um die Schrecken der Vergangenheit, die Frage, wer ihre Freier waren, geht es um ihre Würde, ihre Zukunft.

Noch immer traut sie den Männern von damals alles zu. Als Mandy Kopp 2009 vor dem sächsischen Untersuchungsausschuss aussagte, wurde sie von Sicherheitsmännern beschützt. Ihr jetziges Haus ist groß, es macht alle möglichen Geräusche. Ganz wird die Angst wohl nie vergehen.