Zwangsprostitution : Im Sumpf
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Niemeyer fühlt sich unter Beobachtung und als Opfer einer Verwechslung.

Er habe damals während des Verfahrens nicht das Gefühl gehabt, dass die Frauen von Kugler im Jasmin drangsaliert worden seien. Mehrere »Prostituierte« seien während des Prozesses im Saal gewesen und hätten den Zuhälter mit Cola umsorgt. Kugler sei ihm nicht unsympathisch gewesen. Das klingt erstaunlich. Die Polizeivernehmungen der Frauen über ihr Martyrium im Jasmin waren damals Teil der Gerichtsakten. Im nächsten Augenblick fügt er hinzu: »Natürlich hat Kugler sie nicht gut behandelt. Das ist das Milieu, da wird mal geschlagen.« Niemeyer meint, dass die Frauen gar nicht zur Prostitution gezwungen wurden, deshalb nennt er sie auch konsequent »Prostituierte«. Sie hätten jederzeit das Jasmin verlassen können. Vielleicht trifft das auf einzelne von ihnen zu. Aber selbst wenn Niemeyer recht hätte und er das Opfer einer Täuschung ist, wirken seine Sätze in Anbetracht des Alters der Frauen damals, eine war noch nicht einmal 14 – fast brutal. Es scheint ihm unmöglich zu sein, das Leid der Frauen zumindest anzuerkennen. Niemeyer wird lauter, seine Stimme füllt den Raum. »Ich werde als Kinderficker diffamiert. Das kriegen Sie nicht mehr weg!« Er sei nur ein einziges Mal in einem Bordell, im Stuttgarter Drei-Farben-Haus, gewesen, um sich auf einen Prozess gegen einen Zuhälter vorzubereiten.

Wie erklärt er sich, dass zwei Frauen ihn unabhängig voneinander als Freier »Ingo« erkannt haben wollen?

Niemeyer schweigt, sagt dann: »Ich weiß nicht, wie die Prostituierten darauf kommen. Sie lügen.« Er glaubt, die beiden Frauen seien zu ihren Aussagen gebracht worden. Von wem? Namen mag er keine nennen. »Wir waren in Leipzig die Repräsentanten der Westjustiz, haben manche Polizisten nicht gut behandelt.« Er könne »Ingo« auch schon deshalb nicht sein, weil die Beschreibungen von Mandy Kopp und Trixi nicht auf ihn zuträfen und er selbst eher als geizig bekannt sei. »Aber wie sollen Sie sich zur Wehr setzen, wenn zwei Frauen das sagen? Solange die beiden das behaupten, wird immer etwas hängen bleiben.«

Auch in Jürgen Niemeyers Leben ist nichts mehr, wie es einmal war. Er fühlt sich unter Beobachtung, verunsichert, jeder könne im Internet über ihn nachlesen. Nach Leipzig, an seinen alten Arbeitsplatz, das Gericht, traut er sich nicht zurück. Beim Mittagessen denkt er darüber nach, was die Mitarbeiter seiner Kanzlei über ihn denken könnten. Es geht um seinen Ruf: »Ich will nicht sagen, dass ein Bordell etwas Schlimmes ist, aber es ist gegen meine Moralvorstellungen, Frauen zu kaufen.«

Absolute Gewissheit wird es in diesem Fall wohl niemals geben. Es existieren keine Beweisfotos, keine Filme, keine DNA-Spuren – nur zwei Frauen, die sich erinnern.

In manchen Augenblicken weiß das auch Mandy Kopp. Es gibt keinen Ausgleich für ihren Schmerz. Am Morgen nach dem Gespräch über die Vergangenheit sitzt sie in ihrer Küche. Sie ist sehr still, draußen schneidet ein Nachbar die Hecke. Es ist ein kleines Dorf, niemand weiß von Kopps Vergangenheit.

Es existieren keine Beweisfotos, keine Filme, keine DNA-Spuren

Kurz nach der Schließung des Jasmin findet das Jugendamt eine Pflegefamilie für Kopp in Westdeutschland, sie besucht dort unter anderem Namen ein katholisches Internat und macht den Realschulabschluss. »Erst als ich aus Leipzig weg bin, habe ich richtig realisiert, was mir passiert war.« Die Pflegeeltern müssen den Notarzt rufen, wenn sie ihre »Anfälle« bekommt, wie sie es nennt – Druck auf der Brust, Herzrasen, unkontrollierbares Weinen und Zittern. Panik. »In Extremsituationen funktioniere ich wunderbar, das Problem ist das Danach.«

Mandy Kopp versucht, ein bürgerliches Leben zu führen. Sie heiratet mit 18, bekommt mit 19 ihren ersten Sohn. Sie arbeitet als Büroassistentin und Arzthelferin und nimmt die Tochter ihrer Schwester in Pflege, ihre eigene Tochter verliert sie 2005 nach der Geburt. Ein Jahr später kommt ihr zweiter Sohn zur Welt.

Vergangenes Jahr ist sie gemeinsam mit ihrem Freund nach Leipzig gefahren, in die Merseburger Straße. Sie hatten sich das Haus vorher bei Google Earth angeschaut, um sich vorzubereiten. Kopp wollte den Ort aus ihrem Gedächtnis vertreiben. »Es war wie eine Zeitreise«, sagt sie. Mit ihrer alten Heimatstadt verbindet sie nichts mehr und doch so viel. »Ich versuche, der Vergangenheit nicht mehr diesen Einfluss auf mein Leben zu lassen.« Sie putzt nicht mehr zweimal täglich das ganze Haus. Ihr Freund sagt, die epileptischen Anfälle seien seltener geworden. Die Flashbacks kommen aber nach wie vor unerwartet. Sie kann nachts nicht allein bleiben, lebt in Scheidung und hat einen Prozess vor sich. »Ich werde alles daransetzen, dass ich recht bekomme«, sagt sie. »Wir waren keine Prostituierten.« Mehr noch als um die Schrecken der Vergangenheit, die Frage, wer ihre Freier waren, geht es um ihre Würde, ihre Zukunft.

Noch immer traut sie den Männern von damals alles zu. Als Mandy Kopp 2009 vor dem sächsischen Untersuchungsausschuss aussagte, wurde sie von Sicherheitsmännern beschützt. Ihr jetziges Haus ist groß, es macht alle möglichen Geräusche. Ganz wird die Angst wohl nie vergehen.

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Kommentare

122 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

..sehr wohl möglich..

Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es sehr wohl möglich ist. Meine Eltern kannten "den Täter" (ich habe bei dem sogar zu Mittag gegessen...war typisch "guter Onkel"), der wegen Mordes angeklagt wurde. Er hatte so manche Frauen damals "beseitigt", wenn diese sich weigerten anzuschaffen. Er konnte letzendlich aber nur wegen eines Mordes angeklagt werden, weil es an Beweismitteln mangelte..dabei war er schon seit 20 Jahren im Geschäfft von Menschenhandel mit der Mafia tätig. 8 Jahre hat er bekommen, war aber nach 4 Jahren schon wieder draußen. Willst wissen wo es war? Karlsruhe + Stuttgart Umgebung. Städte von BaWü, eines der "wohlhabenden" Bundesländer.