Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Neulich las ich eine Literaturkritik über den neuen Roman des recht bekannten Autors Christian Kracht . Ich bin kein Fan. Aber als ich in der Kritik las, er sei nicht nur recht bekannt, sondern auch rechtsradikal, spürte ich in mir eine Welle der Solidarität. Zum Beweis für die Rechtsradikalität wurden lang und breit Äußerungen von jemandem angeführt, mit dem Kracht korrespondiert. Nach dieser Definition wäre Gandhi ein Nazi gewesen. Er hat Briefe an Hitler geschrieben.

Daraufhin kam mir der Gedanke, dass man jeder in Deutschland lebenden Person nachweisen kann, er oder sie sei ein Nazi-Sympathisant, vorausgesetzt, man verfügt über ein gewisses Maß an argumentativer Entschlossenheit. Ich fragte einen Kollegen: »Welcher Deutsche ist völlig unverdächtig, Nazi zu sein?« Er sagte: » Richard von Weizsäcker .« Nun, Weizsäckers Vater war ein SS-Führer, er selber war Fähnleinführer, und er hat in seiner berühmten Rede zum 8. Mai gesagt: »Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze.« Das war zwar ein Zitat, welches Weizsäcker Hitlers Testament entnommen hat, und ist ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen, aber diese Methode scheint ja erlaubt zu sein.

Der Kollege überlegte erneut und sagte: » Alice Schwarzer .« Nun, Alice Schwarzer vertritt beinhart das Führerprinzip: »Ich bin, mit Verlaub, nicht abzusetzen.« Sie befürwortet Gewalt: »Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr.« Außenpolitisch liegt sie voll auf Hitler-Kurs: »Wir wollen die Hälfte der Welt.«

Der dritte Vorschlag lautete: »Roberto Blanco.« Dies schien die erste echte Herausforderung zu sein. Der Sänger Roberto Blanco ist nicht nur dunkelhäutig und hat einen Migrationshintergrund, er versucht auch, jede politische Äußerung zu vermeiden. Politik ist für einen Schlagersänger geschäftsschädigend. Aber als ich dann recherchierte, bin ich in ein rechtes Wespennest getreten. Roberto Blanco lässt Verständnis für Thilo Sarrazin erkennen, über dessen Buch äußerte er: »Es ist manchmal schwer, die Wahrheit zu sagen« (Quelle: Ruhr-Nachrichten , September 2010 ). Er gesteht den Migranten nicht zu, ihre eigene Kultur zu pflegen: »Alle, die nach Deutschland kommen, müssen ... das Land und seine Kultur so respektieren, wie es ist« ( Main-Post , Juli 2011 ). Den Rassismus in Deutschland leugnet er einfach: »Erlebt habe ich Rassismus noch nie. Meine Hautfarbe hat mir sehr geholfen« ( Die Welt , 2006 ). Seine Hochzeit hat er am 29. April gefeiert, am gleichen Tag wie Adolf Hitler und Eva Braun . Zufall? An Zufall kann nur glauben, wer den Refrain des Roberto-Blanco-Hits Ein himmelblaues Motorrad nicht kennt: »Ich kaufe mir ein himmelblaues Motorrad und suche mir dazu die rechte Braut.«

Auffällig sind auch die wiederholten Bekenntnisse zu München , der sogenannten »Hauptstadt der Bewegung«. Blanco wurde von Rudi Carrell folgendes Zitat zugeschrieben: »In München möchte jede vierte Frau mit mir schlafen. Die anderen drei haben es schon getan.« Er ist bei einem Heavy-Metal-Festival aufgetreten, in Wacken. Am selben Ort trat – zufällig? – auch die Band Varg auf, die einige Musikkritiker für rechtsextrem halten. Blancos bezeichnender Kommentar, auf news.de: »Ich habe viel Spaß gehabt.« Roberto Blanco ist der Christian Kracht der Musik.

Ich biete an, für einen angemessenen Ehrensold jeder beliebigen Person rechtsradikale Tendenzen nachzuweisen, zum Beispiel einem Chef, den man hasst, oder einem Ex-Liebhaber. Ich nehme alle, auch Margot Käßmann , Jogi Löw oder Michel Friedman .

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