DIE ZEIT: Frau Domscheit-Berg, Sie sind dafür, dass jeder im Netz alles sagen dar f, und zwar anonym. Was soll gut daran sein, im Internet anonym herumzupöbeln?

Anke Domscheit-Berg: Um eines gleich klarzustellen, es geht nur um freie Meinungsäußerungen, die nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Und Pöbeleien sind nie gut, ob online oder offline. Als bekennende Feministin weiß ich, wie es ist, beschimpft zu werden, unter der Gürtellinie, auf sexistische Weise. Das trifft mich, trotzdem muss ich damit umgehen.

ZEIT: Wir müssen als Gesellschaft Shitstorms, Cybermobbing , Hassmails einfach hinnehmen?

Domscheit-Berg: Nein, wir müssen im Umgang miteinander mehr Kultur zeigen. Im Netz ist das manchmal noch ein bisschen zu ruppig. Wir stehen erst ganz am Anfang der digitalen Gesellschaft, und ich hoffe, dass wir virtuelle Empathie lernen.

ZEIT: Wie lernt man virtuelle Empathie?

Domscheit-Berg: Durch Erfahrung, auch durch schlechte.

ZEIT: Was raten Sie Menschen, die im Netz zur Zielscheibe von Zorn oder sogar Hass werden?

Domscheit-Berg: Manchmal hilft nur, sich eine Teflonschicht zuzulegen. Ich habe mir angewöhnt, viele ätzende Kommentare nicht mehr zu lesen. Sich dieses Zeug anzutun, dazu gehört schon ein gewisser Masochismus.

ZEIT: Das sagen Sie auch einer Frau wie jener Berliner Islamwissenschaftlerin, die nicht mehr im Fernsehen auftritt, weil sie die anschließenden anonymen Beschimpfungen im Netz nicht länger erträgt? Das ist doch fatal für die Demokratie.

Domscheit-Berg: Ja, das ist furchtbar.

ZEIT: Also kann das doch keine Debattenkultur sein, die Sie sich wünschen.

Domscheit-Berg: Ich wünsche mir ja eine bessere! Aber wir werden nie eine Gesellschaft haben, in der jeder Mensch völlig diskriminierungsfrei sagen kann, was er denkt. Dennoch sind mir das hohe Gut der freien Meinungsäußerung und der Schutz der Anonymität wichtiger als mein Interesse daran, keinen Shitstorm zu erleben.

ZEIT: Warum ist Ihnen Anonymität so wichtig?

Domscheit-Berg: Anonymität ist für viele Menschen ein Garant, ihre Meinung frei zu äußern. In der realen Welt muss mancher Repressalien fürchten oder ist vielleicht auch nur zu feige, anderen seine Meinung zu sagen. Im Internet kann er dank der Anonymität offen sein.