Anke Domscheit-Berg : "Da hilft nur Teflon"

Wie sollen wir mit Hasskommentaren umgehen? Wie wichtig ist Anonymität? Ein Gespräch mit der Transparenz-Verfechterin Anke Domscheit-Berg.
Anke Domscheit-Berg © Johannes Simon/Getty Images

DIE ZEIT: Frau Domscheit-Berg, Sie sind dafür, dass jeder im Netz alles sagen dar f, und zwar anonym. Was soll gut daran sein, im Internet anonym herumzupöbeln?

Anke Domscheit-Berg: Um eines gleich klarzustellen, es geht nur um freie Meinungsäußerungen, die nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Und Pöbeleien sind nie gut, ob online oder offline. Als bekennende Feministin weiß ich, wie es ist, beschimpft zu werden, unter der Gürtellinie, auf sexistische Weise. Das trifft mich, trotzdem muss ich damit umgehen.

ZEIT: Wir müssen als Gesellschaft Shitstorms, Cybermobbing , Hassmails einfach hinnehmen?

Domscheit-Berg: Nein, wir müssen im Umgang miteinander mehr Kultur zeigen. Im Netz ist das manchmal noch ein bisschen zu ruppig. Wir stehen erst ganz am Anfang der digitalen Gesellschaft, und ich hoffe, dass wir virtuelle Empathie lernen.

ZEIT: Wie lernt man virtuelle Empathie?

Domscheit-Berg: Durch Erfahrung, auch durch schlechte.

ZEIT: Was raten Sie Menschen, die im Netz zur Zielscheibe von Zorn oder sogar Hass werden?

Domscheit-Berg: Manchmal hilft nur, sich eine Teflonschicht zuzulegen. Ich habe mir angewöhnt, viele ätzende Kommentare nicht mehr zu lesen. Sich dieses Zeug anzutun, dazu gehört schon ein gewisser Masochismus.

ZEIT: Das sagen Sie auch einer Frau wie jener Berliner Islamwissenschaftlerin, die nicht mehr im Fernsehen auftritt, weil sie die anschließenden anonymen Beschimpfungen im Netz nicht länger erträgt? Das ist doch fatal für die Demokratie.

Domscheit-Berg: Ja, das ist furchtbar.

ZEIT: Also kann das doch keine Debattenkultur sein, die Sie sich wünschen.

Domscheit-Berg: Ich wünsche mir ja eine bessere! Aber wir werden nie eine Gesellschaft haben, in der jeder Mensch völlig diskriminierungsfrei sagen kann, was er denkt. Dennoch sind mir das hohe Gut der freien Meinungsäußerung und der Schutz der Anonymität wichtiger als mein Interesse daran, keinen Shitstorm zu erleben.

ZEIT: Warum ist Ihnen Anonymität so wichtig?

Domscheit-Berg: Anonymität ist für viele Menschen ein Garant, ihre Meinung frei zu äußern. In der realen Welt muss mancher Repressalien fürchten oder ist vielleicht auch nur zu feige, anderen seine Meinung zu sagen. Im Internet kann er dank der Anonymität offen sein.

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Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Beifall für Ihren Kommentar, Sie haben so recht ...

... die Faschingkultur gerade aus dem Allemanischen zeugt heute noch davon, daß die Anonymität historisch schon immer auch eine Schutzfunktion für diejenigen darstellte, welche Wahrheit und Gerechtigkeit einforderten.

Leider leben wir in keiner Demokratie des Volkes, sondern nur in einer wohlstandszufriedenen parlamentarischen Demokratie der Wohlhabenden. Und in einer solchen Gesellschaft der verschiedenen Schichten/Klassen, bedarf es auch weiterhin der Anonymität der Schwachen und der Minderheiten.

Redaktöre träumen gern von einer aufgeklärten Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen; und wünschen sich dort auch die Klarnamenregelung - ganz nach dem Motto, daß ein jeder sich zeigen und bekennen sollte zu dem was er als Meinung vertritt.

ABER in unserer akuten Gesellschaft wäre das bereits der Einstieg in die Gleichschaltung - denn dann würden die Abhängigen den Chefs nach dem Mund reden müssen (oder schweigen, um Nachteile für die Karriere zu meiden). Nur die Anonymität ermöglicht Meinungsfreiheit und Kommunikation über Minderheitengrenzen hinweg (wie die interviewte Dame gut darstellt).

PS
Ob die ZEIT-Redaktion dies Interview zu eigenen Lernerfahrungen zu nutzen versteht? - die Handhabe der Zensur ist in diesem Forum teils hahnebüchen - spätestens wenn Herr Joffe schreibt, wird alles Kritische gelöscht.
Das ist die Ungleichheit und der Tribut, der den Chefs gezollt wird. Echte Meinungsfreiheit sieht aber anderst aus ... und bedarf wohl weiterhin der Anonymität.

Ich stimme ihnen zu

Aber ein bisschen Idealismus gehört wohl dazu wenn man ständig gegen einen Strom andere Meinungen anschwimmen muss.

Verwundert hat mich aber die Meinung zur Annomytät im internett, da ich hier zu 100% auf der selben Seite stehe. Da wir grad gesehen haben das die die immer den VollNahmen forder und die Transperents des Bürgers dann aber wichtige Abkommen wie ATAC leiber komplett im Dunklen verhandeln. Und noch immer nicht die sitzungsprotokolle der sitzungen komple öffentlich machen wollen, wie sie es bei Sitzungen bei denen für die Öffentlichkeit Regelungen verhandelt werden eigenlich müssten.

Zivilcorage zu Fördern ist gut, sie zu fordern schon zweifelhaft. Denn wenn man sich anschaut was mit denen Passiert die diese Corage gezeigt haben und später dann vom Richter gesagt gekrigt haben das sie zwar im guten Glauben gehandelt haben und auh schlimmeres Verhindert aber dennoch eine Straftat begangen haben und so die andere Seite Recht erhät, fragt sich oft warum wir den Mentschen dann nicht helfen und als Gesellschft die Straft tragen.

So wird villeicht annonymität auch zu mehr Corage Führen weil sich mehr Leute trauen gegen Extreme Meinungen zu sprechen und sich gegen sie in Diskusionen zu wehr zu setzen.

Mann sollte sich lieber fragen wie vile Mentschen schon gestorben wäre wenn wir Klarnahmen hätten und so Extreme komplette listen ihrere Gegner hätten, oder grade Geheimdinste verfolgen könnten wer sich für Demokratische Änderung im anderen Ländern einsetzt.

Größtenteils stimme ich Ihnne zu

Aber: "Ob die ZEIT-Redaktion dies Interview zu eigenen Lernerfahrungen zu nutzen versteht? - die Handhabe der Zensur ist in diesem Forum teils hahnebüchen - spätestens wenn Herr Joffe schreibt, wird alles Kritische gelöscht.
Das ist die Ungleichheit und der Tribut, der den Chefs gezollt wird. Echte Meinungsfreiheit sieht aber anderst aus ... und bedarf wohl weiterhin der Anonymität."

Wenn Sie schon in anderen Foren geschrieben haben, wissen Sie sicher, dass die ZEIT-Redaktion lobenswerterweise die Zensuren/Löschungen transparent hält und nicht unsichtbar macht (das kann allerdings auch mit der Forumssoftware zu tun haben).

Gerade bei den Joffe-Texten, die häufig provokativ und unangemessen weit hergeholt sind, scheint mir, dass Herr Joffe Anweisung gegeben hat, manchen persönlichen Angriff auch mal stehen zu lassen.

Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass die Löschadmins teils einfach nicht den Überblick haben, wo die wahren Frechheiten stecken. In anderen Foren hat sich da seit Breiviks Tat ein bisschen was getan.

Nein...

...in Kommentaren kommt niemand zu Schaden. Es gilt was die kluge Frau gesagt hat:
"Im Internet zeigen sich nur die dunklen Seiten, die in unserer Gesellschaft ohnehin existieren. Es ist naiv, zu meinen, gesellschaftliche Abgründe durch Zensur ausblenden zu können."

Man sollte die dunklen Seiten nicht ignorieren, sondern sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen. Bis auf einige Trolle, die aus Prinzip gerne (und bei jedem beliebigen Thema) polemisieren, sind die meisten Menschen Argumenten aufgeschlossen. Und gerade die mit dem extremsten Gedankengut, haben oft die grössten Wissenslücken...

Wie kommen Sie darauf?

Es heißt, "Gelegenheit macht Diebe". Das gilt auch für die Nutzer der so genannten Meinungsforen im Internet. Die Anonymität schützt eben nicht nur vor sozialer Ausgrenzung, die heute sowieso seltener ist, oder vor einem Karriereknick, sondern sie schützt auch davor, beim Bashing oder beim Betrügen erwischt zu werden. Wo ich nichts zu fürchten brauche, kann ich durchaus meinen Emotionen unkontrolliert freien Lauf lassen. Sage aber niemand, dass das positiv wäre. Unser Menschsein und unsere Kultur basiert auch auf der Selbstkontrolle. Man kann nicht die Segnungen einer Zivilisation nutzen wollen und gleichzeitig den völligen Abbau unserer zivilisatorischen Werte betreiben oder befördern. Das tut aber letztlich die Anonymität.
Und a propos Meinungsäußerung: Viele können eine vage Meinung und saubere Argumentation nicht unterscheiden. Da werden Affekte oder Emotionen, die frei von jeder Hintergrundinformation sind, mit "meine Meinung" rechtfertigt. So entwickelt man sich nicht weiter!
Und wenn Frau Domscheit-Berg das werbewirksame Bild des misshandelten Kindes, das durch eine anonyme Information aus dem Netz gerettet wird, anführt, sollte sie sich fragen, wie viele Kinder sich aus Hilflosigkeit wegen Cybermobbings etwas antun oder gerade ihr Selbstwertgefühl nicht entwickeln können. Ganz abgesehen davon, dass die anonyme Information falsch sein kann und ein richtiger Tipp auch bei der nächsten Polizeidienststelle abgegeben werden kann. Auch die können mit Daten diskret umgehen.

Es ist erstaunlich...

... aber die meissten Foren und Communitys funktionieren auch ohne Anonymität. Wenn man Interesse an einem Thema hat, warum sollte man rumpöbeln? Natürlich gibt es Trolle und Aggros, die trifft man ganz anonym auch auf der Straße. Fordert jemand hier auch dass die Anonymität auf der Straße aufgehoben wird? Lasst uns doch alle BürgerInnen tracken und die Wege komplett veröffentlichen, hat doch niemand was zu verbergen, oder? Auch damit träfe man genau wie bei der Aufhebung der Internetanonymität die breite Masse ehrlicher braver BürgerInnen und nicht die "Bösen". Mit Klarnamen muss man jede Äusserung abwägen. Schreibe ich im Fussballforum dass ich Samstag zum Auswärtsspiel fahre, haben die Fieslinge eine gute Gelegenheit meine Wohnung auszuräumen. Frage ich in einem Forum nach Symtomen einer Krankheit muss ich damit rechnen, dass mein Arbeitgeber sich über Infos sehr freut (auch wenn ich für jemand anders frage). Das größte Problem ist doch dass man die Namen dann auf ewige Zeiten suchen kann und das komplette Meinungs und Interessen PRofil eines Menschen hat. Menschen die gestalkt werden oder bedroht, haben keine Möglichkeit mehr am Internetleben teilzunehmen.
BetrügerInnen werden mit Klarnamenzwang viel mehr Möglichkeiten zum Betrug bekommen weil sie über ihre Opfer viel mehr wissen. Wir dürfen uns auch nix vormachen, die "Bösen" werden immer die Möglichkeit haben Namen zu stehlen oder mit falschen ins Netz zu gehen...

Stimmt nicht

"Das größte Problem ist doch dass man die Namen dann auf ewige Zeiten suchen kann und das komplette Meinungs und Interessen PRofil eines Menschen hat."

Das ist leider wegen der ziemlich schnell einsetzenden "Gegenwehr" gegen -Internet- und -www- so.

Wenn gelernt und erstmal gelehrt werden würde, daß jeder internettaugliche und jeder internetfähige Heim-PC, genau dafür hergestellt und vertrieben wurde, um jedem die Möglichkeit zu geben sich seine Seiten und was sonst über "sozial Media" alles möglich ist, selber zu verwalten, und zwar auf dem eigenen PC, dann wäre das wohl von Anfang so geworden, wie es wohl einige nicht im geringsten haben wollten.
Und, jeder der unter seinem Namen "im Internet unterwegs" sein würde, würde alleine schon damit jeden anderen als den unrechtmäßigen Eigentümer heruntergeladener Daten (Bilder etc.) kennzeichnen.
Kein anderer könnte diese Daten jemals wieder zugänglich machen, ohne sie auch umbenennen zu müssen. Auch kein Name mit persönlicher Identifikation könnte zweimal vorhanden sein.
Also, die Darstellung als "grundsätzlich" angelegte Möglichkeit des Missbrauchs prsönlicher Daten per Internet, wäre nicht möglich, somit kein Thema, wenn jeder auch nur die Home-Basic Software seines Heim-PC und "technische Internetfähigkeit" verstehen würde. Die hat schon längst jeder Heim-PC.

"Social-Network" ist grundsätzlich eine "very old-school" Auffassung der Medien/Daten-Verbreitung ganz allgemein, wozu auch Briefe zählen.

Und was sagen ...

>> Das sagen Sie auch einer Frau wie jener Berliner Islamwissenschaftlerin, die nicht mehr im Fernsehen auftritt, weil sie die anschließenden anonymen Beschimpfungen im Netz nicht länger erträgt? <<

... wir denen, die nicht mehr unter ihrem echten Namen kommentieren, weil sie von Andersdenkenden identifiziert und privat beschimpft und angepöbelt wurden?

Da kehrt sich die Medaille nämlich ganz schnell um.

Wer einen Allerweltsnamen hat, kann seinen echten Namen verwenden und bleibt trotzdem weitgehend in Deckung. Um ihn zu identifizieren, muss man mehr wissen als den Namen. Wer einen exotischeren Namen hat, ist allein durch den Namen zu identifizierbar.

Ja...

...und du glaubst Klarnamenzwang verhindert das? Morddrohungen und Pöbelei hat es früher auch gegeben, dazu reicht das Versenden eines Briefes oder Telefonterror, echte Straftäter findet eine gut ausgerüstete und ausgebildete Polizei im Internet vermutlich sogar viel einfacher, als in der Offlinewelt, weil die meisten keine Ahnung haben, was für Spuren sie überall hinterlassen.

Es gilt gerade für Kritiker: keine Angaben zur Person, keine Facebook-Seiten etc. einzig die Kraft der Argumente und Fakten sprechen lassen.

Nein, im ...

>> Ja...
...und du glaubst Klarnamenzwang verhindert das? <<

... Gegenteil! Da habe ich mich wohl unklar ausgedrückt.

Klarnamenzwang löst kein einziges Problem, schafft aber neue.

Art. 3 GG:
"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."

Wenn ein Arbeitgeber, eine öffentliche Stelle oder sonstwer sich durch Internetrecherche ein komplettes Bild von einer Person und ihren Überzeugungen machen kann, wird der Diskriminierung Andersdenkender Tür und Tor geöffnet.