Nokia»Höchstens 50 Dollar«

Mit Billighandys aus der Krise – Nokia-Managerin Mary McDowell erklärt, wie sie mit deutscher Hilfe Asien und Afrika erobern will. von 

Nokia-Managerin Mary McDowell stellt ein neues Mobiltelefon vor.

Nokia-Managerin Mary McDowell stellt ein neues Mobiltelefon vor.  |  © Lluis Gene/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Sprechen wir über Feuer.

Mary McDowell: Ich ahne, worauf Sie hinauswollen.

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DIE ZEIT: Ihr Vorstandskollege Stephen Elop nannte Nokia vor einem Jahr eine »brennende Ölplattform« . Brennt es heute immer noch?

Mary McDowell

Die 47-Jährige gehört seit 2004 zum Vorstand des finnischen Konzerns Nokia. Dort leitet die Amerikanerin das weltweite Geschäft mit einfachen Mobiltelefonen.

McDowell: Wir haben ein anstrengendes Jahr hinter uns, aber wir machen Fortschritte. Die Metapher der brennenden Plattform bezog sich vor allem darauf, dass wir unsere Produkte zu langsam entwickelt und nicht das geliefert haben, was der Markt wollte. Seit damals hat sich das aber fundamental geändert. Schneller als geplant haben wir im Herbst gemeinsam mit Microsoft zwei fantastische neue Lumia-Smartphones vorgestellt, und auch bei einfacheren Mobiltelefonen haben wir deutlich Boden gutgemacht.

DIE ZEIT: Also kein Feuer mehr? Nur noch Rauch?

McDowell: Sozusagen. Aber auch jede Menge neuer Schwung.

DIE ZEIT: Arbeitslos wird die Feuerwehr aber nicht.

McDowell: Die Zeiten sind ziemlich herausfordernd. Deswegen ist es sehr wichtig für Nokia , dass unsere Leute zu uns stehen. Wir sind stolz auf unsere Beschäftigten, weil sie hart arbeiten, um uns durch diese Phase des Wandels zu bringen. Sie können sich darauf verlassen, dass Nokia ein verantwortungsvolles und faires Unternehmen ist, das sich zudem sehr für Umwelt und Nachhaltigkeit engagiert.

DIE ZEIT: Die jüngsten Nachrichten klingen anders. Eine Milliarde Dollar Verlust im letzten Jahr. Sie streichen 4.000 Arbeitsplätze in Mexiko, Ungarn und Finnland . Wie lange geht das so weiter?

McDowell: Diese Restrukturierungen sind schon lange bekannt. Natürlich besitze ich keine Kristallkugel, um den Wandel vorauszusagen. Aber vergessen Sie nicht, dass wir im Zuge der neuen Strategie an vielen Orten neue Arbeitsplätze schaffen. In Deutschland auch in Ulm und Berlin .

DIE ZEIT: Aber Sie müssen zugeben, dass das Ansehen von Nokia in Deutschland ziemlich ramponiert ist, seit Sie 2008 Ihre Handyfabrik in Bochum geschlossen haben.

McDowell: Wir investieren stark in unsere deutschen Standorte in Berlin und Ulm. Wir werden dort unsere Forschungs- und Entwicklungszentren ausbauen und zahlreiche neue Jobs schaffen, um künftige Innovationen voranzutreiben. Mittlerweile haben wir über 600 Mitarbeiter an beiden Standorten, und die Tendenz ist steigend. Deutschland wird ein weltweit sehr wichtiger Entwicklungsstandort für Nokia.

DIE ZEIT: Und warum?

McDowell: In Berlin entwickeln wir vor allem Software, die sich mit standortbezogenen Dienstleistungen befasst. Die Fähigkeiten unserer Entwickler dort sind ebenso beeindruckend wie die der Ingenieure in Ulm. Sie sind sehr erfahren, und von hier stammen viele Innovationen für einfachere Mobiltelefone, die für Kunden in Schwellenländern gedacht sind. Sie sind schnell und gut, mehr kann man sich nicht wünschen.

DIE ZEIT: Versteht man in Ulm, wie die Inder ticken?

McDowell: Das Team in Ulm ist sehr international. Aber natürlich muss jeder über die Besonderheiten der einzelnen Märkte Bescheid wissen, deswegen laufen in Ulm auch Informationen aus der Welt zusammen. Dies müssen Sie immer gewährleisten, unabhängig vom Entwicklungsort. Außerdem besuchen unsere Leute andere Länder, um die Märkte noch besser zu verstehen. Ich selbst war 2011 auf fünf Kontinenten, um mehr über unsere Kunden zu lernen.

DIE ZEIT: In Brasilien haben Sie vor wenigen Wochen das 1,5-milliardste Nokia-Handy verkauft.

McDowell: Darauf sind wir mächtig stolz. Es war ein Gerät aus der Serie 40 – ein einfaches, aber extrem effizientes Betriebssystem. Und die Nachfrage wächst. Denn auch wer höchstens 50 Dollar für ein Mobiltelefon ausgeben kann, möchte ins mobile Internet, möchte Apps herunterladen, spielen und fotografieren. Mit der Serie 40 geht das alles...

DIE ZEIT: ...auf Basis einer alten Software aus den späten Neunzigern?

McDowell: Die Technik haben wir kontinuierlich weiterentwickelt! Mittlerweile gibt es aus der Serie 40 sogar Mobiltelefone mit Touchscreen, effizientem Internetbrowser und einer Funktion, die zwei Sim-Karten parallel unterstützt. Weil sie außerdem viel weniger Energie verbrauchen, hält der Akku länger. Das Ganze gibt es in lebhaften Farben und tollen Formen im edlen Metallgehäuse. Wir nennen sie »Smartphones light«, und sie benötigen viel weniger Speicher als Android-Geräte.

DIE ZEIT: Ist das alles?

McDowell: In Barcelona haben wir soeben drei neue Modelle aus der Reihe Ash vorgestellt. Mit Kameras, MP3-Player, Radio und Internetbrowser. Eines ermöglicht sogar E-Mails über Mail for Exchange, das ist sehr interessant für Kleinunternehmer. Und außerdem verbessern wir unseren Life Tools Service.

DIE ZEIT: Was ist das?

McDowell: Ein Informationsdienst auf Basis von preiswerten SMS-Kurznachrichten. In China , Indien , Indonesien und Nigeria können sich viele Menschen keinen Datentarif fürs Handy leisten. Für sie bieten wir schon länger Bildung, Wetterinformationen oder Tipps für die Landwirtschaft. Neu ist unter anderem ein Beratungsangebot für Eltern mit kranken Kindern.

Leserkommentare
  1. seit sie 2008 Bochum dichtgemacht haben, obwohl es schwarze Zahlen schrieb, nur leider ihrer Ansicht nach der Gewinn nicht hoch ( !!! ) genug war, seitdem boykottiere ich Nokia und werde das auch weiterhin tun. Deutschland als Entwicklungsstandort für Nokia ist ihnen sicher angenehm - das deutsche Knowhow möchte man doch zu gerne mitnehmen - und da habe ich auch garnichts dagegen, Absatzmärkte allerdings sollte man sich woanders suchen, jedenfalls meiner Meinung nach; vielleicht in Mexiko, Ungarn und Finnland, wo gerade wieder Entlassungen anstehen???

  2. Erst Bochum, dann Cluj, Rummänien- als die Subventionen abgegrast waren, ging es weiter.

    Eigentlich schade, denn ein China-Handy will ich erst recht nicht.

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    dann hätte ich nämlich noch den Link hinzufügen können:

    http://www.spiegel.de/wir...

    "Nokia streicht Tausende Stellen weltweit, die Produktion in Rumänien macht der Handybauer aus Kostengründen gleich ganz dicht. So sehr sich die Parallelen zur Werksschließung in Bochum vor drei Jahren auch aufdrängen: Dem Konzern geht es heute wesentlich schlechter."

  3. dann hätte ich nämlich noch den Link hinzufügen können:

    http://www.spiegel.de/wir...

    "Nokia streicht Tausende Stellen weltweit, die Produktion in Rumänien macht der Handybauer aus Kostengründen gleich ganz dicht. So sehr sich die Parallelen zur Werksschließung in Bochum vor drei Jahren auch aufdrängen: Dem Konzern geht es heute wesentlich schlechter."

    Antwort auf "Heuschrecke Nokia"
  4. Im grossen Gegensatz zu Apple, Google & co setzt sich Nokia massiv (Millardenbetraege) fuer den Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Allgemeinen ein. Dies ist umso hoeher zu bewerten angesichts der sehr schweren wirtschaftlichen Lage des Unternehmens. Gerade die Investitionen in Forschung & Entwicklung zusammen mit einem jahrzehntelangen (und noch zuletzt gesteigerten) Engagement im Umweltschutz zeigen doch, dass dieses Unternehmen gerade nicht den kurzfristigen Profit ueber alles stellt!
    Leider wird dieser Aspekt sehr oft in den Medien (auch in diesem Interview) vernachlaessigt oder nicht weiter darauf eingegangen.
    Respekt an Nokia und weiter so!!!

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