Meine Großmutter war sehr dick und hatte einen blutroten Schädel. Sie strich uns Semmeln mit einer dicken Butterschicht. Sie hatte 40 Katzen, die alle Mitzi hießen. Sie schliefen auf den Schäferhunden. Und wenn wir aßen, mussten wir unser Essen gegen diese verteidigen.

Mein Großvater war ein Stricker. In der Strickerei spielten wir sonntags Raumschiffabenteuer nach. Im Winter trugen wir die Schießfäustlinge, die er für das Bundesheer herstellte. Diese machten aus fünf Fingern drei, damit der Soldat sein Schießgerät besser halten konnte. Mit seinen dicken Augenbrauen sah Großvater aus wie Breschnew. Ein lachender Breschnew.

Er trank sehr viel, denn »er hatte halt einen Durscht«. Wenn man nach Großvater fragt, haben sich alle auf den gleichen Satz geeinigt: »Er war ein lebensfroher Mensch.« Eines Nachts kam er bei einem Autounfall ums Leben. Er war Beifahrer. Das ist uns sehr wichtig.

Als ich fünf war, starb meine Großmutter an einem Schlaganfall. Sie saß mit wirrem Haar in ihrem Krankenbett und erkannte niemanden. Bei mir lächelte sie und nahm meine Hand. So habe ich es als Erinnerung beschlossen. Als sie starb, bellten die Hunde wie verrückt. Mein Lieblingshund Bauxi lief weg und wurde nicht wieder gefunden.

Es war, als schriebe sich die Geschichte aus dem Unbewussten heraus von selbst

Ein paar Kilometer weiter lebten die anderen Großeltern. Sie tranken nicht gerne. Gründeten keine Strickereien. Und hielten sich sehr selten im Wirtshaus auf. Mein anderer Großvater war Sockenvertreter. Wir trugen im Winter Schießfäustlinge und Nylonsocken. Ich las mit ihm ein Buch über die französische Revolution und den Feldzug gegen Polen . Er hasste Ungerechtigkeiten. Eigentlich wollte er Missionar werden. Im Krieg war er Flieger. Kurz vor Kriegsende holte er Großmutter mit dem Flugzeug ab. In ihrer Küche steht ein Foto, auf dem er eine Stufe über ihr steht, damit der Größenunterschied nicht ins Auge fällt. Heute ist es verblasst, und in ein paar Jahren wird man die Gesichter nicht mehr erkennen. Daneben stehen die Fotos der Enkel und Urenkel.

Zum Zeitpunkt, da ich diesen Text schreibe, ist meine Großmutter 93 Jahre alt. Ihre Augen sind strahlend blau, und wenn man sie zum Lachen bringt, blitzen sie zwischen den Falten auf, als gäbe es das Altern nicht. Als Kind griff sie mit ihren Marmeladenfingern auf den Herd. Seitdem kleben sie in dieser Position aneinander fest. Sie hackte mit diesen Händen Holz, und im Sommer pflückte sie damit Ribiseln für uns. Sie hat zwei Schwestern. Zusammen sind sie 270 Jahre alt. Manchmal sitzen sie zu dritt im Auto. Eine von ihnen hat noch einen Führerschein. Zu Ostern kniet meine Großmutter vor dem Fernseher, wenn der Papst »urbi et orbi« spricht. Sie glaubt daran, dass die Gläubigen immer mehr Glück im Leben haben als die Ungläubigen. Als Kind schlief ich zwischen meinen Großeltern. Mein Großvater starb neben mir, während ich schlief. Ich merkte es nicht. Ich hatte ihn am Vorabend im Domino besiegt. Aber wahrscheinlich hat er mich wie immer gewinnen lassen.

Ich habe Braunschlag, die TV-Serie, die in der gleichnamigen Waldviertler Ortschaft spielt, geschrieben, weil ich all diese Menschen viel zu wenig kannte. Weil das Erinnerungsvermögen sich aufgebraucht hatte. Und das Gefühl für einen Ort, an dem ich Kind war, verloschen war. Ein Jahr Schreibarbeit und fünf Monate Dreh sollten mir diesen Ort wieder fühlbar machen, mir wieder die eigenen Wurzeln in die Herkunft schlagen.

Mein Braunschlag , das ist als Drehort Eisgarn, ein Vorort von Litschau. Ich wusste nicht, dass dieser aufgrund eines katholischen Skandals in die Schlagzeilen geraten war. So gesehen war Eisgarn das perfekte Braunschlag, denn auch hier ging es um Katholizismus und Skandale. Als schriebe sich diese Geschichte von selbst aus einem vorhandenen Unbewussten heraus. Als hätten meine Braunschlager darauf gewartet, mit den anderen Waldviertlern zusammengeführt zu werden. Und so ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass sich gleich mehrere Schauspieler mit Waldviertler Verwurzelung am Set einfanden. Robert Palfrader, leidenschaftlicher Wahlwaldviertler, ebenfalls Nicholas Ofzcarek oder Nina Proll, die aus Haugschlag stammt und als Jugendliche die gleiche Diskothek besuchte, in der sich meine Eltern kennenlernten. Sie schloss vor fünfzehn Jahren. Nicht wegen mangelnden Erfolgs, sondern aufgrund von Anrainerbeschwerden. In Braunschlag wird sie wieder zum Leben erweckt.