Die Kür des Bundespräsidenten hat zwei Politikern Niederlagen bereitet, die das Verlieren auf offener Bühne eigentlich nicht gewohnt sind: Bundeskanzlerin Angela Merkel, die gegen ihren Willen einen rot-grünen Kandidaten akzeptieren musste , und Oskar Lafontaine , dem Kopf der Linkspartei . Der saarländische Fraktionsvorsitzende hatte mit aller Kraft die Wahl der Nazijägerin Beate Klarsfeld zur Kandidatin für das Bundespräsidentenamt zu verhindern versucht.

Er hat gar nichts gegen Klarsfeld ; nur ist Oskar Lafontaine der Nationalsozialismus strategisch nicht so wichtig. Sein Thema ist der "Neoliberalismus". Sein Lebenselixier die Wut auf die Sozialdemokratie, das "Wer hat uns verraten?" in immer neuen und doch zeitlosen Melodien. Lafontaines Favorit war deshalb der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der, wie Lafontaine, aus der SPD kommt, genauer aus ihrem früheren marxistischen Flügel, der nie ein Godesberger Programm an sich heranließ, mit dem die Partei 1959 beschloss, sich der Marktwirtschaft zu öffnen. 1975 war Butterwegge aus der Partei ausgeschlossen worden, weil er die Politik des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt für arbeitnehmerfeindlich hielt – ein Mann ganz nach Lafontaines Geschmack.

Es ist das erste Mal, das der frühere SPD-Bundesvorsitzende in einer solch fundamentalen Frage der Linkspartei nicht seinen Willen aufzwingen konnte . Das unbändige Kichern der offiziellen Parteichefin Gesine Lötzsch bei der Bekanntgabe der Entscheidung für Beate Klarsfeld sprach Bände: Aus einem Lapsus, einer Nebenbemerkung, die Lötzsch auf einem Parteitag in Brandenburg herausgerutscht war, ist eine Palastrevolte gegen "den Alten vom Oberlimberg" geworden.

Ein Triumph ist die Entscheidung auch für Gregor Gysi . Er war bisher Oskar Lafontaines treuester Konsul in Berlin , und er wird es schon morgen wieder sein. Aber in dieser Frage musste er ihm von der Fahne gehen. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag hat in den letzten vier Jahren immer wieder erlebt, wie viele seiner Parteifreunde sich die Landkarte des Nahen Ostens eigentlich ganz gut ohne Israel vorstellen könnten. Gysi war im vergangenen Jahr eingeknickt vor dieser Minderheit, nachdem er 2008 in einer aufsehenerregenden Rede noch kühl mit dem linken Anti-Zionismus abgerechnet hatte.

Vor allem für Gysi, dessen jüdische Familie im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatte, ist die Vorstellung einer Nazijägerin als Gegenkandidatin zum Stasijäger Joachim Gauck von unschlagbarer Evidenz: Es ist dieser Widerstand gegen den Faschismus, der in seinen Augen nicht nur die Existenz der Partei, sondern auch die der DDR moralisch legitimiert, ganz zu schweigen von seinem eigenen Lebensweg. Da konnte Gysi nicht anders: Ausnahmsweise hat er die Loyalität zu seinem ehemaligen Co-Vorsitzenden hintangestellt.

Kann Beate Klarsfeld der Linkspartei aus ihrer Misere helfen? Wohl kaum. Ihre Verdienste – weniger vielleicht die berühmte Ohrfeige von 1968 für Bundeskanzler Kiesinger als vielmehr die zähe und geduldige Detektivarbeit beim Aufspüren abgetauchter Nazis – sind unbestreitbar. Aber selbst wenn mehrere Abgeordnete von SPD und Grünen angeblich schon versprochen haben, Klarsfeld in der Bundesversammlung am 18. März die Stimme geben zu wollen: Die Enttäuschung vieler Menschen, die früher einmal die Linkspartei gewählt haben, wird das nicht kompensieren können. Praktisch wöchentlich verliert die Partei an Zustimmung in den Umfragen, in denen sich ihr Anteil quasi halbiert hat. Innerparteiliche Intrigen, bizarre Einlassungen zum Kommunismus und die ewige Feindschaft zur SPD, die ihrerseits als Oppositionspartei selbst wieder nach links gerückt ist, machen die Linkspartei zunehmend überflüssig. Warum soll man sie wählen?

Wie es aussieht, wird sich der Niedergang nicht einmal mehr im Saarland aufhalten lassen, im Königreich des heimlichen Vorsitzenden Oskar Lafontaine, der hier als Spitzenkandidat an den Start geht. Hier hatte die Linkspartei einst unter seiner Führung das für den Westen sensationelle Ergebnis von 21 Prozent verbuchen können. In Schleswig-Holstein wird es der Partei voraussichtlich auch nicht gut ergehen. Manche wenden sich den Piraten zu; sehr viele gehen überhaupt nicht mehr wählen. In der größten Sinnkrise des Kapitalismus liegt die Linkspartei am Boden. Sie war eine "Hartz-IV-Partei", jetzt ist sie eine Partei gegen die Schuldenbremse. Es ist kein Zufall, dass sie sich immer wieder in der Geschichtspolitik verhakt. Es bleibt ihr kaum noch etwas anderes, im Niemandsland links von der SPD.