ZEITmagazin: Frau Hamm-Brücher, das Wort "Freiheit" zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben. Hat das mit Ihren Erfahrungen in Nazideutschland zu tun?

Hamm-Brücher: Die Freiheit war nach 1945 etwas ganz Elementares für mich. Das Wichtigste war, endlich von der Angst erlöst zu sein. Diese Angstfreiheit habe ich als das größte Glück im Leben empfunden. Es ging uns schlecht, wir haben gefroren und hatten so wenig zu essen – doch so glücklich wie damals nach dem Naziterror war ich nie wieder.

ZEITmagazin: Ihre Großmutter, die Jüdin war, hat Selbstmord verübt, um der Deportation zu entgehen.

Hamm-Brücher: Ja, es war eine Tragödie für meine Familie. Das zweite tragische Ereignis war der gescheiterte Widerstand der Studenten der Weißen Rose. Hans Scholl hat vor der Guillotine gerufen: "Es lebe die Freiheit!" Als ich das erfuhr, hat es mich ungewöhnlich bewegt. Dieser Ausruf war für mich wie eine Botschaft, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis wir befreit wären. Nach dem Tod der Freunde habe ich mir geschworen, mich, falls ich überlebe, dafür einzusetzen, dass es nie wieder eine Diktatur in Deutschland geben würde.

ZEITmagazin: Sind Sie deshalb so früh nach dem Krieg in die Politik gegangen?

Hamm-Brücher: Ich hatte während des Krieges zunächst das Gefühl, ich müsste in den Widerstand gehen. Aber ein vernünftiger Pfarrer hat es mir ausgeredet. Er sagte: Jetzt müssen Sie das hier erst mal überleben, und danach können Sie mitgestalten. Nach dem Krieg bin ich in die FDP eingetreten, weil sie für mich eben mehrheitlich eine Freiheitspartei war. Ich wollte mitgestalten, auch als es noch keine verbriefte Gleichberechtigung gab. Aber ich war nie ein sklavischer Parteisoldat, der jede Kröte geschluckt hat.

ZEITmagazin: Welche Kröten haben Sie nicht schlucken wollen?

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Hamm-Brücher: Zum Beispiel als ich 1982 mit der FDP Helmut Schmidt das Misstrauen aussprechen sollte, da weigerte ich mich. So was tut man nicht gegenüber jemandem, mit dem man jahrelang wunderbar zusammengearbeitet hat. Oder als Herr Möllemann antisemitische Flyer machte und Herr Westerwelle das trotz meiner Bemühungen nicht abstellte...

ZEITmagazin: ...weshalb Sie 2002 sogar aus der FDP ausgetreten sind.

Hamm-Brücher: Aber auch privat habe ich immer meinen freien Willen gelebt und einen Mann geheiratet, der katholisch, bei der CSU und ein konservativer Bayer war. Obwohl ich doch so preußisch und protestantisch bin. Aber die Liebe war stärker, und diese Verbindung hat 52 Jahre gehalten.