Alexander Voigt hastet über das Solon-Firmengelände in Berlin-Adlershof, vorbei an einer Ladestation für Elektroautos. Die grauen Locken kleben ihm an der Stirn, er wirkt immer wie auf dem Sprung. Schließlich steht er vor dem Solarpalast – einem Gebäude, an dessen Fassade rund 800 Solarzellen angebracht sind. Seinem Lebenswerk.

Alexander Voigt ist so etwas wie der Protagonist der Photovoltaik in Deutschland. Seit 25 Jahren kämpft er für Sonnenenergie . Seit Kurzem weiß er auch, dass er manche Schlachten verloren geben – und andere vorbereiten muss.

Die Solarindustrie war einmal Deutschlands große grüne Hoffnung. Sie stand nicht nur für die Energiewende, sie sollte auch grüne Arbeitsplätze schaffen. Im vergangenen Jahr wurden hierzulande Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 7,5 Gigawatt errichtet. Die Sonne deckte 3,2 Prozent des deutschen Strombedarfs, an besonders guten Tagen waren es manchmal sogar 20 Prozent.

Nun aber stirbt die Hoffnung. Die große deutsche Solarfirma Solon ist pleite, der Solarzellenhersteller Q-Cells hat sich an seine Gläubiger verkauft. Selbst Siemens musste Abschreibungen in der Sonnenenergiesparte hinnehmen. Und obendrein will die Bundesregierung die Förderung für die Photovoltaik drastisch kürzen .

Alexander Voigt kennt Solon und Q-Cells gut, die beiden Firmen, die einst die gesamte Branche vor sich hergetrieben haben: Er hat sie gegründet. Der 46-Jährige ist das, was Wirtschaftsleute einen serial entrepreneur nennen. Ein Unternehmen nach dem anderen hat er auf die Beine gestellt, etwa zwanzig sind es wohl insgesamt, so genau kann er sich nicht erinnern, aber alle haben mit erneuerbaren Energien zu tun. Nach dem Niedergang von Solon und Q-Cells setzt Voigt seine Hoffnung auf Younicos . 2008 hat er seine jüngste Firma gegründet – Voigt macht jetzt in Großbatterien.

Er stößt die Tür zum Solon-Gebäude auf, wo auch Younicos Büros gemietet hat, strebt zum Treppenhaus. Der Aufzug fährt ihm zu langsam, er nimmt lieber zwei Stufen auf einmal. Im Büro angekommen, schnappt er sich einen weißen Rollcontainer und zieht ihn hinter sich her. "Das ist Yill, der mobile Speicher fürs Büro", sagt er und meint einen kleinen Lithium-Titanat-Akku, der einen Arbeitsplatz bis zu drei Tage lang mit Sonnenstrom vom Dach versorgen kann. Voigt zieht Yill hinter sich her, setzt sich an einen freien Schreibtisch. Es ist ein modernes Großraumbüro ohne Türen.

Mit Younicos möchte Voigt "die erneuerbaren Energien in ein neues Marktmodell überführen", sagt er. Speichersysteme sollen grünen Strom auch dann nutzbar machen, wenn keine Sonne scheint oder kein Wind weht. Die Tücken der Ökostromproduktion auszugleichen, das ist sein Ding. Noch macht Voigt mit seiner Firma keinen nennenswerten Umsatz, für 2016 aber peilt er eine Milliarde an.

Er stöpselt seinen Computer in die Steckdose, springt auf, rennt die Treppenstufen hinunter und hinein in die Halle gegenüber. Dort wird im Maßstab 1:3 die Energieversorgung der Azoreninsel Graciosa nachgestellt . Im Auftrag des dortigen Stromanbieters soll Voigt bis 2013 die Insel zu achtzig Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen. Geplant sind zehn Megawatt Windanlagen und ein Megawatt Photovoltaik; vor allem aber drei Megawatt Natrium-Schwefel-Batterien, die den Wind- und Solarstrom speichern.

"Graciosa ist überall", sagt Voigt – und das sei auch die Zukunft der deutschen Ökostromindustrie. Deren Chancen, bestätigen mehrere Analysten, liege nicht in der bloßen Herstellung von Solarzellen, sondern in kompletten solaren Energiesystemen. Weil durch die Subventionsstreichungen die Investoren verunsichert würden, sehen einige Analysten die Entwicklung von Zukunftstechnologien für die Energiewende in Gefahr.

Voigt hat lange für eine Einspeisevergütung gekämpft, die jedem mit einer Photovoltaikanlage ermöglicht, seinen Sonnenstrom zu garantierten Festpreisen zu verkaufen. Er schrieb Papiere, saß auf Podien und ging zum Lunch mit Politikern. Als sich immer mehr Solarvereine für kommunale Einspeisevergütungen einsetzten, gründete er 1996 Solon, gemeinsam mit Mitgliedern des sozialistischen Ingenieurkollektivs Wuseltronik, die von Kreuzberg aus gegen die großen Stromkonzerne kämpften. "Mit Solon wollten wir die Energiewelt verändern", sagt Voigt, "wir wollten Menschen unabhängig davon machen, ob ihnen jemand Energie liefert oder nicht. Sie sollten sich Technik kaufen und dann Energie durch die Sonne bekommen." Freilich taugt nur zum Stromrebellen, wer ein eigenes Dach über dem Kopf hat, auf dem er eine Photovoltaikanlage installieren kann. Diesen Umstand aber blenden die meisten Solarpioniere bis heute aus.

Als erstes Unternehmen für Solartechnik in Deutschland ging Solon 1998 an die Börse – ausgerechnet ein vornehmlich von Sozialisten geführtes Unternehmen. "Wir mussten ja Geld ranschaffen", sagt Voigt. Wenig später gründeten Voigt und die Wuseltronik-Genossen Q-Cells, das bald der größte Solarzellenhersteller der Welt wurde. Die Firma sollte nicht nur die Energiewende voranbringen, sondern von 2001 an einen ganzen Industriestandort neu erfinden: Bitterfeld in Sachsen-Anhalt . Zu DDR-Zeiten galt Bitterfeld als dreckigste Stadt Europas, es war Symbol einer Industriepolitik ohne Rücksicht auf Verluste. Nach der Wende wurde die Stadt zum Standort eines Chemieparks. Jetzt sollte das "Solar Valley" endlich die erlösende Wende zum Besseren bringen, Q-Cells war der größte Arbeitgeber. Die Solarunternehmen in Sachsen-Anhalt haben 137 Millionen Euro Förderung bekommen, 4.400 Arbeitsplätze sind entstanden.