Die Legende sagt, während der chinesischen Kulturrevolution in den 1960er Jahren seien vorübergehend die Verkehrsregeln geändert worden. Weil Rot die Farbe des Kommunismus ist, habe man bei Rot fahren und bei Grün halten müssen. Meist wird dann noch angefügt, dass die Sache wegen der vielen Unfälle wieder aufgegeben worden sei.

Mal abgesehen davon, dass es zu dieser Zeit in China praktisch keine privaten Autos gab und die Ampeln wohl hauptsächlich den Fahrrad- und Busverkehr regelten: Eine solche Bestimmung hat es nie gegeben. Während der Kulturrevolution galten Gesetze in China ohnehin nicht viel – die von Mao entfesselten Roten Garden übten Selbstjustiz im ganzen Land. Sie wetterten gegen die hergebrachten Sitten, die alte Kultur und alte Gewohnheiten, und so kam es wohl tatsächlich vor, dass die aufgeputschten, meist jugendlichen Massen sich an Straßenampeln aufstellten und die Fahrer zwangen, bei Rot zu fahren und bei Grün anzuhalten.

In dem Buch China’s Cultural Revolution, 1966–1969 von Michael Schoenhals erzählt ein ehemaliger Rotgardist, es sei schließlich der gemäßigte Premierminister Tschou En-lai gewesen, der die revolutionäre Schnapsidee verhindert habe. Demnach führte Tschou in einem Treffen mit den Roten Garden zunächst aus, dass das rote Licht besser zu sehen sei als das grüne. "Können wir uns darauf einigen, dass das rote Licht das Licht der Revolution ist", fuhr er dann fort, "das die Sicherheit aller revolutionären Aktivitäten garantiert?" Da konnten die Roten Garden nur noch zustimmen. "Dann sind wir uns ja einig", lachte Tschou unter dem Jubel der Revolutionäre.

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