HandwerksgeschichteSwiss made

Zwischen Mythos und Marketing: Auf der Weltmesse Baselworld, die am 8. März eröffnet wird, zeigt sich die Uhrenindustrie der Schweiz wieder im alten Glanz – und war doch oft schon totgesagt. Eine kleine Chronik

Die Schweiz und ihre Uhrmacher – ganze Bibliotheken wurden darüber geschrieben. Berühmt sind ihre Erfinder und Techniker wie Abraham Louis Breguet, der im 18. Jahrhundert das Tourbillon ersann, oder Adrien Philippe, der 1842 die Aufzugskrone erfand.

Doch da sind auch jene, die ganz andere Wege nahmen. Charles-Édouard Jeanneret beispielsweise, der Sohn eines Zifferblatt-Emailleurs aus La Chaux-de-Fonds. Er lernte das Ziselieren von Gehäusen, wandte sich 1905 der bildenden Kunst zu, ging nach Paris und machte unter dem Namen Le Corbusier Weltkarriere. Auch Grock, der legendäre Clown, war einmal Uhrmacherlehrling im Jura gewesen. Das bekannteste aller entlaufenen Schweizer Uhrmacherkinder aber ist eine Halbwaise aus Genf, die der verkrachte Vater bei einem Graveur in die Lehre gab. Sobald sich die Gelegenheit bot, kehrte Jean-Jacques Rousseau dem jähzornigen Meister und der strengen Stadt den Rücken. Das philosophische Werk, das er später schuf, zählt heute zum Fundament der Moderne.

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Rousseaus Ausbildung als graveur pour l’horlogerie endete 1728. Zu dieser Zeit waren Uhren die wichtigste Einnahmequelle der Stadtrepublik Genf. Isaac Rousseau, der Vater, hatte von 1705 bis 1711 in einer Genfer Kolonie in Konstantinopel gelebt, als Uhrmacher des Serails. Schon damals verkaufte man weltweit Zeitmesser aus der Schweiz: Ob am Bosporus oder in Kleinasien, in Russland oder am Indischen Ozean – überall hatten die Genfer Händler ihre Filialen.

Die Uhrmacher gehören zu den Gründern der Antiautoritären Internationale

Natürlich war die Uhrmacherei kein originär Schweizer Handwerk. Hugenottische Flüchtlinge aus Frankreich, so heißt es, brachten es ins calvinistische Genf. Es gibt sogar eine Jahreszahl: 1587 nahm der Stadtrat den Franzosen Charles Cusin kostenlos ins Bürgerrecht auf – unter der einzigen Bedingung, dass er den einheimischen Goldschmieden sein Handwerk beibringe. Wegen seiner Kunstfertigkeit wurde Cusin auch vom Herzog von Navarra umworben, dem späteren Franzosenkönig Henri Quatre. Bald verschwand der Meister aus Genf, und mit ihm ein höherer Geldbetrag, den die Regierung vorgeschossen hatte. Die Uhrmacherei florierte trotzdem weiter. Hundert Jahre später beschäftigten hundert Meister dreihundert Gesellen, und weil Genf seit je ein Zentrum der Gold- und Silberschmiede war, wurden auch die Uhren besonders kostbar ausgestattet.

Stefan Keller

Der Autor ist Historiker und lebt in Zürich.

Von Anfang an pflegte jeder Produzent sein eigenes kleines Fabrikationsgeheimnis und seinen historischen Mythos. Schon im 18. Jahrhundert sprachen die Chronisten nicht von Handwerkern, sondern von Künstlern. Einer dieser Künstler, ein Autodidakt, war der Begründer der Neuenburger Uhrenindustrie. Er hieß Daniel JeanRichard und wuchs in einem Weiler namens Les Bressels in der Nähe des Bergdorfes Le Locle auf.

JeanRichards Vater muss Schmied gewesen sein, daneben betrieb er, wie manche Uhrmacher noch Jahrhunderte später, eine kleine Landwirtschaft auf dem kargen Juraboden. Der Sohn soll eine Lehre als Goldschmied absolviert haben, doch wo er dies tat und was er damit in einem Nest wie Les Bressels anfangen wollte, geht aus den Quellen nicht hervor. 1679 jedenfalls steigt ein weit gereister Pferdehändler namens Peter bei der elterlichen Schmiede ab; er bringt aus der Uhrenstadt London eine Taschenuhr mit, die unterwegs kaputtgegangen ist. Solche Kunstwerke seien in den Neuenburger Bergen noch »ganz unbekannt« gewesen, versichert der Historiker Frédéric-Samuel Ostervald, der 1765 ein Buch über das (damals noch zu Preußen gehörende) Fürstentum Neuenburg verfasste.

Als nun der Pferdehändler in der Schmiede einige Lehrlingsarbeiten des jungen Daniel sieht, überlässt er diesem die Uhr. Dem Jungen gelingt es tatsächlich, sie zu reparieren. Mehr noch: Der 14-Jährige setzt sich in den Kopf, selber eine ähnliche Uhr herzustellen. Ein Jahr lang arbeitet er an den nötigen Feinwerkzeugen, dann an den Federn, der Schale, der Schnecke, der Unruh. In den nächsten sechs Monaten baut er die Uhr zusammen. Die erste, die im Fürstentum Neuenburg entsteht.

Ostervald versichert, dass alle Angaben »vollkommen gewiss« und »von mehreren Künstlern bekräftigt« seien. Und tatsächlich ist neben einigen mit JeanRichards Stempel versehenen, noch etwas klobigen Uhren eines seiner Skizzenhefte erhalten geblieben, auch ist sein Name seit 1712 in Le Locle belegt. Er habe begonnen, heißt es in den Quellen, weitere Uhren zu fabrizieren, außerdem Gesellen aus dem Unterland geholt und die Kunst auch seinen Brüdern und später den Söhnen beigebracht. Sogar einen Apparat zur Verfertigung von Zahnrädern soll Daniel JeanRichard, dessen Denkmal heute das Zentrum von Le Locle ziert, erfunden oder, wohl eher, einem Genfer Konkurrenten abgeguckt haben.

Leser-Kommentare
  1. haben viele schweizer Uhrmacher allerdings mit ihrer Gesundheit bezahlt - wegen Akkordarbeit ständig unter Kopfschmerzen leidend nahmen sie kiloweise Schmerzmittel und bekamen Nierenversagen

    http://www.spiegel.de/spi...

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  2. Einmal mehr hackt die ZEIT auf der Schweiz herum. Nach den dummen Kuhschweizern die dummen Uhrmacher - Stefan Keller (ausgerechnet er !) muss es ja wohl wissen. Weshalb der Hass der ZEIT auf die Schweiz?

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    "Weshalb der Hass der ZEIT auf die Schweiz?"
    Weshalb der Hass des "Ueli Zwingli" auf die "Zeit" - oder Trollen Sie nur?
    Siehe auch:
    http://www.zeit.de/2012/1...

    • Zack34
    • 05.03.2012 um 12:49 Uhr


    "Dumme Kuhschweizer", "dumme Uhrmacher", ...

    Was haben Sie denn gefrühstückt?

    "Weshalb der Hass der ZEIT auf die Schweiz?"
    Weshalb der Hass des "Ueli Zwingli" auf die "Zeit" - oder Trollen Sie nur?
    Siehe auch:
    http://www.zeit.de/2012/1...

    • Zack34
    • 05.03.2012 um 12:49 Uhr


    "Dumme Kuhschweizer", "dumme Uhrmacher", ...

    Was haben Sie denn gefrühstückt?

    • Arrian
    • 04.03.2012 um 21:25 Uhr

    In dem Artikel kann ich keinerlei Tendenz zum Herumhacken auf der Schweiz erkennen. Der Autor beschreibt die Geschichte dieses Industriezweiges, und die hatte nun einmal ihre Höhen und teilweise existenzbedrohenden Tiefen. Und allen aktuellen Krisen zum Trotz ist die Schweizer Uhrenindustrie derzeit sogar recht gut aufgestellt, was nicht unerwähnt bleibt.

    Oder stören Sie sich etwa am Begriff "Mythos"? Aber ja, der gehört bei doch bei mechanischen Uhren dazu: Rein objektiv betrachtet gibt es nichts, was eine Quarzuhr für 19,95 Euro aus Fernost nicht besser, zuverlässiger und vor allem genauer kann als eine hochwertige Automatik- oder Handaufzugsuhr aus Schweizer Herstellung. Wenn Liebhaber (und damit meine ich echte Technikliebhaber und nicht solche, denen die Uhr mit dem Krönchen auf dem Ziffernblatt nur als Statussymbol dient, ohne dass sie sich über die darin werkelnde Technik Gedanken machen) sich trotzdem eine Uhr für einen drei-, vier- oder sogar fünfstelligen Eurobetrag ums Handgelenk binden, dann deshalb, weil sie damit ein Stück Technikgeschichte erwerben.

    4 Leser-Empfehlungen
  3. "Weshalb der Hass der ZEIT auf die Schweiz?"
    Weshalb der Hass des "Ueli Zwingli" auf die "Zeit" - oder Trollen Sie nur?
    Siehe auch:
    http://www.zeit.de/2012/1...

  4. ... ein Großteil des schweizerischen Maschinenbaues geht auf die Anforderungen der Uhrenindustrie zurück. Zerspanungsautomaten aus der Schweiz setzen noch heute Maßstäbe in Bezug auf Präzision und Schnelligkeit. Zugeschnitten auf diese Branche ist auch die Werkzeugindustrie, enge Beziehungen beider befruchten sich gegenseitig. Drückt sich auch heute noch in räumlicher Nähe aus. Z. B. in Moutier ist "Tornos" (Maschinen) gleich gegenüber von "Applitec" (Hartmetall- Werkzeuge).

    Leider auf Grund des Kurses des Franken z. Z. kaum noch bezahlbar...

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    • Zack34
    • 05.03.2012 um 12:49 Uhr
  5. Vielen Dank, Saxcoburggotski, für diesen Hinweis auf eine Geschichte, die ich nicht kannte.

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