Neonazi-Mordserie : In der Halit-Straße

Kassel, Holländische Straße. Hier ermordeten die Zwickauer Neonazis einen jungen Mann, weil er Türke war. Soll die Straße künftig seinen Namen tragen?

Tassen und Schuhe stehen im Schaufenster, eine Nähmaschine – Trödel, der einen neuen Besitzer sucht. Eigentlich müsste AS Power, der An- & Verkauf in der Holländischen Straße 82 in Kassel, an diesem Samstag geöffnet sein, doch ein Gitter versperrt den Eingang. "Der Laden ist meistens zu", sagen zwei Studenten. Sie wohnen im Haus, in einer der vier Wohngemeinschaften. Im Laden waren sie noch nie. Im April 2006 befand sich hier das Internetcafé von Halit Yozgat. Zwei Kopfschüsse rissen ihn zu Boden, der 21-Jährige starb in den Armen seines Vaters. Wie man heute weiß, kamen die Killer vom rechtsextremen NSU. Sie wollten einen Türken töten.

Bislang erinnert nur ein Plakat an die Tat. Die Sozialistische Alternative Kassel hat es auf den Zigarettenautomaten vor dem Haus geklebt: "Nazis morden, der Staat mischt mit." Dazu die Fahndungsfotos von Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe und Uwe Mundlos.

Das könnte sich nun ändern. Am vergangenen Donnerstag stand Ismail Yozgat vor dem Rednerpult im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Deutschland wollte der zehn Opfer der Zwickauer Zelle gedenken, zu denen auch sein Sohn Halit zählt. Yozgat sprach auf Türkisch und äußerte den Wunsch, dass die Straße, in der sein Sohn zur Welt kam und starb, in Halit-Straße umbenannt wird.

Die lange Holländische Straße ist eine der wichtigsten Verkehrsadern Kassels, vierspurig, in der Mitte zwei Straßenbahngleise. Grau und müde sehen die Häuser aus, viele Läden stehen leer. Stadtvertreter legten parallel zur Berliner Gedenkstunde vor AS Power drei weiße Rosen nieder. Die stehen jetzt beim Dönermann nebenan, in Han’s Snackbar, in einer Vase. Jemand hat dazugeschrieben: "Im Gedenken an Halit. Möge Allah ihm gut gesonnen sein."

Der Wunsch von Ismail Yozgat überraschte Kassel. Eine Straße umzubenennen sei schwierig, hieß es gleich. Der SPD-Bürgermeister Bertram Hilgen sagt, man prüfe viele Möglichkeiten. Ihm sei eine konsensuale Lösung wichtig. "Fest steht, dass wir ein dauerhaftes Mahnmal errichten wollen." Vielleicht würden die sieben Städte, in denen der NSU zuschlug, auch gemeinsam an die Taten erinnern. "Das war ja eine Mordserie", sagt Hilgen.

Ein Gedenken, das allen gefällt, wird es wohl nicht geben. Eine Namensänderung setzt einen bürokratischen Prozess in Gang, der viele Stufen hat. Jeder der 2362 Anwohner kann Einspruch erheben. Ein jahrelanger Streit stünde bevor, denn viele sind gegen die Umbenennung, auch der Ortsbeirat von Nord-Holland, dem Stadtteil, durch den sich die Straße zieht.

Nord-Holland gilt als Problemgebiet: Fast jeder Dritte hier ist Ausländer. Nirgendwo in Kassel gibt es mehr Hartz-IV-Empfänger.

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Kommentare

76 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

gleich gegen ein denkmal?

Das Gleichsetzen von Morden mit dem Heizen der Strassen durch umfunktionierte Automobile (nur falls Sie dass meinten erwähnen zu müssen) ist eine Relativierung des Rechtsterrorismus, welche ganz schnell in ganz gefährliche Fahrwasser führt.

Aber das wissen Sie ja.
Sie meinten sicher auch die zahllosen Häuser und Synangogen die während der Reichskristallnacht angezündet wurden.

Wenn man das tut, muss man sich die Frage gefallen lassen, ....

was mit den vielen Opfern von anderen Hassverbrechen, seien sie sexistischer oder rassistischer Motivation, ist?

Bekommen die dann auch die breitesten Straßen der Stadt umgewidmet und ihren Namen daran geschrieben?

Gut und gut gemeint zwei Dinge und das hier ist wenn überhaupt gut gemeint.