Es gab eine Zeit, da war Mouhanad Khorchide ein Feindbild für seine muslimischen Glaubensbrüder. Sie nannten ihn einen Verräter und Nestbeschmutzer. Sie beschimpften ihn als Wichtigtuer und Karrieristen und sagten, er sei vom Glauben abgefallen. Das geschah in Österreich , wo er 20 Jahre seines Lebens verbrachte, wo er predigte, studierte und lehrte. Weil er keine Zukunft mehr sah, wanderte Khorchide nach Deutschland aus. Heute, fast zwei Jahre später, hat er noch nicht einmal ausgepackt. Er sitzt inmitten von Bücherstapeln und trinkt Marillensaft aus der Flasche. Der schwere Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft seines Büros – eines Stücks Orient im dauerverregneten Münster, in der westfälischen Stadt mit den vielen Radwegen. An der renommierten Universität hat es der 40-Jährige rasch zum angesehenen Professor für islamische Religionspädagogik gebracht. Nur Zeit zum Aufräumen hatte er bisher keine. »Ich bekomme täglich rund 70 Anfragen und bin ständig unterwegs«, sagt er.

Politiker, Medien und Wissenschaftler – Khorchide ist ihr Ansprechpartner, wenn es um den Islam geht. Sogar Papst Benedikt XVI. hat ihn getroffen, als er im Herbst vergangenen Jahres Deutschland besuchte. Millionen Fernsehzuschauer sahen, wie der alte Bayer dem jungen Araber die Hände reichte. Khorchide schlug in einer viel beachteten Rede eine Brücke von der Barmherzigkeit Allahs hin zur christlichen Nächstenliebe. In diesem Moment avancierte er zum Gesicht des Islams in Deutschland.

In Österreich hatten sich viele Muslime von dem kritischen Geist abgewandt; Funktionäre der Islamischen Glaubensgemeinschaft munkelten gar, er sei abgehoben, psychisch labil und arrogant. Hier verlor er kleine Lehraufträge. In Deutschland baut er heute ganze Studiengänge auf und wird als Koryphäe gefeiert. »Ich tue jetzt, was ich auch in Österreich gerne getan hätte«, sagt er. »Aber hier lässt man mich.« Sein Schicksal zeigt, wie es um den Islam in Österreich und Deutschland bestellt ist, wie mit Potenzialen in den eigenen Reihen umgegangen wird und wie der Staat die Entwicklung religiöser Gemeinschaften fördert – oder bestehende Machtstrukturen einzementiert.

Vom unbekannten Prediger zur Hoffnung des Islams in Europa

Khorchide ist ein besonnener Mann mit ruhiger Stimme und reduzierten Gesten. Sein Dreitagebart ist penibel gestutzt. Die dichten, schwarzen Haare sind mit reichlich Gel in Form gebracht. Der gebürtige Palästinenser spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Islams in Westeuropa . Denn einerseits bildet er an der Wilhelms-Universität in Münster Islamlehrer für deutsche Schulen aus . Andererseits hat er den Auftrag, das erste Curriculum für Islamische Theologie im deutschsprachigen Raum aus dem Boden zu stampfen. Die islamische Theologie auf deutschem Boden ist ein zartes Pflänzchen – und Khorchide der Gärtner.

Noch vor vier Jahren war er ein unbekannter Prediger in einer kleinen Moschee in Wien-Ottakring. Bis sich der Soziologiestudent in den Integrationsdebatten mit liberalen Positionen zu profilieren begann. Seine Dissertation mit dem Titel Der islamische Religionsunterricht zwischen Integration und Parallelgesellschaft sollte einen Wendepunkt bedeuten. Khorchide hatte für seine Arbeit 250 Islamlehrer Fragebögen zu den Themen Islam, Integration und Bildung ausfüllen lassen. Zwar wurde sein Werk im Jahr 2008 mit »sehr gut« beurteilt. Dennoch ließ Khorchide die Arbeit für die Öffentlichkeit sperren, weil die Ergebnisse politischen Zündstoff bargen: Fast ein Drittel der Befragten lehnte »rechtsstaatliche Prinzipien« ab, ein Fünftel die Demokratie. Nahezu 14 Prozent hielten die Teilnahme an Wahlen für unvereinbar mit dem Islam, 37 Prozent mangelte es an der theologischen, 41 Prozent an der pädagogischen Qualifikation für das Lehramt. Doch Khorchide hatte übersehen, dass ein Exemplar automatisch an die Nationalbibliothek gegangen war. Ein Redakteur der Stadtzeitung Falter entdeckte es und versetzte Politiker und Islamvertreter in helle Aufregung. Hurtig wurden Arbeitskreise gebildet: Nun mussten die Lehrer schriftlich bekunden, dass sie Demokratie und Rechtsstaat nicht ablehnen würden.

Für offizielle Muslimvertreter wurde Khorchide zur Persona non grata. Er habe eine schlimme Zeit durchgemacht, erzählt er. »Ich wollte Veränderungen, aber nie einen Skandal.« Heute will die Islamische Glaubensgemeinschaft keine Worte über den Verstoßenen verlieren. Man würde sich nicht über Ereignisse äußern, die vor der Amtszeit des neuen Präsidenten Fuat Sanac liegen, heißt es auf Anfrage. Unter dessen Vorgänger Anas Schakfeh war Khorchide nach der Dissertationsaffäre die Lehrerlaubnis entzogen worden. Die Studenten hätten ihm nicht mehr vertraut, so die Begründung damals.