Kampf gegen TalibanAfghanistan ist verloren

Niemand möchte es offen aussprechen – aber der Westen kann einen Krieg gegen religiöse Fanatiker nicht gewinnen

Der Krieg ist verloren. Zehn Jahre nachdem westliche Truppen in Afghanistan den Kampf gegen die Taliban aufnahmen, genügen ein paar angekohlte Koranseiten, um Hass auf den Straßen explodieren zu lassen und Mord und Totschlag bis in die amerikanischen Quartiere zu tragen. Zehn Jahre, in denen um den Aufbau eines zivilen Staates gerungen wurde, haben nicht gereicht, um auswärtige Helfer, Soldaten und Einheimische vor den radikalen Islamisten zu schützen. Man verbarrikadiert sich, man bewegt sich nicht über Land, man spricht nach Möglichkeit nicht einmal über die Taliban. Ihre todbringenden Spitzel lauern überall. Ihre Sympathisanten sind selbst unter den afghanischen Verbündeten des Westens. Es ist an der Zeit, das Scheitern der Militärmission einzugestehen.

Aber wer spricht es aus? Ein dröhnendes Schweigen liegt über der afghanischen Misere. Es ist nicht eigentlich Apathie, es ist keine resignative Hinnahme, es fehlt an Erbitterung nicht, schon gar nicht angesichts Tausender Soldaten, die umsonst starben, und Abertausender Zivilisten, die versehentlich geopfert wurden. So viele Tote – und kein Sieg über die mörderischen Extremisten in Sicht. Der Schock, den die jüngsten Morde auslösten, die für eine Banalität, für eine eingebildete Kränkung, für ein paar irrtümlich verbrannte Seiten verübt wurden, hat die westliche Öffentlichkeit durchaus erreicht. Eine Dummheit, eine Dummheit bloß – und schon muss sterben, wer noch nicht einmal für die Dummheit verantwortlich war. Die Augen weiteten sich dunkel vor Grauen. Aber die Lippen öffneten sich nicht.

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Der Westen steht wie gelähmt vor der Aggression im islamischen Raum. Syrien ertrinkt im Bürgerkrieg, der Iran baut an der Bombe, der Irak ist noch immer nicht befriedet. Wie sollte man da zugeben, an der Rettung Afghanistans vor den Fanatikern gescheitert zu sein? Wie den Syrern helfen, wie den Iran in die Schranken weisen, wie der Gefahr neuer Glaubenskriege im Irak begegnen? Wenn irgendwo, dann hätte in Afghanistan die zivilisatorische Beruhigung glücken müssen. Lange bevor es zum Zankapfel auswärtiger Mächte wurde, hatte es seine eigene aufgeklärte Tradition, war Fluchtort für religiös Verfolgte, dissidente Dichter und Denker, der afghanische Königshof ein Musenhof, eine Oase des gelehrten Gesprächs unter Palmen.

Aber wo fremde Truppen unablässig wüten, Bürgerkriege von außen lanciert und Regime gestürzt werden, sind offenbar selbst die Orte, an denen der historische Islam einst sein edelstes Antlitz zeigte, nicht schützbar gegen den gewalttätigen Islam von heute. Es tut dabei nichts zur Sache, dass seine Entgleisung ins Mörderische selbstverständlich eine Ketzerei, eine dumme und dumpfe Lesart des Korans, eine moderne Degeneration unter dem Einfluss eingebildeter Konkurrenz mit dem Westen darstellt, inspiriert von Minderwertigkeitsgefühlen, missbraucht von Diktatoren und befeuert sicherlich auch durch ungutes Auftrumpfen Amerikas.

Der Westen wird mit dem Abzug Schuld auf sich laden

Erklärlich ist viel, aber Erklärung ändert nichts an faktischer Macht. Die Taliban sind eine Realität, ebenso wie ihre Verwandten im Geiste unter den Schiiten des Irans, den saudischen Wahhabiten, den Muslimbruderschaften in Ägypten oder wo sonst radikale Islamisten jede noch so geringfügige Abweichung von ihren krankhaften Tugendprätentionen mit Mord beantworten.

Zehn Jahre Krieg in Afghanistan haben gezeigt, dass wir die Gotteskrieger nicht besiegen können, jedenfalls nicht dort, wo sie ihre Rekrutierungsmöglichkeiten und Ressourcen in unmittelbarer Nähe haben. Die Truppen werden abziehen, auch wenn vielleicht niemals die Niederlage eingestanden wird. Und selbstverständlich wird mit dem Abzug der Westen eine Schuld auf sich laden, die weit größer ist als seine Schuld an militärischen Kollateralopfern zuvor. Er wird schuldig werden am Elend der aufgeklärten, säkularisierten Afghanen, die sich nach Freiheit sehnten, schuldig vielleicht sogar an massenhaftem Mord, den die Taliban an allen Abweichlern und einstigen Freunden der Besatzungsmacht verüben werden. Der Westen wird sich versündigen an den Frauen, die ins Dunkel der Burka zurückgestoßen werden, an den Kindern, die niemals eine Schule besuchen, an den jungen Männern, die zum Selbstmord in einem heiligen Krieg präpariert werden, den sie, wer weiß, schon morgen nach Pakistan, nach Indien, in die ganze Welt tragen sollen.

Leserkommentare
  1. Herr Jessen hat in dankenswerter Weise und schonungslos eine Bilanz des Abenteuers in Afghanistan geliefert. Der Westen ist militärisch gescheitert, die gewählten Partner sind blutbefleckt und korrupt, die Bevölkerung leidet zu großen Teilen weiter und vielleicht mehr als zuvor. Ein Abzug der Nato-Truppen ist unumgänglich und sollte schnellstmöglich erfolgen. Wir werden hier keine Demokratie aufbauen können, schon gar nicht mit den gewählten Mitteln. Warum nicht offen und schonungslos das Scheitern eingestehen? Auch gegenüber dem afghanischen Volk! Warum nicht den säkularen und willigen Afghanen eine neue Heimat bieten und diese so vor dem möglichen Wüten der Gotteskrieger schützen? Wäre dies nicht ein Trost? Haben wir aus Ruanda und anderen Schlachthäusern nichts gelernt? Sind wir so in unserer satten Selbstzufriedenheit gefangen, dass uns Moral, Anstand und Menschenrechte vor unserer Haustür nichts mehr bedeuten?
    Die Konsequenz der Aussage des letzten Satzes Ihres Artikels lässt mich nicht zur Ruhe kommen!

    Ralf Schmidt

  2. "Womit sollen wir uns trösten? Es gibt nicht immer Trost. Es besteht in diesem Fall nur die vage Aussicht, dass die siegreichen Taliban sich als etwas zeigen werden, das niemand auf der Welt jemals wieder erleben möchte – und dass damit also auch der politische Islam ein für allemal seine Anhänger verlöre."

    Es wird wohl so kommen. Furchtbar, dass es keinen anderen Weg zu geben scheint. Und dass es lange dauern kann, bis es wieder dämmert.

  3. kaum auffindbar?

    Eine Leserempfehlung

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