US-ArbeitsmarktChee, der neue Chef

Früher wurden sie abgewiesen – jetzt schaffen Chinesen Jobs in amerikanischen Industriebetrieben. von 

Der Parkplatz vor der Fabrikhalle von Greenfield Industries, einem Hersteller von Bohrern für Bauarbeiter und Handwerker im US-Bundesstaat South Carolina , ist voll. Drinnen lärmen Maschinen, es riecht nach heißem Metall. Arbeiter mit Ohrenschützern bestücken die vollautomatischen Drehbänke, andere sortieren fertige Bohrer und packen sie in Schachteln. Industriebetriebe, in denen es so geschäftig zugeht wie hier, sind im Rezessionsland USA selten. Im Süden sind sie fast schon die Ausnahme. Die Arbeitslosenquote in South Carolina liegt mit 9,5 Prozent sogar noch über dem US-Durchschnitt von acht Prozent.

Eigentlich würde auf dem Parkplatz von Greenfield längst das Unkraut wuchern. Ende 2008 stand das Unternehmen vor dem Aus. Da kam Jeff Chee. Für 29 Millionen Dollar übernahm er den Betrieb. Statt die Fabrik dichtzumachen, kaufte Chee neue Anlagen, baute eine Lagerhalle und stellte Fachkräfte ein. Der 49-Jährige ist ein Vorzeigeunternehmer, er hat sich hochgearbeitet. Heute beschäftigt er mehr als 4.000 Leute, sein Konzern TDC ist auf drei Kontinenten aktiv. Was Chee von anderen Entrepreneuren in den USA unterscheidet: Er kommt aus China . Greenfields neues Hauptquartier ist jetzt in Dalian, einer wachsenden Hafenmetropole 450 Kilometer westlich von Peking .

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Chee ist nicht allein. South Carolina ist beliebt bei chinesischen Unternehmen, die ein Standbein in den USA suchen. Pionier war 1999 der Hausgerätehersteller Haier, der in Camden ein Flaggschiffwerk mit 200 Mitarbeitern betreibt. Mehr als ein Dutzend weitere chinesische Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren in South Carolina niedergelassen, darunter American Yuncheng Gravure Cylinder, ein Hersteller von Spezialdruckvorlagen, und der Autoteile-Lieferant GSP aus Wenzhou.

Die bittere Ironie: South Carolina, wo 17 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, hat seine einst boomende Textilindustrie in den vergangenen Jahrzehnten fast komplett verloren – an die Konkurrenz aus China . Als Haier vor seinem Werk Fahnen aufzog, beschwerten sich vorbeifahrende Anwohner, der Mast mit der roten Fahne sei höher als der mit dem Banner der USA. Es war eine optische Täuschung. Haier kürzte den Mast mit der chinesischen Flagge trotzdem.

Heute hat sich die Stimmung gedreht. Lokalpolitiker und Wirtschaftsförderer des Bundesstaates werben in Fernost damit, eine günstige Alternative zu sein. Die Arbeitskosten in den USA seien natürlich nicht vergleichbar mit denen in China, sagt John Ling, Leiter des Verbindungsbüros, das South Carolina in Shanghai vor sechs Jahren eröffnet hat. Doch: »Der Lohndruck in China steigt, der Abstand wird immer geringer werden.« Eines seiner Argumente, wenn er bei Interessenten vorstellig wird, ist der niedrige Energiepreis. »In South Carolina zahlen die Unternehmen ein Viertel bis ein Drittel dessen, was Elektrizität in der Heimat kostet.« Und die Versorgung sei zuverlässiger. In China sind Stromausfälle an der Tagesordnung. Argument Nummer zwei: die Grundstückspreise. Damit hat Ling etwa American Yuncheng nach Spartanburg gelockt, einer 37.000-Einwohner-Stadt im Norden des Staates. »Die Preise sind in China durch die Decke gegangen. Im Vergleich dazu ist Land hier sehr günstig«, sagt Henry Yao von American Yuncheng.

Der Vorstoß der chinesischen Unternehmen in den Westen ist nicht immer freiwillig. »Der Wettbewerb in China selbst ist brutal«, sagt Yao. In so gut wie jeder Branche lieferten sich die Anbieter einen gnadenlosen Verdrängungskampf. Eine internationale Präsenz kann da einen entscheidenden Vorsprung verschaffen. »Die Chinesen haben immer noch einen großen Nachholbedarf, wenn es um Markenbildung, Marketing oder auch den internationalen Vertrieb geht«, sagt Thilo Hanemann von der New Yorker Beratungsfirma Rhodium.

Unternehmer und Regierung stellen fest, dass Chinas Rolle als billige verlängerte Werkbank in absehbarer Zeit nicht mehr genug abwerfen wird. Künftig wollen die Chinesen einen größeren Anteil an der Wertschöpfung haben. Deshalb fördert auch Peking den Expansionsdrang ins Ausland nach Kräften. In den vergangenen drei Jahren haben sich laut offiziellen Statistiken die chinesischen Direktinvestitionen in den USA vervierfacht. Bis 2020 sollen nach Schätzungen von Rhodium bis zu eine Billion Dollar aus China in Werke und Unternehmen im Ausland fließen.

Noch vor einigen Jahren holte sich China regelmäßig rüde Abfuhren aus Washington. Als etwa der größte chinesische Ölkonzern die amerikanische Unocal Corporation übernehmen wollte, verabschiedete der Kongress eilends ein eigenes Gesetz, das den Kauf verhinderte. Jetzt vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine US-Handelsdelegation nach Shanghai und Shenzhen aufbricht.

Leserkommentare
  1. Was für eine Meinung!

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  2. Seit Kaiser Wilhelm II. Europas Völker vor der "gelben Gefahr" warnte, hat sich wenig verändert. Ein Chinese gilt nach wie vor als Fremder und Außenseiter. Chinesische Studenten in Ostdeutschland werden tätlich angegriffen.

    Die Amerikaner waren schon immer weltoffener. In Obamas Kabinett sind vier Chinesen, hinzu kommt als Fünfter der Finanzminister Geithner, der in China aufwuchs und fließend Chinesisch spricht. Genau wie viele Chinesen sind in Merkels Kabinett?

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  3. [...] Und Gewerkschaften haben auch nichts zu sagen. Hört sich doch nach dem Paradies im Land der unbegrenzten Möglichkeiten an. Zumindest für ein paar Bonzen, die sich gern auf Kosten anderer die Taschen vollstopfen. Wenn ich so darüber nachdenke frage ich mich warum Russland noch nicht zum Wirtschaftswunderland geworden ist. Sogar wir hier in Deutschland schaffen das sogar ganz ohne eingebildeten Zuckerguss oben drauf von wegen 'Wir sind die grössten!". [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen und achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Die Redaktion/vn

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  4. nämlich genau so viele, wie Deutsche, Finnen oder Japaner in der chinesichen Regierung. Das es noch so wenige sind, liegt Ihrer Argumentation nach wahrscheinlich an einer traditionellen Xenophobie der Han-Chinesen.

    "Die Gouverneurin des Bundesstaates South Carolina, die es mit Unterstützung der Tea Party 2010 ins Amt schaffte, versteht sich als oberste Vertriebschefin ihres Staates."

    Das es der Inderin mit amerikansichen Pass nur um Profit oder die Bereicherung ihr nahestehender Klassen (oder Kasten, wie man in ihrer Heimat sagen würde), mag man verstehen.

    Aber man sollte auch verstehen, dass ein Staat mehr ist als eine Organisation zur Bereicherung seiner Eliten. Dass es auch um so etwas geht wie Tradition, jahrhundertealte Kultur, Geborgenheit, sich aufgehoben fühlen in Vertrautem.

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